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[ Graphic Novels ]

Architektur mit Geheimnis

Mit Graphic-Novels in die Schweiz. Im Mittelpunkt: Le Corbusiers Pavillon am Zürichsee, eine Zwangsversteigerung und ein Mord. Und auch der Berg in Vals, an dem Zumthor seine berühmte Therme gebaut hat, birgt ein dunkles Geheimnis. Teil 2 unserer Rezensionen

Wenn sich der Berg auftut

Von Simone Kraft

Strenge Raumkuben, fensterlos, Wände aus hellgrauen, grob behauenen Gneisquadern, eine Akustik, die fast sphärisch anmuten kann, und schimmernde Formen- und Farbenspiele an den Wänden, die von Lichtquellen unter der Wasseroberfläche rühren, zudem nur über einen unterirdischen Gang zu erreichen – die Baderäume der Therme Vals von Peter Zumthor entfalten eine ganz eigene Atmosphäre. Was verbirgt sich hinter der nächsten Ecke? Wohin führen die grottenhaften Winkel – immer tiefer ins Innere des Berges? Wo stehe ich hier? Wie lässt sich der Grundriss überhaupt erfassen? Was, wenn sich die Wände, der Berg auftun?

Pierre ist von der geheimnisvollen Atmosphäre der Valser Therme infiziert. Er ist – was eigentlich? Irgendetwas ist vorgefallen, das ihn nach Vals treibt, in die Therme. Er hat in Paris Architektur studiert und seine Abschlussarbeit über Zumthors Meisterwerk verfasst. Dabei hat er ein Geheimnis aufgespürt, ohne es jedoch zu fassen zu bekommen. Die immer intensiveren Recherchen führen schließlich dazu, dass er das Manuskript vernichtet, krank wird, das Studium abbricht. Jetzt reist er nach Graubünden, um Antworten zu finden.

Schon die Reise ist voller düsterer Zeichen. Vor Ort macht Pierre eine Reihe geheimnisvoller Begegnungen. Eine beklemmende Spannung liegt vom ersten Blatt an in der Luft, alles scheint voller Andeutungen und Verheißungen. Wer ist der geheimnisvolle Valeret? Was hat es mit seinen rätselhaften Forschungen über Geheimgänge auf sich? Wer ist die – es darf wohl nicht fehlen – nackte Schöne im Bad, wer der feindselige Einsiedler auf der Alp?

Dieser erzählt Pierre die Legende vom „Schlund des Berges“, der unter der Therme liegen soll. Alle 100 Jahre öffne sich das Gebirge hier, locke einen Fremden an und verschlinge ihn.

Pierre versinkt buchstäblich immer tiefer in dieser fiebrigen Atmosphäre. In der Therme skizziert er die Räume und gerät in eine Art Wahn. Wände tun sich auf, Steine fliegen, Stürze scheinen vorprogrammiert. Sein Notizbuch verschwindet, der geheimnisvolle Valeret heftet sich bedrohlich an seine Fersen, Pierres Gemütszustand steht auf der Kippe – und über allem der Berg, das Gestein, das ein Eigenleben zu entwickeln scheint …

Nicht erst seit dem Zauberberg wissen wir, dass sich in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge eine ganz eigene Atmosphäre entwickeln kann. Es sei seltsam, dass die einzigartige Stimmung von Peter Zumthors Graubündner Badeanlage von 1996 noch nicht Schauplatz eines Films oder eines Romans geworden sei, sagt Lucas Harari. In seiner ersten Graphic Novel lässt er den heute schon denkmalgeschützten Bau nicht nur Bühne, sondern im Grunde gar Hauptdarsteller werden.

Nach wenigen Seiten schon kann man sich dem Sog von Hararis Geschichte nicht mehr entziehen. Ein Page Turner, im besten Sinne. Gezeichnet mit kräftigen Strichen – im „Ligne Claire“-Stil eines Hergé, dem Schöpfer von Tim und Struppi – kommen seine Panels oft mit wenig Text aus. Die Figuren sind kantig-stilisiert und durch wenige Striche ohne zu viele Details charakterisiert, die Palette ist auf wenige Farben, auf Blau, Schwarz, Weiß und Rot reduziert. Auch die Texte sind stets in der gleichen Schrift gehalten. Die Panels stehen ohne Abstand nebeneinander, die Bildfolge wird so noch dichter, gedrängter. In dieser zurückgenommenen Optik, die auch die Formensprache der Therme spiegelt, kann sich eine abgründige Atmosphäre entfalten, die der rätselhaften Geschichte Raum lässt.

„Der Magnet“ wurde zum Überraschungserfolg. Im Original in Frankreich schon 2017 erschienen, wurde er in mehrere Sprachen übersetzt, gar ins Rätoromanische Graubündens, und liegt auf Deutsch in der Übersetzung von Christoph Schuler mittlerweile schon in der dritten Auflage vor, verlegt von der Schweizer Edition Moderne, die sich schon seit den 1980er-Jahren (auch) den Graphic Novels verschrieben hat.

Für den jungen französischen Grafiker Lucas Harari, Jahrgang 1990, ein Traumstart in die Welt der Comic-Zeichner – vielleicht auch deswegen, weil die Geschichte eine sehr persönliche scheint. Harari tritt auch als Ich-Erzähler auf. Als Sohn eines Architektenpaars hat er selbst mit dem Architekturstudium begonnen, dieses jedoch rasch abgebrochen, um an die Kunsthochschule zu wechseln. Als Jugendlicher war er mit seinen Eltern in Vals, in der Therme, ein Besuch, der ihn nachhaltig beeindruckt hat.

Sein Erstling ist für Architektur-Fans sicher nicht die Quelle, in der sie Fachliches über Peter Zumthors Werk erfahren (anders etwa als in „Der Pavillon“ (s.u), und auch „Mies“). „Der Magnet“ wirkt anders. Es geht um Atmosphäre, um Spannung, um Was wäre wenn. Hier lebt das Gebäude buchstäblich, wird Schauplatz und Held einer rätselhaften Geschichte, wird intensiv erlebt – was kann sich ein Architekt eigentlich Schöneres wünschen für seinen Entwurf?

Lucas Harari
aus dem Französischen von Christoph Schuler
handgelettert von Michael Hau
Der Magnet
Edition Moderne, 2018
144 Seiten, 32 Euro

 

 

 

 

 

Mord und Meisterwerk

Von Simone Kraft

„Am 26. August 1996 wurde der Schweizer Arzt Peter Kaegi erstochen aufgefunden, an der Côte d’Azur, in Roquebrune-Cap-Martin, nur einen Katzensprung von Le Corbusiers einstigem Feriendomizil entfernt. Als die Masterstudentin Nadja Gilg mehr als 20 Jahre später das Centre Le Corbusier in Zürich, ein Spätwerk des weltberühmten Architekten, unter die Lupe nimmt, stößt sie auf Zusammenhänge, die den mysteriösen Mord in ein völlig neues Licht rücken…“, so verheißt es der Klappentext, und was sich liest wie ein eher trockenes Intro in einen der sich derzeit häufenden Provinzkrimis ist – eine Graphic Novel. Die sind zwar längst zur ernstzunehmenden Publikationsform geworden, weil sie Biografien oder Zeitgeschichte niederschwellig vermitteln können, – doch im Bereich Architektur findet man noch immer wenig.

Die Zeichnungen des Schweizers Andreas Müller-Weiss  sind aus einer Mischtechnik aus Pastellkreide und Tuschen geschaffen, der Duktus ist sichtbar, die Bildfelder sind malerisch aufgebaut. Er verzichtet dabei auf die comic-typischen schwarzen Umrandungen der Bilder. Die Sequenzen werden von freigestellten Elementen gerahmt, die sich über mehrere Seiten ziehen – Müller-Weiss‘ Stil muss man mögen, er lässt die Bildergeschichte schon optisch erwachsener daherkommen. Zudem recherchiert Müller-Weiss, ein studierter Architekt, der sich auch unter dem Pseudonym Sambal Oelek einen Namen gemacht hat, für seine Alben ausführlich. Seine Geschichten – häufig Künstler- und Architektenbiografien – fußen auf wissenschaftlich fundierten Fakten.

„Der Pavillon“ erzählt nun eine überraschende Geschichte aus dem Leben Le Corbusiers. Kaum ein Architektenleben scheint so ausgeleuchtet, und doch lassen sich auch hier Facetten entdecken, die bislang der Aufmerksamkeit der Forscher entgangen zu sein scheinen. Müller-Weiss komponiert aus seinen Recherchen eine Bildererzählung in fünf Akten – und sagt dies auch so. Es ist ein erzählerischer Kniff, den er hier anwendet, denn tatsächlich wird kein eindeutig zu fassender Handlungsstrang erzählt. Vielmehr werden mehrere Facetten verwoben, die zunächst nichts miteinander zu tun haben – sie liegen nicht zuletzt zeitlich und räumlich weit auseinander.

Es geht um Corbus letzten Bau, den Pavillon am Ostufer des Zürichsees, um dessen Entstehungsgeschichte, die Realisierung durch Heidi Weber und eine drohende Zwangsversteigerung. Es geht um Haus E.1027 in Roquebrune von Eileen Gray und Jean Badovici, ausgestattet mit Wandzeichnungen von Le Corbusier, seinen Verkauf, einen Bieterwettstreit mit Aristoteles Onassis und schließlich um die neue Hausherrin Marie-Louise Schelbert. Es geht auch um Heidi Weber, die Corbus Möbelentwürfe in den 1950er-Jahren wiederentdeckte und produzieren ließ, um Corbus Tod und auch um dubiose Machenschaften nach dem Tod der Schelbert, die schließlich zum Mord in E.1027 führen.

Diese Episoden zoomt Müller-Weiss heran, indem er sie in eine Rahmenhandlung einbettet: Er lässt Nadja Gilg auftreten, eine Masterstudentin und die einzige fiktive Figur im Buch, die immer wieder die erzählerischen Fäden in die Hand nimmt: Sie sei bei ihren Recherchen auf eben diese Geschichten gestoßen, berichtet sie dem Autor und somit auch den Lesern. Ihre Kommentare leiten durch die verschiedenen „Akte“ und verknüpfen die teils unzusammenhängenden Handlungsstränge – ein durchaus anspruchsvoller narrativer Trick, der die Fragezeichen im Blick des Lesers – warum erzählt Nadja das jetzt alles? – zu lösen weiß.

Insgesamt hat man eine ungewohnte, eine andere Art der Lektüre, einerseits zügig zu lesen, andererseits visuell und auch narrativ fordernd. Der eigenwillige Zeichenstil wird nicht jeden Leser ansprechen, für „Archi-Nerds“ lässt sich jedoch einiges Spannendes mitnehmen: Viele belegte Personen und Geschehnisse werden zusammengetragen, Hintergründe beleuchtet, ein umfangreicher Anhang belegt Faktisches und liest sich stellenweise fast spannender. Auch Müller-Weiss‘ Blick für Design-Details im Hintergrund der Szenen, teils mit leiser Ironie kommentiert, dürfte Architekturfans überzeugen. Corbu, der Meister, ist immer präsent, direkt wie indirekt, und begegnet mehr als Designer und Künstler denn als Architekt – und vor allem auch als Schlitzohr.

Und ja, auch der Mord wird noch aufgeklärt.

Andreas Müller-Weiss
Der Pavillon.
Mord an der Promenade Le Corbusier
Edition Moderne, 2019
72 Seiten, 29 Euro

 

 

 

 

 

In Teil 1 unserer Rezensionen folgen wir Mies von Aachen über Barcelona nach New York und Mendelsohn in das wilde Berlin der 1920er-Jahre. Lesen Sie hier weiter.

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