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[ Deaf Space ]

Mit den Augen hören

Gehörlose und schwerhörige Menschen benötigen für eine optimale Orientierung und Kommunikation bauliche Voraussetzungen. Der Architekt Jan Philipp Koch hat sie an seinem Haus geschaffen

Durchblick: Sichtbeziehungen wie hier zwischen Ruheraum und Erdgeschoss sind charakteristisch für den Bau.

Von Birgit Ochs

Als die Tür aufgeht, ist alles ganz anders. Eben stand man noch ein wenig gedankenverloren in einer ruhigen Wohnstraße am Kölner Stadtrand, wo das kleine Siedlungshäuschen aus den Dreißigerjahren sofort aufgefallen war. An die 800 sehr ähnliche Doppelhäuser stehen hier. An die meisten ließen die Besitzer anbauen, um sich mehr Platz zu verschaffen. Während die Nachbarschaft dabei auf Flach- oder Pultdach gesetzt hat, schmiegt sich hier der neue Teil mit Satteldach harmonisch an den Altbau. Allerdings verblüfft die Doppelhaushälfte mit ihrer Farbe – Braun.

Dann sind da diese riesigen Fensterfronten, zum einen zur Straße, aber auch zum Garten hin, die den Passanten vollkommenen Durchblick auf den Esstisch, die Küche und die Wohnlandschaft und somit Einblick ins Leben der Bewohner gewähren. Die Verbindung von Innen- und Außenraum ist im Einfamilienhausbau bei Bauherren wie Architekten gegenwärtig ja ganz groß in Mode. Die optisch verschwindenden Grenzen gelten vielen als wichtiges architektonisches Qualitätsmerkmal (was eigentlich überrascht, werden doch die Grundstücke immer kleiner und die Quartiere immer dichter zugebaut). Aber wie hier die ganz große Offenheit zelebriert wird, das ist doch schon ziemlich gewagt. Und so schießt, während der Finger den Klingelknopf drückt, kurz der Gedanke durch den Kopf, ob die Bewohner womöglich gnadenlose Selbstdarsteller sind.

Farb- und Materialwahl soll die Augen enlasten.

Durchgeblickt statt abgekapselt

Aber dann steht Jan Philipp Koch in der Tür, lacht, als ahnte er, was einem gerade in den Sinn gekommen sein könnte; jedenfalls stellt er noch im Eingang klar, dass er erstens überhaupt nichts hört und zweitens der Anbau als sogenannter Deaf Space – als Raum für Gehörlose – geplant ist, in dem die großen Glasfronten eine ganz entscheidende Rolle spielen. Dass Besuch kommt, hatte Koch so schon längst gesehen, noch bevor die Klingel ihn meldete – nicht akustisch, sondern mittels eines Blitzsignals.

Vor anderthalb Jahren sind der Architekt und seine Lebensgefährtin Nicole Huber, eine Anwältin, in das Haus in Köln gezogen – zunächst in den alten Teil, bis der Anbau fertiggestellt war. Davor hatte das Paar in einer Wohnung gelebt. An der sei eigentlich nichts auszusetzen gewesen, erzählt Koch, der als Kleinkind infolge einer Krankheit sein Gehör völlig verloren hat. Seine Eltern bestanden darauf, dass er Lippenlesen lernt. Von der Gebärdensprache habe sein Vater nichts gehalten. „Damit grenzt du dich nur aus“, begründete er seine Ablehnung und hielt den Sohn dazu an, Anschluss an die hörende Umwelt zu suchen.

So lernte Koch, seinen Gesprächspartnern die Worte von den Lippen abzulesen, und trainierte das Sprechen, die Lautbildung und Lautstärke. Hart sei das manchmal gewesen, sagt er und erzählt, dass er gerne die Gallaudet University in Washington, die einzige Universität für Gehörlose, besucht hätte. Die aber bot weder Architektur noch Ingenieurwissenschaft an, und so studierte er an verschiedenen Hochschulen in Deutschland. Als Planer und Betroffener trieb ihn die Frage um, wie die gebaute Umwelt das Leben gehörloser Menschen erleichtern kann. In Deutschland sind nach Angaben des Gehörlosen-Bundes etwa 80.000 Menschen taub, dazu kommen 140.000, die zu mehr als 70 Prozent schwerhörig sind. Gerne hätte Koch über Deaf-Space-Architektur promoviert, aber da sich kein Doktorvater fand, wählte er ein Thema aus dem Bereich energieeffizientes Bauen.

Mit seinem Kollegen Arno Günther Knott betreibt er ein Architekturbüro in Düren. Bis auf ganz wenige Ausnahmen habe die Kommunikation mit den Bauherren immer gut geklappt, sagt er. Nur mit denen, „die halt unbedingt telefonieren wollen, um Dinge zu besprechen“, könne es nichts werden.

Natürlich ist Koch auch in einer ganz normalen Wohnung klargekommen. Nur wirklich wohlgefühlt hat er sich da nicht. Denn für Menschen wie ihn, die ihre Umwelt im Wesentlichen mit den Augen erfassen, fühlten sich viele Räume wie eine Kapsel an. „Was außen ist, das bekomme ich in Standardgebäuden einfach nicht mit“, macht Koch deutlich. Vermutlich hätte sich daran so bald nichts geändert, auf der Suche nach einem neuen Zuhause waren er und Nicole Huber jedenfalls nicht. Aber als einer seiner Bauherren, der zunächst an dem Siedlungshäuschen in Köln interessiert gewesen war, beschloss, sich doch nach einem anderen Objekt umzusehen, ergriff das Paar die Chance.

Transparenz: Die Offenheit hilft den Bewohnern, auch den Außenraum wahrzunehmen.

Größerer Platzbedarf

Der Altbau mit seinen 80 Quadratmetern Wohnfläche war stark sanierungsbedürftig. Technisch und energetisch entsprach er nicht ansatzweise dem heutigen Stand. Außerdem hatte sich Schimmel entwickelt, der bekämpft werden musste. Um die Feuchtigkeit zukünftig aus dem Haus zu halten, ließ Koch die Kellermauern nach außen hin abdichten. Dem Planer widerstrebte es, zu sehr in die Grundstruktur einzugreifen und den Bau im Innern komplett zu verändern. „Für mich war klar, dass wir den Altbau im Grunde so nehmen, wie er ist.“ Im alten Teil des Hauses sind Schlaf-, Bade-, Gäste- und Arbeitszimmer untergebracht. Den neuen Trakt aber, der in Form und Typologie an den Bestand anschließen sollte, wollte er so planen, dass er den Bedürfnissen eines Gehörlosen entspricht.

„Wenn ein Mensch die Welt ausschließlich visuell wahrnimmt, spielen Sichtbeziehungen die zentrale Rolle“, erläutert Koch, was sich schon an den großen Glasflächen gezeigt hatte. Dabei geht es jedoch um mehr als den direkten Ausblick zur Straße und in den Garten. Koch muss nicht durchs Fenster blicken, um des Autos gewahr zu werden, das vorfährt, oder ankommende Gäste zu bemerken. Oft reicht die Reflexion im Fensterglas, um einen Vorgang vor dem Haus mitzubekommen. „Früher habe ich immer den Paketboten verpasst, das ist mir hier jetzt nicht mehr passiert“, konstatiert der Hausherr zufrieden.

Doch es geht nicht nur um die visuelle Verbindung zum Außenraum. Auch im Innern des 86 Quadratmeter großen Anbaus hat der Architekt für jene optimalen Sichtbeziehungen gesorgt, die einen Deaf Space auszeichnen. Im Grunde geht es darum, dass der gehörlose Bewohner das Geschehen im Raum möglichst beiläufig und so umfassend wie möglich mitbekommt. Koch hat seinen Deaf Space als komplett offene Wohnlandschaft geplant. So beherbergt der Anbau Küche, Essplatz und Sofa. Gehörlose brauchen mehr Platz, erläutert der Architekt. Gleich, ob sie sich durch Gebärden verständigen oder Lippenlesen – ihr Gegenüber müssen sie immer im Blick haben. Sind sie dabei gleichzeitig in Bewegung, brauchen sie Raum, um nicht anzustoßen. Unterhalten sich mehrere Personen miteinander, hat der Gehörlose nur eine Chance, dem Gespräch zu folgen und sich zu beteiligen, wenn er die Gesamtsituation im Blick hat. In ihrer alten Wohnung sei das schwierig gewesen, erzählt Koch. „Wenn man zu dicht vor einer Person steht, weil es so eng ist, wird es schwierig“, erläutert Koch.

Wichtig für die Kommunikation sind zudem gute Lichtverhältnisse. Für Gehörlose empfiehlt sich eine möglichst indirekte, diffuse Beleuchtung, die weder blendet noch zu starkem Schattenwurf führt. Bei direktem Licht wirft im Gesicht die Nase meist einen Schatten auf den Mund. „Das erschwert das Lippenlesen“, erklärt der Planer, der an dem langen Esstisch genau weiß, wo sein Gegenüber am besten sitzt. Mit der großen Hängeleuchte, die er wie die Küche und diverse andere Einbaumöbel auch selbst entworfen hat, ist er bisher allerdings noch nicht zufrieden. „Die Beleuchtung ist noch nicht perfekt, da muss ich noch nachbessern.“

Experten in eigener Sache: Deaf-Space-Bewohner Nicole Huber und Jan Philipp Koch

Ruhe für die rastlosen Augen

Damit die Bewohner auch ohne Zuruf über die Etagen hinweg und vom Alt- zum Neubau Kontakt aufnehmen können, hat der Architekt auf Transparenz gesetzt. Gewissermaßen die Krönung des Neubaus ist die Galerie, die man vom Altbau aus über einen gläsernen Steg erreicht. Für Menschen, die nicht schwindelfrei sind, ist er eine Herausforderung, und der Hausherr räumt grinsend ein, dass der ein oder andere Besucher lieber mit einem großen Sprung in den schönen Ruheraum übergesetzt habe. Von hier aus kann man zudem über die offenen Seiten in den darunterliegenden Raum blicken. Wenn der 42 Jahre alte Koch von Ruhe spricht, dann geht es darum, dass sich seine Augen erholen. In der Wahrnehmung ganz auf sie angewiesen zu sein, sei ermüdend, erzählt er. Der Deaf Space soll daher auch visuell entlasten. Wie das geht? Zum Beispiel durch gedeckte, erdige Farbtöne, die die Augen beruhigen. Das erklärt auch das Braun der Fassade. Um Alt- und Neubau demonstrativ zu verzahnen, hat Koch den Farbton an der nun im Anbau innen liegenden Wand des alten Siedlungshäuschens weitergeführt.

Auch die Materialwahl spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, eine ruhige Raumatmosphäre zu erzeugen. Das Paar wählte „rohe“ Materialien wie Stahl, groben Rillenputz, Glas und Beton für den Boden. Dazu viel Holz. Der Innenausbau ist aus Fichte, Tür und Fensterrahmen sind aus Kiefer, der Tisch und die Einbaumöbel aus Eschenholz. Trotz der Größe und Offenheit ist so ein behaglicher Raum entstanden. Ein Deaf Space, das wird klar, kann auch für Hörende eine angenehme Raumerfahrung bieten. Und wenn den Bewohnern danach ist, die Außenwelt auszublenden, können sie sowohl vor den Dachfenstern wie auch im Erdgeschoss Jalousien herunterfahren lassen – das geht übers Smartphone.

Wäre es nach Jan Philipp Koch gegangen, dann hätte er das Thema Deaf Space noch weitgehender umgesetzt. Zwischen Alt- und Neubau etwa hätte er nicht nur Milchglastüren gewählt, sondern auch mittels eines Durchbruchs die optische Verbindung gesteigert. „Doch das Budget ist ja nicht unbegrenzt“, sagt er. So steht die Tür zwischen den beiden Teilen des Hauses eben offen – und ermöglicht so eine direkte Sichtbeziehung zwischen Arbeitszimmer und Wohnraum. „Und damit ist auch schon viel gewonnen.“

© „Architektur für Gehörlose“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.02.2017. Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

 

Der Weg zum Deaf Space: Empfehlungen von Jan Philipp Koch

Sichtbezüge: Einige Mindeststandards muss ein Haus mitbringen: Zu kleine und enge Räume schränken die visuelle Wahrnehmung der Umgebung ein. Deshalb sollte ein Gebäude über größere, möglichst offene und einsehbare Flächen verfügen, analog zur DIN 18040-2 (Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen – Teil 2: Wohnungen). Diese ermöglichen es, optische Kommunikationsräume und Sichtachsen zu schaffen. Sie ergeben sich aus dem jeweiligen Grundriss und den darin möglichen Tätigkeitsabläufen. Im Neubau gilt: Aus den Sichtachsen folgt die Grundrissplanung, der alles untergeordnet wird. Ist dies im Altbau nicht gegeben, sollte er statische Eingriffe hin zu größeren Räumen und Sichtachsen zulassen.

Raumplanung: Gehörlose brauchen etwa eine Armlänge mehr Platz zum Lippenablesen und zum Gebärden. Die in der DIN 18040-2 beschriebenen Bewegungsflächen sind eine gute Richtschnur für die Kommunikationsflächen. Hierbei sollten die Anforderungen nach R eingehalten werden (Rollstuhl 1,5 x 1,5 m), denn die DIN erfasst mit den Bewegungsflächen für Rollstühle (unbeabsichtigt) auch die Bedürfnisse hörbehinderter Menschen. Hier geht die Entwicklung der Normung auch für Hörbehinderte bereits in Ansätzen in die richtige Richtung. Von Vorteil sind auch abgerundete Ecken, die den Blick nicht abrupt abschneiden.

Lichtplanung: Das Ziel ist eine diffuse Beleuchtung, die nicht blendet sowie Schattenwurf vermeidet. Als Architekt kann man die Anforderungen beschreiben – umsetzen sollte sie ein Lichtplaner. Da so etwas im Einfamilienhaus aus Kostengründen meist unüblich ist, kann man dort in der Regel nur mit Leuchten arbeiten, die indirektes Licht über die Deckenebene strahlen. Ein No-Go sind etwa direkt gerichtete Deckenspots. Daneben ist generell wichtig, dass bei allen Lampen die Leuchtmittel nicht sichtbar sind: Damit entfallen Blendquellen.

Transparenz und Reflexionen: Transparenz ist wichtig an den Schnittstellen innen-innen sowie innen-außen. Hierbei gilt es allerdings die individuellen Wünsche der hörbehinderten Bewohner zu berücksichtigen. Es gibt auch jene, die sich nicht für Transparenz und die damit einhergehenden gesteigerten Kommunikationsmöglichkeiten erwärmen können. Wo die Bewohner sich regelmäßig mit dem Rücken zu wichtigen Schnittstellen befinden, sollte man gegenüberliegend Reflexionsflächen einplanen. Das können Fenster, Spiegel oder hochglanzpolierte Flächen sein. So können etwa Besucher an der Haustür visualisiert werden (vorausgesetzt, die Tür ist gläsern).

Farben und Materialien: Gehörlose Menschen sind stark auf ihre Augen angewiesen, gerade Lippenlesen ist anstrengend. Deshalb empfinden sie optische Entlastung in besonderem Maße als hilfreich. Hierzu lohnt ein Blick auf Farbenlehren (Johannes Itten oder Johann Wolfgang von Goethe), vor allem aber auf wissenschaftliche Abhandlungen über die Wirkung von Farbe auf den Menschen. Kochs persönliche Farbwahl Beige, Erdbraun, roher Stahl (Grau-Braun) basiert auf Erdverbundenheit mit der Aussicht auf viel beruhigendes Grün durch die Fenster. Auf grelle Farben hat er verzichtet.

 

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