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[ Schwerpunkt: Gesundheit ]

Rosskur

Das Bettenhochhaus der Berliner Charité wird bei laufendem Betrieb saniert; parallel dazu entsteht ein neues OP-Zentrum. Doch wie lässt sich ein normaler Klinikalltag unter Baustellenbedingungen überhaupt organisieren?

Foto: Charité-Universitätsmedizin Berlin, Schweger Architekten
Vergangenheit und Zukunft: Das angejahrte Charité-Hochhaus in Berlin erhält bis 2016 eine moderne Fassade und wird um einen Neubau ergänzt.

Text: Cornelia Dörries

Rauchende Männer in Bademantel und Adiletten sind auf Baustellen normalerweise eher selten zu finden. Und auch die bekümmert dreinblickende Dame, die mit einem Blumenstrauß in der Hand zwischen Absperrungen und Hinweisschildern nach dem Weg sucht, wirkt inmitten der werkelnden Bauarbeiter hilflos und verloren. Selbst der eilende Arzt im weißen Kittel blickt suchend-angestrengt. Doch die stillen Raucher mit ihren nackten Beinen, die leicht verzweifelte Dame, der Arzt und die Arbeiter mit ihrem schweren Gerät –  sie alle müssen hier in der nächsten Zeit irgendwie miteinander auskommen: als Patienten, Besucher und Beschäftigte der Charité Berlin-Mitte. Denn der zentrale Campus des größten Universitätsklinikums Europas verwandelt sich derzeit in eine Großbaustelle – bei laufendem Betrieb. Im Mittelpunkt der 360 Millionen teuren, umfangreichen Maßnahme steht das 1982 errichtete Bettenhochhaus mit seinen 21 Etagen, das kernsaniert und modernisiert wird und eine neue, energieeffiziente Fassade erhält. Außerdem entsteht am Standort des abgerissenen Hörsaaltrakts an der östlichen Flanke des Hochhauses der Neubau für den zentralen OP- und intensivmedizinischen Bereich.

Die größte Baumaßnahme in der langen Geschichte des traditionsreichen Berliner Klinikums ist so etwas wie eine Operation am offenen Herzen. Sie verlangt nicht nur den Patienten und Mitarbeitern einiges ab, sondern stellt auch die Planer und die Baubeteiligten vor hoch komplexe Herausforderungen in Sachen Logistik, Zeitmanagement und Planungsdisziplin.

Im Rahmen eines VOF-Verfahrens erhielt das Büro Ludes Architekten aus Berlin im Jahr 2011 den Zuschlag für die Planung der Sanierungsmaßnahme. Das Team um Büroinhaber Stefan Ludes ist auf Klinik- und Wissenschaftsbauten spezialisiert und hatte auf dem Gelände des Charité-Campus bereits die Sanierung eines denkmalgeschützten Institutsbaus sowie ein modernes Labor- und Forschungsgebäude realisiert, war also mit den städtebaulichen und architektonischen Gegebenheiten des mitten in Berlin gelegenen, weitläufigen Klinikstandorts bestens vertraut. „Mit dem Bettenhochhaus war die Determinante bei dieser speziellen Aufgabe schon gesetzt“, so Stefan Ludes. „Es ging ja nicht vorrangig darum, einen Neubau zu planen, sondern auf der Grundlage einer vorliegenden Machbarkeitsstudie Ideen für diesen Bestand zu entwickeln.“

Auch wenn sein Büro schon seit gut 30 Jahren im Bereich Gesundheitswesen tätig ist, ragt für Stefan Ludes das Projekt Charité hinsichtlich Umfang und Komplexität, aber auch Renommee heraus. Dass er die Maßnahme mit Rücksicht auf den laufenden Klinikbetrieb planen muss, ist indes nichts Besonderes für ihn. „Das Bauen bei laufendem Betrieb, in Abschnitten, mit Rochaden und einer differenzierten Umzugslogistik ist im Gesundheitswesen die Regel“, so Ludes. „freilich nicht in dieser Dimension.“ Denn hier gilt es, zehn Klinikstationen mit allem, was dazu gehört – Technik, Medikamente, Patientenbetten – in ein Provisorium zu verlagern, um dann anhand eines sehr ambitionierten Zeitplans die Sanierung und den Neubau zu bewältigen, bevor die Rückverlagerung des Betriebs erfolgt.

Foto: Ludes Generalplaner GmbH
Generalüberholt: Nicht nur der Empfangsbereich des Hochhauses wird völlig neu gestaltet; auch die stationären Bereiche erhalten eine zeitgemäße Austattung.

Seit August 2013 ziehen die einzelnen Stationen nach und nach in ein eigens für die Bauzeit errichtetes Interimsgebäude, die sogenannte Charité Campus Klinik (CCK) auf der anderen Straßenseite. Der orangefarbene, viergeschossige Modulbau mit U-förmigem Grundriss beherbergt während der Bauzeit 339 Betten; eine gewisse Anzahl von Plätzen wird auf andere Kliniken an den Charité-Standorten in Steglitz und Wedding verteilt. Spätestens im Herbst, zu Beginn der auf etwa drei Jahre terminierten Bau- und Sanierungsarbeiten, soll das Bettenhochhaus mit seiner Kapazität von derzeit 490 Betten komplett geräumt sein.

Auch wenn die Klinikleitung die Zumutungen für Patienten und Personal während der Bauphase so gering wie möglich halten will, wird es ohne verlängerte Wege und die unvermeidlichen Belästigungen einer Baustelle nicht gehen. So verbleiben die OP-Abteilung mit angeschlossener Intensivstation sowie die Rettungsstelle bis zur Fertigstellung des neuen OP-Zentrums in einem dem Hochhaus angegliederten Altbautrakt. Sie sind lediglich über eine Brücke mit den diagnostischen Abteilungen und den Pflegestationen in der temporären Campus Klinik verbunden – was auch bedeutet, dass die Patienten einen Teil des Weg zum OP und retour praktisch durch die Baustelle hindurch zurücklegen. Eigens dafür werden von Staub und Lärm  abgeschottete Tunnel eingerichtet, die hinsichtlich Keimfreiheit, Temperatur und Luftqualität den vorgegebenen Krankenhausstandards genügen müssen.

Funktionale Einbußen für den Klinikbetrieb sind mit den Bauarbeiten jedoch nicht verbunden. Das Interimsgebäude ist nämlich ein hochmodernes Krankenhaus, das neben technisch voll ausgestatteten Behandlungs- und Untersuchungsräumen auch angenehm gestaltete Patientenzimmer sowie eine Cafeteria im Erdgeschoss beherbergt. Die Ausstattung der Zimmer mit modernen Betten und digitaler Kommunikationstechnik weist sogar ein wenig in die Zukunft. Denn mit der Sanierung des Bettenhochhauses soll vor allem der Komfort der Kranken verbessert werden. „Künftig wird sich etwa ein Viertel der Patienten in Ein-Bett-Zimmern wiederfinden, der Rest in Zwei- und wenigen Drei-Bett-Zimmern“, so Christian Kilz,  Bau-Chef der Charité. „Die Nasszellen werden vergrößert und hochwertiger ausgestattet. Den Patienten werden an jedem Bett Multimedia-Geräte zur Verfügung stehen, die der Unterhaltung dienen, aber auch zur Unterstützung medizinischer Aufklärungsgespräche eingesetzt werden können.“

Sieht man von den Aspekten des Patientenkomforts einmal ab, bleibt die Frage, ob sich ein Klinikgebäude aus den 1980er-Jahren so ohne Weiteres für die Anforderungen der Hochleistungsmedizin des 21. Jahrhunderts ertüchtigen lässt. „Natürlich gibt es heute neue Therapie- und Untersuchungsmethoden, die es vor 30 Jahren noch nicht gab“, so Architekt Ludes. „Das moderne medizintechnische Equipment lässt sich nicht einfach in diese vorhandenen Altbaustrukturen integrieren. Unsere Aufgabe bestand genau darin, auf Grundlage der unverrückbaren Gegebenheiten des Hauses die optimale Planung für einen modernen Klinikbetrieb zu entwickeln.“ Im Mittelpunkt steht dabei – auch bedingt durch den Kostendruck im Gesundheitswesen – das Optimieren von Prozessen und Behandlungsabläufen. Dafür müssen sich die Architekten detailliert mit hochspezialisierter Medizintechnik, kleinteiligen Abläufen und den damit einhergehenden Anforderungen an die Räumlichkeiten auseinandersetzen. So sagt Peter Schmiedgen, der verantwortliche Projektleiter bei Ludes Architekten: „Wir sind zwar keine Medizinplaner, doch wir müssen die medizinischen Abläufe und technischen Zusammenhänge so weit kennen, wie dies zur Übersetzung in eine Gebäudeplanung erforderlich ist. Das ist ein Spezialwissen, das nicht viele Büros haben.“ Und es ist Spezialwissen, das nur über die ständige Beschäftigung mit der Bauaufgabe Klinik auf der Höhe der Zeit bleibt. „Die Standards in diesem Bereich ändern sich innerhalb von Zyklen, die kürzer als 30 Jahre sind “, sagt Stefan Ludes. Nicht zuletzt deshalb geht es bei der Planung heute vor allem darum, flexible Grundstrukturen zu schaffen, die diesem raschen Wandel genügen.

Foto: Ludes Generalplaner GmbHDoch nicht nur die Medizintechnik hat sich verändert, sondern auch die Patientenschaft. „Wir müssen berücksichtigen, dass die Menschen heute älter und dicker sind, wenn sie ins Krankenhaus kommen“, gibt Schmiedgen zu Bedenken. „Das Thema Adipositas, also krankhafte Fettleibigkeit, spielt eine große Rolle, wenn es um die Planung von Zimmern, die Breite von Türen und um Vorrichtungen geht, die nötig sind, um solche Patienten umzubetten und zu transportieren. Das hat natürlich Einfluss auf die Geometrie und die Grundrisse, mitunter sogar auf die Deckenkonstruktion.“ Im sanierten Bettenhochhaus der Charité wird in Zukunft auf jeder Station eine gewisse Kapazität von Plätze für schwergewichtige Patienten vorgehalten. Ein weiterer Aspekt ist die sogenannte Multimorbidität, also der Umstand, dass viele Patienten in einer alternden Gesellschaft nicht mehr nur an einer Krankheit leiden, sondern mehrere, teilweise altersbedingte Gebrechen haben. Dies erfordert neue, stärker interdisziplinär organisierte Abläufe, denen auch die Planung Rechnung tragen muss. Die Bettenanzahl pro Station wird mit etwa 25 unter dem üblichen Durchschnitt von rund 35 liegen, um eine hohe Pflegeintensität zu gewährleisten. Da die Charité auch eine Hochschuleinrichtung ist, an der angehende Mediziner ausgebildet werden und Forscher tätig sind, befinden sich auf jeder Station in Zukunft eigene Bereiche für die akademische Lehre – eine Neuerung, die auf einen Wandel des Medizinstudiums zurückzuführen ist. Die Studenten sollen heute so praxisnah wie möglich lernen, anstatt nur im Hörsaal zu sitzen.

Ludes Architekten zeichnen für die gesamte Planung der Maßnahme verantwortlich – von der internen Gebäudestruktur und den öffentlichen Räumen über die technisch komplexen Funktionsbereiche bis hin zur Einrichtung der Patientenzimmer. Für die Neugestaltung der Fassade des städtebaulich markanten Hochhauses wurde ein eigener Wettbewerb ausgelobt, den das Büro Schweger + Partner aus Hamburg mit seinem Entwurf für eine klar strukturierte, kühl-weiße Gebäudehülle gewann. Das weithin sichtbare Klinikum darf sich in Zukunft also mit einigem Recht als „Leuchtturm“ bezeichnen – nicht zuletzt, weil es sich auch bei den Architekten auf fähige Spezialisten verlassen kann.

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