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[ Inklusion ]

Jürgen Dusel im Interview: „Es macht keinen Sinn, Barrieren zu bauen!“

Jürgen Dusel hat ein Herz für gute Architektur. Brigitte Schultz sprach mit dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung über Gebäude für alle, zukunftssichere Infrastruktur und den Mut, sich auf den Weg zu machen

Portrait Jürgen Dusel
Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen

Herr Dusel, wie viel haben Sie als Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen mit Architektur zu tun?

Viel – da Architektur unsere Umwelt bestimmt. Da geht es um Barrierefreiheit in vielerlei Hinsicht, von Mobilität bis zu baulichen Aspekten. Wir haben Hunderte Eingaben jedes Jahr zu baulicher Barrierefreiheit. Dabei geht es nicht nur um den öffentlichen Raum – was ist zum Beispiel mit Hotels, Restaurants oder Läden? Meiner Meinung nach sollten auch Private zu Barrierefreiheit verpflichtet werden. Auch wenn viele bei dem Thema den Untergang des Abendlands an die Wand malen (lacht). Aber Demokratie braucht Inklusion! Da geht es um die Grundwerte unserer Gesellschaft. Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“ Und die Allgemeinheit sind eben auch Menschen mit Behinderungen.

Beziehen Sie das auch auf Privateigentum im engeren Sinn, also den Eigenheimbau?

Ja – und zwar zum Vorteil für die Bauherren. Der Klassiker ist doch: Ein junges Paar baut und macht sich überhaupt nicht klar, dass es schön wäre, später in einem barrierefreien Haus zu leben. Es gehört zu einer guten Beratung, ihnen zu sagen: „Wir bauen jetzt attraktiv, es soll ein tolles Haus werden – dazu gehören aber auch bestimmte Türbreiten, niedrige Schwellen und die Frage, wie ihr euch im Haus bewegen könnt.“ Zur Baugenehmigung wird man mit Informationen überschüttet, aber man bekommt fast nichts zur Barrierefreiheit und zum altersgerechten Bauen. Dabei kosten beispielsweise breitere Türen nicht mehr Geld, das ist nur eine Frage der Planung. Wir müssen davon weg, dass die Leute glauben, so ein Haus sähe dann wie eine Klinik aus. Es gibt da attraktive Ideen.

Was ist Ihnen an Architektur wichtig?

Die Umgebung beeinflusst das Wohlbefinden ganz stark, und sie kann Teilhabe ermöglichen. Zum Deutschen Architektentag habe ich seine drei Buchstaben ein bisschen umgemünzt: DAT bedeutet für mich „durch Architektur teilhaben“. Dieser Anspruch ist nicht nur Pflicht, er ist sehr lohnend für uns – und eng mit Schönheit verbunden. Keiner möchte hässliche Architektur. Das gilt auch für die Barrierefreiheit. Bloß wenn man erst baut und dann feststellt: „Huch, es ist nicht barriere­frei!“, und später irgendwas anflanscht – sieht es nicht gut aus. Wenn man Barrierefreiheit von Anfang an mitdenkt und als Kreativleistung begreift, kann sie gut aussehen.

Um das zu fördern, veranstalten Sie mit den Länderarchitektenkammern und der BAK Konferenzen zu inklusivem Gestalten. Ketzerisch gefragt: Ist schöne Barrierefreiheit nicht Luxus? Man ist ja schon froh, wenn etwas überhaupt barrierefrei ist …

Schönheit muss nicht gegen Zugänglichkeit ausgespielt werden. Man kann dieses Spannungsverhältnis positiv beschreiben. Es geht darum, eine attraktive Infrastruktur zu bauen, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllt. Da sehe ich die Architektenkammern als Verbündete. Wer sich damit klug auseinandersetzt, wird eine Menge Befriedigung schaffen. Es fragt ja auch keiner, ob Statik schön ist – oder Brandschutz. Mich stört, dass Barrierefreiheit negativ konnotiert ist, als etwas, das man jetzt„auch noch“ machen muss. Es ist eine Form der Qualität. Meines Erachtens verdient zumBeispiel nur barrierefreier Wohnungsbau überhaupt den NamensozialerWohnungsbau. Und es gibt viele kluge Architektinnen und Architekten in Deutschland, die das sehr attraktiv umsetzen können, wenn man sie lässt.

Die Regionalkonferenzen stellen solche Beispiele vor. Wie ist Ihr Eindruck: Wie weit ist die Architektenschaft bei dem Thema?

Auf den Konferenzen spüre ich großen Informationsbedarf, aber auch großen Gestaltungswillen. Sie sind voll von Menschen mit der Bereitschaft und dem Willen, sich damit auseinanderzusetzen. Etwa beim Spannungsfeld Denkmalschutz und Barrierefreiheit: Wie man das Grundrecht, am kulturellen Erbe teilzunehmen, kreativ lösen kann, ist ein großes Interesse von Architektinnen und Architekten.

Was sollten Architekten beachten?

Sie sollten in der Kommunikation mit Bauherren Barrierefreiheit als essenziellen Qualitätsstandard beschreiben. Das gehört einfach zur modernen Architektur dazu. Wir bauen nachhaltig, wir bauen klimaneutral, wir bauen attraktiv und wir bauen barrierefrei. Und das kostet übrigens nicht viel mehr. Es gibt natürlich den rechtlichen Rahmen. Aber wer heute Barrieren baut, ist entweder ein schlechter Architekt oder ein schlechter Bauherr. Es macht keinen Sinn, Barrieren zu bauen.

Haben Sie ein Lieblingsgebäude?

Mich begeistert es, wenn Gebäude klug gebaut sind, sie transparent sind, zugänglich sind. Das macht etwas mit der Person im Gebäude. Zuletzt hat mich das MoMA in New York total beeindruckt. Das hat auch tolle Konzepte zur Barrierefreiheit, beispielsweise für Museumsbesucher mit Demenz oder Parkinson. Ein wunderbares Gebäude.

Gibt es das perfekte Haus, das für wirklich alle Menschen funktioniert? Oder widersprechen sich manche Anforderungen?

Man darf das nicht ideologisch diskutieren. Sonst werden verschiedene Gruppen gegeneinander ausgespielt, und man macht sich erst gar nicht auf den Weg. Es ist unser Auftrag, und es ist sozusagen den Schweiß der Edlen, also der Architektinnen und Architekten, wert, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir das Bestmögliche für alle erreichen können. Und da ist noch Luft nach oben. Also hey: Nehmen wir die Herausforderung an! Lasst uns eine zukunftssichere Infrastruktur bauen. Das ist doch spannend! Lasst uns mal neue Wege gehen, lasst uns Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen, die wir bisher nicht so im Blick hatten! Lasst uns eine Gesellschaft bauen, die offen ist für Vielfalt, die die Leute nicht ausschließt! Lasst uns den öffentlichen Raum so gestalten, dass Menschen sich begegnen können, gemeinsam was unternehmen können. Barrierefreiheit hat nicht bloß irgendwas mit komischen gelben Markierungen oder grauen Rampen zu tun.

Sie können das längere Original-Gespräch im Podcast hören oder die Transkription nachlesen.

Inklusion live!

Die Regionalkonferenzen gehen in die nächste Runde. 2020/21 können Sie bundesweit zu sieben verschiedenen Themen dabei sein.

 

 

 

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