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[ Buchtipp ]

Architektonische Zwickmühlen

Warum sollten Bauherren einen Architekten beauftragen und keinen Bauträger? Der Philosoph und Architekt Martin Düchs gab im Rahmen einer von der Bayrischen Architektenkammer angeregten Kolumne im DAB Antworten auf moralische Grundsatzfragen. Der Band „50 + 1 Architektonische Gewissensfragen“ versammelt die interessantesten. Eine Leseprobe

Die architektonische Gestaltung von Lebensräumen wirft moralische Fragen auf. Der Band „50+1 Architektonische Gewissensfragen“ gibt ebenso philosophische wie unterhaltsame Antworten auf die Fragen von Lesern.

Es geht um die Wurst

Gewissensfrage: Gibt es moralische Gründe einen Architekten zu beauftragen? Ich bin kein Architekt, will aber in absehbarer Zeit Bauherr werden. Auf die „architektonische Gewissensfrage“ bin ich über Facebook gestoßen. In einer Antwort weisen Sie darauf hin, dass Architekten besondere, in einer Berufsordnung niedergelegte Pflichten haben und nicht so agieren können wie Bauträger. So ganz klar ist mir das als Laie, der sich mit dem Gedanken trägt zu bauen, aber nicht. Gibt es moralische Gründe, um für mein Vorhaben einen Architekten oder Innenarchitekten zu beauftragen und keinen Bauträger? (Franz K., Lehrer)

Antwort: Bei Ihrer Frage geht es direkt um ein Thema von höchster Wichtigkeit. Es geht sozusagen ans Eingemachte oder auch um die Wurst. Ich will Ihre Frage deshalb mit einem kulinarischen Vergleich beantworten. Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit Ihrer Familie in den Biergarten, um dort Brotzeit zu machen. Zu diesem Zweck braucht man bekanntlich neben einem scharfen Radi und vernünftigen Brezen auch eine Wurst. Die Frage ist, wo Sie die Wurst kaufen, im Supermarkt oder beim Metzgermeister Ihres Vertrauens. Die Supermarktwurst aus der Plastikfolie mag nett aussehen und billiger sein, aber Sie wissen nicht genau, was neben Glutamat noch drin ist und Sie können auch niemanden danach fragen. Was Sie aber sicher wissen können, ist, dass die Wurst so produziert wurde, dass der Profit des Produzenten an erster Stelle gestanden hat. Ganz einfach deshalb, weil der Produzent kein Interesse an Ihnen hat und auch nicht daran, dass Sie im Biergarten eine gute Zeit haben; sondern letztlich nur daran, die Kosten zu senken und den Preis so hoch wie möglich zu halten.

Wenn Sie dagegen zum Metzgermeister Ihres Vertrauens gehen, dann hängt an der Wand ein Meisterbrief und Sie wissen, dass hier jemand seinen Beruf mit Stolz ausfüllt und sich zum Berufsethos bekennt. Und dazu gehört, dass es dem Metzger nicht nur um das Geld, sondern in erster Linie um die Wurst geht. Er möchte von seiner Arbeit leben können, vor allem aber möchte er ein Produkt herstellen, das er mit gutem Gewissen verkaufen kann.

Was hat das nun mit Ihrer Frage zu tun? Der Witz ist, dass Architektur in zunehmendem Maße verkauft wird, wie die Wurst aus dem Supermarkt. Im Fall der Wurst kann man nun sagen, dass man keinen großen Wert auf Geschmack legt und dass es deshalb egal ist, welche Wurst man kauft. Im Fall der Architektur geht das aus zwei Gründen nicht so einfach. Erstens ist Architektur schlicht und einfach viel wichtiger für das Wohlergehen jedes Individuums als eine Wurst. Zur Not lässt sich ein Biergartenbesuch auch ohne Wurst überstehen, aber ohne Architektur kann der Mensch auf Dauer nicht würdevoll existieren.

Zweitens – und da funktioniert mein Vergleich leider gar nicht mehr – ist Architektur nicht nur wichtig für Sie, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Moralphilosophisch kompliziert ausgedrückt: Architektur ist eine Bedingung der Möglichkeit des guten Lebens auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Das Besondere an Architekten ist nun, dass sie beidem verpflichtet sind, dem Glück des Nutzers und dem Gemeinwohl. Der Investor ist dagegen in erster Linie und oft genug ausschließlich seinem eigenen Geldbeutel verpflichtet.

Deswegen bin ich der Meinung, dass es auch aus moralischer Sicht Gründe gibt, einen Architekten zu beauftragen. Architekten bekennen sich mit ihrem Eintritt in die Kammer dazu, Architektur nicht nur als x-beliebige Ware zu behandeln, sondern als etwas, das für das gute Leben des Menschen und der Gesellschaft von hervorragender Bedeutung ist. Für Architekten ist Architektur ein Lebens-Mittel – etwas, das wir brauchen, um zu überleben und etwas, das wir in möglichst guter Qualität brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Das Wissen um die enorme Bedeutung der gebauten Umwelt für Individuen, die Gesellschaft und die Natur ist die Basis von der aus Architekten agieren. Daraus wiederum ergibt sich ein Wissen um die Wichtigkeit des eigenen Handelns und damit verbunden ein Bekenntnis zu einer hohen Verantwortung.

Genau dieses Grundverständnis von Architektur als Lebens-Mittel und nicht als Ware, sowie das damit verbundene Verantwortungsbewusstsein zeichnet den Architekten aus und es liefert einen moralischen Grund einen solchen zu beauftragen. Damit liegt es letztlich an Ihnen als Bauherr, was Sie wollen und wie Sie die Bedeutung von Architektur einschätzen. Wenn es Ihnen nicht wichtig ist, wie Ihre vier Wände aussehen und wie die Stadt, in der Sie mit anderen zusammenleben, dann können Sie Architektur wie eine Wurst aus dem Supermarkt und ohne Rücksicht auf Verluste bestellen. Wenn es Ihnen aber wichtig ist, wo Sie leben und in welcher Umgebung Ihre Kinder aufwachsen, dann sollten Sie einen Architekten beauftragen, der sich auch als solcher versteht. Denn wenn er sich als solcher versteht, dann geht es ihm nicht ums Verkaufen, sondern um die Wurst.

Über das Buch

Architekten gestalten Lebensräume und tragen deshalb eine große Verantwortung. Es gilt, den verschiedensten Interessen gerecht zu werden – denen des Bauherrn, der Nutzer, der Nachbarn, der Passanten, der Umwelt und der Gesellschaft. Und um das kulturelle Erbe sollen sich Architekten
nach Möglichkeit auch noch kümmern. Zugleich wollen und sollen sie eigene künstlerische Interessen verfolgen.

Diese Gemengelage führt in der Praxis nicht selten zu Konflikten und wirft verschiedenste moralische Fragen auf: Grundsatzfragen der aktuellen Architekturproduktion. Tagtäglich stellen sich Architekten und Architektinnen solchen „architektonischen Gewissensfragen“. Viele der Fragen wurden im Rahmen einer von der Bayrischen Architektenkammer angeregten Kolumne im Deutschen Architektenblatt gestellt.

50 + 1 der interessantesten Zwickmühlen aus den Bereichen Architektur und Gesellschaft, Büroalltag, Recht, Nachhaltigkeit, Umgang mit Auftraggebern, Gestaltungs- und Vermittlungsfragen sowie zum Berufsstand wurden in Buchform publiziert. Der Philosoph und Architekt Martin Düchs beantwortet sie praxisnah, unterhaltsam und philosophisch fundiert. Sein Ratschlag: Es lohnt sich, der (eigenen) Stimme des Gewissens zu lauschen und genau abzuwägen, wenn sich bei der architektonischen Gestaltung von Lebensräumen (moralische) Fragen stellen.

 

50+1 Architektonische Gewissensfragen
beantwortet von Dr. Martin Düchs
mit einem Vorwort von Rainer Erlinger
Herausgegeben von der Bayerischen Architektenkammer,
bearbeitet v. Eric-Oliver Mader und Julia Mang-Bohn,
Dölling & Galitz Verlag: 2019,
248 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 10: 3-86218-127-8
ISBN 13: 978-3-86218-127-8

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