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Neuferts Quelle

Deutschlands einst größtes Versandhaus in Nürnberg sucht nach einer neuen Verwendung

Text: Gernot Weckherlin

Die inoffizielle Liste der größten, weitgehend leer stehenden Gebäude in Deutschland wird vom Berliner Flughafen Tempelhof angeführt. Rang zwei nimmt die ehemalige Zentrale des Großversandhauses Quelle mit einer Nutzfläche von etwa 255.000 Quadratmetern in Nürnberg ein. Anders aber als in Berlin verlaufen die (Wieder-)Belebungsversuche des schwer nutzbaren Nürnberger Bauwerks mit Raumtiefen von teilweise über 62 Metern auf bis zu sieben Geschossen fast schon verdächtig unspektakulär.

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Brückenschlag: Johannes Kister ist dem Erst-Architekten eng verbunden – er gibt „den Neufert“ mit heraus. Für den Quelle-Bau schlägt er eine Mischnutzung vor.

Der gewaltige, vor allem aber sehr kompakte Komplex entstand zwischen 1953 und 1969 in fünf Bauabschnitten. Schon der erste Abschnitt an der Fürther Straße war mit 54.000 Quadratmetern Geschossfläche auf stetige Weiterentwicklung angelegt, da das Warenvolumen des Versandhaus-Giganten rasant wuchs. Es entstand ein Komplex von einer besonders spröden Schönheit mit Fassadenausfachung aus chromlederfarbenem Hartbrandsteinen und markanten, fast ununterbrochen umlaufenden Sichtbetonbrüstungen und -stürzen. In der Architekturgeschichte hat er bis heute leider keinen gebührenden Platz gefunden. Zwar stößt er auf viel Begeisterung in Nürnberg. Aber das ist wohl weniger der Bewunderung für diese sehr spezielle Industriearchitektur, sondern eher der Erinnerung an die vergangenen Zeiten geschuldet – an den einst ­blühenden Versandhandel und an das zeitweise über 10.000 Arbeitsplätze bietende Unternehmen. Dabei ist der Bau die konsequenteste Verwirklichung eines perfektionierten logistischen Konzepts, und die Wirkung der imposanten Nürnberger „Quelle-Versandmaschine“ lässt die der armseligen Internet-Versandhallen unserer Tage weit hinter sich.

Begonnen hatte das rasante Wachstum des Versandhandelsunternehmens in den 1950er-Jahren. Das Großversandhaus Quelle wurde auch dank seines Katalogs, der erstmals 1954 erschien, zu einer Ikone des bundesdeutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit. Der inzwischen unter Denkmalschutz stehende Riesenkomplex geht auf Pläne des Architekten Ernst Neufert zurück, der vielen eher als Verfasser der „Bauentwurfslehre“ bekannt ist.

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Bei Quelle ging es im Prinzip darum, für „ein sinnvoll verzweigtes Lager- und Transportsystem mit horizontalen und vertikalen Komponenten ein ihm strukturell entsprechendes Gehäuse zu schaffen“. So beschrieben es die Autoren Joachim P. Heymann-Berg, Renate und Helmut Netter 1973 in ihrem Buch „Ernst Neufert. Industriebauten“. Diese besondere Verbindung von Logistik und Architekturhülle gelang Neufert für den ersten Bauabschnitt in nur neun Monaten. Mit dem Komplex wurde auch Computergeschichte geschrieben, kam doch ein eigens für diesen Zweck konstruierter Großrechner für die Verwaltung von Bestelleingang und Kunden­kartei bis hin zur Steuerung der Förderbandsysteme zum Einsatz. Dies geschah lange bevor etwa amerikanische Versandhandelskonzerne sich solcher Hilfsmittel bedienen sollten. Das bereits ab 1951 entwickelte „Informatik-System Quelle“ war eine der ersten großtechnischen Anwendungen eines Computers in der Prozesssteuerung weltweit und die technologische Basis, für die eine adäquate Hülle gebaut werden musste. Diese betriebstechnischen Neuerungen verdankte der Quelle-Gründer Schickedanz dem Logistiker und früheren Wehrmachtsgeneral Georg Reinicke. Seine patentierte „Fördereinrichtung zum Zusammenstellen von Einzelwaren aus verteilt angeordneten Vorratslagern zu Kollektionen“ war laut Patentschrift dazu geeignet, „insbesondere Kleinwaren, […] ungeachtet ihrer mannigfachen Art und Zahl, mechanisch auf schnellstem Weg von den örtlich verteilten Vorratslagern, gemäß den eingegangenen Kommissionen in ununterbrochener Folge einzuholen, zu ordnen und paketfertig zu sammeln.“ Wie es weiter fast poetisch klang, war das Prinzip dieses Systems aus Zentral- und Nebenförderanlagen ähnlich einem „Flussgebiet […], in welchem die mengenmäßig verschiedenen Wasserläufe aus allen Richtungen ununterbrochen einem Strom zufließen“. Der Bau war also in erheblichem Maß durch die Betriebslogistik vom Empfang des Kundenauftrags bis zum Warenversand determiniert. Damit setzte er meisterhaft das neuartige Zusammenspiel vom „Weg der Weisung“ und vom „Weg der Ware“ um.

Neufert betrat hier technisches Neuland. Seine wesentliche gestalterische Idee bestand darin, den Warenstrom auf den Förderbändern auch nach außen sichtbar zu machen. Dem dienten Fensterbänder, die um den ganzen Komplex herumgezogen wurden und die besonders hoch lagen. Zugleich entstand eine Baumasse, die keine „Hauptfassade“ aufwies. Nicht einmal ein markanter Eingangsbau war für die per Lkw und Bahn eingehenden Lieferungen eindeutig sichtbar. Einzig der monumentale und erst später hinzugefügte 90 Meter hohe Kaminturm des Heizkraftwerks verwies mit dem Firmenlogo auf das einst weltweit agierende Versandimperium.

Nach der Insolvenz von Quelle im Jahr 2009 wurden alle Förderanlagen demontiert. Die einstige Funktion ist auch im Gebäude selbst kaum mehr sichtbar. Besonders traurig: Den überall von Weitem sichtbaren Kaminturm ziert heute nur noch ein kryptischer Verweis auf den letzten Mutterkonzern Arcandor anstatt der einst markanten Hand im „Q“. Ebenfalls nur noch in Spuren zu erahnen ist, dass die Gebäudegrundmaße aus den „Lagerelementen“, dem Paletten-Grundmaß des „Deutschen Paletten-Pools“, entwickelt und mit den von Neufert definierten „Achsabständen und Geschosshöhen im Industriebau“ koordiniert waren. Dies deuten heute allein die Planquadratmarkierungen der ehemaligen Palettenstandorte am Boden der überwiegend leer stehenden Riesenhallen an.

Seit 2009 ziehen sich die Verhandlungen zwischen Konkursverwaltern und unterschiedlichen Gläubigern hin. Ein erster Käufer ging 2011 selbst in die Insolvenz. Daraufhin geriet das Areal als Teil der Konkursmasse in die Hände der Gläubigerbank Credit Suisse. Diskutiert wurden die Zwangsversteigerung, der Teilverkauf von Flächen, wie den benachbarten ehemaligen Parkplatzarealen, und sogar der Teilabriss des Bauwerks. Dies forderte noch im Kommunalwahlkampf im Februar 2014 der bayerische Finanzminister Markus Söder.

Unten einkaufen, oben wohnen

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Inzwischen ist längst eine lebendige und bunte Generation von Zwischennutzern eingezogen: Unternehmen, Händler, ein Feinbäcker, eine Ballettschule und Künstler. Sie tragen wenigstens einen Teil der gewaltigen Betriebskosten. Und derzeit berichtet die lokale Presse vor allem über die Bauvoranfragen des portugiesischen Einkaufscenter-Betreibers Sonae Sierra. Sie zielen darauf ab, die Flächen des Versandzentrums aufzuteilen in eine von der Stadt Nürnberg genehmigte Einkaufsebene und in eine oder mehrere andere Nutzungsbereiche. Die von Sonae Sierra geplante Einzelhandelsfläche soll jener des ehemaligen „Quelle-Markts“ entsprechen, des einst hier eingeschlossenen Kaufhauskomplexes. In den einstigen Lagerhallen in den Obergeschossen sollen bis zu 400 Wohnungen entstehen; teilweise sollen dafür Lichthöfe eingeschnitten werden. Dies könnte ein spektakuläres Projekt werden – ebenso wie die von den Kölner Architekten Kister Scheithauer Gross (KSG) in einer Studie vorgeschlagene Mischnutzung zweier Geschosse der ehemaligen „Versandmaschine“.

Ein Wettbewerb zur Ordnung des städtebaulich noch immer heterogenen Umfelds ist inzwischen in einen Bebauungsplan umgesetzt. Das Baudenkmal ließe sich trotz veränderter Nutzung nahe an seiner ursprünglichen Anmutung erhalten. Das Problem liegt weniger in der Dimension des Bauwerks als in den Bedingungen der Finanzierung, der Kalkulation des Gebäude- und Grundstückswerts und der eigentumsrechtlichen Aufteilung zwischen Gewerbe- und Wohnanteilen.

Die Immobilien-Zeitung jedenfalls orakelte schon, dass Quelle für Sonae Sierra noch zu einem „Riesen-Coup“ werden könne, wenn es gelänge, das Einkaufszentrum wirtschaftlich zu betreiben. Die Möglichkeiten wachsen manchmal eben auch mit der Größe der Pläne. Das wusste schon der Quelle-Gründer Gustav Schickedanz.

Dr. (des.) Gernot Weckherlin ist Autor und ­Architekt in Berlin und lehrt dort Architekturgeschichte.

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