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[ Umnutzung ]

Gebraucht wie neu

Wohnen in einem Altbau im Stadtzentrum, frisch saniert, energetisch auf dem neuesten Stand, urban gelegen und großzügig – klingt in den aus allen Nähten berstenden ­Städten nach einem Ding der Unmöglichkeit? Nicht unbedingt. Wer ein wenig um die Ecke denkt, kann erstaunliche Potenziale entdecken: in Umnutzungen

Fabrik zu MFH: Mitten in Halle (Saale) bietet die alte Manufaktur fast 2.000 Quadratmeter Wohnraum.

Von Simone Kraft

Umnutzungen sind eigentlich eine ideale Lösung – der Bestand ist schon da, es muss nichts neu gebaut, es müssen keine Grundstücke umgelegt und erschlossen werden, keine Bäume weichen und es muss nicht mit Anliegern gestritten werden. Es fällt kein Abriss an, es muss nicht viel Material verbaut werden, das irgendwann wieder entsorgt werden muss. Und noch dazu bleibt ein historisches Bauwerk erhalten. Klingt nach einer Win-win-Situation? Ist es auch. Von einfach war allerdings keine Rede – denn wer will schon in einem energiefressenden Büroturm oder einer alten Fabrik wohnen? Da müssen raffinierte Lösungen her.

Die geschickte lineare Raumfolge der Grundrisse nutzt die geringe Erschließungstiefe optimal aus.

Wohnmanufaktur

In Halle (Saale) bot eine alte Textilmanufaktur aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert 1.500 Quadratmeter Platz für neue Möglichkeiten. Der Bestand wurde saniert und zu Eigentumswohnungen umgebaut, auf dem Dach aufgesetzte Kuben erweitern die Fläche noch einmal um ein weiteres Drittel. Entstanden sind helle Räume in einem Ensemble, das den Geist der Vergangenheit ebenso atmet, wie es modern wirkt. Den ortsansässigen Architekten von snarq ist es gelungen, den denkmalgeschützten Fabrikbau, der Bestandteil einer geschlossenen gründerzeitlichen Blockrandbebauung ist, so zu bearbeiten, dass nur wenige sichtbare Veränderungen nötig wurden: Ziegelmauerwerk, Segmentbogen und Qua­dratfenster bestimmen auch heute noch die Ansicht der ehemaligen Staatlichen Textil- und Gobelinmanufaktur Halle. Die neu hinzugefügten Balkons und die Dachaufbauten in Holzständerbauweise fügen sich selbstbewusst und doch zurückhaltend in die Fassade ein.

So gelungen ist die Gestaltung des Gebäudekomplexes, dass sie mehrere Preise erhalten hat – unlängst etwa den Hannes-Meyer-Preis 2018, den der BDA Sachsen alle drei Jahre an herausragende Projekte der regionalen Baukultur vergibt. „Nina Nolting und Sebastian Sasse haben in Halle einer einfachen Architektur am vermeintlichen Ende ihres Lebenszyklus mit großer Sensibilität für die überlieferte Bausubstanz und vergleichsweise wenigen wohldosierten, aber höchst wirkungsvollen gestalterischen Eingriffen ein zweites, besseres Leben eingehaucht“, urteilte die Jury treffend.

Nicht sanierbar?

Zugegeben, verklinkerte Altbauten aus der Jahrhundertwende bedienen heute den Geschmack der Zeit, den Traum vom Backstein-Loft träumen viele. Es gibt aber auch Gewerbebauten jüngeren Datums. Meist sind es Büro(hoch)häuser in der nüchternen International-Style-Ästhetik, die noch wenig Fans haben. Da wird die Umnutzung zum Wohnraum schwieriger – mit den richtigen Einfällen ist sie aber durchaus möglich!

Solche hatte man in Saarbrücken. Dort hat die auf Denkmalsanierungen spezialisierte Saarlouiser Immobiliengesellschaft Bauwerk die 1965 von Peter C. von Seidlein entworfene Siemens-Niederlassung mit Bürogebäude, Casino und Werkstätten erworben und zu Wohnraum umgestaltet. „Die Komposition der Gesamtanlage, Gebäude- und Ordnungsstruktur, Fassadenkonstruktion und Details stehen unter deutlichem Einfluss von Ludwig Mies van der Rohe, bei dem von Seidlein zuvor gearbeitet hatte“, berichtet Architekt Erik Hauser. „Die außergewöhnliche Architektur und die revolutionäre statische Bauweise haben dazu geführt, dass das Bürogebäude als Einzeldenkmal eingestuft wurde.“ Ein Denkmal allerdings, das als energetisch nicht sanierbar galt. Nachdem Siemens den Komplex 2010 daher aufgegeben hatte, stand er leer. Die raffinierte Lösung der Bauwerker, die auch den Denkmalschutz zu überzeugen wusste: ein Haus-im-Haus-System, das hinter die historische Außenfassade eine zweite Fassade setzte und den Bürokubus so zum Energiesparhaus ertüchtigte. Entstanden ist ein Lofthaus mit 40 großzügigen Wohnungen, mit Raumhöhen von fast vier Metern und Sichtbetonflächen, mit Loggia – zwischen Außen- und Innenhülle ist ein knapp drei Meter breiter Umgang – und teils sogar mit Garten. „Wir hatten den planerischen Anspruch, die ursprünglichen Großraum-Büroetagen in zeitgemäße Grundrisse zu überführen, in denen Raumwirkung, Transparenz und Bezug zum Umfeld in Anlehnung an die frühere Nutzung erkennbar bleiben“, so Hauser. Um das statische Konzept erfahrbar zu machen, wurden die abgehängten Decken der Büroräume zurückgebaut und die Stahlbetonrippendecken in allen Geschossen freigelegt; die klare Architektursprache von Seidleins wurde in Farben, Material und neuen Einbauten fortgeführt.

Sozialwohnen in der Kirche

Während viele Firmen ihre Altbauten aufgeben, um sich zu vergrößern oder in Neubauten umzuziehen, haben die Kirchen ein anderes Problem: einen an sich passenden, aber zu großen Gebäudebestand. Die Veränderungen im religiösen Verhalten in der jüngeren Vergangenheit haben auch die evangelische Trinitatis Kirchengemeinde in Gelsenkirchen-Buer vor die Frage gestellt, wie mit ihrem leer stehenden Kirchenraum umzugehen ist. Man entschied sich für die Entwidmung des Sakralraums – und für eine hierzulande noch nicht so verbreitete Nutzung als Wohnkirche.

Die Markuskirche, eine Stahlbeton-Stützenkonstruktion mit ausgemauerten Feldern und Klinkerverblendung, wurde in den 1950er-Jahren nach Plänen von Hans Rank und Kurt Pasch errichtet und ist heute als Baudenkmal gelistet. Die Erschließung des Volumens haben die Architekten von zwo+ aus Bochum so angelegt, dass das Kirchenschiff noch immer in seiner Höhe und Tiefe erfahrbar ist. „Besonders wichtig war es uns, die Fassade der denkmalgeschützten Kirche weitestgehend zu erhalten“, berichtet Peter Lammsfuß. „Zudem wird das ehemalige Portal der Kirche auch heute noch als Haupterschließung für die Wohnungen genutzt.“ Aus der Fassade wurden bodentiefe Fensteröffnungen geschnitten, die die Wohnungen mit Tageslicht versorgen, an der Nordseite wurden zudem milchglasverkleidete Balkons eingefügt: So behält die Markuskirche ihr typisches Äußeres aus Ziegelmauerwerk, Betonrahmen und den die Vertikale betonenden Gestaltungselementen. Der frei stehende Turm ist ebenfalls erhalten und läutet nach wie vor zum Gottesdienst, der jetzt im benachbarten Gemeindezentrum stattfindet.

Entstanden sind neun barrierefreie, sozial geförderte Wohnungen auf drei Geschossen. Ein gelungenes Bekenntnis zum Standort: Die Gemeinde will bleiben, wo sie ist – denn entsprechender Wohnraum wäre auf der grünen Wiese günstiger und unkomplizierter zu haben gewesen. Seit 2017 ist die Wohnkirche bezogen – und die zu Beginn kritischen Stimmen vieler Gemeindemitglieder sind verstummt: Einige von ihnen wohnen heute selbst in der Markuskirche.

Wohnen im Bunker: Ein Scherz der Geschichte? Nach der Entfernung von rund 2.500 Tonnen Stahlbeton wird ein einst als Wohnhaus getarnter Bunker schlussendlich tatsächlich zum Wohnhaus.

Enttarnter Bunker

Im Grunde ist kein Gebäude zu speziell, um nicht mit Gewinn umgenutzt werden zu können. Das zeigt der Blick nach Kassel, wo seit einigen Monaten ein rot verklinkertes Mehrfamilienhaus in einem gründerzeitlichen Viertel von außen nichts über seine ehemalige Funktion verrät. In den großzügigen Räumen leiten den Besucher Betonwände und sehr breite Fensteraussparungen und -bänke auf die historische Spur: Das heute unter Denkmalschutz stehende Haus war einer der wenigen Tarnbunker, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gebaut wurden. Genau besehen eine Ironie der Geschichte, denn der Hochbunker sollte zu Kriegszeiten eine Nutzung als Wohnhaus suggerieren – über 70 Jahre später wurde diese Realität.

Die dicken Betonwände sind zu sehen. Ansonsten sind die Wohnräume aber gut belichtet.

Dass der massive, fensterlose Hochbunker heute lichtdurchflutet ist, liegt an gut 2.500 Tonnen Stahlbeton, die für die Fensteröffnungen aus den 1,30 Meter starken Außenwänden herausgeschnitten wurden – streng abgestimmt auf das vorhandene Fassadenraster mit rundbogigen fensterartigen Blendnischen. Ein Teil der tonnenschweren Blöcke bildet heute den neuen Eingangsbereich an der Nordseite des Gebäudes. „Die vier historischen Geschosse wurden um ein zweigeschossiges Mansardendach mit Zinkeindeckung ergänzt, die Fassadengestaltung erfolgte auf Grundlage der vorhandenen Rasterung durch Gurtgesimse und Scheinfenster“, erläutert Joachim Groger von der Kasseler Architektengemeinschaft Groger Grund Schmidt, die den Umbau verantwortete und heute selbst ihr Büro im Wohnbunker hat. „Ziel war es, mit möglichst geringen statischen Eingriffen unter Nutzung und Sichtbarmachung der vorhandenen Materialien einen lebendigen und wohnlichen Charakter zu erzeugen.“

Bemerkenswert ist auch, dass die Bauherren des Projekts Privatleute sind. Der Insolvenzverwalter Fritz Westhelle hat den Bunker gemeinsam mit zwei Partnern von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gekauft; zuvor war der Bau unter anderem Übungsobjekt für Katastrophenfälle und Lager für das Deutsche Rote Kreuz und das THW. Heute wohnen die Eigentümer mit ihren Familien selbst im neuen Wohnbunker, während die übrigen sechs Wohnungen an neue Eigentümer verkauft wurden.

Auch im Treppenhaus wird die Vergangenheit des Bauwerks sichtbar.

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