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"Mehr Netzwerke, weniger Leuchttürme"

Im Interview spricht Mecklenburg-Vorpommerns Kammerpräsident Christoph Meyn über Nachhaltigkeit, Bauordnungsnovellen, Bauen im Bestand und Nachwuchsfragen – sowie über die besonderen Bedingungen im Land.

LAK Mecklenburg-Vorpommern
07.01.2026 5min
Berufspolitik Mecklenburg-Vorpommern
© AK M-V

Welche Themen haben die Arbeit der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2025 besonders geprägt? 

Christoph Meyn: Ein Schwerpunkt war ganz klar das Thema Nachhaltigkeit. Wir haben uns damit intern sehr intensiv beschäftigt und das Jahr mit einem Positionspapier zur Bauwende abgeschlossen – als klares Bekenntnis der Berufsgruppe. Das war wichtig, um uns für die kommenden Jahre auch politisch zu legitimieren und einheitlich sprechen zu können. Ein weiteres großes Thema war die Novelle von Landesbauordnung und Architekten- und Ingenieurgesetz. Wir haben uns dort intensiv eingebracht, auch auf Basis der Vorarbeiten der Bundesarchitektenkammer. Nicht alles ist gelungen, aber viele unserer Themen finden sich wieder.  

Darüber hinaus hatten wir ein sehr umfangreiches Kammerprogramm zum WIA-Festival, sowohl in der Dimension als auch in der Dynamik. Mit nur wenigen hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und sehr viel ehrenamtlichem Engagement haben wir ganze Wochen mit Veranstaltungen und Fachformaten umgesetzt. Wichtig war für uns auch der Kontakt zu den Hochschulen und das Thema Nachwuchs. Wir haben gezielt Netzwerke aufgebaut und uns damit beschäftigt, wie wir Absolventinnen und Absolventen stärker im Land halten können. Insgesamt war das ein sehr intensives und positives Jahr für die Kammerarbeit. 

Sie arbeiten viel im Bestand. Ist das typisch für Mecklenburg-Vorpommern? 

Christoph Meyn: Ja, absolut. Bauen in Mecklenburg-Vorpommern ist stark bestandsorientiert – und das eigentlich schon immer. Neubau setzt dynamische Entwicklungs- und Wachstumsprozesse voraus, die wir hier in den letzten Jahrzehnten so nicht erlebt haben. Wir haben keine großen Ballungsräume, sondern sehr unterschiedliche, kleinteilige Strukturen. Entsprechend beschäftigen wir uns viel mit Bestandserhalt, Umformung und Neudefinition. In Stralsund sind beispielsweise rund 70 Prozent der Gebäude in der Altstadt denkmalgeschützt. Der Bestand gehört hier zur planerischen DNA – nicht nur bei uns im Büro, sondern bei sehr vielen Kolleginnen und Kollegen im Land. Deshalb ist es für uns auch interessant zu beobachten, wie das Thema Bestand aktuell bundesweit an Bedeutung gewinnt. Für uns ist das nichts Neues, sondern seit vielen Jahren gelebte Praxis. 

Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf die politische Diskussion um den sogenannten „Bau-Turbo“? 

Christoph Meyn: Da sind wir vorsichtig. Der Bau-Turbo fokussiert sich stark auf Wohnungsneubau, und dieser Druck wird aus der Bundespolitik ins Land projiziert. Tatsächlich ist die Lage in Mecklenburg-Vorpommern jedoch sehr differenziert. Natürlich gibt es Bedarf in Rostock, Schwerin und einigen anderen Städten, aber flächendeckend kann man nicht von einem enormen Neubauzwang sprechen. Für uns geht es eher um Konsolidierung, um eine Diversifizierung des Angebots und um die Weiterentwicklung der bestehenden Strukturen. Das ist die eigentliche Aufgabe hier im Land. 

In diesem Zusammenhang wird häufig über Vereinfachung, Bürokratieabbau oder sogar eine eigene Umbauordnung diskutiert. Braucht es aus Ihrer Sicht neue Regeln? 

Christoph Meyn: Die Bauordnungen bieten schon heute viele Möglichkeiten, mit Bestand umzugehen, beispielsweise über Abweichungen und Ausnahmen. Oft scheitert es nicht am Recht, sondern an der Haltung der Beteiligten. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen und das Bewusstsein haben, dass der Umbau funktionieren soll und darf. Wir sind es hier gewohnt, mit einfachen Konstruktionen und pragmatischen Lösungen zu arbeiten. Kurze Wege helfen dabei sehr. Für uns steht weniger die Frage im Vordergrund, ob wir mehr oder weniger Regeln brauchen. Entscheidend ist die Anwendung. Wir brauchen kein anderes Regelwerk, sondern Menschen, die Lust haben, damit vernünftig zu arbeiten. Die Landesbauordnung in Mecklenburg-Vorpommern wird aktuell modernisiert. Es wird künftig weniger Anforderungen geben und der Umgang mit Bestandsbauten wird erleichtert. Vieles davon war aber auch vorher schon möglich, wenn man partnerschaftlich zusammengearbeitet hat. Für uns ist das kein Paradigmenwechsel, sondern eine Bestätigung unserer bisherigen Praxis. 

Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung gelten als große Herausforderungen. Wie stellt sich die Situation in Mecklenburg-Vorpommern dar? 

Christoph Meyn: Der Kontakt zu den Hochschulen ist für uns ein wichtiges Thema. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es mit der Hochschule Wismar nur eine Hochschule mit einem Architektur- und Innenarchitekturstudiengang, dazu Landschaftsarchitektur in Neubrandenburg. Entsprechend konzentrieren wir uns stark auf diese Standorte und versuchen, Netzwerke aufzubauen und Absolventinnen und Absolventen im Land zu halten. Das ist nicht einfach. Von rund 50 Absolventen pro Jahr bleiben weniger als zehn in Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch sehen wir hier Fortschritte. Gleichzeitig ist es schwierig, Fachkräfte von außen zu gewinnen. Dabei bietet das Land sehr gute Arbeits- und Lebensbedingungen: kurze Wege, Familienfreundlichkeit und eine hohe Lebensqualität. Eine zentrale Rolle spielen Rückkehrer: Menschen, die das Land verlassen haben und später wieder zurückkommen. Diese Bewegung ist stärker, als man oft denkt, und für uns eine wichtige Ressource. 

Wo sehen Sie im Jahr 2026 die Schwerpunkte der Kammerarbeit und wo wünschen Sie sich insgesamt mehr Sichtbarkeit und Gewicht für die Architektenschaft?

Christoph Meyn: Das kommende Jahr ist stark geprägt von der Landtagswahl. Für uns stellt sich die Frage, wie sich eine berufsständische Kammer, die alle repräsentieren soll, politisch positioniert und trotzdem klare Schwerpunkte setzt. Unsere Themen sind dabei klar: Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Baukultur, aber auch ganz konkrete Fragen wie Vergabe und Tariftreue. Gerade die Vergabe ist für die mittelständisch geprägten Büros in Mecklenburg-Vorpommern extrem wichtig, insbesondere die losweise Vergabe. 
Darüber hinaus wünsche ich mir, dass unsere Branche stärker als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen wird. Architektinnen und Architekten sind Schaltstellen in Bauprozessen und wichtige Multiplikatoren. Gerade in einem kleinteilig strukturierten Land wie Mecklenburg-Vorpommern sind stabile Netzwerke entscheidend. Wir sollten weniger auf Leuchttürme und mehr auf Netzwerke setzen. Genau dieses Denken wünsche ich mir auch auf Bundesebene: ein stärkeres und einheitlicheres Auftreten der Architektenschaft. 


Mehr Informationen zum Positionspapier der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern zur Bauwende finden Sie hier

Dipl.-Ing. Christoph Meyn

Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern

Dipl.-Ing. Christoph Meyn stammt aus Weimar und arbeitet als Architekt in Stralsund. Seit 2019 amtiert er als Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern.