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[ Nachwuchs-Kolumne #205 ]

Werkstadt für klimagerechte Lehre 3/7: Umbauen der Praxis

Am 24. Mai diskutierten in Regensburg rund 60 Studierende und Berufseinsteiger:innen, wie die dringend nötige Transformation des Studiums gelingen kann. Engagierte Planende gaben ihnen dabei Impulse aus der Praxis. Diese dritte „Werkstadt für klimagerechte Lehre“ stellte sechs Forderungen.

Bild der Diskussionsrunde einer Werkstadt von oben
60 Personen kamen in Regensburg zusammen. Diese dritte Werkstadt war zugleich der Auftakt des siebten Vernetzungstreffens von nexture+.

Von Lorenz Hahnheiser

Klimagerechte Lehre sollte die Studierenden darauf vorbereiten, die Bauwende strukturell umzusetzen. Soweit die Theorie. Doch faktisch fragen sich Studierende und Berufseinsteiger:innen, wie sie beim „Realitycheck“ des Berufseinstiegs an ihren Idealen festhalten können. Dies diskutierten rund 60 von ihnen bei der dritten Werkstadt für Klimagerechte Lehre am 24. Mai in Regensburg mit Gabriele Bernatzky von Hoskins Architects. Begleitet wurde der Diskurs mit Videobotschaften von Mitgliedern aus fünf weiteren Büros, die die Bauwende vorantreiben.

Es scheitert nicht an Geld oder fehlendem Fachwissen

Wer aus dem Architekturstudium kommt und frisch im Berufsalltag klimagerechte Vorschläge einbringt, lernt schnell die Lücke zwischen Theorie und Praxis kennen. Ambitionierte Ideen werden oft abgetan mit Formulierungen wie: „Da müssen wir realistisch bleiben.“, „Das ist viel zu teuer.“ oder „Das ist zu kompliziert.“

Mut, bei Gegenwind standhaft zu bleiben, gab den Teilnehmer:innen der Werkstadt ein Impuls von Gabu Heindl: „Sehr oft werden entweder ökonomische oder technische Gründe vorgeschoben, warum etwas nicht möglich ist. Es ist, das wissen wir, alles möglich.“ Gabriele Bernatzky, die zusätzlich zu ihrem Architekturstudium ausgebildete Mediatorin ist, ergänzte: „Projekte scheitern nicht an Geld, sondern an Kommunikation.“

Screenshot der per Videocall zugeschalteten
Mit Videoimpulsen nahmen an der Werkstadt Johannes Krohne von IFUB, Tina Ekener von In Situ, Jörn Gertenbach von Foreward, Gabu Heindl von Gabu Heindl Architektur und Amandus Sattler von Ensømble teil.

Klimagerechtigkeit: die Rose im Blumenstrauß

„Wir haben schon immer einen Blumenstrauß voller Parameter gehabt, die unsere Planung beeinflussen. Und für die nächsten zehn Jahre oder länger ist Klimagerechtigkeit das relevanteste Thema“, hält Amandus Sattler, Büroinhaber von ensømble und Präsident der DGNB fest. Den vielen verschiedenen Ansprüchen an die Berufspraxis entsprechend, waren auch die Forderungen, die aus dieser Werkstadt hervorgingen, beinahe ein Rundumschlag:

1. Es braucht einen Paradigmenwechsel!

Die Baukultur hat sich zu lange auf den Erfolgen modernistischer Architekten ausgeruht. Der Disziplin wird nicht mehr zugetraut, Lebensqualität zu schaffen. Die Erwartungen beschränken sich auf hübsche Gebäude, die in die Welt gestreut werden. In Lehre und Praxis muss neu bewertet werden, was als Leistung gilt. Ein substanzieller Wandel muss her, der Lebensqualität einen höheren Stellenwert einräumt als ökonomischer Rendite.

2. Stellt Autoritäten und Strukturen infrage!

In der Praxis, in der Architekturpolitik sowie in der Bauverwaltung muss kritisch betrachtet werden, warum bei wem welche Verantwortung liegt. In den Hochschulen bedeutet das, so eine Schlussfolgerung der Werkstadt, die Lernenden zu einem Teil von Veränderungsprozessen zu machen und sie in ihrer Selbstwirksamkeit zu bestärken.

3. Lehrt Kommunikationsfähigkeit als Fachkompetenz!

Kompetenzen wie bedürfnisorientierte Kommunikation, Präsentations- und Überzeugungsstrategien, Führungskompetenzen und Fehlerkultur müssen im Studium ebenso vermittelt werden wie Fachwissen und Entwurfshandwerk. Kurse sollten diese Fachkompetenzen gezielt vermitteln und kritische Reflexionsgespräche Semester für Semester zwischen Studierenden und Lehrkörper geführt werden. Auch während der Entwurfsarbeit sollten Gruppen angeregt werden, Arbeitsweise und Zusammenarbeit zu reflektieren.

Gabriele Bernatzky von Hoskins Architects (Mitte) diskutiert mit den an der Werkstadt teilehmenden
Auf dem Podium begrüßten Teresa Immler (links) und Lorenz Hahnheiser (rechts) von nexture+ dieses mal Gabriele Bernatzky von Hoskins Architects (Mitte). Diskutiert wurde, wie aus Sicht der Praxis, die Bauwende in der Lehre stattfinden sollte.

4. Kehrt den Gestaltungsprozess um!

Zu oft folgen auf die Bedarfsermittlung noch immer zunächst Formfindung und ästhetische Entscheidung. Danach wird das benötigte Material eingekauft. Diese Reihenfolge muss in Lehre und Praxis umgekehrt werden, fordert die Werkstadt. Am Anfang sollten die verfügbaren Ressourcen stehen und die Frage: Wie können wir Bestand für sich sprechen lassen, um die richtige Art einer künftigen Nutzung zu finden? Politisch bedeutet das, Bestandsbau leichter als Neubau zu machen. Abbruch und CO2-Emissionen bedürfen guter Gründe und sie sollten ökologisch eingepreist werden. Bis hin zu Baustopp, Betonvermeidung und Abrissmoratorium gilt es, dies in Praxis und Lehre zu tragen.

5. Lernt Gebäude lieben!

Wenn Studierende den Bestand wertschätzen und lesen lernen, kann sich ein Selbstverständnis entwickeln, baulich so wenig wie möglich zu tun. Die Auseinandersetzung mit den vorhandenen Ressourcen muss im Studium attraktiv gemacht werden. „Wir haben einen neuen Beruf erfunden: Der heißt Bauteiljäger:in“, erklärt Tina Ekener vom Baubüro In situ in diesem Zusammenhang. Bauteiljagd sollte Teil des Studiums sein.

6. Überzeugt mit klimagerechten Lösungen!

Die vielfältigen Einreichungen bei Wettbewerben und in Entwurfsprojekten zeigen: Es gibt für jede Situation viele Alternativen, nicht die eine wahre Lösung aus technischer oder ökonomischer Sicht. Politischer Wille entscheidet. Die Forschung an den Hochschulen sollte Argumente für klimagerechtes Bauen erarbeiten und diese nach außen tragen. Büros, die klimagerechte Ideale verkörpern, sind besonders überzeugend. Die Werkstadt will Universitäten bestärken, dies strukturell und im Alltag vorzuleben.

Gruppenfoto der Werkstadt
Beim Abschiedgruß der dritten Werkstadt geht der Blick schon auf die vierte am 6. Juni in Detmold.

Zur nächsten Werkstadt dazu-zoomen

In der nächsten Werkstadt werden am 6. Juni in Detmold ab 19:45 Uhr wichtige Schnittstellen zwischen theoretischem Studium und handwerklichem Pragmatismus untersucht. Interessierte können sich hier dazu-zoomen.

 

nexture+ lädt sieben Mal zu einer „Werkstadt“ ein, um die überfällige Transformation der Hochschulen strukturell zu beschleunigen. Lorenz Hahnheiser ist Co-Organisator und Co-Moderator der Reihe „Werkstadt für klimagerechte Lehre“. 


Lorenz Hahnheiser hat sein Bachelor-Architektur Studium an der Leibniz Universität Hannover abgeschlossen, sammelte dann erste Bauerfahrungen und studiert nun im Master an der TU Berlin. Er engagiert sich bei der Nachwuchsorganisation nexture+ und ist Beirat der Joanes Stiftung.

Die Nachwuchs-Kolumnen des DAB schreibt ein junges Team, weitere Autor:innen sind Johanna Lentzkow, Fabian P. Dahinten und Luisa Richter.

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