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[ Arbeitswelten ]

Büro im Dschungel

Innenraumbegrünung liegt im Trend. Ein Düsseldorfer Software-Unternehmen hat diesen gemeinsam mit seinen Architekten auf die Spitze getrieben

Von Frank Maier-Solgk

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Vor fünf im Urwald“ im Deutschen Architektenblatt 12.2019 erschienen.

Ein Dschungel als Tagungsraum: Invision, ein Software-Anbieter von Cloudlösungen, hat sich in den vergangenen Jahren ein Main-Office gestalten lassen, das in vollen Zügen dem grünen Trend huldigt. Die Gartenleidenschaft ist im Hightech-Office angekommen.

2015 zog das Unternehmen mit seinen rund 70 Mitarbeitern von Ratingen, einem unauffälligen Bürostandort, in den Düsseldorfer Medienhafen. Dieser wird seit den frühen 1990er-Jahren vom ehemaligen Industriehafen in ein von erneuerten Lofts und mehr oder weniger avantgardistischen Bürotürmen dominiertes Dienstleistungszentrum umgewandelt. Dort erwarb man in unmittelbarer Hafenlage eine der architektonischen Perlen des Areals: den vergleichsweise zurückhaltenden, achtstöckigen und schmalen Kubus des japanischen Pritzker-Preisträgers Fumihiko Maki. Seine Fassade aus Aluminiumelementen mit vorgehängten Metallgewebeelementen lässt die Züge einer rationalen technischen Welt anklingen. Das Innere wurde komplett umgestaltet.

Heute empfängt den Besucher ein aufgeräumt-heiteres Ambiente mit vielen grünen Elementen und manchen Überraschungen. Auf der zweiten und dritten Etage sind eher zurückhaltend gestaltete offene Bürolandschaften entstanden, in deren Zentrum jeweils große Holztische für acht bis zehn Personen stehen (verantwortlich hierfür ist die Immobilienberatungsfirma pro m2). Auf der Eingangsebene, im ersten und dann vor allem im sechsten Obergeschoss taucht man in eine wuchernde Pflanzenwelt ein. Für Invision hat das Architekturbüro mo.studio ein Office-Design-Konzept umgesetzt, das in seiner opulenten Verspieltheit selbst für ein Unternehmen der Digitalbranche ungewöhnlich ist.

Wohlfühlathmosphäre bieten

Man habe, so Julia Handlanger von Invision, dem sachlichen Stil der Gebäudearchitektur etwas Konträres im Inneren entgegensetzen wollen: „Und natürlich ist es heute notwendig, den Mitarbeitern etwas zu bieten, was eine gewisse Wohlfühlatmosphäre ausstrahlt.“ Die Office-Gärten von Invision folgen keinem nostalgischen Ökotrend. So kombiniert der „Digital Garden“ im Erdgeschoss Technik und grünes Dekor. Durch eine offene Treppe mit dem ersten Obergeschoss verbunden, dient er als Eventbereich, in dem öffentliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Get-togethers und Feiern stattfinden.

Verschiedenfarbige, organisch geformte Sitzinseln und treppenförmig ansteigende Sitzreihen strukturieren die Flächen. „Grasteppiche“ und einzelne natürliche Pflanzenelemente lockern die Atmosphäre auf. An den perforierten Wänden sind zahllose Reihen runder Öffnungen die Hingucker, aus denen Büschel von getrocknetem und mit Salzlösung nachbehandeltem Islandmoos herauswuchern. In sie sind auch mehr als 1.000 farblich steuerbare und von den Mitarbeitern programmierte LEDs integriert; an der Decke hängen schließlich „light worms“ und „highlight-walls“ als Teile eines aufwendigen Lichtkonzeptes.

Gut für Raumklima und Akustik

So hat man beides: eine technisch steuerbare Atmosphäre je nach Bedarf und Veranstaltungstyp sowie die Anmutung einer natürlichen Szenerie – wobei die Pflanzen auch dämpfende Schalleffekte haben und für ein vorteilhaftes Raumklima sorgen. „Es ist ein Spiel mit dem Wechsel von künstlich und natürlich“, erläutert Projektleiter Lars Reynolds von mo.studio. Dieses Spiel trägt auch der Überlegung Rechnung, dass ausschließlich natürliche Pflanzen mit weit höheren Kosten und einer aufwendigeren Betreuung verbunden gewesen wären. Die offene Treppe führt zum ersten Obergeschoss, wo – auch dies keine häufige Praxis – ein Restaurant und eine große, moderne, offene Küche auf die Mitarbeiter warten, für deren leibliches Wohl drei angestellte Top-Köche sorgen.

Während unten eine geordnete technische Welt noch den optischen Eindruck dominiert, wird es oben im Meeting-Jungle unübersichtlicher. Hier im sechsten Obergeschoss warten auf 225 Quadratmetern grüne Flokatis, rote Sessel und runde, kleine Beistelltische. Als Brainstorming- und Meeting-Space dient statt eines Round Table eine ringförmige Bank für 18 bis 20 Personen. An der Decke, an den Wänden und am Boden befindet sich ein Mix aus künstlichen und meist großblättrigen natürlichen Pflanzenelementen: Asplenia, Aglaonemea, Alocasia, Bromelia, Monstera, Philodendron, Rhipsalis, Fittonia und Sansevieria. Die aus geometrischen Formen gebildeten Sitzmöbel sind mit nachhaltig produzierter Laneve-Wolle überzogen.

An den Wänden erkennt man großformatige Bilder von namhaften Fotografen der Düsseldorfer Fotoschule, da und dort auch grelle Neonschriften wie beispielsweise „fail“, die auch das Scheitern im kreativen Prozess als erlaubt deklarieren. Und wenn das alles nichts helfen sollte, dann wartet am Ende hier oben auch noch die von Pflanzenelementen überwucherte Bar mit ihrer spiegelnden Kupferdecke, eine Reminiszenz an die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Auch die Technikfreaks der Zukunft suchen gelegentlich Entspannung.

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