Kirchenumnutzung planen in Nordrhein-Westfalen – Verantwortung und Chancen
Die Umnutzung von Kirchen ist eine der größten Herausforderungen für die hiesige Architektur und Stadtplanung. Wer diese Aufgabe meistert, bewahrt nicht nur Bauwerke, sondern auch Erinnerungsräume – und schafft neue Orte für die Zukunft.
Die Sonne steht tief an diesem Morgen im Leverkusener Stadtteil Manfort. Hell scheint sie durch die kleinteiligen Buntglasfenster im umlaufenden Oberlicht der Johanneskirche. Es entsteht ein Farbenspiel, das im Inneren des Gebäudes seine Wirkung entfaltet. Doch die Flächen, auf denen die Farbtupfer landen, gehören nicht zu den auf dem Altar ausgerichteten Bankreihen oder zu sonst typischem Kirchenmobiliar. Vielmehr setzen sie sich im Kirchenschiff auf würfelförmige, hölzerne Raum-in-Raum-Einbauten, auf Miniatur-Sitzbänke und Garderobenhaken sowie auf kleine Gemeinschaftstische, die in der Kirchen-Apsis rund um den gemauerten Ambo angeordnet sind.
Umnutzung mit Signalwirkung: die Johanneskirche in Leverkusen
Mit seiner in den 1950er-Jahren von Otto Bartning errichteten Johanneskirche hat der evangelische Kirchenkreis Leverkusen 2024 einen wichtigen Wandel vollzogen: Der Sakralbau, der vier Jahre zuvor als Kirchengebäude aufgegeben werden musste, wurde vom Düsseldorfer Büro „Zweipink“ zu einer Kindertagesstätte umgebaut. Das Objekt ist eines von zahlreichen Beispielen in NRW, in denen eine neue Nutzung für eine Kirche gefunden wurde – und zugleich Stellvertreter für eine tiefgreifende Veränderung der kirchlichen Baukultur im Land.
Sakralbauten verlieren zunehmend an Bedeutung. Mittelfristig droht in einigen NRW-Städten die Schließung von bis zu zwei Dritteln ihrer Kirchen. Allein das Bistum Essen hat kalkuliert, dass von seinen rund 300 Kirchen in wenigen Jahren nur noch rund 90 in ihrer ursprünglichen Nutzung erhalten bleiben. Die Ursachen hierfür sind strukturell bedingt. Die Mitgliederzahlen in den Kirchen sinken. Das bedeutet rückläufige Kirchensteuereinnahmen. Flächen werden reduziert, Gotteshäuser geschlossen. Was tun mit Kirchen, die nicht mehr als solche genutzt werden (können)? Lassen sie sich neu denken? Welche Rolle spielen Kirchengebäude in der Stadtentwicklung? Diese Fragen beschäftigen auch die Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten sowie Stadtplaner*innen in Nordrhein-Westfalen.
Kirchenschließungen als strukturelle Herausforderung
„Wir haben es mit einer Bauaufgabe zu tun, die dringenden Handlungsbedarf erfordert“, ordnet der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) Ernst Uhing das Thema für die NRW-Architektenschaft ein. Kirchen seien sichtbare Zeichen einer 2.000-jährigen europäischen Geschichte. Mehr noch: Sie seien Identitätsanker, ihre Räume Orte der Begegnung. „Wenn die christlichen Gemeinschaften sich nicht mehr in der Lage sehen, diesen wertvollen Bestand zu erhalten, dann ist das sehr relevant für die planenden Berufe.“
Die Architektenkammer NRW engagiert sich seit über zehn Jahren als Impulsgeberin und Ansprechpartnerin zum Thema Kirchenumnutzung. Zuletzt hat die AKNW in Kooperation mit dem Bundesverband Architekturfotografie (BVAF) in Düsseldorf eine vielbeachtete Ausstellung mit dem Titel „Sakralbauten im Wandel“ gezeigt. Die Fotoausstellung war ein wichtiger Diskussionsbeitrag zum Thema. Sie setzte die architektonische Wirkung von derzeit noch ursprünglich genutzten Kirchen ins Bild. Und sie machte deutlich: Sakralbauten sind ganz besondere Räume – auch nach Ende ihrer liturgischen Nutzung.
Kirchenschließungen bedeuten nicht nur einen Verlust religiöser Stätten. Es besteht auch die Gefahr, dass historisch, städtebaulich und sozial bedeutende Fixpunkte urbaner Gemeinschaften verloren gehen. „Wenn ein Kirchenraum als solcher aufgegeben wird, heißt das nicht, dass er keine Bedeutung mehr hat“, sagt auch Ernst Uhing. Die stadtbildprägende Wirkung von Kirchen müsse erkennbar, Räume in Kirchen weiterhin nutzbar bleiben.
Kirchenräume zwischen Identität, Bestand und Verantwortung
Diese Zielsetzung teilt die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen mit der Landesinitiative Baukultur NRW. Auch dort stellt man sich seit über zehn Jahren die Frage, wie die Gesellschaft respektvoll mit einer Gebäudeform umgehen soll, die immer seltener in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt wird. Leerstand und Abriss? Das sind die schlechtesten Optionen, postuliert die Landesinitiative.
So hat Baukultur NRW beispielhafte Lösungswege gesucht – und gefunden. Von 2019 an wurde im Kooperationsprojekt „Zukunft – Kirchen – Räume“ über Jahre der Transformationsprozess von acht Kirchenprojekten praxisnah begleitet – auch unter Beteiligung der AKNW. Daraus entstand 2022 eine Informationsplattform. Sie ist bis heute Orientierungshilfe und fachliches Netzwerk für Kirchengemeinden und Initiativen, die sich über die bauliche Anpassung und die Umnutzung zum Erhalt von Kirchengebäuden informieren wollen. Zusätzlich entstand aus dem Fokusthema eine Ausstellung mit dem Titel „Kirchen als Vierte Orte“, die seit 2024 durch NRW tourt und gute Beispiele für umgenutzte Sakralräume präsentiert.
Impulse aus Architektur und Baukultur
47 Prozent der Menschen, so eine Allensbach-Umfrage, interessieren sich für den Erhalt von Kirchen. Gleichzeitig steht dem Leerstand und Abriss von Kirchen ein wachsender gesellschaftlicher Bedarf nach Orten für sozialen Austausch, für Gemeinschaft und für gesellschaftliche Identifikation gegenüber. Das ist eine Chance. Kirchenumnutzungen können Impulse in der Quartiersentwicklung setzen. Allerdings werden passende, sogenannte „verträgliche Nutzungen“ benötigt. Die Umwandlung von bisher monothematisch genutzten Räumen in multicodierte Orte der Begegnung und des Austausches bietet Chancen für die Stadtentwicklung.
Kirchengebäude haben einen besonderen Status, weil sie starke Empfindungen auslösen. Sie sind verbunden mit Ereignissen im Leben, mit Taufe, Hochzeit und auch Tod. Vor allem aber sind und waren sie immer Orte der Gemeinschaft. Erfolgreiche Umnutzungskonzepte müssen also neue Räume für Kultur, für Bildung und Begegnung schaffen und die Emotionalität ermöglichen, die die Gebäudetypologie an sich mit sich bringt.
Kirchen als neue Orte für Gemeinschaft und Quartier
Beispiele, in denen das gelungen ist, gibt es inzwischen einige: Sie dienen als Vorbilder, aber auch als Erfahrungsräume. 2004 entstand in der Martinikirche in Bielefeld eine Eventlocation mit Restaurant (Brunsarchitekten, Bielefeld). Die Kirche St. Peter in Mönchengladbach wurde 2010 zu einer farbenfrohen Kletterkirche (Ledwig Spinnen Architekten, Mönchengladbach). Gemeinschaft und Miteinander ermöglicht die Kreuzeskirche in Essen, die 2014 zu einer Eventlocation für das Quartier wurde (Hannemann Architekten, Essen). Und die Kirche Heilig Kreuz in Gelsenkirchen fungiert seit 2022 als multifunktionales Stadtteilzentrum und Veranstaltungshaus (PBS Architekten, Aachen).
In allen genannten Beispielen schaffen gerade die besonderen Eigenschaften des Gebäudetypus „Sakralbau“ besondere Qualitäten. Kulturveranstaltungen profitieren von der Raumwirkung, Sportnutzungen von der Höhe, Gastronomie von der Atmosphäre. Der Begriff „Vierte Orte“ hat sich hierfür etabliert, weil die Kirchen durch ihre Architektur Identität im Stadtraum geben, Menschen Raum für Austausch ermöglichen und auch weiterhin einen emotionalen Bezugspunkt schaffen.
Zukunftsfragen zwischen Gemeinwohl und Markt
Und doch bleibt die Erkenntnis, dass die Umnutzung für alle Beteiligten eine fordernde Maßnahme ist. Architektinnen und Architekten können diese Transformationsprozesse moderieren, Impulse geben und Dialoge zur Zukunft eröffnen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für Kirchen eine wirtschaftlich tragbare Nachverwendung zu finden, die das kulturelle Erbe von Kirchen angemessen würdigt. Aufgabe von Architekten und Planern ist es, die Umnutzung am Bauwerk mit Respekt und Verantwortung vorzunehmen.
Bleibt die Frage, ob angesichts der großen Zahl aufzugebender Kirchen die aktuell gefundene Bandbreite allgemein akzeptierter Nachnutzungsformen ausreicht. Das darf zumindest bezweifelt werden. Die kommerziellen Nutzungen im Rahmen von Nachverwendungen nehmen zu, hat die Landesinitiative Baukultur NRW 2025 festgestellt. Mit anderen Worten: Der Umgang mit Kirchen beginnt sich zu verändern. Das Spektrum der Vermarktung werde breiter und es ist zu erwarten, dass Folgenutzungen zunehmend renditeorientiert ausgerichtet werden – etwa in Form von Umbauten zu reinen Wohnprojekten. Damit folgt für die Diskussion eine neue Dimension.
AKNW-Präsident Ernst Uhing plädiert für eine stärker interdisziplinäre Ausrichtung. „Wir wünschen uns Offenheit in den Planungsauflagen, damit eine Umnutzung nicht an Auflagen und Formalismen scheitert.“ Zur Interdisziplinarität gehöre aber auch, dass Sozialplanung und Wirtschaft zusammenarbeiten. „Damit Folgenutzungen die Quartiersidentität stärken und positiv auf die Menschen vor Ort wirken können.“
Die Umnutzung von Kirchen ist eine komplexe Aufgabe, die weit über bauliche Fragen hinausgeht. Sie berührt Stadtentwicklung, kulturelles Erbe und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kirchenräume besitzen auch jenseits ihrer liturgischen Nutzung eine besondere Bedeutung als identitätsstiftende Orte. Ihre Transformation erfordert Sensibilität, interdisziplinäre Zusammenarbeit und tragfähige Nutzungskonzepte, die sowohl dem Gemeinwohl als auch wirtschaftlichen Realitäten gerecht werden.