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Recyclinghaus in Hannover von Cityförster

Wiederverwerte Baustoffe, nachgenutzte Bauteile und kuriose Details: ein Wohnhaus in Hannover besteht aus zusammengesuchten Materialien und ist trotzdem keine Öko-Collage – sondern Architektur

Dieser Beitrag über das Recyclinghaus ist in gekürzter Fassung unter dem Titel „Recycelt“ im Deutschen Architektenblatt 09.2020 erschienen. Zur Fortsetzung aus dem Heft geht es direkt hier.

Von Frank Maier-Solgk

Von hier oben erkennt man in der Entfernung das Messegelände von Hannover mit dem niederländischen EXPO-Pavillon von MVRDV, der vor genau 20 Jahren Zukunftsfähigkeit durch gestapelte Landschaften präsentierte. Wir stehen auf der Dachterrasse eines schmalen, zweistöckigen Einfamilienhauses am Rande einer Neubausiedlung im Süden Hannovers. Auch dieses Haus, zu dem die Architekturinteressierten teilweise von weit her anreisen, versteht sich als Zukunftsmodell. Der Grund: Es gilt als Prototyp eines Wohnhauses, das in kleinem Maßstab aber dafür bis ins Detail zeigt, wie mit recycelten Baustoffen und wiederverwendeten Bauteilen Architektur gelingt – vor allem auch gestalterisch. Das Ergebnis vorweg: Entstanden ist ein originelles Beispiel ökologischer Avantgarde mit einem Hauch Shabby Chic.

Experimentierfreudiger Bauherr

Verantwortlich für die Planung und Umsetzung war das Planernetzwerk Cityförster architecture + urbanism mit seinem Büro in Hannover, das 2015 einen von der Wohnungsgesellschaft Gundlach Bau und Immobilien ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hatte. Das Familienunternehmen, das in Hannover und Umgebung über einen Bestand von rund 4.000 Wohnungen verfügt, hatte für das Restgrundstück im Neubauviertel Kronsberg schon seit Längerem ein experimentelles Pilotprojekt forciert. Nach längeren Überlegungen (ursprünglich war der Bau eines Stroh- oder Lehmhauses angedacht), erzählt Nils Nolting, Gründungspartner von Cityförster, setzte sich vor dem Hintergrund der Diskussionen über den Ressourcenverbrauch die Idee eines Pilothauses durch, das die beim Bauen anfallende graue Energie durch eine möglichst konsequente Anwendung von Recycling (Rückführung in den Stoffkreislauf und anschließende Wiederaufbereitung) und Re-Use (Wiederverwendung originaler Bauteile) drastisch reduziert. Drei Jahre dauerte die Planung.

Kurze Transportwege, wenige Reste

2019 wurde das Recyclinghaus von einer vierköpfigen Familie bezogen, die drei Etagen mit zusammen 160 Quadratmetern bewohnt. Ein Rundgang um und durch das Haus macht anschaulich, wie vielseitig der ressourcenschonende Gedanke in der Umsetzung ausfällt: Kernidee ist die Verwendung von gebrauchten Bauteilen, ergänzt um neue Elemente, die für eine spätere Nachnutzung geeignet sind und ferner um eine recyclinggerechte Bauweise, bei der Bauteile ohne Qualitätsminderung und ohne eine Beseitigung von Schadstoffen demontierbar und wiederverwertbar sind. Eine Rolle spielen grundsätzlich auch die Transportwege der Materialen, und nicht zuletzt fällt ins Gewicht, inwieweit während des Bauprozesses anfallende Materialreste vermieden oder verwendet werden können.

Karte von Hannover
Die Karte von Hannover zeigt, wo Bauteile „geerntet“ wurden.

Recyclinghaus als Holzbau statt Stahlbau

Zwischenzeitlich hatte man angedacht, den Rohbau aus gebrauchten Stahlbauteilen einer abrissreifen Lagerhalle herzustellen. Allerdings lagen für diese keine Daten zu ihren Materialeigenschaften vor, etwa zur Stahlgüte. So wurde schließlich auf die bereits im Wettbewerbskonzept erarbeitete Idee zurückgegriffen, den Rohbau als leimfreien, einstofflichen (die Brettlagen sind mit Buchenholzschrauben verbunden) und recyclingfähigen Massivholzrohbau zu erstellen. „Der Holzbau wird sich im Hinblick auf seine Umweltverträglichkeit auch in der Breite weiter durchsetzen“, ist Nolting überzeugt. Im Rohbau des Hauses sind rund 100 Tonnen CO2 gebunden, die erst nach dem Ende der Lebensdauer wieder an die Atmosphäre abgegeben werden. Und auch beim Beton fand man eine recyclinggerechte Lösung: Für das Fundament kam Recyclingbeton mit einem Anteil von 42 Prozent Altmaterial zum Einsatz – zum ersten Mal in Niedersachsen.

Fassade aus alter Sauna

Ein Vorteil des Hannoveraner Projektes zeigt sich beispielhaft bei der Fassade. Deren Elemente stammen von Gebäuden der Bauherrin Gundlach, die abgerissen oder umgebaut wurden – etwa dem ehemaligen Hannoveraner „Haus der Jugend“, das zum Wohnhaus umgebaut wurde. Seine in blaugrünen Tönen schillernden Profilbaugläser wurden demontiert und gereinigt, ebenso die Faserzementplatten aus dem Jahr 2007, die neu zugeschnitten und in schwarz beschichtet wurden. Die im wettergeschützten Eingangsbereich angebrachten Holzleisten, die einen angenehmen Kontrast zum kühl wirkenden Glas bilden, stammen aus den Saunen eines nahen Sportclubs, wo sie als Sitzbänke dienten.

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Materiallager Messebau

Die vielleicht ungewöhnlichste „Provenienz“ weist die Außendämmung auf: Hier kamen Matten aus Jutefasern zum Einsatz (Hersteller: HempFlax). Diese stammen von Kakaosäcken des Schokoladenherstellers Ritter-Sport, der diese bisher nach einmaliger Nutzung entsorgen musste. Für den Innenausbau, wo immerhin mehr als die Hälfte der Baumaterialien aus recycelten Beständen stammt, erwies sich ansonsten der Messestandort Hannover als vorteilhaft: Die Holzplatten für die Verkleidung der Innenwände, für diverse Einbauschränke in der Küche wie in den oberen Etagen, für Fensterlaibungen wie für raumhohe Türen – teilweise noch mit den ehemaligen Aufdrucken – stammen von einem Messebauer, der zum richtigen Zeitpunkt sein Lager verkleinern wollte und daher, wie Nolting anmerkt, eine ergiebige Materialquelle darstellte.

Bauernhaustür und Terrazzo aus alten Ziegeln

Von sachlicher Eintönigkeit kann dabei im Recyclinghaus dennoch nicht die Rede sein. Die beiden Türen, die im schmalen Eingangsbereich eingebaut wurden, strahlen mit ihrem rokokohaften Gitterwerk historischen Charme aus; sie stammen denn auch aus einem Bauernhaus der Umgebung. Der offene Wohn-, Küchen- und Essbereich im Erdgeschoss erhielt als Bodenbelag – über einer Dämmschüttung aus gebundenem Schaumglasgranulat – einen Guss-Terrazzo, der mit Ziegelsplitt und eingestreuten rötlichen Ziegelsteinfragmenten ein flirrendes Mosaik erzeugt. Ebenso prägnant für den Gesamteindruck sind hier auch die Zwischenwände aus rötlichen Abbruchziegeln, die aus einer abgerissenen Scheune stammen. Zusammen mit den sichtbaren feuerverzinkten Lüftungsrohren haben die Architekten hier im Erdgeschoss ein Ambiente erzeugt, das irgendwo zwischen wohnlicher Holzoptik und Bistro-Atmosphäre in saniertem Altbau angesiedelt ist.

Treppenhaus aus altem Stahl und Holz

Die Treppe in die Obergeschosse erscheint hinsichtlich der Materialkombination in der Anmutung besonders gelungen. Die Wand im Treppenauge besteht aus 8,60 Meter hohen hellen Brettstapelwänden aus Eiche, die im früheren Leben als massive Balken die Stabilität eines alten Fachwerkhauses sicherten (Quelle: Thomas Knapp Historische Baustoffe). Den Kontrast hierzu bilden die kühlen Treppenstufen aus Stahl, bei denen es sich um ehemalige Fenster-Auflagenkonsolen handelt, die aus dem erwähnten Hannoveraner Haus der Jugend ausgebaut wurden. Auch die Unterkonstruktion der Treppe, die Rohre der Handläufe sowie die kräftigen schwarzen Stahlstäbe der Absturzsicherung sind ausgebaute Stahlteile aus dem Haus der Jugend und dem Freizeitheim Stöcken.

Badezimmer mit Kronkorken-Mosaik

In den Obergeschossen dienen über den Massivholzdecken alte Gehwegplatten als Estrich-Ersatz. Der angenehm grau-lilafarbene Teppichboden (Hersteller: Carpet Concept) darüber besteht aus Recyclinggarn. Ein Hingucker im Gäste-WC sowie in den Bädern in den Obergeschossen sind die wie bunte Mosaikfliesen eingesetzten gebrauchten Kronkorken, die von einer Hannoveraner Brauerei und einem Burger-Restaurant stammen – Retrodesign mit dem Zeug zur Ökokunst. Waschbecken, Badewanne sowie die Spiegel sind Fundstücke aus der Bauteilbörse Hannover oder stammen von Messeständen. Bei einer minimalistischen Waschschale aus Edelstahl handelt es sich um ein ehemaliges Sauna-Aufgussbecken. Die Bodenfliesen wiederum sind Cradle-to-Cradle-zertifiziert (Hersteller: Mosa). Im zweiten Stock betreten wir dann abschließend  – immerhin geht es auch um Wohnen mit Ausblick – eine ausgedehnte Terrasse, die einschließlich des hier verwendeten Lärchenholzes ausnahmsweise überwiegend aus neuen aber natürlich recyclingfähigen Materialien besteht.

Recyclinghaus als aufwändige und teure Pionierarbeit

Heizung und Warmwasser werden durch eine Luft-Wasserwärmepumpe in Kombination mit Solarthermie-Paneelen bereitgestellt (energetischer Standard: vergleichbar mit KfW-Effizienzhaus 55). Freilich resultiert der Verzicht auf Standardteile, der hohe Zeitaufwand für Materialrecherche, Planung und handwerkliche Umsetzung in einem höheren Quadratmeterpreis, als an dieser Stelle üblich wäre. Nils Nolting spricht von circa 6.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche beziehungsweise rund 3.600 Euro brutto pro Quadratmeter BGF  (KG 300 bis KG 500).

Aber dafür hat das Team von Cityförster mit viel Fantasie eine wahre Pionierarbeit beim Aufspüren bereits verwendeter Materialien und ihrer Umformatierung für neue Nutzungen geleistet. Insgesamt gleicht der Parcours durch die Zimmer des Kronsberger Recyclinghauses also einem Erkundungs- oder Schulungsgang durch eine überraschende Welt von Materialien und Möglichkeiten.

Dass dabei die stilistische Einheitlichkeit etwas leidet, wird man in diesem Zusammenhang in Kauf nehmen. Das Reyclinghaus von Hannover ist ein Pilotprojekt, das mehr als dass es Rekorde an wiederverwendetem Material erzielen will, vor allem Anregungen vermittelt, wie man den Recyclinggedanken auch gestalterisch umsetzen kann.

Gartengestaltung mit Restmaterialien

Draußen vor dem Recyclinghaus findet die Exkursion ihr Ende. Auch hier zeigt sich, dass man nicht unbedingt fabrikneue Ware benötigt: Ein Kopfsteinpflaster aus dem Hannoveraner Güterbahnhof wurde als schmaler Streifen entlang der Außenwand sowie im Carport verlegt. Dem Denken in Materialkreisläufen wurde zusätzlich dadurch Rechnung getragen, dass hier auch Restmaterialien des Hausbaus Verwendung finden: Die übrig gebliebenen Betongehwegplatten, die innen als Estrich-Ersatz verwendet wurden, bilden auch die neue Einfassung der Rasenfläche und sie sind in vertikaler Manier als schmale Trittsteine in den Rasen verbaut, wobei die Zwischenräume mit dem Ziegelsplitt gefüllt wurden, der von der Herstellung des Terrazzobodens übrig geblieben war. Und natürlich stammt auch die Betonsitzbank, die wie ein heimliches Leitmotiv vor dem Haus aufgestellt wurde, direkt von hier: Auf den Fundamentbrocken war man beim Aushub der Baugrube gestoßen.

Der verdiente Lorbeerkranz für das Recyclinghaus, für Architekten wie Bauherrn und deren Mut, Einsatz und Arbeit winkt jedenfalls: Das Haus wurde mit einem Sonderpreis Nachhaltigkeit des Deutschen Fassadenpreises ausgezeichnet (Hier das Video der Preisverleihung). Und es steht gemeinsam mit elf weiteren Projekten auf der Kandidatenliste für den diesjährigen niedersächsischen Staatspreis.


Bauteilbörsen und Online-Marktplätze

Teile für das Recyclinghaus stammen von Thomas Knapp Historische Baustoffe in Deensen sowie von der Bauteilbörse Hannover. Diese listet auch weitere Bauteilbörsen in Deutschland auf. Im brandenburgischen Marwitz findet man den Anbieter Historische Bauelemente.

Deutschlandweite Angebote findet man auch über das Bauteilnetz Deutschland und die als zeitgemäßer Online-Shop auftretende Plattform restado.de, die mit großen Architekturbüros und Projektentwicklern zusammenarbeitet.

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