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[ Buchtipp ]

Klänge, Kleider, Kommunikation

Neben den Bauhaus-Orten galt das "Neue Frankfurt" als tonangebendes Zentrum der Avantgarde. Ein neues Buch zeigt, warum

Von Christina Gräwe

Ausstellungen sind meist temporär, Bücher bleiben. Und so lädt der Katalog „Moderne am Main“ (die gleichnamige Ausstellung war im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, zu sehen) weiterhin alle diejenigen, die sich ein umfassendes Bild zu den Jahren des Neuen Frankfurt zwischen 1919 und 1933 verschaffen möchten, zu einem Spaziergang ein. Das Thema bleibt aktuell: Frankfurt gilt bis heute neben den wechselnden Bauhaus-Orten als tonangebendes Zentrum der Avantgarde. Die Akteure des Neuen Frankfurt arbeiteten mit einer vergleichbaren Haltung wie ihre Kollegen an der namhaften Schule: Ihre Produkte sollten aus der engen Verzahnung zwischen Idee und Handwerk entstehen und nicht weniger als das gesamte Lebensumfeld des „Neuen Menschen“ formen.

Ausstellung und Buch mach(t)en eines deutlich, was vielleicht in der allgemeinen Wahrnehmung noch manches Mal zu kurz kommt: Ob Bauhaus oder Neues Frankfurt, die Aktivitäten beschränkten sich nicht auf heute ikonenhafte Villen oder wegweisende Siedlungsbauten. Sie umfassten alle Bereiche des Lebens, die Architektur ebenso wie das Produktedesign und die Grafik, die Fotografie genauso wie die Mode und die Musik. Und so begegnet man beim Blättern den Protagonisten ihrer jeweiligen Zunft sowie ihren Erzeugnissen: Paul Hindemiths Kompositionen, Margarete Klimts Modeklasse, Paul Renners „Futura“, Ferdinand Kramers Sitzbank, Lilly Reichs Ausstellungsgestaltungen. Die Protagonistinnen seien hier ausdrücklich erwähnt, denn in der produktiven Phase der Weimarer Republik traten tatsächlich Architektinnen, Fotografinnen und Modedesignerinnen erstmals in größerer Zahl und wahrnehmbar Seite an Seite mit ihren männlichen Kollegen auf (die Chefsessel jedoch blieben mit Männern wie Ernst May, Martin Elsaesser, dem Ex-Bauhäusler Adolf Meyer, Ernst Otto Sutter und Fritz Wichert besetzt).

Wer sich bereits intensiver mit dem „Neuen Frankfurt“ befasst hat, erhält eher eine Auffrischung als neue Erkenntnisse. Es ist eine Wiederbegegnung mit Design- und Architekturklassikern, mit ästhetisch-dokumentarischen Fotostrecken und Plakaten, mit Stoffdrucken und Schuhentwürfen. Die sieben Kapitel, in die das Buch sich gliedert, betten die einzelnen Bereiche zudem in den großen Kontext ein: „Grundlagen des Neuen Frankfurt“, für die unter anderen Oberbürgermeister Ludwig Landmann sorgte. Sie weisen auf bahnbrechende Erfindungen hin: „Experimentieren und forschen“ etwa mit den Anfängen des Radios. Sie unterstreichen mit „Netzwerke und Gesellschaften gründen“ das heute selbstverständliche networking, wie es unter anderem mit der modernisierten Neuauflage des Salons, dem Künstlertreff „Schmelzmühle“ des Künstlerinnen-Architektenpaars Ella Bergmann-Michel und Robert Michel geschah. Und noch einem anderen heute geläufigen Thema ist ein Kapitel gewidmet: „Moderne veröffentlichen“ zeigt, welche bis dato nie dagewesene Bedeutung PR und Öffentlichkeitsarbeit im Neuen Frankfurt einnahm. Mit zahlreichen Publikationen („Das Neue Frankfurt“), Messen, umfangreichen Ausstellungen („Musik im Leben der Völker“) und Events („Brückenweihe“) warben die Akteure des Neuen Frankfurt für ihre Arbeit und brachten ihr Ansinnen einer möglichst breiten Öffentlichkeit näher.

„Moderne am Main“ lässt den Zeitgeist des Neuen Frankfurt lebendig werden und stellvertretend eine Strömung, die vielerorts für intensive Umbrüche und Einflüsse sorgte, an die seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute immer wieder angeknüpft wird. „Moderne am Main“ suggeriert aber auch (wieder) ein ausschließliches Bild; die einflussreichen traditionsorientierten Gegenbewegungen zum „Neuen“ zu benennen, hätte den Spaziergang vervollständigt.

 

Klaus Klemp, Grit Weber, Annika Sellmann und Matthias Wagner K
Moderne am Main 1919-1933
Av Edition, Stuttgart, 2019
296 Seiten, 39 Euro

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