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[ Interview ]

„Gebt uns Feedback!“ – Europapolitik nach dem HOAI-Urteil

Seit der EuGH-Entscheidung zur HOAI ist Europapolitik in aller Munde. Viele fragen sich: Was machen die da eigentlich? Und wo führt das hin? Wir haben mit Ruth Schagemann und Ralf Niebergall zwei Experten gefragt, die sich seit Jahren auf europäischer Ebene für die Architektenschaft engagieren

Ruth Schagemann der Architektenkammer Baden-Württemberg und BAK-Vizepräsident Ralf Niebergall
Ruth Schagemann leitet die Stabsstelle für nationale und internationale Berufspolitik der Architektenkammer Baden-Württemberg und sitzt im Vorstand des Architects’ Council of Europe.
Ralf Niebergall, BAK-Vizepräsident, ist Vorsitzender des Arbeitskreises Internationales der BAK und führt die deutsche Delegation im Architects’ Council of Europe an.

Von Thomas Geuder

Europa ist für viele sehr fern ihrer täglichen Arbeit – und doch sind sie von Entscheidungen aus Brüssel betroffen. Wie funktioniert Berufspolitik auf Europaebene?

Niebergall: Die Bandbreite an Architekturthemen in Europa ist riesig, von der einzelnen CEN-Norm bis zur Stellung des freien Berufs im europäischen Wirtschaftssystem. Genauso vielfältig sind die Ansprechpartner: die Europäische Kommission, die Parlamentarier, die man überzeugen muss, aber auch Politikerinnen, Ministerien und Verbände, mit denen wir auf nationaler Ebene immer wieder sprechen.

Schagemann: Europaarbeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Man tauscht sich aus – das ist ja die Idee von Europa–, um gemeinsam etwas zu bewegen.

Ein großes Thema war das Kippen der verbindlichen HOAI-Honorarsätze. Wird darüber auf ­europäischer Ebene noch geredet?

Niebergall: Ganz intensiv! Denn das Urteil hat auch positive Aspekte. Das Gericht stellte klar, dass Baukultur und die Tätigkeit der Architektenschaft ein höheres Allgemeingut darstellen und deshalb Regulierungen zur Qualitätssicherung wichtig sind. Das greifen viele Länder gemeinsam auf, um die Stellung des Berufsstands europaweit zu verbessern. Es wird sogar überlegt, auf Basis des Urteils in anderen Ländern Honorarordnungen einzuführen.

Eine Honorarordnung für alle Europäer?

Niebergall: Das wäre natürlich ein Traum! Man merkt jedoch schnell, wie schwierig das ist. Zumal die Tätigkeiten der Architektinnen und Architekten international nicht einheitlich sind.

Schagemann: Auch ist die Architektenschaft sehr unterschiedlich organisiert. In Skandinavien etwa gibt es keinen Titelschutz.

Soll es in diesem Europa nicht gerade auch Unterschiede geben?

Schagemann: Über Unterschiede lässt sich immer leicht reden. Aber es gibt auch Momente, in denen wir gleich sind. Wer zu sehr auf Unterschiede schaut, verliert sich in Details. Ich suche lieber nach den Schnittmengen.

Wo liegen diese?

Schagemann: Alle, denen wir auf europäischer Ebene begegnen, wollen einfach gute Architektur machen! Es ist eben doch kein Beruf wie jeder andere, sondern eher eine Berufung.

Niebergall: Und es geht ihnen darum, sich für die Allgemeinheit einzusetzen, im Sinne eines Public Interest oder Common Good.

Schagemann: Architektur gestaltet unsere Umwelt. Diese hat einen enormen Einfluss auf das Zusammenleben in Europa. Das ist unsere gesellschaftliche Verantwortung.

Wird auf europäischer Ebene auch darüber diskutiert, was gute Architektur ist?

Niebergall: Ja, zumindest darüber, wie sich Qualität in der Architektur fassen lässt. Punktesysteme, wie sie bei Nachhaltigkeits-Zertifizierungen verwendet werden, stoßen schnell an Grenzen. Der Wert eines Gebäudes misst sich nicht an der Technik. Auch kaum zu messende räumliche Qualitäten oder Fragen des Wohlbefindens haben einen großen Einfluss.

Schagemann: Technik steht bei den Zertifizierungen nach wie vor im Vordergrund. Beim Architects’ Council of Europe und bei der BAK haben wir eine klare Position: Das ist nicht der richtige Weg! Technik ist wesentlich kurzlebiger als das gebaute Haus. Der Fokus muss auf dem Gesamtkonzept liegen – verbunden mit der Frage nach den Gesetzen dafür.

Welche Auswirkungen haben solche ­Diskussionen auf Europaebene auf meine Arbeit als Architekt?

Schagemann: Uns ist klar, dass ein Architekt zum Beispiel in Biberach womöglich denkt: „Was interessiert mich Europa? Das ist weit weg!“ Aber die Beschlüsse der europäischen Gremien werden auf nationaler Ebene in Gesetze umgesetzt, das wirkt sich unmittelbar auf die Arbeit hierzulande aus. Zum Beispiel beeinflusst die novellierte europäische Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden in Deutschland das Energieeinsparungsgesetz und die Energieeinsparverordnung.

Können Architekten umgekehrt auch die Europapolitik beeinflussen?

Niebergall: Wir rückkoppeln uns natürlich immer wieder mit den nationalen Experten und Expertinnen. Das Wissen der vielen Architektinnen und Architekten ist für uns wertvoll.

Schagemann: Deswegen ist auch ihr Engagement wichtig. Der Architekt aus Biberach kann sich an die Kammer wenden und Feedback geben, welche Auswirkungen die Gesetze für sein Arbeitsleben haben. Dieses Engagement innerhalb der Kammerstrukturen bündelt sich dann und ergibt am Ende ein starkes Kondensat für die europäischen Gremien.

Ihr Appell lautet also: Gebt uns Feedback!

Schagemann: Ja, unbedingt! Wir brauchen das. Dieses meist ehrenamtliche Engagement wissen wir sehr zu schätzen.

Europapolitik hat nicht immer einen guten Ruf. Zu Recht?

Niebergall: Dazu fällt mir Churchills berühmter Satz ein: „Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, außer allen anderen, die probiert wurden.“ Ähnlich ist es mit der EU. Es gibt keine bessere Alternative. Die Rückkehr in die scheinbar so übersichtliche Nationalstaatlichkeit funktioniert in der globalisierten Welt nicht mehr. Mit Blick auf eine gute Zukunft wäre das auch nicht erstrebenswert.

Was treibt Sie an, sich zu ­engagieren?

Niebergall: Die Freiheit des geeinten Europa, sei es beim Reisen oder ökonomisch, ist einzigartig. Auch wenn die Diversität immer wieder Probleme bringt, genießen wir zugleich die ganz unterschiedlichen Kulturen. Das zu erhalten und gleichzeitig wirtschaftsstark zu sein, muss unser Ziel sein.

Schagemann: Ich liebe die Idee Europa. Das motiviert mich. Europa ist ein außergewöhnliches Beispiel, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Das mag ein wenig idealistisch sein, aber ich habe auch gemerkt, dass man Dinge tatsächlich ändern kann. Nicht immer im Großen, wo man oft Kompromisse akzeptieren muss, aber im Kleinen.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Was sind die nächsten großen Themen?

Niebergall: Was die Berufsausübung all unserer Mitglieder betreffen wird, ist der „Green Deal“. Da werden einige Regeln auf uns zukommen. Hier müssen wir Architektinnen und Architekten mit neutralem Blick sinnvolle und wirkungsvolle Wege bei der CO₂-Einsparung und der Nachhaltigkeit aufzeigen. Schließlich sind hier noch andere unterwegs, deren Königsweg womöglich anders aussieht.

Schagemann: Der „Green Deal“ hat eine positive Energie freigesetzt, die sich in Gesetzgebungsverfahren widerspiegeln wird. Es werden sich Arbeitsgruppen damit beschäftigen. Da kommt wieder das Vertrauen ins Spiel, von dem ich anfangs sprach. Ehe der große Prozess in Gang gesetzt wird, reduziert sich dieses riesige Europa auf Menschen wie uns, die im Kleinen eine Vorlage schaffen.

Ruth Schagemann leitet die Stabsstelle für nationale und internationale Berufspolitik der Architektenkammer Baden-Württemberg und sitzt im Vorstand des Architects’ Council of Europe.
Ralf Niebergall
, BAK-Vizepräsident, ist Vorsitzender des Arbeitskreises ­Internationales der BAK und führt die deutsche Delegation im Architects’ Council of Europe an.

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