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[ Was unterscheidet mich? ]

Starthilfe in die Selbstständigkeit

Was unterscheidet mich von anderen? Für den erfolgreichen Schritt in die Selbstständigkeit braucht es Leidenschaft, Fokussierung und eine Vision. Eine Expertin gibt Starthilfe

Zeichnende Frau, über einen Tisch gebeugt
Eine wichtige Frage: Was will ich eigentlich mit den Mitteln der Architektur in die Welt bringen?

Von Anna Mehner

Mein Einstieg ins Berufsleben als Architektin begann mit einer Anstellung in einem Architekturbüro. Für Angestellte ist jedoch die eigene Kreativität, also die Antriebsfeder – die vermutlich auch für Sie der Grund für genau diese Berufswahl war – Fluch und Segen zugleich. Ein gängiger Ausspruch unter selbständigen Architekten lautet früher wie heute: „Mein Beruf würde mir richtig viel Spaß machen, wenn nur die Bauherren nicht wären …“ Angestellte ersetzen bitte Bauherren durch Chef.

Wenn Sie Ihre Ideen umsetzen wollen, liegt der Schlüssel zum Erfolg vor allem in der Beziehung zu jenen Menschen, denen Sie Ihre Ideen „verkaufen“ wollen – und er liegt in der gemeinsamen Sache. Tatsächlich ist die Zahl derer, die direkt aus dem Studium in die Selbständigkeit starten sehr klein. Und das macht Sinn. Gilt es doch erst einmal herauszufinden, wo fachlich die eigenen Stärken liegen und vielleicht geht es sogar schon für den Einen oder die Andere darum, ein Büro zu finden, das eine Nische besetzt, für die er oder sie sich interessiert.

Worauf es wirklich ankommt

Wenn Sie wissen, dass Sie sich irgendwann selbständig machen wollen, ist es nie zu früh, sich damit auseinanderzusetzen: Was will ich eigentlich mit den Mitteln der Architektur in die Welt bringen? Architektinnen und Architekten gestalten unsere gebaute Umwelt. Alles, was man also basierend auf Ihrer Planung baut, wird zu Ihrem persönlichen Manifest – eine Positionierung in der Welt.

Um dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerecht zu werden (und nicht, wie manche in der Architektenschaft, lieber das eine oder andere Projekt zu verschweigen, weil es im besten Fall zwar kurzfristig die Existenz sichert, ansonsten jedoch eher beschämt), sollten Sie sich einer Sache absolut bewusst sein: Für erfolgreiche selbständige Architektinnen und Architekten beschränkt sich das Ausleben der Kreativität nicht einzig und alleine auf das Planen von Gebäuden, sondern vor allem auf die Kreativität als Unternehmerin beziehungsweise Unternehmer.

Das Wollen bestimmt den Weg

Um erfolgreich am Markt zu bestehen, müssen Sie Ihre unternehmerische Kreativität dazu nutzen, ein Geschäftsmodell zu entwerfen und zu etablieren, mit dem Sie genau jene Auftraggeber anziehen, die zu Ihnen passen. Gehen Sie sicher, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Gegenüber etwas erschaffen, worauf alle Beteiligten stolz sein können und das Sie mit ganzer Leidenschaft in die Welt bringen wollen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht es Leidenschaft, Fokussierung, die gemeinsame Sache und Klarheit. Ansonsten gilt, wie schon für Alice im Wunderland, auch für Sie:

 

Würdest Du mir bitte sagen,
welchen Weg ich einschlagen muss.
Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab,
wohin Du gehen willst, antwortete die Katze.
Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig, sagte Alice.
Dann ist es auch einerlei,
welchen Weg Du einschlägst, meinte die Katze.

 

Wo der Weg hinführt, erlebt die Mehrzahl der Architekten und Architektinnen, die sich selbständig machen, ohne eine klare Idee davon, was sie bewegen wollen und mit wem. Die Zahl der Büros, die die ersten Jahre nicht überleben oder sich als Einpersonen-Unternehmen mehr schlecht als recht über Wasser halten, ist seit Jahrzehnten unverändert hoch.

Eine Rolle und ein Alleinstellungsmerkmal

Dieses frustrierende Ergebnis lässt sich vermeiden, wenn Sie sich schon vor dem Start Gedanken darüber machen, warum Sie diesen Beruf gewählt haben und was Ihr Beitrag ist. Was haben Sie zu geben? Für wen ist das interessant? Indem Sie sich diese und weitere Fragen stellen, nehmen Sie die Rolle ein, die für Ihren Erfolg in die Selbstständigkeit ausschlaggebend ist. Hier sind Sie in der Rolle der Unternehmerin oder des Unternehmers.

Wir alle besitzen ein Alleinstellungsmerkmal, das uns von allen anderen Menschen auf der Welt unterscheidet. Es ist uns dummerweise dermaßen vertraut, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen und oft sind wir zudem davon überzeugt, dass Andere ohnehin die gleichen Fähigkeiten haben, wie wir selbst. Das Fatale daran ist, dass wir auf diesem Weg den Kontakt zu uns selbst verlieren. Wenn ich Architekten berate, die sich selbständig machen wollen oder es schon eine Weile sind und sich fragen, wie sie an Aufträge kommen, Mitarbeiter und/oder Kooperationspartner finden sollen, dann ist die erste aller Fragen, die ich stelle, immer die nach der eigenen Geschichte.

Räume für die Kunst

Eine Architektin etwa, die von jeher eine Leidenschaft für die bildende Kunst hegt, machte zu Beginn ihrer Selbständigkeit in Gesprächen mit Künstlern, Kuratoren und Galeristen die Erfahrung, dass Diskussionen über die Ästhetik in der Kunst auch immer eng verknüpft sind mit einem entsprechenden Qualitätsanspruch an die Architektur, die der Kunst ihren Rahmen gibt. Die Architektur selbst war und ist in Gesprächen mit Künstlern und Galeristen, wie sie sagte, nie das führende Thema.

Ihre Kontakte in der Kunstszene unterstellen ihr aufgrund ihrer Liebe zur Kunst gleichfalls  einen hohen Anspruch, sowie ein treffendes Gefühl für die Gestaltung von Räumen für die Kunst. Sie hatte aufgrund ihrer Kenntnisse und ihres Interesses an der Kunst einen Vertrauensvorschuss. Als sie sich selbständig machte, kam ihr dieser Umstand sehr entgegen. Sie intensivierte die Kontakte in ihrer Zielgruppe (Künstler, Galeristen etc.) und erhielt einen Auftrag. Es ging um die Neugestaltung einer kleinen Galerie. Entwurf, Planung und Umsetzung waren ein Erfolg. Aufgrund ihrer Liebe zur Kunst, der vielfältigen Kontakte und einer guten Beziehungspflege, erlangte sie schnell einen Expertenstatus.

Ihre Strategie, Kontakte in der Kunstszene auszubauen und zu pflegen, ist ein treffendes Beispiel für ein unternehmerisches Mindset, das sich auf einen definierten Kundenkreis konzentriert. Daran wird deutlich, dass die fachlichen Kenntnisse eines Architekten lediglich das Werkzeug sind, mit dem er sich einer Sache widmet, die ihm viel bedeutet.  Die Mission der Architektin aus unserem Beispiel besteht darin, Räume für die Kunst zu schaffen. Ihr Alleinstellungsmerkmal setzt sich zusammen aus ihrer Liebe zur Kunst, ihren Kenntnissen und ihrem Empfinden, der Kunst einen entsprechenden Rahmen zu geben und vor allem der Fähigkeit, Kontakte in der Szene zu pflegen.

Architektur als Entdeckungsreise

Ein anderes Beispiel ist der Architekt, der in einem Haus aufwuchs, dessen Wirkung er so beschreibt: „Das Haus hatte eine befreiende und inspirierende Wirkung auf mich. Es strahlte eine Emotionalität und Sinnlichkeit aus, die mit reinem Pragmatismus nicht zu erreichen ist.“ Das Haus seiner Eltern war so konzipiert, dass die Möglichkeit bestand, Räume multifunktional zu nutzen. Er hat sein Elternhaus sozusagen immer wieder neu entdeckt. Er wollte das, was er erlebt hat, gerne weitergeben und teilen. Seine Entscheidung, Architekt zu werden, fiel daher schon sehr früh. Durch virtuelle Modelle und digitale Live-Begehung seiner geplanten Gebäude nimmt er heute seine Kunden mit auf eine „emotionale Entdeckungsreise“.

In Kooperation mit seinen Kunden, die in erster Linie aus privaten Investoren für Wohnungsbau besteht, erschaffen er und sein Team Räume, die Geschichten erzählen. Seine Kunden schätzen ihn für seine Fähigkeit, sie auf gestalterisches Neuland zu führen und Räume schon in der Entwurfsphase dreidimensional erlebbar zu machen. Sein Alleinstellungsmerkmal setzt sich zusammen aus der Leidenschaft für die Verbindung von Sinnlichkeit und Pragmatismus (diese hat ihn auch zum Experten im Umgang mit BIM als optimales Instrument hierzu gemacht) und einer intensiven Kontaktpflege in seiner Zielgruppe. Genau wie er wollen seine Kunden mit innovativen und ausgefallenen architektonischen Konzepten einen kulturellen Beitrag leisten.

Leidenschaft und Fokussierung

Welche Rolle spielt Ihre Geschichte? Irgendwann in Ihrem Leben haben Sie beschlossen, sich der Architektur zu widmen. Vielleicht war ein Vorbild der Auslöser. Vielleicht war es eine Art Auftrag, den Sie verspürt haben. Welche Gefühle gingen mit dieser Entscheidung einher? Welches Vorbild hat den Weg gewiesen? Welche Idee hat Sie nicht mehr losgelassen? Wenn Sie zu den Wurzeln Ihrer Motivation vordringen, können Sie Ihr Leben wie einen Film betrachten, den man zurückspult.

Mit den richtigen Fragestellungen fokussieren Sie sich auf das, was zur Wurzel Ihrer Leidenschaft führt und damit automatisch zu dem, was nur Sie allein in die Welt bringen können. So finden Sie Ihre Antriebsfeder oder anders gesagt, so finden Sie das „Warum“.

Die gemeinsame Sache

Wer ist für Auftraggeber der beste Architekt? Wenn Sie etwas zu geben haben, von dem sich andere Menschen angezogen fühlen, ist Ihre Motivation nicht länger die, etwas haben zu wollen (einen Auftrag). Sie wollen vor allem etwas geben. Ein Geschäftsmodell ist nur dann erfolgreich, wenn es Substanz hat, wenn es einer starken Motivation entspringt und wenn es eine Vision verkörpert, von der sich eine bestimmte Gruppe von Menschen angezogen fühlt.

Projekte werden zunehmend komplex. Spezialisierungen sind immer gefragter. Wer sich heute als Architektin oder Architekt selbständig macht, braucht ein Netzwerk von Berufskollegen, mit denen man kollaborieren kann. Auch hier stellt sich wieder unbedingt die Frage nach der gemeinsamen Sache, damit Kollaborationen gelingen können.

Klarheit

Auf Basis Ihres „Warum“ und Ihrer Vision können Sie ein Geschäftsmodell entwickeln, das von der Organisation über die Kundengewinnung und -bindung alle Prozesse des Architekturbusiness abbildet. Wenn Sie an den Punkt kommen, an dem Sie spüren, bereit für den Start in die Selbständigkeit zu sein, rate ich Ihnen, sich mit den wichtigsten Themen zuerst zu beschäftigen: Was ist mein Warum? Was ist meine Vision?

Was es bedeutet, Architekt und Unternehmer zu sein

Wie unterscheiden sich diese Rollen? Wie können Sie beiden gerecht werden? Die Wahrheit ist, dass sich unsere Einzigartigkeit erst dann offenbart, wenn wir tief in den Prozess der Selbstwahrnehmung eintauchen. Doch die reine Selbstbetrachtung ohne ein Gegenüber, das Ihnen als Spiegel dient, in dem Sie sich selbst erkennen, ist ein bisschen so wie Selbstkitzeln. Was Sie also brauchen, wenn Sie sich auf diese Reise begeben, ist ein Gesprächspartner.

Anna Mehner Coach und Mitgründerin von „Architects & Mentors” sowie Inhaberin von „Super Mentor”

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