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[ Interview ]

„Architektur erklärt sich nicht von selbst“

Der Psychologe Riklef Rambow leitet das Fachgebiet Architekturkommunikation am KIT. Beim Deutschen Architektentag am 27. September wird er über Kommunikation und die Vermittlung guter Architektur diskutieren. Kerstin Kuhnekath und Cathrin Urbanek verriet er vorab, wo er Nachholbedarf in unserer Zunft sieht, wie man Begeisterung weckt und wie weit Demokratie in der Architektur für ihn geht

Warum müssen wir über Architektur sprechen?

Weil Architektur alle betrifft und für die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Zugleich ist sie aber etwas extrem Kompliziertes, kulturell Aufgeladenes, das sich überhaupt nicht selbst erklärt. Es gibt keine Selbstverständlichkeiten in der Architektur. Wenn wir einen Grundkonsens über Architektur und Baukultur herstellen möchten, dann müssen wir intelligent, offen, respektvoll und mit großer Geduld darüber sprechen.

Als Psychologe und Experte für Kommunikation kennen Sie alle Fallstricke des zwischenmenschlichen Austauschs. Sehen Sie bei Architekten Nachholbedarf?

Ja, aber da sind die Architekt*innen keineswegs allein. Jede anspruchsvolle Disziplin muss sich damit auseinandersetzen, wie sie ihre Anliegen und ihre Qualitätsvorstellungen öffentlich vermittelt. Wissenschaftskommunikation ist ein gewaltiges Thema, die Künste beschäftigen sich seit Jahrzehnten damit, wie sie aus dem bildungsbürgerlichen Elfenbeinturm herauskommen. Wichtig ist mir aber, neben Parallelen auch Unterschiede festzuhalten: Die Kommunikation über Architektur stellt ganz besondere Herausforderungen, die mit ihrem Gegenstand, aber auch mit dem Selbstbild des Berufes zu tun haben.

Sie plädieren für ein Kennenlernen guter, nicht unbedingt außergewöhnlicher Architektur – jenseits trockener Baugeschichte oder eines unerreichbaren „Traumhauses“. Wie kann man die Öffentlichkeit für Baukultur nachhaltig begeistern?

Idealerweise über gute Beispiele und direkte Erfahrung: Das stärkste Argument ist immer das eigene Erleben. Dabei ist es aber ganz wichtig, dass dieses Erleben an die Dimensionen anschlussfähig ist, die für die Öffentlichkeit auch relevant sind. Schwierig wird es immer dann, wenn es um Gebäude geht, deren Qualitäten nur auf der Grundlage des aktuellen Fachdiskurses verständlich sind. Jenseits der direkten Erfahrung sehe ich Ansatzpunkte vor allem dort, wo die Architektur überraschende Lösungen für aktuelle Fragestellungen bietet: Ressourcenschonung, Energieeinsparung, Bildungsbauten, in denen man Lust aufs Lernen bekommt, Wohngebäude, in die man sofort einziehen möchte und die man sich dennoch leisten kann. Auch wenn es trivial klingt: Architektur wird nur dort begeistern, wo sie unser Leben besser macht.

Der Beruf des Architekten wird sich weiterentwickeln. Technische und strukturelle Entwicklungen deuten auf eine Auflösung des Generalistentums hin. Was macht den Architekten der Zukunft aus?

Faktisch ist das Generalistentum schon heute die Ausnahme. Ich würde für die Ausbildung dennoch daran festhalten, zugleich aber auch die Notwendigkeit der Spezialisierung akzeptieren und konstruktiv wenden. Umso mehr Spezialthemen von kompetenten Architekt*innen besetzt werden, umso besser. Dafür muss aber die gelegentlich noch recht starke Abwertung des Spezialistentums durch die „Generalisten“ aufhören. Denn beides gleichzeitig geht nicht: Der Generalist, der alle Spezialgebiete beherrscht, ist eine Illusion.

Warum hängt moderner Architektur ein schlechter Ruf an?

Weil nicht immer klar ersichtlich ist, dass beziehungsweise wie sie unser Leben besser macht. Weil „less is more“ aus Sicht der Nutzer*innen und der Betrachter*innen oft gar nicht sinnvoll ist. Weil die moderne Architektur seit ihren Anfängen auch immer etwas Ideologisches und Dogmatisches hatte, was viele Menschen heute noch weniger als damals zu akzeptieren bereit sind. In pluralistischen Zeiten wie diesen sind Werte wie Strenge, Reduktion und Disziplin, die mit der Moderne assoziiert werden, nicht leicht vermittelbar. Und natürlich ist unter dem Namen „Moderne“ seit mindestens fünfzig Jahren auch sehr viel Mittelmäßiges, Langweiliges, rein ökonomischen Kriterien Folgendes entstanden, was die Einschätzung der wirklich qualitätvollen Beispiele sozusagen kontaminiert.

Wie demokratisch kann oder darf Architektur sein? Und wie politisch sollten Architektinnen und Architekten sein?

Architekt*innen sollten neben den Interessen der Auftraggeber*in immer auch das Gemeinwohl im Auge haben. Das ist ja der Kern des Selbstverständnisses als freier Beruf und daran würde ich auf jeden Fall festhalten. Eine explizit politische Haltung ist für Architekt*innen im Berufsalltag sehr schwer zu realisieren, weil die Abhängigkeit der Architektur vom Kapital extrem hoch ist. „Politische“ Projekte sind deshalb fast ausschließlich im akademischen Kontext möglich. Politisches Handeln sehe ich vor allem in der Verantwortung der Kammern und Verbände.

Ob gute Architektur „demokratisch“ in dem Sinne sein soll, dass möglichst viele Menschen während der Entwurfsphase mitreden und -entscheiden können sollten, sehe ich eher skeptisch. Im Einzelfall kann über strittige Projekte natürlich auch einmal abgestimmt werden, aber architektonische Entscheidungen im engeren Sinne eignen sich wegen des ganzheitlichen Charakters der Architektur nicht für demokratische Entscheidungsprozesse. Gute Architektur ist dennoch immer demokratisch in dem Sinne, dass sie den Wert eines Gebäudes für das Gemeinwesen (die Stadt, den öffentlichen Raum) zu optimieren versucht.

 

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