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[ Dilemma ]

Grün statt dicht? Unsere Städte nach Corona

In der Corona-Krise lernen wir die Natur schätzen. Dichte Städte sind wegen geringen Flächenverbrauchs gut für die Natur. Doch gerade jetzt bräuchte man mehr Grün. Wie gelingt der Spagat?

Garten mit Holzliege
In ihrem Garten findet Ina Timm Ruhe und Entspannung.

von Ina Timm

Corona hat uns gepackt wie eine hohe Surferwelle und droht uns unter Wasser zu drücken, sodass wir nicht mehr ruhig atmen können. Wir beschäftigen uns morgens, mittags, abends mit keinem anderen Gedanken mehr. „Kriegen wir es noch? Hatte ich es vielleicht schon, ohne es zu wissen? Wo bekomme ich noch Klopapier, wenn ich zwei Wochen zu Hause bleiben muss und nicht einkaufen kann?“ Wir können nicht mehr in Kinos, ins Theater oder in Urlaub fahren. Was bleibt uns da noch übrig, als uns freiwillig und fleißig wie die Bienen zu Hause an den Computerarbeitsplatz anzuketten? Die Lage scheint nichts Positives zu haben.

Was machen wir aus Corona?

„Es kommt darauf an, was man daraus macht“ lautet der schöne Slogan der Betonindustrie. Und so ist es auch mit Corona. Was ist wichtig in diesen Zeiten, wenn einige nicht mal mehr auf die Straße dürfen? Der Garten! Wie wichtig der eigene Garten ist, fällt uns jetzt erst auf. Das Grün hebt die Laune, die jetzt im Frühling sprießenden Blumen verschaffen jedem einen Kick. Da kann man doch gar nicht krank werden! Draußen im Grünen Urlaub machen, wenn man sonst nirgendwo hin darf, den Laptop nehmen, sich auf die Terrasse setzen und den Vögeln beim Zwitschern zuhören. Das ist doch wie eine Pille gegen Corona. Eine kleine Impfdosis, die einen mit Hoffnung erfüllt, die einen positiv denken lässt, um weiter gegen die drohende Krankheitswelle anzuschwimmen!

Die Natur schätzen lernen

Gestern habe ich mich mit meiner Nachbarin über den (nicht vorhandenen) Gartenzaun unterhalten – und ja, natürlich mit zwei Meter Abstand! Ihr fiel auf, wie wichtig es ist, dass jetzt alles sprießt und die Sonne in unser Gemüt scheint. Das hatten die Chinesen als die Welle anrollte nicht. Sie saßen in ihren Hochhäusern und konnten nur aus den Fenstern miteinander kommunizieren. Wie gut es uns geht! Es ist absolut fulminanter Frühling. Die Osterglocken blühen, auch wenn noch nicht Ostern ist, aber die Märzenbecher halten sich an ihren Namen dieses Jahr.

Die Natur scheint von Corona unbeeindruckt. Sie gibt uns den nötigen Rückhalt. Beschert uns eine Auszeit von den schlimmen Nachrichten und Erfahrungen, die uns diese Tage überrollen. Sie lässt uns staunen, wie schön doch alles sein kann.

Wird Corona den Städtebau ändern?

Die Leute, die bei Ausgangssperre in den Hochhäusern festsitzen, sind arm dran. Wenn sie ein wenig Glück haben, können sie sich auf einen Balkon setzen und dort ein wenig frische Luft atmen. Wird Corona den Städtebau ändern? Das verdichtete Bauen in Tübingen ist in. Jedem leuchtet ein, dass man so eine Unmenge an versiegelter Fläche spart. Je höher die Wohn- und Arbeitstürme, desto weniger Asphalt wird zwischen den Häusern benötigt, desto mehr bleibt übrig für die unberührte Natur drumherum.

Das mag zum Arbeiten okay erscheinen, da schaut man ja meist auf seinen Computer. Zum Wohnen in Zukunft wird es sich vermutlich ändern. Jeder, wirklich jeder braucht gerade in diesen Zeiten ein wenig Grün. Das kann ja auch auf einem Hochhaus sein. Ein paar sprießende Pflanzen, die sich nicht um die nächste Krankheitswelle scheren, sondern unbeirrt ihre Schönheit zeigen.

Zuviel Dichte schadet

Zu eng aufeinander zu hocken, muss Stress und Krankheiten verursachen. Wir werden mehr auf der Welt – so viel mehr, dass wir in Zukunft immer wieder an diesen kritischen Punkt kommen werden, an den sich Krankheiten rasant ausbreiten werden. Da ist es sinnvoll und wichtig, dass jeder seinen eigenen kleinen Teich, seine eigene Gartenscholle hat, um sich frei von Viren bewegen zu können.

Wie können wir die Krux zwischen dem größeren Flächenverbrauch um Häuser mit Garten zu besitzen und der unnötigen Ausweisung von immer neuen Baugebieten lösen? Ich selber habe auch ein grünes Herz und will so wenig unberührte Natur wie möglich zerstören. Wälder und Wiesen sind mir genauso wichtig zu erhalten.

Ich bin überfragt. Vielleicht fällt Ihnen was ein. Bis dahin, bin ich zum Nachdenken erst einmal auf der Gartenliege.

Ina Timm, ist freie Landschaftsarchitektin aus Tübingen

Sie finden alle Corona-Hinweise auch stets aktualisiert auf der Website der BAK. Mehr rund um das Thema Corona auch hier in unserer Artikelsammlung.

2 Gedanken zu „Grün statt dicht? Unsere Städte nach Corona

  1. Wir sollten nicht vergessen, dass der eigene Garten für Städtebewohner doch ein Privileg, ein Luxus ist, das nicht jedem oder jeder gegeben ist. Wo soll das viele Grün herkommen, wenn unsere Städte nicht ausfransen sollen und den ohnehin ständig steigenden Flächenverbrauch in Deutschland weiter anheizen sollen?

    Dafür gönnen sich alle Städte in Deuschland wohl ohne Ausnahme einen ganz besonderen Luxus: den des ruhenden Verkehrs. Dabei nimmt dieser einen Großteil des öffentlichen Raumes ein – der allen zusteht. Daher ist es Aufgabe der Politik und Stadtplanung, aber auch der Vordenker und Querdenker folgende Forderungen salonfähig zu machen und ein Umdenken herbeizuführen.
    Der öffentliche Raum ist zu schade für den ruhenden Verkehr und er steht allen zu. Auch denen, die nicht Auto fahren. Bezahlt werden diese Flächen ohnehin von allen. Die echten Kosten spiegeln sich nämlich nicht in den Parkgebühren wider.
    Die Parkflächen müssen reduziert werden, um Bedarfen Platz zu machen, die etwas mit der Klimakrise (und nicht nur Corona) zu tun haben: Grünflächen und Radparkmöglichkeiten. Denn auch parkende Räder gehören nicht auf den Bürgersteig oder in die ohnehin viel zu kleinen Baumscheiben. Sie sind Teil des Verkehrsaufkommens und gehören daher auf die Straße. Eine klimagerechte Aufteilung der Parkflächen wäre entspräche einem klimagerechten Verkehr und sähe in etwa so aus: 30% ruhender Verkehr, 30% Fahrradstellplätze und 40% Grünflächen. Denn das Pflanzen von Bäumen gehört zu einer der wenigen Stategien gegen den Klimawandel, die keine ungewollten Nebenwirkungen haben. Und nebenbei sorgt das Grün auch für psychische und physische Gesundheit – paradoxerweise auch dann, wenn man nicht weiter darin verweilt, das haben statistische Ermittlungen ergeben.

    Oh, ich höre sie schreien, Autofahrer, die nie einen Fuß in ein öffentliches Verkehrsmittel gesetzt haben. Denen möchte ich sagen: Denkt an die Zukunft Eurer Kinder. Und wenn Ihr keine habt, denkt wenigstens an die Kinder Eurer Freunde. Denn eines ist sicher: Die Klimakrise ist tödlicher als die Corona-Krise.

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  2. Vielfach sind doch die Gartenlandschaften in Deutschland lediglich vernachlässigte oder überpflegte grüne Wüsten. Golfrasenteppich, Buchsbaumtrauma, Hainbuchenöde und klinisch reine Beete. Selbst kleine Flächen im Verkehrsraum könnten auch in verdichteten Städten für Harmonisierung sorgen. Inspirierend finde ich folgende Zitate bekannter Gartendesigner:

    Piet Oudolf „Der naturalistische Gartenstil kopiert nicht die Natur sondern gibt ein Gefühl von Natur. Du schaust über die Staudenwiesen und das geht tiefer, als das was Du siehst. Es erinnert Dich an etwas in den Genen – die Natur oder die Sehnsucht nach der Natur.“

    Thomas Rainer „Wenn ein Blick in den Garten an eine größere Landschaft erinnert, wenn eine Gruppe von Pflanzen einem das Gefühl gibt durch eine Wiese zu laufen, oder durch einen dunklen Wald zu wandern, oder eine Waldlichtung zu betreten, dann hast du eine emotionale Erfahrung geschaffen. Und das ist für mich die wesentliche Kunst des Pflanzendesigns: zu wissen, wie man Pflanzen arrangieren muss, damit unsere Erinnerung an die Natur heraufbeschworen wird.“

    Freilich muss auch das naturentfremdete Auge kollektiv für Formen, Farben, Dynamiken und Wirkungen der Natur neu sensibilisiert werden.

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