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[ Beruf ]

Ungewöhnliche Architekten-Karrieren

Es gibt viele Berufswege für Architekten – und viele Gründe, diese zu beschreiten, auch wenn sie in unbekanntes Gelände führen. Rosa Grewe sprach mit fünf Architektinnen und Architekten über ihren ungewöhnlichen Weg

Die Pyrotechnikerin Judith Mann in einer Rauchwolke
Judith Mann sucht als Archtektin und Pyrotechnikerin Berührungspunkte von Raum und Effekt.

 

Von Rosa Grewe

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Neuland“ im Deutschen Architektenblatt 12.2019 erschienen.

Feuer gefangen: Die Pyrotechnikerin

Judith Mann beschreibt sich als Atmosphärenarchitektin, Künstlerin, Pyrotechnikerin und Chefin. Ihre Reise ist aus der Not geboren: Als sie 1999 ihr Architekturdiplom in der Hand hielt, wurde die Job- zur Existenzfrage für sie und ihre zwei kleinen Kinder. Sie sagt: „Ich musste mit meiner Arbeit Geld verdienen, das war damals im Architekturbüro schwierig.“ Während also viele Berufseinsteiger Praktika aneinanderreihten, wechselte sie bald vom Planungsbüro zu einem Uni-Forschungsprojekt – ein paar Monate mehr Sicherheit und Tarifgehalt. Zufrieden machte es sie nicht. Der Zufall brachte eine neue Perspektive: Eine Bekannte arbeitete als Pyrotechnikerin und nahm sie mit zum Aufbau des Silvesterfeuerwerks an der Berliner Siegessäule. Judith Mann sagt: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass alle im Team gemeinsam an einem guten Ergebnis arbeiten.“

Statt Konkurrenz und Dauerbaustelle also Teamgeist und schnelle Ergebnisse. „Und wenn ein Projekt vorbei ist, ist es auch wirklich vorbei und nicht mehr sichtbar. Das ist sehr erleichternd.“ Um sich für einen Pyrotechniklehrgang und die dazugehörige Prüfung anzumelden, sammelte sie in Praktika sogenannte Helferbescheinigungen. Monatelang, neben Job und Familie. Wochenenden und Urlaubstage voller Arbeit: Feuerwerke, Flammenwerfer und Nebel für Großveranstaltungen. Dann wechselte sie ganz in ein Büro für Pyrotechnik. Flüchtige Highlights dicht hintereinander, das wurde ihr Alltag. Immer neue Techniken, neue Effekte für kurze Momente. Sie fragte sich: „Wie lassen sich die temporären, aber sehr aufwendigen Spezialeffekte für eine dauerhaftere Rauminszenierung nutzen?“

Diese Suche nach dem Berührungspunkt von Raum und Effekt und nach dem verzaubernden Moment im Raum begann 2008 mit dem eigenen Atelier, der Effektschmiede. Wieder passte der Zufall, dass prompt ein Technikmuseum genau diese Verquickung von Raum und Effekt für ein Exponat anfragte. Elf Jahre später hat ihr Atelier sieben Mitarbeiter und entwickelt Exponate mit Hochspannung und Magnetismus oder Land-Art-Projekte mit Kunstnebel. Der Nebel im Raum fasziniert Judith Mann besonders: „Das eigentliche Geschehen findet in den Köpfen der Menschen statt. Der Nebel weckt Assoziationen. Sowohl das Feuer als auch der Nebel erreicht die Menschen tief im Innern.“ Das Nebelgefühl ist schwierig zu planen. Mit jedem Wind und jedem Betrachter verformt es sich und kann zerbrechen. Trotzdem fußt es auf den gestalterischen und technischen Grundlagen der Architektur. Judith Mann sieht sich daher klar als Architektin, wenngleich auf mehreren Stühlen sitzend. Sie sagt: „Für mich fühlt sich das so absolut richtig an.“

Oliver Breuninger in seiner Pastamanufaktur
Oliver Breuninger startete mit seiner Geschäftsidee, wie es Architekten eben tun: mit einer guten Planung

Zwei Jobs, mehr Gelassenheit: Der Pastamacher

Ideen brauchen Freiraum, um zu entstehen, und Zeit, um zu wachsen. So war es auch bei Oliver Breuninger, Architekt aus Dresden. Seine Geschäftsidee kam im Urlaub, brauchte zwei Jahre, um zu reifen, und wurde dann mit zwei weiteren Partnern umgesetzt. Oliver Breuninger brachte die frische Pasta nach Dresden – und das kam so: Breuninger gründete 2000 gemeinsam mit einem Partner ein Architekturbüro, mit dem er schnell erfolgreich Wohnungsbauprojekte und Wettbewerbe erarbeitete. „Wir haben 70 bis 80 Stunden mit Nachtschichten gearbeitet. Irgendwann konnte ich nicht mehr abschalten und nicht mehr schlafen“, beschreibt er seinen Alltag. Im Italienurlaub, die frische Pasta auf dem Tisch und endlich ausgeschlafen, kam ihm und seinem Partner Frank Schüler damals die Idee, frische Pasta selbst zu produzieren und zu verkaufen. Eine dieser Marktlücken-Ideen, die man im Urlaub eben hat, um sie dann ganz hinten in den Kopf wegzuräumen.

Aber zwei Jahre lang klopfte die Idee immer wieder an. Dann traute er sich, zusammen mit zwei Partnern, einer davon Lebensmitteltechniker, die andere Apothekenhelferin. Er sagt: „Ich hätte das Projekt auf keinen Fall allein gestartet.“ Denn, das war für ihn klar, die Architektur sollte im Kleinen weitergehen. 2007 starteten sie mit der Pastamanufaktur in Dresden, so wie es Architekten eben tun: mit einer guten Planung und sieben Monaten Vorbereitung. Ein Investor musste überzeugt werden, ein Ladenlokal gefunden, saniert und eingerichtet werden. Dann kam der Rollenwechsel zum Gastronomen, für ihn kein Problem: „Wir standen anfangs selbst hinter dem Tresen, haben selbst gekocht und geputzt.“ Es war ein Learning-by-Doing mit viel Einsatz: „In der Gastronomie werden nur Leute glücklich, denen das Kochen und Essen Spaß macht.“ Was aber folgte, waren die Erleichterung und endlich ein freier Kopf: „Es sind die kurzen Prozesse im Tagesgeschäft, ab und an mal ein Catering.“

Statt jahrelanger Bauleitung also jeden Abend ein abgeschlossener Tag und jeden Monat regelmäßige Umsätze, zumindest bei der Pasta. Aber auch in der Architektur folgte die Entspannung. Er erklärt: „In einem kleinen Architekturbüro kommt ein großes Projekt, dann hat man mehr als genug zu tun; kommt es nicht, fehlt das Geld für die Miete.“ Jetzt aber kann er sich ohne diese Sorge „kleinen und schönen Projekten“ widmen. Zwei Jobs, zweimal Erfolg: Weil die Dresdener nicht nur Pasta kaufen, sondern auch vor Ort direkt essen wollten, wurde aus dem Verkaufsgeschäft schnell ein Restaurant. Später noch ein zweites und ab Januar noch ein drittes. Stresst dieser Erfolg nicht ebenso? „Wir haben sehr gute Mitarbeiter, die Last verteilt sich hier auf mehrere Schultern“, sagt er und beteuert, dass er nun auch wieder gut schlafen kann.

Oberbürgermeister von Esslingen Jürgen Zieger
Der Jürgen Zieger ist Oberbürgermeiter von Esslingen und sagt: „Stadtplanung und Politik gehören zusammen.“

Konditioniert auf Langstrecke: Der Oberbürgermeister

Richtig wohl fühlt sich auch der Stadtplaner Dr. Jürgen Zieger in seiner Position als Oberbürgermeister von Esslingen am Neckar. Er studierte Architektur, dann Stadtplanung. Nach wenigen Jahren in Planungsbüros wechselte er in die Verwaltung und durchlief dort eine kurze Planerkarriere bis zur Amtsleitung. Bis 1988, als er sich mit Anfang dreißig zum Ersten Bürgermeister in Neckarsulm wählen ließ. Ein Wendepunkt? Er widerspricht: „Ich habe keine Häutung durchgemacht. Stadtplanung und Politik gehören doch symbiotisch zusammen.“ Der Gang ins politische Amt war für ihn also ein logischer nächster Schritt: „Das Funktionieren der Stadt als Organismus hat mich immer beschäftigt. Dabei geht es nicht nur um Architektur, sondern auch um das Zusammenführen der verschiedensten Disziplinen.“ Und das findet eben in entscheidender Instanz auf kommunalpolitischer Ebene statt. Die fehlende Polit-Erfahrung ist für ihn kein Problem, sie wird durch Sachkenntnis kompensiert: „Wir Stadtplaner haben gelernt, in komplexen Zusammenhängen zu denken. Insofern habe ich nie mein Denkmuster, sondern nur die Position des Akteurs verändert.“

Das klingt so einfach, wäre da nicht das, was Zieger „die Mühe der Ebene“ nennt: all die Emotionen, Meinungen und Ansprüche, die sich aus verschiedenen Ecken und mit unterschiedlichen Zielen an ihm entladen und die er abwägen muss. Irgendwer wird sich später trotzdem benachteiligt fühlen, „denn Einstimmigkeit ist schwer herzustellen“, sagt er. Zieger ist jetzt 31 Jahre in der Politik, seit 21 Jahren ist er Oberbürgermeister von Esslingen. Die Zeit hat ihm ein dickes Fell gegeben und ihn Diplomatie gelehrt. Er sagt: „Man braucht eine gewisse Persistenz, strategisches Denken, Glaubwürdigkeit, Standhaftigkeit – vor allem aber Persistenz.“ Beharrlichkeit also, den unbedingten Willen, sich durchzusetzen – schwer zu erlernen, vielleicht ein durchs Leben geprägter Charakterzug? Zieger sagt: „Ich habe gelernt, lange Wege zu gehen.“ Man merkt, wie stolz er ist, es so weit geschafft zu haben, als Arbeiterkind über den zweiten Bildungsweg bis zur Universität, zur Promotion und dann immer weiter und weiter, Etappe für Etappe. Er ist übrigens Marathonläufer, auch im Job: Zum Ende dieser Amtsperiode in zwei Jahren wird er den Posten in Esslingen länger besetzt haben als jeder seiner Vorgänger.

Zoodirektor Hellabrunn Rasem Baban mit Ziege
Ein Tierpark ist eine ständige Baustelle. Zoodirektor Rasem Baban liegen die Tiere und das Bauen.

Bauherr der Tiere: Der Zoodirektor

Auch Rasem Baban hat seinen Traumjob und den vieler Kinder. Der Architekt ist Direktor des Tierparks Hellabrunn. Das ist weniger abwegig, als man denkt, und gleichzeitig doch sehr märchenhaft. Das weiß auch Baban und nimmt es mit Humor: „Tiere sind die dankbarsten Bauherren, aber sie sind auch die, die mit der Immobilie am schlimmsten umgehen. Ein Tierpark ist eine ständige Baustelle.“ Beides, die Tiere und die Baustellen, liegt Baban. Letztere waren ihm früh bekannt. Er ging direkt nach dem Studium in die Bauwirtschaft. Er erklärt: „Ich wollte dort Bau- und Projektleitung lernen, um später als Architekt bessere Planungen zu machen.“ Aber die Projektleitung machte ihm Spaß, er tauchte tiefer ein in die Materie der Projektentwicklung und Immobilienwirtschaft. Wenn es einen versteckten Wendepunkt in seinem Leben gab, dann war das irgendwann in dieser Zeit, als er sich fragte: „Was wolltest du eigentlich vor ein paar Jahren mal machen?“ Baban erinnerte sich an sein Interesse an Naturwissenschaften. Da entdeckte er eine Stellenausschreibung: Der Leipziger Zoo suchte einen technischen Leiter, der die vielen Immobilien und Bauvorhaben des Zoos projektieren und betreuen konnte. Für Baban ein glücklicher Zufall: „Bauen in der Natur, für die Natur und das Ganze auch noch kreativ.“

So wurde er zum Bauherrenvertreter der Tiere. Oder baut er eher für Menschen? Er meint: „Eigentlich für beide, für die Tiere und für deren Gäste, die Menschen. Es war anfangs schwierig, diese vielen unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen.“ Da sind die Anforderungen für das Wohl der Tiere, die wachsenden Erwartungen der Besucher, der Bildungsanspruch, die Wirtschaftlichkeit und der enorme Zeitdruck beim Bauen. „Sie können einen Elefanten ja nicht temporär in einer Garage unterbringen“, sagt er und lacht. Empathie für Mensch und Tier, das ist vermutlich seine wichtigste Eigenschaft in dieser Position. Er sagt: „Ich hatte von Zooarchitektur vorher keine Ahnung. Die musste ich mir selbst beibringen und das geht nur, wenn man ganz eng mit Tierärzten und Biologen zusammenarbeitet.“ Sie erklärten ihm die Bedürfnisse, das Verhalten und die Psychologie der Tiere und die Arbeitsprozesse der Pfleger. „Wenn wir für Tiere bauen, dann sind Design und Funktion nicht alles, es gibt viele weitere Faktoren.“

Seit 2014 ist Baban nun Zoodirektor in Hellabrunn, der erste übrigens ohne Veterinär- oder Biologiestudium. Längst sind Bauprojekte nicht mehr seine einzige Aufgabe. „Ich fühle mich fifty-fifty, als Architekt und als Manager eines Tierparks.“ Außerdem ist er Dozent für Zooplanung und -management. Als solcher erklärt er Tierärzten, „wie Architekten ticken“, und Architekten, „was Tiere wollen“.

Filmemacher Jan A. Wolf
Jan A. Wolffs erstes Filmthema drängte sich auf: „Traumberuf Architekt“

Idee mit Timing: Der Filmemacher

Na klar bin ich noch Architekt“, sagt Jan A. Wolff. Für den Filmemacher erscheint die Frage abwegig: „Architektur und der Film über Architektur, das ist doch im Prinzip das Gleiche: Ich versuche, die Architektur zu verstehen, zu spüren und zu fühlen und für den Film dann stark zu verdichten.“ Verdichtet wirkt auch sein Werdegang: Er lebte drei Karrieren. Nach seinem Architekturstudium gründete er Anfang der 1990er-Jahre sein eigenes Architekturbüro, gewann Wettbewerbe und realisierte Bauvorhaben. Aber irgendwie reichte ihm das nicht. Er sagt: „Mich haben die größeren Projekte gereizt, mit ihrer Komplexität und ihren Managementaufgaben.“ Also wechselte er als Freelancer in die Projektsteuerung der ganz großen Projekte in Deutschland: Stuttgart 21 und, ein Höhepunkt, die Expo 2000. Deren Abschluss bildete für ihn aber eine Sackgasse.

„Ich fragte mich: Was willst du denn jetzt noch machen?“ Und dann kam da die Idee, die schon lange in ihm schlummerte: einen Film drehen. Er kaufte sich eine Mini-DV-Kamera und legte los. Das Thema für den ersten Film drängte sich von selbst auf: „Traumberuf Architekt“. Keine Auseinandersetzung mit seinen persönlichen Möglichkeiten, wie er versichert. Und doch stellt der Film die Frage, die sich jeder Kreative, und so auch Wolff selbst, mitten in der Wirtschaftskrise und in einer persönlichen Sackgasse stellen musste: Wie verdient man in der Kreativbranche Geld? Eben wegen des Geldes legte Wolff direkt los, ohne weitere Ausbildung in Filmtechnik. 2004 gründete er Nextframe, zu einem perfekten Zeitpunkt. Er erklärt: „Ich war damals ein Glückskind der ersten Digitalisierungswelle.“ Facebook und Youtube gründeten sich gerade, Videos gingen viral. Über Kontakte kam Wolff zu den ersten Aufträgen – Werbefilme für die Medizinbranche –, später kamen andere Branchen und Architekturfilme hinzu.

Der Werbefilm aber ermöglichte ihm Kreativität und Umsatz zugleich. Wolff holte sich externe Kameraleute mit in die Projekte und konzentrierte sich selbst auf die Planung, Produktion und Regiearbeit. Aber schon 2008 kam dann das Beinahe-Aus. Auf dem Höhepunkt der Finanz­krise rettete ihn eine neue Idee. Er erzählt: „Ich bekam die Anfrage nach einer Baukamera für die Baustellendokumentation im Zeitraffer.“ Daraus entstand und blieb bis heute ein weiteres Standbein seiner Agentur. Videos und Filme haben sich im Marketing längst etabliert, auch in der sonst eher konservativen Baubranche. Seine Agentur ist heute ebenfalls etabliert und hat fünf Mitarbeiter – klein im Vergleich zu Werbeagenturen. Aber Wolff sagt: „Das ist typisch für die Film­branche, man arbeitet viel mit Freelancern. Denen ist die persönliche Freiheit und Abwechslung meist sehr wichtig.“ Insofern passt Wolff perfekt in die Architektur – und zum Filmemachen.

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