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[ Industriebauten ]

Präsentable Produktion

Produktionsstätten sind schon längst nicht mehr reine Nutzbauten. Wer als Unternehmen bestehen will, investiert in humane Arbeitsbedingungen, Energieeffizienz, Freiräume und nicht zuletzt in Corporate Identity. Die richtige Architektur integriert diese vielen Wünsche und gibt dem Ganzen ein Gesicht

Von Christoph Gunßer

An der A 4, kurz vor der Raststätte „Dresdner Tor“, ist unlängst ein schimmerndes Raumschiff gelandet: 143 mal 62 Meter misst die neue Produktionshalle des Medizingeräteherstellers B. Braun, und das ist nur der erste Bauabschnitt der Anlage. „Fabrik 4.0“ nennt Architekt Robert Rösch vom Stuttgarter Büro Neugebauer + Roesch seinen Entwurf, der 2015 den von der Firma ausgelobten Realisierungswettbewerb gewann: „Die Unterscheidung zwischen den Arbeitsplätzen an einem Schreibtisch im Büro und den Tätigkeiten in einer Montage- und Produktionshalle löst sich auf. Das eine ist Teil des anderen und muss deshalb gleichwertig gestaltet werden.“

Architektur und Reinraum

Die Büromitarbeiter können in ihren Pausen eine begrünte Dachterrasse nutzen. Doch auch die hermetisch abgetrennten Reinräume in der Halle haben einen Bezug zur Außenwelt: Über zwei Lichthöfe gelangt Tageslicht in die sterilen Arbeitsräume, in denen Dialyse-Filter hergestellt werden. Schiefersteinfindlinge erinnern an die Landschaft draußen.

Die kantige, schlichte Gestaltung des 15 .000 Quadratmeter großen Fabrikneubaus basiert auf einem Raster von 2,40 Metern. Sie zieht sich durch alle Bereiche. Breit lagernd öffnet sich die transparente Glasfassade hinter filigranen Stahlstützen gen Südwesten, von wo sich Mitarbeiter wie Besucher dem Gebäude nähern. Foyer, Cafeteria und Büroflächen liegen hier zweigeschossig vor der höheren Produktionshalle, hinter der noch Kesselhaus und Logistikflächen folgen. Das Ganze ist nach beiden Seiten erweiterbar.

Städtebaulich nimmt der Komplex, an dem die Jury die „angemessene Balance zwischen repräsentativem Auftritt und Funktionalität“ lobte, bislang keinerlei Bezüge auf. Nicht einmal zur nahen Autobahn verhält er sich. Wilsdruff heißt die in einiger Entfernung gelegene Kleinstadt, für die der 100-Millionen-Bau 140 neue Arbeitsplätze bedeutet – der Freistaat Sachsen schoss für die Ansiedlung sechs Millionen Euro zu, und sogar Ministerpräsident und Bundesgesundheitsminister kamen zur Eröffnung.

Der direkte Nachbar ist ein Autoteile-Hersteller in einem Rundbau, ein noch weit selbstbezogeneres Raumschiff. In sich konsequent gestaltet, könnten solche Gebäude überall stehen. Sie folgen dem Prinzip Setzung. Zumindest beim Braun-Bau wäre aber denkbar, dass einmal etwas Größeres drum herum wächst. An das einladende Entree mit seiner großen Geste, von den Planern bereits als „Vorplatz“ tituliert, ließe sich andocken: Mit dem Wettbewerb für die Fabrik war die Ideenfindung für einen künftigen „Campus“ verbunden.

Futuristisch: In der Wellpappenmaschinenfabrik in Weiherhammer sind Verwaltung und Restaurants über eine Brücke verbunden.

Tanz am Weiher

Von vornherein landschaftlich angelegt ist ein Neubau, den die Architekten der furoris gruppe aus Chemnitz für BHS Corrugated planten, den Weltmarktführer bei Wellpappenmaschinen. An dessen Hauptsitz im oberpfälzischen Weiherhammer ist die Firma mit 1.000 Mitarbeitern weit und breit der einzige Arbeitgeber, denn sie ging aus einem staatlichen Hüttenwerk hervor. So nutzten die Architekten die Freiheit, die der Standort am namensgebenden Weiher bot, der direkt vor der Haustür der neuen Produktionshalle liegt. Um das beste Konzept zu finden, hatte der Bauherr einige Architekturbüros aus der Region eingeladen. Doch das junge Team aus Sachsen überzeugte und wurde inzwischen sogar mit einem Masterplan für das Firmengelände sowie weiteren Bauabschnitten beauftragt.

Die Produktionshalle ist von den Büros aus stets einsehbar.

Die gewellten Fassadenbänder, die das neue Gebäude prägen, erinnern entfernt an die Wellpappenproduktion. Dahinter verbergen sich Großraumbüros und Konferenzräume für Verwaltung und Forschung. Zwischen Produktionshalle und Weiher platziert, fungiert das Gebäude zugleich als Entree zum Werksgelände. Gestaltet wurde es als größtmögliches Kontrastprogramm zur profanen (und in der Grundfläche etwa fünfmal größeren) stählernen Montagehalle, die indes von den Büro-Etagen stets einsehbar ist. Auch formal wurde die Halle in die horizontale Bandstruktur eingebunden, ihre Ecken wurden immerhin leicht abgerundet. Der Bürobau aus dem vor Ort gegossenen Stahlbeton bildet jedoch das „Gesicht“ des Ganzen.

Wichtig war der Geschäftsleitung auch hier, dass alle Mitarbeiter von der offenen Gestaltung profitieren. So gibt es in dem (mit der Fabrikhalle) insgesamt 16.500 Quadratmeter großen Komplex eine eigene Ebene für die Kommunikation. Hier sind Ruhebereiche und Orte für hoch konzentrierte Tätigkeiten miteinander verknüpft. Zwei (abends öffentliche) Restaurants erreicht man von der Verwaltung über eine Brücke – hier muss man nicht kantinenmäßig Schlange stehen, sondern bestellt bequem per App. Es gibt sogar Saibling aus dem Weiher. Dachterrassen mit Blick auf denselben sollen Freizeitgefühle wecken – Arbeiten wie im Urlaub sozusagen. Die bereits mit einem German Design Award ausgezeichnete Architektur stünde auch einem Luxushotel irgendwo im Süden gut. Vielleicht lockt das den Maschinenbau-Nachwuchs in die Provinz.

Gut dosiert: Der kleine Ergänzungsbau für die Schokoladenfabrik in Hamburg findet eine feine Balance zwischen Anpassung an den Bestand und eigener architektonischer Setzung. Im Inneren werden die Zutaten für die Produktion von Smarties dosiert.

Niveau für Buntes

Was das Leben sonst noch versüßt, bunte Schokolinsen zum Beispiel, kommt heutzutage aus ganz profanen Fabriken. Dass man die aber niveauvoll anlegen kann, zeigen aib Architekten aus Duisburg mit einem kleinen Produktionsbau für das Chocoladen-Werk von Nestlé in Hamburg. Ein Bauplatz an einer Verkehrsachse zwischen bestehenden Werksbauten, ein Raumprogramm mit Produktionsanlagen und Pausenflächen – und doch verdient das Resultat das Label „gute Architektur“.

In Anlehnung an den Bestand aus den Sechzigerjahren prägt ein profilierter Sockel aus Klinkern den Neubau auf Fußgänger-Niveau. Das Geschoss darüber, wo in großen Behältern die Produktion vorbereitet wird, trägt Wellblech, das aber farblich, in der Linienstruktur wie in der Proportion auf die Ziegelflächen unten abgestimmt ist, sodass der Baukörper nicht auseinanderfällt und feingliedrig wirkt. Ein Fensterband aus dem Systembaukatalog der Sandwich-Fassade fügt sich passend ein – auch wenn Tageslicht hier nur gelegentlich zur Wartung der Anlage benötigt wird.

Beliefert wird der schmale Bau über ein Tor in der Mitte, durch das die großen Säcke mit den süßen Zutaten passen. Profane Mittel ergeben so ein architektonisch beachtlich subtiles Resultat, das hier zumindest die Werksangehörigen bewundern können.

Skulptural: Die Bildgießerei in Berlin …

Kunst-Quartier aus einem Guss

Sichtbarer, nämlich mitten im Berliner Bezirk Charlottenburg, siedelte sich unlängst die Bildgießerei Noack an, ein Berliner Traditionsbetrieb, der zuvor in Frohnau am Stadtrand zu Hause war. In vierter Generation goss man hier Kunstwerke von Barlach, Moore oder Baselitz. 2017 war das „Skulpturenzentrum“ am Spreeufer komplett, auf einem 10.000 Quadratmeter großen Gelände neben dem Heizkraftwerk. Neben der Bildgießerei gibt es hier nun 15 großzügige Ateliers mit Spreeblick, ein Museum und eine Galerie. Auch ein Restaurant mit Skulpturengarten und die Wohnung des Chefs sind integriert. So entstand eine Art Werkhof – angelehnt an diesen traditionellen Berliner Bautyp. Es gibt zwei Innenhöfe, in denen Hand angelegt wird, mit großem Werktor.

… verbindet Aus- und Herstellung mit Ateliers an der Spree zu einem Skulpturenzentrum.

Auch die Bauweise des Ensembles ist strikt industriell: Beton-Fertigteile prägen sichtbar die Fassaden, was auch Bezug zum Gießen der Skulpturen herstellt. Bänder von Nordfenstern und Sheddächer aus Metall unterstreichen den rauen Charakter des Ortes.

Von einem Skywalk aus können Besucher die einzelnen Bereiche der Produktion überblicken: Gießer, Schmiede, Wachsformer und Ziseleure arbeiten hier eng zusammen. Auf die namhaften Künstler, die hier residieren, unter anderen Tony Cragg, wirkt die Nähe zur Herstellung befruchtend. Geplant hat das Ganze der Berliner Architekt und Bildhauer Reiner Maria Löneke.

Den Ort abrunden

Ebenfalls innerorts, doch in einem viel kleineren Kontext liegt das letzte Projekt unserer Reihe, die Erweiterung eines Weingutes. Gerade mal 400 Einwohner zählt St. Katharinen in Rheinland-Pfalz, und mittendrin wollten die Gebrüder Gälweiler bessere Produktionsbedingungen schaffen. Eine Aussiedlung kam nicht infrage, denn man wollte keinen Leerstand im Ort. Darum erwarben die Brüder ein kleinbäuerliches Gehöft in unmittelbarer Nachbarschaft, das baufällig war und abgebrochen werden konnte.

An seiner Stelle schufen Molter Linnemann Architekten aus Kaiserslautern eine Mehrzweckhalle, die dreiseitig an Bestandsbauten anschließt und doch eine eigenständige Architektursprache entwickelt. Funktional offen und doch maßstäblich, fügt sich das Gebäude, in dem saisonal die Traubenverarbeitung, die Abfüllung und ein Barrique-Keller untergebracht sind, in den kleinteiligen Kontext.

Eine geschwungene Wand aus Ziegelsteinen rahmt das Volumen der Halle. Ihre Höhe folgt dem Verlauf der Straße und setzt die Bestandsbauten des Gutes in Szene. So entsteht ein halböffentlicher Hof, wie es der örtlichen Körnung entspricht. Auch die Materialität ist zumindest im sichtbaren Bereich kleinteilig, die Ziegel sind gemischt und im wilden Verband verlegt. Das Dach bilden aber große Brettschichtholzbinder und Trapezbleche.

Wandel planen, Identität bewahren

So viele Gesichter hat Produktion hierzulande – immer noch, ist man geneigt, hinzuzufügen. Die rasanten Veränderungen gerade auf den gewerblichen Immobilienmärkten mögen eine immer neutralere, immer flexiblere Ausformung des Angebotes nahelegen. Doch macht diese auch gesichtsloser. Stehen am Ende jene dekorierten Schuppen, die keine Architekten mehr brauchen? Oder liegt gerade bauliche Markenbildung im Trend? Hier einen Mittelweg zwischen nutzerspezifischem und zukunftsoffenem Konzept zu finden, ist Aufgabe der Architekten.

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