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Meili Peter verdichten in München nach

Lebendige, durchmischte Stadtbausteine will jeder – ­gebaut werden viel zu wenige. In einem Münchener ­Hinterhof zeigen Meili, Peter Architekten, wie das ­Vernetzen unterschiedlicher Nutzungen und Nachbarn funktionieren kann

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Die Stadt weiterweben“ im Deutschen Architektenblatt 03.2020 erschienen.

Von Christoph Gunßer

Hinter der Bahn wird es wild an der Münchener Westendstraße: Auf blockgroße Büro- und ­Gewerbebauten folgt eine 25-stöckige Seniorenresidenz aus den Siebzigern, vis-à-vis eine Tankstelle – als habe die gutbürgerliche Stadt hier alles Unpassende ausgespuckt.

Die erste Abzweigung links, die Hansastraße, empfängt ungeniert mit einem Bordell, hat gegenüber aber Bemerkenswertes zu bieten: Wo Siemens bis in die Nullerjahre Trafos fertigte, wächst gerade ein Modellprojekt für die Maxime „kompakt, urban, grün“ heran, die die Siedlungsentwicklung Münchens künftig prägen soll.

Das 13.500 Quadratmeter große Areal zieht sich durch den ganzen Block bis zur Tübinger Straße. Es ging durch mehrere Hände, auch hier gab es Hochhauspläne. Doch 2012 kam das Münchener Büro von Meili Peter Architekten ins Spiel, die gerade mit der Hofstatt ein hochgelobtes nutzungsgemischtes Quartier in einem Block in der Sendlinger Straße realisiert hatten (siehe DAB 12.2014, „Höfliche Hofstatt“). Sie machten für den Investor erstmal eine klassische städtebauliche Untersuchung, die sie – ohne Auftrag – auch auf angrenzende Grundstücke ausdehnten. Dabei kam heraus, dass es sinnvoll wäre, den großen Baublock Richtung Tübinger Straße zu durchqueren – tatsächlich verlief hier früher ein Feldweg – und auch weiter zu vernetzen.

Feinkörnige Gliederung

Bald war die Idee einer „grünen Schlucht“ geboren, die verschiedene neue Wohngebäude im Hof erschließen sollte, während am Blockrand und an einem kleinen Platz im ­Blockinneren rund 10.000 Quadratmeter Gewerbe anzusiedeln seien – vor Einführung der Kategorie „Urbanes Gebiet“, die eine solche Verzahnung von Nutzungen heute erleichtert. Für den Investor stellte die Mischung nicht nur eine Risikostreuung dar, sondern auch den Versuch, eine Rund-um-die-Uhr-Nutzung des Areals zu erreichen. Die Stadt wies einen Teil der geplanten rund 25.000 Quadratmeter Wohnfläche für einkommensorientierte Förderung (EOF) aus und stellte die Ansiedlung öffentlicher Einrichtungen in Aussicht. Der maßgeblichen Lokalbaukommission schwebte eine feinkörnige Gliederung vor, wie etwa in der Schwabinger Amalienpassage von 1979, in der sich Wohnungen und kleine Gewerbeeinheiten mischen. Auch war es der Stadt ein Anliegen, die Dachflächen für die Bewohner nutzbar zu machen.

Differenzierte Baukörper und gut durchdachte Grundrisse

Da der Hof schmal und lang war und im Norden an eine Brandwand anschloss, kam Standardwohnungsbau nicht infrage. Die Architekten entwickelten also einerseits eine Reihe gestaffelter schmaler Townhouses, die direkt an der Brandwand sitzen und sich ganz nach Süden öffnen. Der geförderte Wohnriegel gegenüber den Townhouses ist wegen der Mittelgangerschließung seiner Kleinwohnungen ziemlich tief. Darum staffelte man das vierte Obergeschoss zurück, um die Abstandsregeln einzuhalten – und gewann nebenbei die gewünschte Dachnutzung. „Wir hoffen, dass die Bewohner hier bald ihre Kräuter anbauen“, sagt der verantwortliche Büropartner Andreas Müsseler.

Geförderte Sozialwohnungen im Wohnturm

In der Blockmitte kulminiert die Bebauung in zwei achtgeschossigen, polygonalen Kopfbauten, die im Inneren trotz der engen Förderrichtlinien weiträumige Treppenhäuser mit Oberlicht bekamen. Die schrägwinkligen Grundrisse sind gut durchdacht, erinnern an Scharoun.

In den „Türmen“ wie in den Townhouses bieten Loggien geschützte Freiräume – bei der Enge des Gegenübers am Hof bestimmt vorteilhaft. Nicht nur gebäudetypologisch, sondern auch gestalterisch gibt es eine gewisse Vielfalt: Während die stark aufgelösten Fassaden der frei finanzierten Townhouses Anklänge an Louis Kahn zeigen, mit Sichtbetonteilen und Fenstern aus unbehandeltem Lärchenholz, sind die geförderten Bauteile schlicht verputzt und haben weiße Kunststofffenster. Fliesenfelder sorgen für ein gewisses „Make-up“, wie es Müsseler ausdrückt. Tatsächlich bekommen die Baukörper so ein „Gesicht“ und wirken keinesfalls billig. Farblich korrespondieren sie miteinander in Grün- und Ockertönen. Auch im Inneren gibt es kräftige Farben, durchgängig furnierte Türen und hochwertiges Parkett. Die Bruttobaukosten lagen trotzdem nur bei gut 2.000 Euro pro Quadratmeter, im frei finanzierten Teil nur wenig höher.

Nutzungsmischung  und Erlebnisdichte

Die geschickte Gliederung der Baumassen erlaubte den Verzicht auf eine durchgängige Feuergasse. Die „grüne Schlucht“ kann so ungehindert zuwachsen, sofern die Tiefgarage es zulässt, und die schiere Dichte von 2,6 (GFZ) wird auch zur „Erlebnisdichte“: Zumindest im Modell verheißt die Gesamtanlage, die Ende dieses Jahres vollendet werden soll, eine spannende Abfolge von Räumen mit klassischen Zutaten der Stadtbaukunst wie Tor­situationen, Visierbrüchen sowie Wechseln von Enge und Weite.

Aus purer Raumnot schufen die Architekten so Unverwechselbares. Projektleiter Müsseler ist sicher: „Wo der Standard aufhört, beginnt Architektur im besten Sinne.“ Planung aus einem Guss liegt ihm fern: „Die Monokultur einer erstarrten Stadtidee ist eine Verirrung der Kultur. Miteinander funktioniert anders, Bedürfnisse ändern sich. Wenn sich neue Schichten ablagern und mit den alten vernetzen, wird eine lebendige Stadt daraus.“

So zeugen Gebäude und Hof zugleich von planerischer Offenheit und Sorgfalt in der Durcharbeitung. Meili, Peter waren zwar nur für die Leistungsphasen 1 bis 5 zuständig (den Rest erledigte ein Generalunternehmer), sie behielten aber die baukünstlerische Oberleitung und betrieben in Zusammenarbeit mit der Stadt eine aufwendige Qualitätssicherung in Form von Mock-ups und Bemusterungen. Das Münchener Büro ist heute vom Zürcher Stammhaus formell unabhängig, doch arbeitet es weiter schweizerisch-gründlich und robust, ohne Effekthascherei.

Zeitlose Erscheinung

Darum wird man später einmal Mühe haben, das Ensemble zu datieren, zumal das neue, hochflexibel konzipierte Vorderhaus – das östliche Entree zur „Schlucht“, in dem sich Gewerbe-Einheiten befinden – mit seiner Bandfassade aus Glas und Keramik so neutral und nüchtern ausschaut, dass es im tristen Straßenbild kaum auffällt. Immerhin lockt ein filigraner Glaspavillon auf dem Dach die künftigen Nutzer dort hinauf.

Die „grüne Schlucht“ aber und der von Keller Damm Roser Landschaftsarchitekten (inzwischen: Keller Damm Kollegen) geplante öffentliche Platz im Blockinnern werden helfen, das Quartier zu vernetzen und zu urbanisieren. Ein Café und ein Vollsortimenter sind als Mieter am Platz schon sicher; die 71 geförderten Wohnungen des ersten Bauabschnittes wurden kürzlich von der neu gegründeten freistaatlichen BayernHeim übernommen, und auch die frei finanzierten Mietwohnungen dürften in dieser bestens erschlossenen City-Randlage sehr begehrt sein.
Offenbar haben manche Anrainer nur auf diese Initialzündung gewartet. So soll der triste Lidl-Markt nebenan in der Tübinger Straße bald neu mit Wohnungen überbaut werden. Gut möglich also, dass aus dem etwas schmuddeligen Unort hinter der Bahn bald – ganz ohne großen Plan – ein lebendiges Stadtviertel wird.

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