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[ Reisen ]

Hotel mit Aha-Effekt

Im thüringischen Probstzella überrascht das Hotel „Haus des Volkes“, in dem viel mehr Bauhaus steckt, als in so manch bekannterem Meisterwerk. Sein atypisches Äußeres verbirgt eine originalgetreue Inneneinrichtung. Wir waren vor Ort

Von Bärbel Rechenbach

Irgendwie passt das überdimensionierte Gebäude nicht so recht in die kleine Stadt. Auch seine Fassade in altrosa mit senkrechten Betonstreben und Erkern scheint Bauhaus-atypisch. Doch ein Blick ins Gebäude korrigiert den ersten Eindruck. Eigentümer Dieter Nagel gibt sich hier alle Mühe, um der klassischen Moderne eine gewisse Authentizität zu verleihen. „Wir wollen in den Räumen klare Flächen im rechten Winkel, Farben und Linien leben lassen. Die Stahlbeton-Unterzüge, Vollverglasung im Restaurant und die Kugellampen entsprechen gewollter Funktionalität. Ich weiß dabei um die Kompromisse. Aber das Haus muss funktionieren.“ Denn alles ist eine Frage des Geldes.

Ruine für 23.000 Euro

Seitdem Nagel und ein damaliger Mitstreiter das marode Gebäude vor 16 Jahren von der Treuhand ersteigerten, stemmt er die Sanierung des „Bauhaushotels“ allein mit seiner Frau und viel Idealismus. 23.000 Euro kostete die Ruine damals. Nagels Plan war, zu sanieren und ein Hotel mit Restaurant einzurichten, das Alfred Arndt gerecht wird. Vor allem der damals 28-jährige Bauhausschüler lieferte die Ideen für das Haus. 1925 wurde Arndt vom ansässigen Unternehmer und engagierten Sozialdemokraten Franz Itting (1875-1967) mit dem Entwurf für das „Haus des Volkes“ beauftragt.

„Der „Rote Itting“, wie er landläufig hieß, wollte für die Arbeiter seines Elektrizitätswerkes (Baujahr 1909) und die „einfachen Leute“ der Region einen anspruchsvollen Erholungs- und Kulturort schaffen. Einen Ort, in dem getanzt, gekegelt, gegessen, sauniert oder Theater und Kino erlebt werden kann.

Die Idee des „Volkshauses“ kam um 1900 aus den USA nach Europa. Dem sozialdenkenden Itting gefiel diese. Er plante deshalb ein Haus für Probstzella und wollte so, Kultur und Tourismus in dieser etwas abgelegenen Region ankurbeln. Den Entwurf dazu lieferte der Saalfelder Architekt Klapproth. Ein eklektizistisches Bauwerk, bei dem deutsche Schlösserarchitektur des 18. Jahrhunderts dominierte, 6500 Kubikmeter Felswand ließ er dafür bereits wegsprengen. Die Fundamente standen.

Zwei Kindern Ittings und einem ihrer Freunde, die am Bauhaus in Weimar studierten, ist ein Baustopp zu verdanken. Als Itting ihnen den Entwurf zeigte, meinten diese, dass der Bau unmodern sei. „Da muss man alles abkloppen.“ Gemeint waren damit sämtliche „Verschnörkelungen“ oder Säulen. Nach diesem gestalterischen Fehlversuch sah sich Itting in der „Bauhauslandschaft“ um und beauftragte den Bauhausschüler Alfred Arndt (1898-1976) mit dem Projekt. Der hatte sich bereits mit seinen Wandentwürfen im „Haus am Horn“ in Weimar und im „Haus Auerbach“ in Jena einen Namen gemacht. Itting war davon begeistert.

Großen Anteil an der Restaurierung hat zweifelsohne der Thüringer Architekt Gerhard Oschmann, den die Nagels mit hinzuzogen. Als einstiger Absolvent der Hochschule für Architektur und Bauwesen (heute Bauhaus-Universität Weimar) hatte er sich jahrelang intensiv mit den Bauhausideen beschäftigt. Seine großartige Rekonstruktion des weltberühmten Gropiuszimmers in Weimar besitzt Kultstatus. „Wir konnten alles nur schrittweise angehen,“ erzählt der heute 75-jährige, „um das Restgebäude in Probstzella denkmalgerecht am Leben zu erhalten und es als zeitgemäße Moderne zu gestalten. Bücher wurden gewälzt, Arndt-Schriften zur Farbgestaltung ausgewertet, alte Fotos und Handskizzen Arndts gesichtet, Befunde diskutiert, um zum Beispiel die einstige Grundfarblichkeit wieder herstellen zu können.“

Schrittweise zurück zum Original

Arndts Farbgebung ist heute im „Roten Saal“ (Veranstaltungsraum mit Bühne) und im „Blauen Saal“ (Restaurant) sowie im Treppenflur wieder erlebbar. Irgendwann werden im „Roten Saal“ auch die Deckenpaneele aus DDR-Zeiten verschwinden. Rezeption und Sauna, sowie die Treppenaufgänge mit ihren Handläufen sind ebenfalls rekonstruiert. Anderes, nachträglich eingebaute Mobilar wurde entfernt, wie einstige Sicherheitstüren des DDR-Zolls in der Grenzstadt zu Bayern. An die Bretterbude auf dem angebauten Cafépavillon, die unter den Nazis als Schießscharte errichtet wurde, erinnert nichts mehr. Für den gekonnten Rückbau zum „Arndtpavillon“ mit Messingrahmenfenster und Pergola erhielten die Sanierer 2005 den Deutschen Fassadenpreis. Drei Jahre später öffnete das Hotel. 2013 erhielt es dann auch seine Fassadenschrift „Haus des Volkes“ zurück, die in den 1930er-Jahren auf Nazibefehl abgebaut werden musste.

Nördlich hinter dem Haus liegt der wunderschöne Park mit „Arndtkiosk“. Auch er wartet noch auf seine Erneuerung. Gebäude und Park überlebten wie Bauherr Itting die Nazis und den Krieg. Die Nazis brachten Itting ins KZ, weil er sich ihren Befehlen widersetzte. In der DDR landete er im Gefängnis, weil er angeblich als Unternehmer ein Nazisympathisant war. Jegliche seiner Versuche nach dem Krieg – auch die seiner Tochter – scheiterten, dass „Volkshaus“ weiterzuführen. Itting zog nach der Inhaftierung ins benachbarte Bayern und sorgte mit einer neuen Firma wieder für Strom in der Region. Die Ittings stehen also für eine sowohl wechselvolle als auch tragische Geschichte, die von Dieter Nagel und einer Tochter Ittings in einer kleinen, spannenden Ausstellung zusammengetragen wurde.

Website des Bauhaushotels Probstzella

Auch die Berliner Hufeisensiedlung, das Haus Schminke und das Bauhaus Dessau laden zum Übernachten ein. Darüber berichten wir hier

 

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