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[ Kita-Architektur ]

Raumpädagogik

Eltern haben oft ein gutes Gespür dafür, was Kindern gefällt. Eine Berliner Architektin hat ihre Expertise als Mutter zum Beruf gemacht und sich mit ihrem Büro auf das Bauen für Kinder spezialisiert

Von Nils Ballhausen 

Baukundige Eltern kennen das: Ist im Kindergarten zu wenig Platz, sind Bäder und Toiletten marode, Wände renovierungsbedürftig oder im Weg, dann kommen die Fragen von ganz allein: Du hast doch Ahnung? Kannst du da etwas planen? Bauleitung ist doch für dich eine Kleinigkeit?

Elterliche Pflicht oder Chance? Die Architektin Nathalie Dziobek-Bepler hat aus einer dieser Anfragen heraus ein eigenes Büroprofil entwickelt. Als 2010 die Kindertagesstätte ihrer Kinder erweitert werden sollte, übernahm sie zusammen mit der Produktdesignerin Lilia Kleemann die Planung der neuen Zweigstelle. Nachdem sich beide in das relativ komplexe Regelwerk der Bauaufgabe Kindertageseinrichtung eingearbeitet und das Wirrwarr der amtlichen Zuständigkeiten (Unfallkasse, Gesundheits-, Veterinäramt, Lebensmittel- und Bauaufsicht) durchschaut hatten, folgten bald weitere Anfragen, was die beiden schließlich ermunterte, das Büro baukind zu gründen.

Schon im Folgejahr erhielt baukind eine Auszeichnung im jährlich von der Bundesregierung ausgelobten Wettbewerb „Kultur- und Kreativpiloten“. Der Preis, ein einjähriges Mentoring-Programm, half dabei, das eigene Profil weiter zu schärfen. Gutes Timing, denn kräftigen Rückenwind erhielt das Geschäftsfeld in der Folgezeit durch mehrere staatliche Investitionsprogramme zur Schaffung neuer Kindergartenplätze, da Eltern seit 2013 bundesweit einen Rechtsanspruch auch auf einen Betreuungsplatz für Kinder vom ersten bis dritten Lebensjahr haben. 2019 stehen in Deutschland rund 2,8 Millionen Betreuungsplätze für Kinder zwischen null und sechs Jahren zur Verfügung.

Übersetzungsarbeit

Ohne freie Träger wäre die Steigerung der Anzahl von Kita-Plätzen undenkbar. Bundesweit existieren gegenwärtig knapp 57.000 Kindertageseinrichtungen, davon befinden sich immer weniger, nämlich nur noch knapp 19.000, in öffentlicher Trägerschaft. Nur große Sozialverbände und die Kirchen können sich Bauabteilungen leisten, die diesen Wachstumsprozess begleiten. Elterninitiativen, kleine gemeinnützige Trägervereine oder Firmen nehmen gerne externes Know-how in Anspruch. Spezialisierte Architekturbüros wie baukind bedienen diese Nachfrage, etwa 90 Prozent seiner Kunden sind private gemeinnützige Träger. Neben der persönlichen Motivation, ein wichtiges gesellschaftliches Feld zu beackern, sind es vor allem die unterschiedlichen pädagogischen Konzepte der Auftraggeber, die die Bauaufgabe nach fast zehn Jahren immer noch abwechslungsreich machen. „Wir wollen die pädagogische Arbeit unserer Kunden in Raum übersetzen“, sagt Nathalie Dziobek-Bepler.

Das Leistungsspektrum des Büros hat sich über die Jahre zu einem Rundum-Paket entwickelt, in dem neben Planungsleistungen auch Beratungen zu Fördermöglichkeiten oder die Immobiliensuche enthalten sind. „Wir sind es gewohnt, mit minimalen Budgets umzugehen“, sagt Dziobek-Bepler, „aber derzeit ist vor allem die Vergabe eine besondere Herausforderung.“ Da die meisten Projekte von der öffentlichen Hand gefördert werden, unterliegen sie öffentlichen Vergaberichtlinien. Auch für ein paar neue WC-Trennwände müssen drei Angebote eingeholt werden, was zusätzlich Arbeit und Zeit kostet. Und nicht nur das: Während die geplante Mittelverwendung noch von der zuständigen Vergabestelle geprüft wird, sind die hinterlegten Preise oft schon wieder gestiegen, sodass die höheren Baukosten entweder nachfinanziert werden müssen oder an der Ausstattung gespart wird.

Da viele Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen das Interieur von Kindertageseinrichtungen betreffen, ist es naheliegend, dass baukind auch die Planung der Inneneinrichtung anbietet. Auch nach dem Ausscheiden von Lilia Kleemann, die sich seit 2017 mit ihrer eigenen Firma papoq auf den Bereich Spielmöbel und Kita-Ausstattung fokussiert, nimmt dieser Bereich einen wichtigen Teil der Arbeit ein. Dadurch entsteht, trotz aller Unterschiede der Auftraggeber und Bestandsbauten, eine konzeptionell-gestalterische Wiedererkennbarkeit der einzelnen Projekte. Die Einbauten, Podeste, Nischen und Schränke bestehen zumeist aus lasiertem Sperrholz, wiederkehrende Elemente sind beispielsweise tonnenartige Fenster, die Verbindungen zwischen den Räumen herstellen. Der Einsatz von Farbe beschränkt sich dabei auf die aktiven Spielbereiche der Kinder, ansonsten herrschen neutrale Töne vor, mitunter aber auch Sichtbeton, wie beispielsweise in der Kita Flipflopz in Berlin.

Bauen, Klettern, Rückzug

In dem neuen, aseptischen Quartier rund um die Großveranstaltungshalle Mercedes-Benz-Arena würde kaum jemand Räume für Kinder erwarten. Die Kita Flipflopz befindet sich im Erdgeschoss der vor Kurzem von HENN fertig-gestellten Zentrale eines Internethändlers. Der betriebsnahe Kindergarten (70 Kinder) hält ein Platzkontingent für Firmenangehörige bereit, ist aber auch offen für andere Kinder im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Träger ist die Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH, eine Tochter des 1990 gegründeten gemeinnützigen Fröbel e. V. Unter seinem Dach werden deutschlandweit fast 190 Krippen, Kindergärten und Horte betrieben. In dieser speziellen Markenwelt unweit des Berliner Ostbahnhofs wirkt das Fröbel-Label besonders passend, steht dahinter doch ein Unternehmen mit inzwischen über 3.850 Beschäftigten.

Im eingeladenen Wettbewerb für den Innenausbau setzte sich baukind mit dem Entwurf „Into the Wild“ durch, der den Übergang von der geordneten Stadt in die „Wildnis“ der Vegetation thematisiert. Das pädagogische Konzept setzt auf offene Räume, die nicht durch Gruppen, sondern durch Themen definiert sind (Bauen, Klettern, Rückzug) und je nach Interesse von allen genutzt werden. Die konkave, bodentiefe Glasfassade steht zwar eindeutig für Büroarchitektur, ermöglicht aber den unmittelbaren Bezug zum vorgelagerten Freiraum, der seinerseits mittels (wenig kindgerechter) Glaslamellen von der Straße abgeschirmt wird. Die Gartenfläche, ebenfalls von baukind entworfen, wurde auf die Innenräume abgestimmt, was sich in der Plangrafik deutlicher abbildet als in der Realität, weil die Pflanzen im heißen Sommer gelitten haben. Eine Besonderheit im Inneren ist die großzügige Wasserspielecke, die an den Sanitärbereich anschließt, und die Kinderküche, in der die Möglichkeit besteht, sich das Essen selbst vom Buffet zu holen.

Rund 80 Projekte hat baukind seit seiner Gründung realisiert, in letzter Zeit vermehrt komplette Kita-Neubauten. „Architektur für Kinder“ zu machen, sei nach wie vor eine Herzensangelegenheit, weil sie besonders großen Einfluss auf die Gesellschaft habe, sagt Geschäftsführerin Dziobek-Bepler. Als kommende Aufgaben sieht sie die räumliche Verknüpfung von Kinder- und Seniorenbetreuung und Kombinationen aus Familien- und Bildungszentrum. Die Vorbilder hat sie bereits in Skandinavien besichtigt.

In der Kita „Sinneswandel“ darf auch die Einrichtung neu sortiert werden.

Unerhört bunt

Die Kita „Sinneswandel“ (ebenfalls von baukind geplant) wird von gehörlosen und hörenden Kinder besucht. Wir zeigen sie hier mit einer Fotostrecke.

Weitere Beiträge zum Thema finden Sie in unserem Schwerpunkt Kinder

 

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