Zirkuläres Bauen: Machbarkeit durch Struktur und frühe Planung
Zirkuläres Bauen entwickelt sich zunehmend zum essenziellen Bestandteil des Baugeschehens. Durch frühzeitige Integration in den Planungsprozess wird es kostenneutral umsetzbar.
Die Bauwirtschaft steht aktuell vor einer Generationenaufgabe: Steigende Baukosten, Fachkräftemangel und eine zunehmende Unsicherheit der Lieferketten setzen einerseits Bauvorhaben immer mehr unter Druck. Andererseits ist der Gebäudesektor als größter Emittent von Treibhausgasemissionen (40 % vom globalen Ausstoß) Hauptverantwortlicher für den Klimawandel und die damit einhergehenden Folgekosten. Das zunehmende öffentliche Bewusstsein für diese Verantwortung führt unter anderem zu einer verschärften Regulatorik auf politischer Ebene und einer verstärkten Nachfrage nach bezahlbaren Alternativen aufseiten der Auftraggeberschaft. Zirkuläres Bauen hat sich in den letzten Jahren als zentraler Baustein einer zukunftsfähigen Bauwende etabliert. Dabei haben sich insbesondere technische Lösungen im seriellen System- und Modulbau als vielversprechend erwiesen – die Baustelle entwickelt sich zunehmend zur Montagestelle. Das stellt Architektinnen und Architekten im aktuellen Baugeschehen vor die Herausforderung, die Bauwende aktiv zu gestalten und den Wandel nicht allein den Systemherstellern zu überlassen.
Begriffserklärung: zirkuläres Bauen
Begriffserklärung: zirkuläres Bauen
Zur Definition des zirkulären Bauens lassen sich in Anlehnung an die DGNB drei strategische Herangehensweisen herausstellen: Erstens nutzen wir den vorhandenen Gebäudebestand durch Erhalt, Aufwertung und Aktivierung zur Vermeidung von Abriss und Ersatzneubau. Zweitens verwenden wir rückgebaute Bauteile, Baustoffe und Materialien bei Sanierung sowie Neubauvorhaben wieder. Und drittens sollten möglichst alle zukünftig eingesetzten Bauteile so konstruiert und verbaut werden, dass sie sich für eine Mehrfachnutzung eignen.
Re-Use von Bauteilen
Während sich in den letzten Jahren ein beginnender Paradigmenwechsel im Umgang mit Bestandsbauten erkennen lässt, ist der Einsatz von wiederverwendeten Bauteilen und das Planen mit zukünftig wiederverwendbaren Konstruktionen lediglich in ausgewählten Pilotprojekten zu finden. Dabei haben gerade diese ersten Praxiserfahrungen gezeigt, dass sich hier üblicherweise auftretende Probleme bei Kosten- und Zeitfragen durch umsichtige Planung lösen lassen. Hinderlich für den flächendeckenden Einsatz der Prinzipien des zirkulären Bauens sind vor allem zwei entscheidende Umstände. Zunächst ist ein Großteil der heute vorhandenen Gebäudesubstanz linear konzipiert, das heißt für einmaligen Bau, die Nutzung und die anschließende Entsorgung. Aus diesem Reservoir an eingebauten Ressourcen zu schöpfen, stellt die ausführenden Gewerke vor große Schwierigkeiten in Bezug auf zerstörungsfreien Rückbau, Zulassungskonformität und Logistik. Der letztlich entscheidende Preisfaktor führt somit zu einer begrenzten Auswahl an lohnenswerten Re-Use-Bauteilen aus dem Rückbau, etwa Fassadenelemente, Innentrennwände oder Fertigteilsysteme. Die Koordinationsleistung zwischen Identifikation, Ausbau und Weitervermittlung dieser Bauteile hat einen neuen Dienstleistungssektor hervorgebracht. Diese anfänglich oft als Initiativen organisierten Materialvermittlungen lassen in den letzten Jahren eine steigende Professionalisierung erkennen und bieten bereits heute eine Auswahl an zugelassenen und somit ausschreibungskonformen Re-Use-Bauteilen an. Das größte Entwicklungspotenzial liegt in dem Umdenken von aufwendigen Vermittlungen einzelner Rückbauprojekte hin zu skalierbaren, planungssicher verfügbaren Stoffströmen. Das Aufgabenfeld der Architektur wird erweitert um das Entwerfen und Planen mit vorbestimmten, das heißt zum Zeitpunkt des Einbaus verfügbaren Bauteilen.
Zerstörungsfreie Rückbaubarkeit
Das zweite Hindernis für die großmaßstäbliche Anwendung zirkulären Bauens stellt die multifaktorielle Komplexität von Entwurf und Konstruktion wiederverwendbarer Bauweisen dar. Der etablierte Begriff „Design for Disassembly“ spiegelt bereits eine zentrale Anforderung wider, greift aber langfristig zu kurz. Denn wie sich in der Rückbaupraxis erwiesen hat, führt der Einsatz lösbarer Fügetechniken allein noch nicht zu einer wirtschaftlich und handwerklich umsetzbaren Wiederverwendung. Wird diese konstruktiv-technische Dimension jedoch um Faktoren wie bedarfsgenaue Planung für wechselnde Nutzungsszenarien, umnutzbare Grundrisskonzepte oder weiterbaufähige Gebäudestrukturen ergänzt, lässt sich der Anteil an mehrfach genutzter Substanz signifikant erhöhen. Häufig lässt sich derzeit der Versuch beobachten, Zirkularität im Gebäude durch das reine Austauschen von Materialien und Bauteilen in den Leistungsphasen 5 bis 7 zu erreichen. Dieser Ansatz ist anfällig für Zeit- und Kostensteigerungen und hat einen zumeist nur geringen Effekt auf die Kreislauffähigkeit eines Gebäudes.
Zirkuläres Bauen ist keine Materialfrage, sondern eine Planungslogik – richtig integriert, ist es bereits heute kostenneutral umsetzbar.
Julia Krafft, Lucas Klinkenbusch
Bilanzierungsmöglichkeiten
Die Bewertung ebendieser Kreislauffähigkeit spielt eine zentrale Rolle in tagesaktuellen politisch-rechtlichen Debatten um Notwendigkeit und Bezahlbarkeit der gesamten Bauwende. Zirkuläres Bauen bietet einen der effektivsten Ansätze zur Senkung der Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor. Die Quantifizierung der Effekte wird über eine Betrachtung der Lebenszyklen von Gebäuden erreicht. Der verbreitete Standard zur Durchführung einer Ökobilanz nach DIN EN 15978 lässt Wiederverwendbarkeit und Nachnutzung jedoch bisher nur im Modul D zu, also außerhalb der eigentlichen Bilanz. Bessere Bewertungsmöglichkeiten bieten sogenannte Zirkularitätsindizes, welche von Anbietern wie DGNB oder Concular entwickelt werden. Bei richtiger Einbettung und Darstellung lässt sich zirkuläres Bauen so in der EU-Taxonomie sowie in nationalen Fördertools einbetten. Neben finanziellen Vorteilen stellt ebenso die Erfüllung der in den nächsten Jahren schrittweise eingeführten EU-Regulatorik zu Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft einen Anreiz für Bauherren dar. Auch rechtliche Fragen zu Haftung, Gewährleistung und Kollision mit der Abfallverordnung lassen sich mit entsprechender fachlicher Begleitung mittlerweile problemlos handhaben.
Zirkulärer Fachplaner
Wird zirkuläres Bauen in das Bauprojekt von Anfang an integriert, lässt sich der gesamte Prozess zielführend optimieren, sodass bereits unter heutigen Bedingungen und unter Einbeziehung aller Faktoren eine Kostenneutralität im Vergleich zu konventionellen Bauabläufen möglich ist. Wichtigster Grundstein für eine erfolgreiche Einbindung sowohl von gebrauchten Bauteilen als auch einer kreislaufgerechten Planung ist die abgestimmte und praxistaugliche Definition zirkulärer Zielparameter bereits in der Aufgabenerstellung der Entwurfsaufgabe. Die Komplexität dieser Herangehensweise erfordert eine spezifische Fachkenntnis, deren Umfang und Anforderungsprofil den Fachbereich des zirkulären Fachplaners formt. Das Einbinden von Fachplanern in den Bauablauf ist bereits gängige Praxis und erscheint auch an dieser Stelle ein vielversprechender Ansatz, zirkuläre Prinzipien in Bauprojekten schrittweise einzuführen.
In zirkulärem Bauen mehr zu sehen als eine reine Materialfrage, führt zu einer neuen Planungslogik, die auf lange Sicht standardisierte und skalierbare Prozesse hervorbringt. Nicht jede Architektin und nicht jeder Planer wird dafür den gesamten Umfang der Disziplin neu erlernen müssen. Das konsequente Einbinden zirkulärer Fachplanung und die Verwendung modularisierter Bauweisen bietet eine große Chance, die bauliche Qualität von Gebäuden langfristig zu steigern, bei sinkenden Kosten und verkürzten Bauzeiten.