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[ Partizipation ]

Partizipation statt Masterplan: Teleinternetcafe und das Haus der Statistik

Viele Städte sind in den letzten Jahren auf der Suche nach einer Quartiersentwicklung, die die Stadtgesellschaft mitnimmt. Das ist eine Chance für junge Büros mit einem Händchen für kooperative Verfahren

Personen sitzen vor der Werkstatt Haus der Statistik
Der gläserne Anbau am Haus der Statistik dient (zu Nicht-Pandemie-Zeiten) als Projektschaufenster und Veranstaltungsraum.

Dieser Beitrag ist in gekürzter Fassung unter dem Titel „Die jungen Diplomaten“ im Deutschen Architektenblatt 02.2021 erschienen.

Von Christoph Gunßer

Ein Name wie eine Band, scheinbar fachfremd, doch der hybriden, rund um die Uhr aktiven Stadt Berlin verpflichtet, in der das Büro 2011 gegründet wurde: Das sind Teleinternetcafe. Dahinter stehen die jungen Architekten Andreas Krauth, Urs Kumberger und Verena Schmidt sowie – als Hamburger „Ableger“ – Marius Gantert. Wie viele Architektinnen und Architekten ihrer Generation verbindet sie „das starke Interesse an der gesellschaftlichen und politischen Dimension der Stadtplanung“. Nach dem Studium in München und Berlin sammelten sie daher erst mal Erfahrungen bei Raumlabor und Arch+, was sie ins stadtaktivistische Milieu der Hauptstadt einführte.

Chance durch Quote für junge Büros

Ihren ersten Erfolg als Büro konnten sie 2012 im heimatlichen München erringen – dank einer Quote für junge Büros beim städtebaulichen Wettbewerb für das „Kreativquartier“ auf einem zwischengenutzten, zwanzig Hektar großen Kasernenareal. Das junge Team kannte den Ort gut und wagte es, die Auslobung sehr frei zu interpretieren. Die Stadt ihrerseits war nach dem Scheitern der Werkbundsiedlung als „großem Wurf“ Kazunari Sakamotos offen für ein sanfteres Vorgehen.

Und tatsächlich bewährte sich der Ansatz von Teleinternetcafe, „Spielräume für eine prozessuale Transformation“ zu schaffen, was „die Entstehung einer atmosphärischen und programmatischen Vielfalt ermöglicht“. Kurz: gucken, was schon da ist, und mit den Menschen kreativ weiterentwickeln. Der Auftrag trug das Büro ein, zwei Jahre – und öffnete weitere Türen: Workshops, Studien, Mehrfachbeauftragungen und beschränkte Wettbewerbe folgten Schlag auf Schlag.

Die Gesellschaft durch Partizipation mitnehmen

Viele Städte sind in den letzten Jahren auf der Suche nach dieser Art von Quartiersentwicklung, die die Stadtgesellschaft mitnimmt. Kooperative Verfahren erlebten einen regelrechten Boom. Im immer heißer laufenden Immobilienmarkt gilt es, Räume für „normale“ Menschen zu schaffen – und Freiräume für die stets prekäre Kreativszene. Nicht nur Andreas Krauth entrüstet sich, „dass die Spekulation immer noch so ungeregelte Züge annehmen kann und darüber keine politische Debatte zustande kommt“.

Im Interesse des sozialen Friedens und der Nachhaltigkeit von Entwicklung vergeben viele Städte inzwischen Flächen und Gebäude an lokale Initiativen und deren Planer, die nicht nur schicke Renderings, sondern konsensfähige Konzepte anzubieten haben. Und Beispiele wie die Esso-Häuser in Hamburg, der Mirker Bahnhof in Wuppertal oder das ExRotaprint-Gelände in Berlin beweisen: Stadtentwicklung kann mehr leisten als Geldvermehrung für wenige (siehe „Auf unser Wohl“).

leerstehendes Hochhaus Haus der Statistik
Die ehemalige Zentralverwaltung für Statistik der DDR liegt schräg gegenüber des Alexanderplatzes. Auf dem Dach prangt der Schriftzug „Allesandersplatz“. Die Fenster wurden aus Sicherheitsgründen entfernt.

Kritisieren lassen aber keine Kompetenz abgeben

Aber besteht bei dem vielen Kooperieren und Abstimmen nicht die Gefahr, dass ein guter Entwurf zerredet wird? „Wir pflegen generell eine kommunikative Arbeitsweise“, erklärt Urs Kumberger die offene, uneitle Art des Büros. „Wir lassen uns von allen kritisieren – geben aber keine Kompetenzen auf“, betont er und entkräftet damit eine weit verbreitete Befürchtung älterer Kollegen gegenüber einer solchen Arbeitsweise. „Entwerfen ist nach wie vor wichtig, weil es zwischen den vielen sich artikulierenden Parteien ein so präzises Medium ist. Im Modell kann man sich sehr gut auch als Bewohner wiederfinden.“

Job-Sharing auch bei der Professur

Sicher hilft ihnen im jungen, urbanen Kontext, dass sie selbst erst Mitte bis Ende dreißig sind. Sie können sich mit ihren Zielgruppen identifizieren und kennen sowohl den Frust als auch die Träume im aktivistischen Milieu. Zugleich wirken sie gut geerdet und keinesfalls versponnen. Selbst zum Teil vom Lande stammend, gelingt es ihnen offenbar, die Leute in ihren jeweiligen Lebenswelten abzuholen. Seit drei Jahren erklären die Partner ihren alternativen Planungsansatz sogar dem akademischen Nachwuchs: An der TU Darmstadt lehren sie in wechselnden Konstellationen auf Vertretungsprofessuren. Dabei beziehen sie in Studienprojekten gezielt lokale Initiativen mit ein und bemühen sich, zu vermitteln, dass Planungsprozesse nicht im luftleeren Raum stattfinden. Findet das Anklang? Im Kontext der etablierten Lehre wirke das wohl „eher exotisch“, räumen die drei ein.

Ergebnis zählt, Prozess aber auch

Kämpfen sie für ihre Ideen? „Da bleiben sicher Details auf der Strecke“, gibt Kumberger zu. „Es zählt aber nicht nur das Ergebnis. Gerade das ,Wie‘ sorgt für Akzeptanz.“ Und um diese geht es den öffentlichen Auftraggebern ja vorrangig, nicht um bauliche Delikatessen. „Man muss Stadt als fortlaufenden Prozess denken, nicht als Ansammlung von Objekten“, ist das Credo des Büros.

Darum liegt es den Planerinnen und Planern von Teleinternetcafe auch fern, Städtebau nur als Akquise von Hochbau-Aufträgen zu betrachten, wie das sonst gern gehandhabt wird. Dennoch haben sie zuletzt in Ravensburg (Gebiet Galgenberg) und München (McGraw-Kaserne) auch Hochbauten auf der Grundlage ihrer Rahmenpläne realisieren können. Zudem bemühen sie sich bei den zahlreichen Erstplatzierungen im Städtebau um Aufnahme in die Jury bei nachfolgenden Hochbauwettbewerben, um ihre Sichtweise weiterzutragen.

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Haus der Statistik: kuratierter Kiez in 1A-Lage

2018 konnte das Büro schließlich mit zwei anderen Büros am Werkstattverfahren für das „Haus der Statistik“ mitten in ihrer Wahlheimat Berlin teilnehmen – und bekam, wie stets gemeinsam mit Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg, den Auftrag zur städtebaulichen Neuordnung. Das Projekt sagt viel aus darüber, wie Stadtumbau heutzutage funktionieren kann.

Es ist ein echtes Modellprojekt – und wie so oft kein konfliktloser großer Wurf. Im Gegenteil begann seine Geschichte wie so viele: mit Abrissplänen. Die hatte der Bund für die seit 2008 leerstehende Zentralverwaltung für Statistik der DDR (später Stasi-Unterlagen-Behörde) am Anfang der Karl-Marx-Allee mit ihren 46.000 Quadratmetern Geschossfläche. Er wollte die drei Hektar Grund meistbietend veräußern – bekanntlich gibt es seit Langem Planungen für dreizehn Hochhäuser am Alexanderplatz. Dass es anders kam, ist symptomatisch dafür, wie innovative Stadtentwicklung heute oft gegen Widerstände ins Rollen gebracht wird: 2015 brachte eine Kunstaktion bedrohter Berliner Atelierhäuser über Nacht ein großes Poster im Stil eines offiziellen Bauschilds an der Fassade an: „Hier entstehen für Berlin: Räume für Kunst, Kultur und Soziales“. Damit war die Diskussion um die Zukunft des Gebäudekomplexes eröffnet.

Allesandersplatz: Politik und Bürgerschaft als Team

Die aus der Initiative Haus der Statistik hervorgegangene Genossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin schaffte es schließlich mit viel Engagement und einigen Vorleistungen, dass sich die rot-rot-grüne Mehrheit im Senat auf ein Experiment einließ. Da die Verwaltung selbst wegen der Ausverkaufspolitik der Vergangenheit dringend Büroflächen brauchte, stieg sie sogar als Investor mit ein. Nach zähen Verhandlungen taten sich der Bezirk Berlin Mitte, der Senat, die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte und die Genossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin für die Umnutzung und Ergänzung des prominenten Ensembles zusammen. Auf dem Dach prangt seither der riesige Schriftzug: „Allesandersplatz“.

Das Werkstattverfahren 2018/19 machte die Umbaupläne konkret: Teleinternetcafe ergänzen die rigide Raumkante um 66.000 Quadratmeter an Neubauten, darunter ein punktförmiges Rathaus für den Bezirk Mitte sowie drei Höfe mit 300 bezahlbaren Wohnungen.

Anderswo verdrängt – hier willkommen

Der mittlerweile entkernte Plattenbau-Bestand von 1970 soll entlang der Otto-Braun-Straße künftig überwiegend von der Berliner Immobilienmanagement GmbH und vom Finanzamt Mitte genutzt werden. Die Sockelzone jedoch und der südlich gelegene Kopfbau Richtung Alexanderplatz, den die Genossenschaft ZUsammenKUNFT bisher auch schon mit „Pioniernutzungen“ belebt und an dem das Projekt mit der Kunstaktion 2015 seinen Anfang nahm, bleiben in deren Regie. Sie sollen sozialen oder künstlerischen Projekten zur Verfügung stehen – darunter idealerweise viele, denen an anderen Stellen der Stadt Verdrängung droht.

Partizipation auch online

Das neue Rathaus für den Bezirk Mitte wird den nördlichen Abschluss des Ensembles und den eindeutigen Höhepunkt der Neubebauung bilden. Hier werden gegenwärtig sogar 90 Meter Höhe erwogen (der Bestand hat 60 Meter). Im Januar startete die Senatsverwaltung ein Online-Partizipationsverfahren für dessen Gestaltung. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher dazu: „Besonders in Zeiten der Pandemie wollen wir den Gesprächsfaden mit der Stadtgesellschaft über die Entwicklung des Modellprojektes Haus der Statistik nicht abreißen lassen.“

Grafik mit farblich markierten Nutzungen
Das originale Haus der Statistik besteht aus dem grün-blauen Kopfbau am Alexanderplatz und den blauen Riegeln. Die übrigen Bauteile sind als Neubauten geplant. Grafik: Teleinternetcafé

Neuer Wohnraum hinter dem Haus der Statistik

Im Schutz der Bestandsbebauung entlang der Otto-Braun-Straße werden drei im Maßstab deutlich kleinteiligere Höfe mit überwiegender Wohnnutzung entstehen, deren Freiräume „Stadtzimmer“ genannt werden, von denen „Kieznischen“ ins angrenzende Quartier an der Berolinastraße überleiten. Die Nutzung der Erdgeschosszonen wird hier die Genossenschaft im Sinne einer kreativen, nachhaltigen und sozial gerechten Mischung managen, wie sie schon in den letzten Jahren die Pioniernutzung geprägt hat.

Die Wohnbebauung ist in der Höhe gestaffelt. Die mittig an den Stadtzimmern gelegenen Kopfbauten wird die Genossenschaft als offene „Experimentierhäuser“ kuratieren (hier darf man auf die Konkretisierung gespannt sein), während die rückwärtigen Teile entlang der Berolinastraße die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte verwalten wird. Die Hälfte der Wohneinheiten soll zu Sozialmieten ab 6,50 Euro vermietet werden.

Das neu-alte Ensemble soll kleinteilig vernetzt sein. Rückgrat des Wegesystems wird ein „Aktivitätenband“ bilden, das in einem Platz vor dem neuen Rathaus mündet.

Langer Zeithorizont, aber Haus schon jetzt belebt

Die Zeitplanung für das inzwischen offiziell „gemeinwohlorientierte Quartier“ ist noch nicht abschließend geklärt. 2029 gilt gegenwärtig als Zielmarke für die Fertigstellung. Das neue Rathaus und Teile der Wohnbebauung werden noch Gegenstand eines Hochbauwettbewerbes sein.

Der Bezirk will in Kürze den neuen Bebauungsplan für das 3,2 Hektar große Areal aufstellen. Basis ist der städtebauliche Entwurf der Planergemeinschaft Teleinternetcafé/Treibhaus. Derzeit erarbeitet das Büro Bauvoranfragen und einen Gestaltungsleitfaden für das Quartier, das schon heute von kreativen Zwischennutzungen brummt. Dass hier eine so „wilde“ Mischung aus Beteiligten und Nutzungsarten friedlich und vertrauensvoll in ein zuvor abgeschriebenes Ensemble integriert werden konnte, ist ein Meilenstein kooperativer Stadtentwicklung.

Teleinternetcafe mit zahlreichen Aufträgen

Inzwischen ist Teleinternetcafe in weitere prominente Vorhaben in Berlin involviert. So gewann es unlängst das kooperative Verfahren für die Neue Mitte Tempelhof. Aber auch im Kreativquartier München geht die Arbeit weiter. „So ein Projekt ist nie fertig“, wissen die Planer – und ahnen schon, dass sie damit wohl alt werden.

Mehr zum Haus der Statistik und den Pioniernutzungen vor Ort unter www.hausderstatistik.org

Weitere Beiträge finden Sie in unserem Schwerpunkt Jung.

 

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