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Neue Nationalgalerie: nach Sanierung noch besser

Schwitzwasser als Fanal für das Ende der Moderne? Die haustechnischen Probleme der Neuen Nationalgalerie stellten sich früh ein. Nach sechs völlig skandalfreien Jahren wurde jüngst die Sanierung abgeschlossen. Das Denkmal wurde komplett entkernt, um das große Ziel zu erreichen: alles soll so sein wie vorher – nur besser.

Von Christian Welzbacher

Nach sechs Jahren ist der gläserne Tempel mitten in Berlin ausgerüstet: Die Sanierungsarbeiten an der Neuen Nationalgalerie sind abgeschlossen. Damit könnte das 1968 eingeweihte, international als Ikone der späten Moderne gefeierte Bauwerk nach Entwürfen Ludwig Mies van der Rohes endlich wieder vom Publikum besucht werden – wären da nicht die Corona-Beschränkungen. Immerhin haben diese nur geringe Verzögerungen im Bauablauf gezeitigt.

Jedes Einzelteil wurde dokumentiert

Denn der war auch so komplex genug. Fast wie Archäologen gingen die Planer des Büros David Chipperfield Architects vor: 35.000 Elemente aus Wänden, Decken, Fußböden wurden ausgebaut, nummeriert, eingelagert, aufgearbeitet und nach der Kernsanierung wieder eingebaut. An diesem Prozess waren zahlreiche Institutionen und Fachleute beteiligt, darunter als Bauherrin für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Sie wurden unterstützt durch Denkmalexperten von Topos und Pro Denkmal und die Ingenieure von GSE Saar, Enseleit und Partner sowie und W33. Die Baukosten betrugen offiziell 140 Millionen Euro.

Neue Nationalgalerie nach Entwurf aus der Schublade

Dreißig Jahre nach seiner Emigration nach Chicago 1938 war Mies van der Rohe noch einmal nach Berlin zurückgekommen – zur Einweihung eines wahren Schelmenstücks. Anfang der 1960er Jahre hatte Senatsbaudirektor Werner Düttmann die Idee, der durch das New Yorker Seagram Hochhaus berühmt gewordene Mies müsse an der Spree einen Großbau verwirklichen. Mies durfte frei wählen, was er bauen wollte. Er entschied sich für ein Museum. Dazu holte er einen zweifach abgelehnten Projektentwurf (zunächst: Museum Schäfer, Schweinfurt, dann: Hauptverwaltung Bacardi, Havanna) aus der Schublade, vergrößerte seine Dimensionen und verbannte die Ausstellungsräume in den Keller.

Haustechnische Probleme als Fanal

Die Eröffnung 1968 geriet zur Farce, da parallel politisierte TU-Studenten gegen den „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ protestierten, als dessen Sinnbild Mies herhalten musste. Die Neue Nationalgalerie galt ihnen als Fanal: für das Ende der Moderne! Zudem entwickelte der Miessche Tempel nach seiner Eröffnung die Eigenschaften eines Gewächshauses: von den Stahltrossen der Decke tropfte das Wasser. Generaldirektor Stephan Waetzold bat Mies inständig, das „Fiasko“ zu beheben, sonst „erleidet die moderne Architektur, dann erleidet Mies eine Schlappe, deren Folgen kaum auszudenken sind.“

Sanierung als Rundumschlag

Erst die jetzige Sanierung – so wenigstens hofft man – hat das leidige Schwitzwasserproblem erledigt. Sie hat aber auch weitere Unzulänglichkeiten des Originals überwunden und etliche Notlösungen der Zwischenzeit beseitigt. Das gilt für die Haus- und Lichttechnik, die Klima- und die Sanitäranlagen, für den Brandschutz, der aktuellen Anforderungen und Vorgaben der Versicherung folgen muss, aber auch für die unauffällig integrierte Barrierefreiheit.

Veränderungen nur im Souterrain

Im Souterrain gab es zudem strukturelle Raumverschiebungen, die eine Fläche von rund 600 Quadratmetern umfassen: ehemalige Depoträume erweitern nicht nur Ausstellungsbereiche, sondern dienen auch als Garderobe und Shop. Der Funktionswechsel ist durch die unverkleidet gebliebene Betondecke angezeigt, der einzige wirklich interpretierende Eingriff in ein Bauwerk, das ansonsten geradezu mit planerischen Glacéhandschuhen angefasst wurde.

Sanierung macht die Neue Nationalgalerie noch besser

In neuem altem Glanz erstrahlen die prekären Oberflächen, aus denen das Haus die oft gerühmte edle Einfalt und stille Größe bezieht. Etwa die gigantischen Glasscheiben, insgesamt 1.600 Quadratmeter: verbaut wurden jetzt Elemente, von denen man 1968 nur träumen konnte, viel heller denn je, viel transparenter (aber mit 2 x 12 mm auch fast doppelt so dick). „Mies“ heißt Proportion, Material, Raum.  Die Nationalgalerie ist absolute Architektur, reine, selbstbezogene Form. „So viel Mies wie möglich“, lautete das offizielle Credo der Sanierung. Fast ist es Mieser als Mies geworden: ein Spagat zwischen technischer Ertüchtigung, Neustrukturierung und (weit über die bloße Sanierung hinaus) akribischer Rekonstruktion – von dem sich das Publikum ab dem 22. August selbst wird überzeugen können.

2018 haben wir über einen Baustellenbesuch in der Neuen Nationalgalerie und die technischen Besonderheiten der Sanierung, insbesondere der Glasfassade berichtet.

 

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