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Smartes Europa

Wir sind diejenigen, die vollmundige politische Ziele in die Realität umsetzten müssen.

BAK Vizepräsident Ralf Niebergall
Ralf Niebergall, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer

Die neue EU-Kommission unter Führung von Ursula von der Leyen hat ihre Arbeit aufgenommen und Klimaschutz und Digitalisierung stehen ganz oben auf der Agenda. Dass die Bauwirtschaft einen übergroßen Anteil an Treibhausgasemissionen, Ressourcenverbrauch und Abfällen verursacht, ist hinlänglich bekannt. Auch die Digitalisierung in all ihren Facetten greift tief in unsere tägliche Arbeit ein. Wir werden also intensiv gefordert sein, unsere Expertise in diesen zentralen Fragen einzubringen – als diejenigen, die vollmundige politische Ziele in Realität umsetzen müssen.

Auf europäischer Ebene ist das nicht unbedingt leichter als national. Es hat uns jahrelange Überzeugungsarbeit bei der EU-Kommission gekostet, Klimaschutz im Gebäudebereich nicht nur auf Energieeffizienz im Betrieb zu reduzieren, sondern auch die sogenannte „graue Energie“ in die Gesamtbilanz mit einzubeziehen. Hier ist der englische Begriff der „Embodied Energy“ wohl treffender, also das dicke Polster an Energie- und Ressourcenverbrauch, das ein neues oder modernisiertes Gebäude mit sich herumschleppt, bevor es überhaupt bezogen wird. Lebenszyklusbetrachtung und ein ganzheitlicher Ansatz zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen sind aber längst nicht so in die europäische Richtliniengesetzgebung eingeflossen, wie es sein müsste.

In der bisherigen europäischen Klimaschutzstrategie muss alles irgendwie „smart“ sein. So wurde der „Smart Readiness Indicator“ erfunden, der anzeigen soll, ob ein Gebäude für digitale Überwachung und Steuerung gerüstet ist. Natürlich kann es sinnvoll sein, Nutzungsdaten zu erfassen, um die Wirksamkeit von effizienzsteigernden Maßnahmen in der Praxis zu überprüfen; allein der Königsweg ist es nicht. Auf der ewigen Brache neben dem Finanzministerium an der Berliner Wilhelmstraße stand vor einiger Zeit ein Smarthome. Ein braves Einfamilienhäuschen, vollgestopft mit Technik. Höchstpunktzahl beim Indikator, aber ein Anachronismus, wenn es um die Herausforderungen einer nachhaltigen Stadtentwicklung geht.

Dafür gibt es das Zauberwort „Smart City“. Baustaatsekretärin Anne Katrin Bohle sagte kürzlich: „Eine Stadt ist ,smart‘, wenn sie den sozialen Zusammenhalt stärkt.“ Recht hat sie – und bringt damit unsere Mission auf den Punkt. Sozialer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhalt entsteht nicht auf einer abstrakten europäischen Meta-Ebene oder im virtuellen Raum, sondern ganz konkret in unseren Städten und ländlichen Regionen, in deren kultureller Vielfalt, die Europa schon immer ausmachte, und in deren Zukunftsfähigkeit.

Digitalisierung und die Verpflichtung zu schonendem Umgang mit allen Ressourcen werden unsere Lebensweisen verändern. Ob unsere Städte, Gebäude und gestalteten Landschaftsräume darauf „smart“ reagieren, hat viel mit Baukultur zu tun: mit städtebaulicher und architektonischer Qualität, die Klimaschutzziele genauso im Blick hat wie Nutzerfreundlichkeit, Bezahlbarkeit und Schönheit und die den technischen Fortschritt nutzt, ohne ihn zum Selbstzweck zu erheben. Wer, wenn nicht wir, hat dafür die Expertise?

Und als Expertinnen und Experten haben wir ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Die diesjährige deutsche Ratspräsidentschaft warf schon im vergangenen Jahr mit der Arbeit an der Leipzig-Charta 2.0 ihre Schatten voraus. Im zweiten Halbjahr, wenn sie offiziell beginnt, ­wollen wir sie verstärkt nutzen, um uns Gehör zu verschaffen – aber vor allem, um mitzuhelfen, Europa wirklich intelligenter zu machen.

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