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[ Sensible Bauaufgabe ]

Hospize planen und bauen: Chancen und Herausforderungen

In welchen Räumen will man die letzten Tage seines Lebens verbringen? Die Bauaufgabe Hospiz stellt Architektinnen und Architekten vor besondere Herausforderungen. Wer sie ernst nimmt, kann und muss weit mehr anbieten als eine Dienstleistung

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Letzte Hilfe“ im Deutschen Architektenblatt 04.2020 erschienen.

Von Nils Ballhausen

Für die meisten Menschen hierzulande endet das Leben in einem Krankenhaus. Fast 60 Prozent wünschen sich jedoch, zu Hause sterben zu können, wie 2017 eine Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) ergeben hat. Die Versorgung und Begleitung unheilbar kranker Menschen in ihrer vertrauten Umgebung kommt diesem Wunsch entgegen. In Deutschland gibt es heute etwa 1.500 ambulante Hospizdienste und circa 330 Palliativstationen in Krankenhäusern, von denen drei auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind.

Hospize in Deutschland

Wenn eine Versorgung zu Hause nicht möglich ist, etwa weil der Gesundheitszustand des Patienten es nicht zulässt, unterstützende Angehörige fehlen oder überlastet sind, dann kann ein stationäres Hospiz die richtige Adresse sein. 1996 gab es in Deutschland etwa 30 solcher Einrichtungen, aktuell stehen etwa 230 stationäre Hospize für Erwachsene mit durchschnittlich etwa zehn Betten zur Verfügung. In diesen circa 2.300 Hospizbetten werden jährlich etwa 30.000 Menschen versorgt, dazu kommen 17 stationäre Hospize speziell für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Laut DHPV engagieren sich in Deutschland rund 120.000 Menschen ehren- und hauptamtlich im Hospiz- und Palliativdienst. Finanziell werden Hospize in den meisten Fällen von gemeinnützigen Vereinen und Organisationen, Stiftungen oder Kirchen getragen. Einige von ihnen werden von Ärzten geleitet, während andere mit niedergelassenen Medizinern zusammenarbeiten. Die Anbindung an ein Krankenhaus kann aus logistischen Gründen sinnvoll sein, erforderlich ist sie nicht. Im Gegenteil: Selbst Hospize, die auf einem Klinikgelände liegen, müssen baulich, wirtschaftlich und organisatorisch eigenständig sein und dürfen laut Gesetz nicht Teil eines Krankenhauses oder einer Pflegeeinrichtung sein.

Die Voraussetzung für die Aufnahme in ein Hospiz ist die ärztliche Diagnose, dass eine Heilung des Patienten nicht möglich ist. Wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) diese Diagnose bestätigt hat, ist die Kostenübernahme gewährleistet und der Patient kann – je nach Verfügbarkeit – ein Zimmer für seine letzten Tage beziehen. Der Aufenthalt wird von der Krankenkasse, der Pflegekasse und dem Hospizträger finanziert, die Patienten müssen nichts zuzahlen. Der durchschnittliche Tagesbedarfssatz liegt derzeit je nach Bundesland zwischen 250 und 380 Euro. Um einer Kommerzialisierung der Hospizarbeit vorzubeugen, schreibt der Gesetzgeber vor, dass die Träger fünf Prozent der laufenden Kosten aus Spenden und ehrenamtlicher Arbeit bestreiten.

Das Hospiz Berlin-Köpenick von Heinle, Wischer und Partner

Im Hospiz Berlin-Köpenick beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste 29 Tage, sagt der Leiter Frank Armbrust bei unserem Rundgang. Das 2017 eröffnete, seither mit mehreren Preisen ausgezeichnete Haus steht auf dem Campus der DRK-Kliniken im Berliner Südosten. Das mitgebrachte mulmige Gefühl verfliegt schon kurz hinter dem lichten Windfang, wir werden freundlich begrüßt und mit einem Getränk versorgt. Zum Gespräch sitzen wir in einem hellen, offenen Raum mit Kaffeetresen, Esstischen und Sesseln, am Rand steht ein Flügel für Konzerte. Hier blickt man in einen kleinen Patio, dort sieht man einige Mittagsgäste eintrudeln, kaum etwas deutet auf den Ernst der Lage hin. Ein Zusammentreffen mit Todgeweihten hatte man sich düsterer vorgestellt. Dieser zentrale Bereich, an dem sich alle Bewohner und Besucher treffen können, ob zum Essen, Reden, Feiern oder Fernsehen, sei essenziell, sagt Frank Armbrust: „Wir sind ein Haus des Lebens.“

Der Architekt dieses Hauses ist Alexander Gyalokay, Partner im Büro Heinle, Wischer und Partner. Er ist im Bezirk Köpenick aufgewachsen, kennt das Krankenhaus und die Umgebung seit seiner Kindheit. Obwohl das Büro über Erfahrungen im Krankenhausbau verfügt und die Grundrissstruktur eines Hospizes funktionsbedingte Ähnlichkeiten mit Pflege- und Patientenzimmern hat, war der vergleichsweise kleine Direktauftrag eine große Herausforderung. Diese Aufgabe sei für ihn so wertvoll, sagt Gyalokay rückblickend, weil sie ganzheitlich betrachtet und bearbeitet werden müsse – und auch mit Emotion. Sie zwinge außerdem dazu, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Zum einen sei der Bau eines Hospizes generell knapp kalkuliert. Zum anderen verdienten Menschen, die dem Tode nah sind und sich in einem physischen und psychischen Ausnahmezustand befinden, besondere Empathie.

Qualitätssicherung und Regelungen für Hospize

Die letzte Wohnung auf Erden muss mehr sein als reine Funktionsfläche. Diese Haltung teilen wohl alle in der Hospizarbeit engagierten Menschen – und doch kommt es bei der Frage nach der Angemessenheit der Architektur hin und wieder zu Missverständnissen und Enttäuschungen. Denn unter dem Wesentlichen, Elementaren, Essenziellen verstehen die Betreiber der Hospize mitunter etwas anderes als die Architekten. „Völlig verfummelt“ habe man seinen Entwurf, berichtet anonym der Inhaber eines großen deutschen Architekturbüros über sein Hospizprojekt in einer ostdeutschen Universitätsstadt. Der Bauherr, eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, habe den aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Entwurf von einem lokalen Büro auf billigste Weise hochziehen lassen und das, obwohl die Jahresbilanz des Unternehmens Millionenüberschüsse ausweise.

Der Kostendruck, meint Alexander Gyalokay, sei für Architekten ja nichts Ungewöhnliches. Er fand sich aber bei seinem Projekt in Berlin-Köpenick angesichts mancher Einsparungswünsche ungewollt in eine Debatte involviert, die eigentlich von der Gesellschaft geführt werden müsste: Was sind uns die Sterbenden wert?

In Deutschland regelt die „Rahmenvereinbarung nach § 39 a Abs. 1 Satz 4 SGB V über Art und Umfang sowie Sicherung der Qualität der stationären Hospizversorgung“ das Verhältnis zwischen Trägern und Krankenkassen. Über Architektur oder Gestaltung ist darin so gut wie nichts gesagt. Mindestens acht und höchstens 16 Plätze solle es geben, damit der familiäre Charakter gewahrt bleibe. „Die räumliche Gestaltung der Einrichtung ist auf die besonderen Bedürfnisse schwer kranker und sterbender Menschen auszurichten“, heißt es vage. Genauer wird § 7: Als Orientierungsgröße teile sich ein Hospiz mit acht Plätzen in einen Wohnbereich von insgesamt 240 Quadratmetern (30 Quadratmeter pro Platz inklusive Balkon), einen Gemeinschaftsbereich von 80 Quadratmetern, einen Funktionsbereich von 250 Quadratmetern und eine Verkehrsfläche von 180 Quadratmetern. Über den Preis dieser insgesamt 750 Quadratmeter gibt es naturgemäß keine Angaben.

Die moderne Hospiz- und Palliativbewegung

Hospize sind Orte einer besonderen Gemeinschaft auf Zeit, die in Klinikstrukturen nicht vorgesehen sind. Die moderne Hospiz- und Palliativbewegung entstand aus Skepsis gegenüber maschinenartig organisierten Krankenhäusern, in denen der Tod als Medizinerbeleidigung gilt. 1967 wurde in London das St. Christopher’s Hospice eröffnet, dessen Initiatorin, die Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders, den Fokus konsequent auf eine schmerztherapeutische Behandlung legte, um so die Lebensqualität von unheilbar kranken Menschen zu verbessern, statt weitere aussichtslose Heilungsversuche zu unternehmen.

In Hospizen soll es den Gästen erleichtert werden, sich in der ihnen verbleibenden Zeit (wieder) auf ihr Menschsein konzentrieren zu können, auf das, was ihnen ganz persönlich wichtig ist. Neben den pflegerischen Aspekten trägt dazu vor allem eine überschaubare, wohnliche Umgebung bei, in der sich alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei bewegen können und auch Angehörige und Freunde sich wohlfühlen. Die Einzelzimmer sollten jeweils eine zusätzliche Schlafgelegenheit haben, damit die Besucher bei Bedarf rund um die Uhr anwesend sein können; in vielen Hospizen werden dafür kleine Apartments bereitgehalten.

Neben dem schwellenlosen zentralen Gemeinschaftsraum und einer guten Orientierung innerhalb des Gebäudes spielt der Bezug zum Außenraum eine wichtige Rolle. „Abgestufte Freiräume“ hat Alexander Gyalokay im Köpenicker Hospiz vorgesehen. Neben dem bereits erwähnten Innenhof, einem eher meditativen Ort, verfügen die an der Ost-, West- und Südseite aufgereihten Gästezimmer jeweils über eine vorgelagerte, mit Holzlamellen verkleidete Loggia, die sich über ein verschiebbares Element graduell zur Umgebung öffnen lässt, je nach Wetter, Charakter oder Gesundheitszustand. An seiner Nordseite öffnet sich das Haus mit einer großzügigen Verglasung zum halb öffentlichen Wegenetz der Klinik. Hier parkt auch der Bestatter, wenn er gerufen wird.

Der Tod als Teil des Lebens

Den Tod als Teil des Lebens zu begreifen, ist leicht gesagt; ihn stärker im Alltag sichtbar werden zu lassen: schwierig. Finanzierungsstruktur und Personalausstattung stationärer Hospize haben sich zwar in den letzten Jahren verbessert, allerdings werden die Baukosten – in Köpenick waren es 4,2 Millionen Euro bei einer BGF von 1.300 Quadratmetern – nicht bezuschusst. Angesichts einer rasanten Verteuerung des Bauens, zumal in den Innenstädten, erscheint es kaum vorstellbar, dass neue Hospize in die Öffentlichkeit der Zentren rücken könnten. An der Qualität der Architektur zu sparen, das möchte man allen Verantwortlichen zurufen, läuft nicht nur dem selbst gewählten humanitären Auftrag zuwider, sondern wird über kurz oder lang auch die heute schon raren Fachkräfte vergraulen.

auffälliges Gebäude von Frank Gehry
Maggie’s Centre in Dundee, Schottland, von Frank Gehry

Die Maggie’s Centres von Gehry, Koolhaas und Co.

Aus der Erfahrung mit rund zwanzig Krebs-Zentren und ihren räumlichen wie atmosphärischen Erfordernissen hat die britische Maggie’s Stiftung einen Leitfaden für Architekten und Landschaftsarchitekten herausgegeben, der bei der Planung von Hospizen wertvolle Anregungen liefern kann – auch wenn die Maggie’s Centres explizit nicht zur Sterbebegleitung gedacht sind. Hier können sich Krebspatienten und Angehörige informieren, sich in therapeutischen, seelsorgerischen oder praktischen Fragen Unterstützung holen und sich austauschen. Die Zentren wurden initiiert von Maggie Keswick Jencks, der 1995 an Krebs verstorbenen Frau des Architekturhistorikers Charles Jencks. Architektur genießt bei der gemeinnützigen Stiftung Maggie’s einen hohen Stellenwert, unter anderem liefern große Namen wie Frank Gehry, OMA oder Snøhetta Entwürfe, was die Spendenakquise erleichtert.

Der Leitfaden – und was Stararchitekten daraus gemacht haben

DABonline zeigt sieben Entwürfe der Stars von Foster bis Kurokawa in einer opulenten Bildergalerie. Außerdem: der Planungsleitfaden zum Download.

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