Wer zirkulär bauen will, muss anders entwerfen
Wir tun im Bauen gerne so, als sei Zirkularität ein nettes Extra. Ein bisschen mehr Recycling, ein paar zusätzliche Zertifikatspunkte und schon fühlt sich das Projekt zukunftsfähig an. Tatsächlich läuft das System Bauwesen aber weiter linear: erst entwerfen, dann ausschreiben, dann bauen und am Ende entsorgen. Genau deshalb bleibt die Wiederverwendung tragender Bauteile häufig das, was sie heute ist: ein Pilotprojekt mit guter Story statt gelebter Entwurfsroutine.
Dabei liegt das Potenzial offen zutage. Tragwerke sind materialintensiv, emissionsrelevant und prägen Gebäude weit über ihre Nutzungsphase hinaus. Sie entscheiden darüber, ob wir Ressourcen erhalten oder vernichten. Die gute Nachricht: Verfahren, Leitfäden und Prüfkonzepte existieren längst und wir sind der Routine näher, als viele behaupten. Die schlechte Nachricht: Unsere Planungs- und Entscheidungsprozesse sind so organisiert, dass Wiederverwendung im Entwurf möglichst spät, möglichst kompliziert und möglichst risikobehaftet erscheint.
„Form follows availability“ fordert den Entwurf heraus
Zirkuläres Entwerfen heißt, den Entwurf nicht nur an Funktion, Budget und Baurecht auszurichten, sondern auch an der Frage, was verfügbar ist. Wer Bestandsbauteile integriert, muss iterieren, anpassen, Raster verschieben, Details toleranzfähig entwickeln. Das ökologische Optimum entsteht dann nicht allein aus „form follows function“, sondern häufig aus „form follows availability“.
Das ist unbequem, aber es ist auch ehrlich. Vor allem aber ist es professionell. Denn es zwingt dazu, Entwurf und Konstruktion als offenen, anpassungsfähigen und zirkulären Prozess zu begreifen, nicht als perfekte, lineare Einmalentscheidung. Zirkularität wird so nicht zur Einschränkung, sondern zur Entwurfsaufgabe, was auch einer der Schwerpunkte im EU-geförderten Projekt ReCreate ist.
Und sie ist gestalterisch attraktiver, als viele vermuten: Wiederverwendete Träger, Stützen oder Decken geben dem Projekt eine sichtbare Logik und oft eine eigene Atmosphäre, ohne dass man sie ausstellen muss. Wer das klug in Details und Proportionen übersetzt, gewinnt Identität aus Konstruktion und nicht aus zusätzlicher Oberfläche. Das ist Entwurf mit Substanz und nebenbei ein starkes Argument in Wettbewerb und Bauherrengespräch.
Die Herausforderung liegt vor dem ersten Entwurf
Was fehlt, ist der verbindliche Einstieg: Phase 0. Also ein Pre-Demolition Audit, das tragende Bauteile systematisch identifiziert, bewertet und transparent dokumentiert und sie damit überhaupt erst entwurfs-, plan- und ausschreibungsfähig macht. Ohne belastbare Daten keine sinnvolle Entwurfsentscheidung, ohne Qualitätssicherung kein Marktzugang, ohne Logistik keine Skalierung. Die Kette ist eigentlich simpel.
Entscheidend ist: Die Grundlagen dafür sind vorhanden. Mit der DIN SPEC 91484 liegt ein Mindeststandard für Datentiefe und Qualitätsprozesse zur Bewertung des Anschlussnutzungspotenzials vor. Ausdrücklich mit dem Ziel, Abfälle zu minimieren und zirkuläre Planungs- und Bauprozesse zu ermöglichen.
Seit Februar 2026 ergänzt die DIN SPEC 91525 diesen Ansatz um ein Anschlussnutzungskonzept, das Audit-Ergebnisse systematisch in eine belastbare Entscheidungsgrundlage überführt: von technischer Machbarkeit bis zur wirtschaftlichen Zumutbarkeit.
Wer also sagt, es fehle an Grundlagen, meint in Wahrheit: Es fehlt an der Bereitschaft, diese Grundlagen frühzeitig in den Entwurfsprozess zu integrieren.
Selektiver Rückbau ist der notwendige Gegenentwurf zum Abriss
Ja, selektiver Rückbau braucht mehr Zeit und Fachkenntnis als Abriss. Ja, er kostet zunächst mehr. Das ist kein Gegenargument, sondern eine überfällige Ehrlichkeit. Selektive Demontage folgt der umgekehrten Bauabfolge, ist datenintensiv und abhängig von Verbindungstechnik. Genau deshalb ist sie planbar, wenn sie als Teil des Gesamtprozesses verstanden wird.
Lange galt Entsorgung als normaler Endpunkt und Emissionen galten als nachgelagerte Rechengröße. Zirkularität stellt das auf den Kopf: Entsorgung wird zur Ausnahme, weil Bauteile im Kreislauf bleiben, und Emissionen können massiv sinken, weil weniger Primärmaterial produziert und weniger neu gebaut werden muss. Das ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch relevant und führt zu Kosteneinsparungen, weil weniger neues Material beschafft werden muss.
Zustimmung im Einzelfall als Türöffner für Re-Use
Die Zustimmung im Einzelfall (ZiE) ist kein Stolperdraht, sondern ein Werkzeug, das Wiederverwendung rechtssicher möglich macht. Abschreckend wirkt sie vor allem dort, wo Routinepfade fehlen. Werden Nachweise, Rollen und Prüfschritte früh mitgedacht, wird aus Unsicherheit ein planbarer Prozess.
Dass das funktioniert, zeigen pragmatische Beispiele aus den Ländern. Brandenburg arbeitet mit Merkblättern zur Wiederverwendung tragender Bauteile, Baden-Württemberg hat 2025 einen Leitfaden für Stahl- und Holztragwerke vorgelegt. Solche Hilfen liefern genau das, was Architektinnen und Architekten im Entwurf brauchen: Klarheit, welche Nachweise wann nötig sind, wer sie liefert und wie Verantwortlichkeiten verteilt werden.
Die Perspektive ist nicht, die ZiE dauerhaft als Sonderfall zu kultivieren, sondern sie gezielt zu nutzen, um Erfahrung aufzubauen und wiederkehrende Fälle zu standardisieren. Wer zirkulär entwirft, behandelt die ZiE daher als Teil des Entwurfsprozesses, mit früher Nachweisstrategie, klaren Schnittstellen zur Prüfstatik und einer Konstruktion, die Herkunft, Toleranzen und Rückbaubarkeit von Anfang an mitdenkt.
Ohne Logistik bleibt Re-Use ein schöner Entwurf
Selbst wenn Audit, Prüfung und Genehmigung gelingen: Ohne Zwischenlager und intelligentes Matching gibt es keine Wiederverwendung. Der Materialfluss zwischen Rückbau und Neubau ist vor allem ein Timing-Problem, gerade im urbanen Kontext. Berlin zeigt mit dem Urban Mining Hub im Rahmen der Re-Use-Initiative, wie diese Lücke geschlossen werden kann: durch Lagerflächen zur Überbrückung zwischen Rückbau und Wiedereinbau.
Urban Mining ist dabei nicht nur Rohstoffdenken, sondern Werterhalt im Maßstab des Gebäudes: Je schneller Bauteile gesichert, geprüft und wieder in Nutzung gebracht werden, desto weniger Wert geht durch Beschädigung, Lagerung und Zeitverlust verloren.
Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten und volatilen Lieferketten wird Wiederverwendung zur Resilienzstrategie, weil sie Materialverfügbarkeit aus dem Bestand statt aus globalen Beschaffungswegen organisiert. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell Preise, Lieferzeiten und Verfügbarkeit kippen können, zirkuläres Bauen reduziert diese Abhängigkeit, indem es mit vorhandenen Bauteilen arbeitet und Beschaffung durch Rückbau und Aufbereitung ersetzt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob solche Infrastrukturen notwendig sind, sondern wie schnell sie vom Pilotprojekt zu Geschäftsmodellen werden.
Fünf Vorschläge für einen zirkulären Entwurfsalltag
- Mache Phase 0 verbindlich. Lege Bauteilquellen, Datenlage, Prüfpfade und die grundsätzliche Re-Use-Strategie fest, bevor du Raster und Tragwerk finalisierst.
- Nutze Verfügbarkeit als Entwurfsparameter. Entwickle Raster, Spannweiten, Geschosshöhen und Details so, dass Toleranzen und Bauteilvarianten vorgesehen sind und Anpassung nicht zum Planungsbruch wird.
- Setze eine frühe Nachweisstrategie auf. Kläre mit Prüfstatik und Bauaufsicht, welche Nachweise wann gebraucht werden, und plane Herkunft, Zustand, Rückbau und Qualitätssicherung von Beginn an mit.
- Verankere Wiederverwendung im Projektprozess. Formuliere Re-Use-Anforderungen in Leistungen, Ausschreibung und Vergabe so, dass Rückbau, Aufbereitung, Lagerung und Montage als planbare Arbeitspakete auftreten.
- Organisiere Logistik als Teil der Planung. Plane Zwischenlager, Matching und Zeitfenster zwischen Rückbau und Wiedereinbau mit, damit Verfügbarkeit nicht am Timing scheitert.
Schluss
Die Wiederverwendung tragender Bauteile ist keine romantische Nebenidee. Sie ist eine konsequente Antwort auf Ressourcenknappheit und Emissionsdruck, aber nur, wenn wir sie nicht länger wie ein Forschungsprojekt behandeln. Wir haben Standards. Wir haben Leitfäden. Wir haben erste Infrastrukturen. Was fehlt, ist die Entscheidung, daraus Entwurfsroutine zu machen.
Wiederverwendung sollte im Entwurf wie eine normale Variante geprüft werden. Raster und Spannweiten müssen früh als Variablen angelegt werden, parallel dazu sind Prüfung und Logistik zu klären. Alles andere ist ein Etikett, aber keine Bauwende.