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[ Interview ]

„Gute Handelsarchitektur ist kein Luxus“

Leerstand, Ramschläden – und die immer gleichen Filialisten: Viele deutsche Innenstädte bieten ein trostloses Bild. Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, und Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, diskutieren über Alternativen zur Flachbauweise von Supermärkten, den Einkauf als urbanes Erlebnis und den Wert städtebaulicher Qualität

Mann und Frau stehen hinter Stadtmodell von Berlin
BAK-Präsidentin Barbara Ettinger-Brinckmann und HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth vor dem Berliner Stadtmodell.

Von Cornelia Dörries und Mirko Hackmann

Architekten und Stadtplaner haben wie Einzelhändler ein berufsbedingtes Interesse an der Stadt: Für die einen ist Stadt eine zu gestaltende Größe, für die anderen eine Geschäftsgrundlage. Wie würden Sie die gemeinsame Schnittmenge beschreiben?

Ettinger-Brinckmann: Wir als Architekten und Stadtplaner wollen, dass urbanes Leben stattfinden kann. Dazu brauchen wir Handel und Wirtschaft. Handel war von jeher der Ausgangspunkt für Stadtentwicklung. Keine Stadt funktioniert ohne Handel. Natürlich bereitet uns der zunehmende Leerstand in den Zentren Sorge. Wir stehen gemeinsam mit Kommunalverwaltungen, Stadtbauräten und Planungsämtern, aber auch den Hauseigentümern und Bauherren in der Verantwortung für die räumlichen Voraussetzungen einer lebendigen Stadt. Dazu zählen aktive Erdgeschosszonen, in denen Handel stattfinden kann. Ich spreche dabei nicht zufällig vom Stadtgeschoss.

Genth: Für den Handel sind die Stadtplaner und Architekten gewissermaßen natürliche Verbündete. Wir haben, stadthistorisch gesehen, eine große gemeinsame Basis. Einkaufen ist immer auch ein Stadterlebnis, bei dem es nicht nur um die Nahversorgung geht, sondern auch um eine ästhetische Erfahrung. Kunden, die in die Stadt kommen, müssen sich wohlfühlen. Architektonisch ansprechend gestaltete Stadträume nutzen auch dem Handel.

Ettinger-Brinckmann: Das schließt den gesamten öffentlichen Raum ein: Die Fassaden der Häuser sind die Innenwände des öffentlichen Raums. Zusammen mit Straßen, Plätzen und Vorgärten prägen sie seine Qualität. Doch ich vermisse einen achtsamen Umgang mit diesem Raum, vor allem wenn es um infrastrukturelle und technische Einrichtungen geht. Da werden die Schaltkästen der Telekom, der Stromversorger oder Postverteiler rein nach technischen Erwägungen hingestellt. Dazu kommen noch die unzähligen Schilder, Wegweiser und Werbeplakate sowie die Müllcontainer der Entsorgungswirtschaft, die zwar dem Umweltschutz dienen, aber dafür die Umwelt visuell verschmutzen. Da gibt es noch sehr viel zu tun.

Frau Ettinger-Brinckmann, Sie kommen aus Kassel, wo mit der Treppenstraße die erste moderne Fußgängerzone Deutschlands entstand. Was geht Ihnen als Architektin durch den Kopf, wenn Sie heute dort unterwegs sind?

Ettinger-Brinckmann: Die Treppenstraße ist auch heute noch eine Besonderheit. Städtebaulich hat sie den Hauptbahnhof, der seine ursprüngliche Funktion inzwischen verloren hat, mit der Innenstadt verknüpft. Sie mündet auf den Friedrichsplatz, der Kassel wie ein Balkon förmlich in die Landschaft öffnet. Einzigartig, wirklich. Die Treppenstraße steht zu Recht unter Denkmalschutz.

Aber ist sie noch ein Ort, an dem Sie gerne einkaufen gehen?

Ettinger-Brinckmann: Leider hat die Straße die ihr zugedachte Qualität und ihren Mehrwert für den Einzelhandel nicht halten können. Der Leerstand ist beklagenswert, und sicher gibt es dafür auch bauliche Gründe. Aus heutiger Sicht ist die Randbebauung aus den 1950er-Jahren für einen innerstädtischen Standort viel zu niedrig. Doch aus Denkmalschutzgründen sind strukturelle Eingriffe ausgeschlossen – beim Denkmalschutz geht es ja nicht allein um Schönheit, sondern auch um die Weitergabe von Zeitgeschichte. Im Übrigen bin ich treue Nutzerin „meiner“ Stadt und habe meine Lieblingsläden. Grundsätzlich funktioniert die Verbindung von Handel und Stadt in Kassel noch ganz gut.

Herr Genth, welche Stadt fällt Ihnen ein, wenn Sie an eine gute Verbindung von Baukultur, Architektur und Einkaufen denken?

Genth: Das ist gar nicht so einfach. Natürlich gibt es in Städten oft einzelne Lagen, wo das super gelungen ist, aber ebenso gut wie nie in der gesamten Stadt. Münster und Osnabrück aber sehe ich als gelungene Beispiele an. Letztlich ist der Handel jedoch immer auf das Zutun und die Unterstützung anderer Akteure angewiesen. Das klappt leider nicht überall. Auch das Spannungsverhältnis zwischen Denkmalschutz und heutigen Nutzungsansprüchen ist nicht wegzudiskutieren.

Bleiben wir beim Beispiel Treppenstraße in Kassel. Natürlich kann man aus Sicht der Architektur sagen: Ja, es ist wichtig, die Treppenstraße unter Denkmalschutz zu stellen. Aber was das Einkaufen und die Aufenthaltsqualität betrifft, genügt sie den heutigen Ansprüchen der Kunden und Besucher überhaupt nicht. Das heißt beileibe nicht, dass nun alles abgerissen werden soll. Damit haben wir ja bittere Erfahrungen gemacht, als in den 1950er- und 1960er-Jahren sehr schöne alte Gebäude zugunsten von Betonklötzen plattgemacht wurden, die heute keiner mehr will.

Es geht meines Erachtens darum, bei aller Wertschätzung für Denkmalpflege einen zeitgemäßen Umgang mit den Widersprüchen zwischen Bewahren und Weiterentwickeln zu finden. Wir haben als Händler häufig erlebt, dass beispielsweise Kaufhausfassaden der Nachkriegszeit unter Denkmalschutz gestellt wurden, die heute keiner mehr schön findet, weil sie so abweisend wirken. Da wünsche ich mir mehr Realitätssinn, auch vonseiten der Architekten und Denkmalpfleger.

Der Handel ist vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts als stadtbildprägender Bauherr aufgetreten. Architekten wie Alfred Messel und Erich Mendelsohn haben großartige Warenhäuser errichtet, die zu Landmarken wurden. Warum gibt es so wenig herausragende zeitgenössische Bauwerke für den Einzelhandel?

Ettinger-Brinckmann: Architektur und Städtebau sind ein Spiegel der Gesellschaft. Und wir als Planer haben es heute häufig nicht mehr mit einem Bauherrn im traditionellen Sinne zu tun, der seine Vorstellungen und Wünsche artikuliert. Früher baute der Bürger seine Stadt und war stolz auf sein Haus. Heute werden gerade im Handel Projekte und größere Bauvorhaben ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Rendite des Investors betrachtet. Da soll schon mal auf die Natursteinfassade verzichtet werden – schließlich ist ein Wärmedämmverbundsystem billiger und die Rendite entsprechend höher. Solche Dinge schaden der Stadt. Das gehört zur Wahrheit.

Genth: Den Handel bestimmen heute völlig andere Formen des Wirtschaftens. Dazu zählt auch die Arbeitsteilung zwischen Investoren und Projektentwicklern, die Gebäude errichten, und jenen, die diese Gebäude betreiben. Der ökonomische Druck ist immens. Daher bleibt es eine Herausforderung, unter diesen Bedingungen gute Architektur zu schaffen, die auf die Aufenthaltsqualität in den Städten einzahlt.

Eine Frau im Gespräch
Barbara Ettinger-Brinckmann: „Heute werden gerade im Handel Projekte und größere Bauvorhaben ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Rendite des Investors betrachtet.“

Der HDE hat jüngst einen 11-Punkte-Plan vorgelegt, in dem Sie mit Nachdruck eine Politik für attraktive Innenstädte fordern. Ist die aktuelle Krise der Innenstädte nicht auch selbst verschuldet, wenn man an solche Entwicklungen wie die „Grüne Wiese“, große Shopping Malls und eintönige Fachmarktzentren denkt? Aus welchen Fehlern müsste Ihre Branche lernen?

Genth: Ich glaube, so einfach kann man es nicht sagen. Weil die Branche sehr vielschichtig ist, haben sich über die Jahrzehnte unterschiedliche Standortkonzepte entwickelt. Mit dem Einzug des modernen Einzelhandels in Deutschland, also Filialisierung sowie Discount- und großflächigen Fachmärkten, entstand eine entsprechende räumliche Nachfrage. Auch das gehört zum Angebot. In den Innenstädten waren solche Flächen nicht am Marktplatz zu haben, sodass ab den 1970er-Jahren verkehrsgünstige Shoppingcenter und Verbrauchermärkte mit Parkplätzen außerhalb der Zentren entstanden. Wir haben uns immer für beides ausgesprochen: mit modernen Handelsstrukturen auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren und zugleich die Innenstädte nicht aus den Augen verlieren.

Wir müssen aus Fehlern lernen, keine Frage. Aber es wäre falsch, nur von dem Handel zu sprechen. Es gibt in unserer Branche die klassischen Mittelständler und große, international agierende Unternehmen. All das macht es nicht leicht, für den Handel sozusagen aus einer Hand zu planen. Aber Fehlentwicklungen von damals werden heute viel bewusster hinterfragt. Für mich ist die Innenstadt nach wie vor der erste Standort für den Handel. Doch das setzt voraus, dass alle anderen Beteiligten, also Stadtplaner, Oberbürgermeister, Kommunalpolitik und Immobilieneigentümer, sich für diesen Standort auf gemeinsame Interessen verständigen können.

Der Blick in ländliche, strukturschwache Regionen der Republik bietet durchaus Grund zur Sorge. Dort scheint in vielerlei Hinsicht der Zug schon abgefahren zu sein. Wie könnte eine Koalition aus Politik, Handel und planerischen Disziplinen einen Beitrag dazu leisten, diese Landstriche wiederzubeleben?

Ettinger-Brinckmann: Die entscheidende Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es dort Arbeit gibt. Da setzen wir sehr auf die Digitalisierung und auf eine ausreichend getaktete, preiswerte Verkehrsverknüpfung. Mit einer guten Breitbandversorgung ist es durchaus denkbar, dass auch in entlegeneren Gegenden ein Arbeitsplatzangebot wächst, das nicht zwingend auf Metropolen angewiesen ist. Auch bietet die Digitalisierung neue, wohnverträgliche Arbeitsmöglichkeiten. Dafür gibt es ermutigende Beispiele. Wir geben im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung dem Bestand den Vorrang vor Neubau, setzen also auf Nachverdichtung, Umnutzung, Innen- vor Außenentwicklung. Wiederbelebung ist aber nicht nur für ländliche Regionen, sondern in gleicher Weise für die städtischen Zentren eine wichtige Aufgabe. Denn damit sich Handel und Nahversorgung in zentralen Lagen tragen, müssen laut einer holländischen Studie 20 Prozent der Stadtbevölkerung dort leben.

Um diesem Ziel nahezukommen, brauchen wir Änderungen in der Baugesetzgebung. Denn noch wird bei uns nach dem überkommenen Leitbild der funktional getrennten Stadt geplant und gebaut, also separiert nach Wohnen, Arbeiten, Handel und Verkehr. Doch wir wollen die durchmischte, vielfältige Stadt – ob klein oder groß – mit einer hohen Wohndichte. Nur so entsteht eine Nachfrage, von der Bäcker, Apotheke, Lebensmittelladen und Buchhändler und auch die Gastronomie existieren können.

Genth: Dort, wo genügend Menschen wohnen, brauchen wir uns über die Angebote des Handels keine Sorgen zu machen. Aber dort, wo die Bevölkerung schrumpft, müssen unter Umständen Flächen angepasst werden. Im ländlichen Raum ist es mancherorts eine große Herausforderung, die Nahversorgung überhaupt noch aufrechtzuerhalten. Um ein Mindestmaß zu gewährleisten, muss man die geltende Regional- und Landesplanung prüfen und überlegen, ob man nicht für mehrere Gemeinden zusammen gemeinsame Nahversorgungszentren schaffen kann. Die werden aufgrund der gegebenen baulichen Situation in den seltensten Fällen am Marktplatz der Gemeinde entstehen können. Allein planungsrechtlich wäre eine solche Bebauung im Stadtzentrum derzeit nahezu ausgeschlossen. Zudem erforderte sie eine interkommunale Abstimmung mehrerer Gemeinden, was in der Praxis selten funktioniert.

Sie beschreiben ein Dilemma: Einerseits existiert dieses romantische Bild von wiederbelebten Dorfplätzen und Kleinstadtzentren, andererseits ist der Lebensmitteleinzelhandel als Frequenzbringer auf Flächen angewiesen, die sich in kleinteilig dimensionierten Ortskernen nicht realisieren lassen. Fällt die Nahversorgung, also ausgerechnet jene Branche, die noch keine nennenswerten Umsätze im Onlinegeschäft erzielt und Leben in die Straßen bringen könnte, damit als Retter der City aus?

Ettinger-Brinckmann: Wenn ich jetzt höre, dass sich Gemeinden für ein Nahversorgungszentrum zusammenschließen sollen, mache ich mir Sorgen. Sind Neuansiedlungen in der üblichen Flachbauweise gemeint? Denn die ist uns als Architekten und Stadtplanern natürlich ein Dorn im Auge. Die großen Lebensmittelanbieter mit ihren gesichtslosen Funktionsbauten und den vorgelagerten Parkplätzen sind absolut antiurban, steuern nichts zur Qualität unserer gebauten Umwelt bei. Und sie erfordern wieder ein Auto, um erreichbar zu sein, und verbrauchen viel zu viel unseres kostbaren, weil nicht vermehrbaren Bodens. Das kann nicht die Lösung sein.

Genth: Ich verstehe Ihre Sorge. Doch aus der Perspektive des Handels zählt immer die Funktionalität. Der Kunde muss das Angebot, beispielsweise eines Lebensmitteldiscounters, erkennen und gut erreichen können.

Ein Mann sitzt am Tisch in einem Gespräch
Stefan Genth: „Wir dürfen die Erwartungshaltung der Kunden nicht aus dem Blick verlieren. Funktionalität und Baukultur müssen sich im Ergebnis aber nicht widersprechen.“

Ettinger-Brinckmann:  Dazu habe ich eine bittere Anekdote. Vor einer Weile hat in Frankreich ein Architekt ein sehr schönes, ansprechendes Gestaltungskonzept für die Märkte eines Lebensmittelanbieters entwickelt. Dieser Händler ist dann aber relativ schnell pleite gegangen. Bei seiner Konkurrenz, die eine der üblichen Schlichtbauten hingestellt hat, florierte hingegen der Umsatz. Erklärt wird dies damit, dass das billige Image des Gebäudes den Kunden vermittelt hat, dass man dort auch günstig einkauft.

Genth: Sicher bietet ein Warenhaus wie das KaDeWe höchste städtebauliche und architektonische Qualität. Dort darf es nach Luxus aussehen. Ein derart selbstbewusster Auftritt lässt sich jedoch nicht grundsätzlich auf Orte der Nahversorgung übertragen. Aber wenn unansehnliche Funktionalität schon Marketingeffekte entfaltet, könnte man von einer fatalen ästhetischen Sozialisation der Verbraucher sprechen …

Im Rahmen unseres Wettbewerbs „Stores of the Year“ zeichnen wir jedes Jahr auch Geschäfte des Lebensmitteleinzelhandels aus. Daher kennen wir die unterschiedlichen Konzepte sehr genau. Das Thema Baukultur wird dort sehr wohl verstanden. Unsere gemeinsamen Delegationsreisen mit der Bundesstiftung Baukultur belegen ebenfalls das hohe Interesse an dem Thema. Wir dürfen aber auch die Erwartungshaltung der Kunden nicht aus dem Blick verlieren. Funktionalität und Baukultur müssen sich im Ergebnis jedoch nicht widersprechen.

Ettinger-Brinckmann: Es geht nicht um architektonischen Luxus. Es geht um Wertschätzung des „Lebensmittels“ bauliche Umwelt. Es geht um anständige Architektur, die gar nicht teuer sein muss, und um anständigen Städtebau. Wenn wir über lebenswerte öffentliche Räume diskutieren, müssen wir diesen Anspruch an jeden Bauherrn stellen. Jeder, der baut, ist seiner Umwelt, der heutigen und der nachfolgenden Generation ein respektables und angemessen schön gestaltetes Gebäude schuldig. Ich zitiere gern den Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes: Eigentum verpflichtet. Dabei geht es ja auch um einen verantwortlichen Umgang mit Ressourcen. Material muss so eingesetzt werden, dass ein Bauwerk sowohl baulich als auch ästhetisch von Bestand sein kann. Und das gilt genauso für einen Supermarkt. Gute Handelsarchitektur ist kein Luxus.

Barbara Ettinger-Brinckmann ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Stefan Genth ist Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland HDE

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