Kilyawan Farm Resort, Ibaan, Batangas Province, 2023 / Dominic Galicia Architects
Michael Angelo Reyes
In Publikationen über die „visionäre“ Architektur Südostasiens im „asiatischen Jahrhundert“ kamen die Philippinen bislang kaum vor. Der Inselstaat bildet zwar durchaus Gestalter aus, doch verdingen sich die meisten Absolventen in Dependencen großer ausländischer Firmen oder gehen gleich als namenlose back office workers nach Hongkong, Dubai oder in die USA. Letztere prägen seit der Kolonisierung im letzten Jahrhundert den Lebensstil des Landes mit seiner rasch wachsenden Bevölkerung. Englisch ist (neben Filipino) Amtssprache, die Chancen einer abhängigen Entwicklung an der Peripherie entsprechend: Auf den Philippinen sitzen zum Beispiel viele Callcenter für Amerika.
International vernetzte Architekturszene
Doch es gibt sie, die unabhängige Baukultur, auch und gerade abseits des Molochs Manila mit seinen über 23 Millionen Menschen. Das zeigt diese verdienstvolle kleine Schau, die das DAM (parallel zur Frankfurter Buchmesse mit den Philippinen als Gastland) gemeinsam mit ortskundigen Kuratoren im Haus im Haus ganz oben im Museum eingerichtet hat (bis 18. Januar 2026).
Bereits im ersten Teil der Ausstellung, „Menschen als Netzwerk“ überschrieben, wird deutlich, wie international vernetzt die Architekturszene im Lande ist. Hybride Einflüsse aus China, den USA oder Europa mischen sich zu originellen, aber auch zum Teil zerrissenen Biographien, etwa wenn ein Architekt zwischen Hongkong und Manila hin- und hergerissen ist, weil Hongkong über die entwickeltere und präzisere Bautechnik verfügt.
Lebendig und anschaulich werden in diesem Teil solche Vertreter einer weltoffenen, durchaus nicht kommerziell geprägten Szene vorgestellt (die Produzenten des Sprawl, der die Ballungsräume auch hier immer mehr verschlingt, bleiben hier weitgehend außenvor). Ausgeprägten Ortsbezug, Folklore gar, sucht man in diesem Teil verständlicherweise vergeblich.
Architektur für ein Archipel
Ganz anders im zweiten, dem größten Ausstellungsteil „Orte im Fluss“, der eigentlich nahtlos in den letzten Teil, „Prozesse als Ströme“, übergeht. Hier geht es um Projekte, die sich mit der archipelagischen Natur der Philippinen mit ihren über 7.600 Inseln auseinandersetzen. Mehr als dreißig Taifune ziehen hier jährlich durch und laut UN besteht hier die drittgrößte Gefahr, von Klimawandel und Meeresanstieg geschädigt zu werden. Gebaut wird also oftmals in einer fast amphibischen Lage zwischen Wasser und Land.
Natürlich zeigt die Schau auch einige Villen am Meer, mal modern, mal rustikaler, die von der großen Ungleichheit im Lande zeugen – das jährliche Durchschnittseinkommen liegt bei nicht einmal 4.000 US-Dollar. Architektur mit großem A also ist hier Luxus.
Wandelbare Häuser im Einklang mit der Natur
Begeistern können hingegen Low-Budget-Projekte wie eine interreligiöse offene Versammlungshalle aus Bambus und Stahlknoten (von dem niederländisch-philippinischen Büro Impossible Projects), der Umbau einer Hühnermastanlage zu einem Gästehaus (von Dominic Galicia) und die bereits auf der Biennale in Venedig gezeigte, partizipativ errichtete Gemeindebibliothek von Framework Collaborative. Das sind leichte, modulare, wandelbare Häuser im Einklang mit den ökologischen Gegebenheiten, wie sie der sehr erhellende Beitrag von Caryn Paredes-Santillan zur flüchtigen, mobilen Natur der Behausung auf dem Archipel rekapituliert.
Permanent waren nur die Kolonialbauten
Das permanente, steinerne Bauen war hier immer Sache der Kolonialherren. Und heute läuft das Land Gefahr, unter einem Bauboom der dauerhaften Hässlichkeit begraben zu werden, wie ein Beitrag beklagt. Der Bedarf an Entwicklung ist riesig – 30 Prozent der Bevölkerung sind unter 15! – , doch gilt es hierfür eigene, angepasste Techniken zu verwenden statt nur den westlichen way of life zu kopieren. Ohne falsche Romantik wäre das wohl die Botschaft solcher Projekte.
Was in der Schau vielleicht etwas zu kurz kommt, sind urbane Beispiele, etwa aus den riesigen Slums.
Umfangreicher Online-Katalog
Die Installation im Museum wartet mit verschachtelten Stellwänden zu jedem Projekt auf sowie mit kleinen Modellen und einigen Filmdokumentationen. Der leider nur digital verfügbare (dafür aber kostenfreie) Katalog ist lebendig geschrieben – die Beiträge mischen persönliche Erfahrungen mit kundigem Überblick – und sehr lesenswert. Wer in den Kosmos dieses weithin unbekannten Archipels eintauchen möchte, wird hier fündig.
Sulog – Philippinische Architektur im Spannungsfeld
bis 18. Januar 2026 im DAM Frankfurt/Main
Der Katalog lässt sich auf der Website des Museums kostenlos downloaden
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