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[ Kreislaufwirtschaft ]

Cradle-to-Cradle am Bau: was macht ein Circular Engineer? 

Die Kreislaufwirtschaft gewinnt an Bedeutung – auch bei Investoren. Doch irgendjemand muss auch Baustoffe auf Nachhaltigkeit und Recyclingfähigkeit prüfen und Abläufe steuern: der Circular Engineer

Rendering The Cradle in Düsseldorf
Derzeit in Düsseldorf im Bau: „The Cradle“ von HPP Architekten

Von Leonhard Fromm

Kreisläufe in der Bauwirtschaft zu schließen, ist eine noch junge Disziplin, die um 2015 aus der Cradle-to-Cradle-Bewegung heraus entstanden ist, deren Anfänge in den 1990er-Jahren liegen. Der Chemiker Michael Braungart hatte die Vision, Textilien, Farben oder Lacke nicht „weniger schädlich“, sondern „gesund“ zu machen. Er gründete 1987 das EPEA-Institut in Hamburg, das heute in Hamburg, Stuttgart, München, Eindhoven und Brüssel rund 50 Wissenschaftlerinnen, Ingenieure, Biologinnen, Architekten und Chemikerinnen beschäftigt. Davon ist ein Viertel im Bauwesen tätig, seit sich das Beratungsunternehmen Drees & Sommer 2019 mehrheitlich an EPEA beteiligt hat. Bislang hat das Institut rund 50 Baustoffzulieferer zertifiziert.

Circular Engineer: eine Art Materialfachplaner

Im Kontext der Cradle-to-Cradle-Bewegung hat sich ein neues Berufsbild herauskristallisiert, das die Fachplaner ergänzt oder idealerweise orchestriert: Der Materialfachplaner, auch Circular Engineer genannt. Er erstellt letztlich den Building Circularity Passport – also einen Materialausweis, analog des Gebäude-Energiepasses, der den Inhaber oder Betreiber sofort über den CO2-Fußabdruck, die Recyclingfähigkeit oder den verbauten Rohstoffwert des Gebäudes informiert.

Circular Engineer Marcel Özer: „Cradle-to-Cradle ist im Marketing und in der Betriebswirtschaft angekommen.“

Cradle-to-Cradle: immer mehr Projekte

Fakt ist: Das Kreislaufverfahren liegt bei Gebäuden im Trend, die Vorhaben häufen sich und die Akteure samt der Baustoffzulieferer vernetzen sich immer mehr und tauschen sich aus. Realisiert wurde das C2C-Prinzip schon beim Rathaus von Venlo 2016 in den Niederlanden, ein Jahr später beim RAG Verwaltungsgebäude Zollverein in Essen, 2020 beim Feuerwehrhaus in Straubenhardt. In der Hamburger Hafencity folgt bis 2023 das Gebäude „Moringa“ mit 20.000 Quadratmetern Wohnfläche, davon ein Drittel im geförderten Wohnungsbau (Über die genannten Projekte berichten wir auf DABonline ebenfalls). Mal kommen die Impulse zum „Cradeln“ vom Investor, mal vom Architekten, mal von der Kommune.

„The Cradle“ in Düsseldorf am Büromarkt erfolgreich

„Es herrscht kollegiale Aufbruchstimmung“, beschreibt Marcel Özer die Atmosphäre. Der 33-Jährige arbeitet im Team von Peter Mösle, der bei EPEA die Schnittstelle zu Drees & Sommer bildet und unter anderem als Projektleiter für das Gebäude „The Cradle“ verantwortlich ist, das aktuell im Düsseldorfer Medienhafen entsteht. Denn der Bürobau mit 6600 Quadratmetern Fläche auf vier Etagen in Holzhybridbauweise von Bauherr Interboden wird – wenn es in frühestens 50 Jahren so weit ist – nicht abgerissen, sondern demontiert und zu großen Teilen hochwertig recycelt.

Aufgaben eines Circular Engineers

„Unsere Aufgabe ist es, nachhaltige Baumaterialien zu identifizieren und deren sortenreine Verarbeitung zu garantieren,“ sagt Marcel Özer. Dafür hat sich bewährt, dass die EPEA-Experten, meist Umweltschutztechniker, Architektinnen, Baubiologen, Holzbauingenieurinnen oder Chemiker, phasen- und tageweise in die Zulieferbetriebe gehen und diese bei Beschaffung, Logistik und Verarbeitung mit ihrem Fachwissen unterstützen.

Herstellung, Logistik und Verarbeitung prüfen

Das beginnt mit Recherchen, wie Materialien im Herkunftsland gewonnen werden, ob Kinderarbeit und Umweltzerstörung ausgeschlossen werden können oder wie die Logistik erfolgt. Beim Verarbeiter oder Veredler wird darauf geachtet, dass das Verfahren nachhaltig bleibt, also giftige Chemikalien vermieden, Naturmaterialien nicht beschichtet werden und Fügetechniken statt Schweißen oder Kleben die spätere Demontierbarkeit begünstigen. So hat Drees & Sommer etwa mit Würth standardisierte und wiederverwertbare TGA-Module entwickelt, die moduliert und nach einem Rasterprinzip in jedem Gebäude verwendbar sind und nur verschraubt werden.

Beispiel Teppich: neue Geschäftsmodelle

Schon um 2005 hatte der niederländische Teppichhersteller Desso aufgehört, seine Teppiche zu verkleben. Marcel Özer: „Waren die Teppiche abgenutzt, mussten sie herausgerissen und wegen des Klebers verbrannt werden.“ Dafür waren dem Hersteller seine Textilien zu kostbar. Als Alternative entwickelte man ein Klettverschluss-Verfahren, das die Materialien sortenrein und damit zu 100 Prozent recycelbar hält. Das spart seither gleichermaßen Entsorgungs- wie Herstellungskosten, sodass sich daraus auch alternative Business-Ideen wie ein Leasingmodell inklusive Reparatur und Wartung entwickeln. Der Kunde kauft also nicht mehr Teppich oder Leuchtstoff, sondern bezahlt nur noch regelmäßig für den gewünschten Effekt, Behaglichkeit beziehungsweise Licht. So hat der Lieferant ein Interesse an Langlebigkeit und niedrigen Betriebskosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Bauschuttrecycling für R-Beton

Als weitere Beispiele nennt Marcel Özer die Baustoffe, bei denen sein Team auf Intelligenz und Nachhaltigkeit setzt. Hier hat vor allem Holcim den Trend erkannt. Wo immer möglich, setzt der Betonhersteller auf mineralische Zuschlagstoffe aus dem Bauschuttrecycling, substituiert bis zu 50 Prozent des für Zement benötigten Klinkersteins, der bei 1400 Grad gebrannt werden muss, durch Flugasche aus Stahlwerken und setzt zudem via Brennstoffzellen bis zu einem Viertel der benötigten Hitze bereits aus regenerativer Energie ein.

Aber auch kleinere Unternehmen wie das Abbruchunternehmen Feess aus Kirchheim unter Teck können sich zum Bauschutt-Recyclingprofi weiterentwickeln. Auf mehreren Aufbereitungsplätzen wird das Material sortenrein aufgebrochen und als Recycling-Gesteinskörnungen zurückführt, sodass dortige Betonwerke bereits auf Recycling-Quoten von 50 Prozent kommen. Zum Vergleich: Bundesweit liegt der Wert noch unter einem Prozent, weil sich bislang kein Markt etabliert hat.

Portrait Marcel Özer
Marcel Özer hält auch ein Pfandsystem für Baustoffe für denkbar.

Grünes Bauen als nachhaltiges Investment

Circular Engineer Marcel Özer ist zuversichtlich, dass sich diese Märkte in allen Segmenten der Bauwirtschaft rasch entwickeln: Die EU hat mit der „Taxonomie“ ein Klassifikationssystem eingeführt, das Anlegern dabei helfen soll, grüne Investments zu erkennen. Sie ist zentraler Bestandteil des „Aktionsplans für ein nachhaltiges Finanzwesen“ – und fördert damit künftig eine nachhaltigere Bauwirtschaft. Weltweit, so der C2C-Experte, verpflichteten sich immer mehr Architekturbüros selbst, „kein dummes Zeug mehr zu bauen“, und parallel stiegen die Anfragen aus der Zulieferindustrie nach Beratung und Unterstützung, ihre Produkte intelligenter und damit nachhaltiger zu machen.

Wirtschaft erkennt: Nachhaltigkeit rechnet sich

Die junge Schwedin Greta Thunberg habe mit ihrem Protest für die Veränderung wie ein Startschuss gewirkt. Marcel Özer: „Cradle to Cradle ist im Marketing und in der Betriebswirtschaft angekommen.“ Zunehmend setze sich das Bewusstsein durch, dass Nachhaltigkeit nicht nur sympathisch, sondern auch wirtschaftlich sei. Entsprechend steigt die Nachfrage nach Kreislauffähigkeit als interdisziplinärer Kompetenz. Planungs- und Nachweisfähigkeit würden zu Fertigkeiten, die die Hochschulen zwar Rand bislang nur am Rand vermitteln, die sich aber in Architekturbüros und bei Herstellern durch Wissensplattformen und informellen Austausch schnell verbreiteten.

Recyclingfähig bedeutet bilanzierbar

Knapp ein Drittel der eingesetzten Materialien, sei bislang recycel- und damit bilanzierbar. Und wenn am Gebäude ein Fünftel Materialkosten seien, rechnet Marcel Özer vor, seien von diesem eingesetzten Kapital bislang maximal zehn Prozent reaktivierbar. Das betreffe vor allem den Metallbereich, während es bei Holz oder Textilien primär bislang darum gehe, Kosten beim späteren Demontieren zu vermeiden.

Pfandsystem für Baustoffe?

Der Ingenieur gibt ein Beispiel: Würde man wie bei Stahl, Aluminium oder Pfandflaschen für Fensterglas eine Spezifikation festlegen, könnten Qualität und Zusammensetzung der Gläser klar erkannt werden und der Kreislauf könnte auf gleichbleibendem Qualitätsniveau geschlossen werden. Bislang finde dagegen ein Downcycling statt, weil die Reinheit verloren geht. Das Beispiel zeigt, wo Gesetzgeber oder Verbände ordnend eingreifen könnten. Stattdessen versuche bislang jeder Hersteller, eigene Standards zu setzen. Auch ein Pfandsystem könne helfen, die Rücklaufquote zu erhöhen.

Circular Engineer: Beruf mit Zukunft

Was ein Circular Engineer wird so an keiner Hochschule gelehrt und es gibt kein Curriculum dafür. Bisher ist es also noch kaum ein feststehender Beruf, sondern eher eine Berufung für kommunikative Generalisten mit Erfahrung. Im Idealfall orchestriert der Circular Engineer den gesamten Prozess, weshalb er neben Autorität auch Kompetenz und Empathie erfordert. Ganz sicher wird er schon bald zur Schlüsselposition reifen, die andere Disziplinen koordiniert.

Leonhard Fromm ist freier Journalist in Schorndorf, Baden-Württemberg

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