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[ Interview ]

„Man kann ein neues Leben nicht erzwingen“

Beim Deutschen Architektentag am 27. September haben Sie die Gelegenheit, die Philosophin Rahel Jaeggi zu erleben, die neben Reinier de Graaf die Keynote des Tages hält. Kerstin Kuhnekath sprach mit ihr vorab über ihren Blick auf Architektur, Sinn und Unsinn von Nutzerbeteiligung und den Kern der Kreativität

Bestimmte Lebensformen führen zu einer bestimmten Architektur, die wiederum ­unsere Lebensformen beeinflusst – wie wir leben und kommunizieren. Welche Bedeutung hat Architektur für die Entwicklung der Gesellschaft?

Architektur bildet erst mal den Ist-Zustand der Gesellschaft ab. Sie kann aber auch einen Sollzustand abbilden und einen Vorgriff darstellen auf das, was sein könnte oder möglich ist. Was an Wünschen und Potenzialen da ist bei den Menschen, die in den Gebäuden und Städten leben, könnte sie vorweggreifend abbilden und vielleicht sogar weitere Wünsche und Möglichkeiten erzeugen.

Welche Rolle spielt die Avantgarde für die breite Masse?

Die Avantgarde möchte das Leben verändern, kann aber nicht etwas bauen, ohne dass sich die gesellschaftliche Lebensform schon so entwickelt hätte, dass sie in dem Neuen leben kann oder will. Es wäre aber auch falsch, den Anspruch aufzugeben, einen Vorgriff zu machen. Das ist ja der Kern der Kreativität. Es ist wie in der Philosophie: Es gibt ein Problem und unterschiedliche Lösungen, über die man debattieren muss. Manchmal scheint plötzlich eine Lösung auf, die nicht aus dem kommt, was schon war. Wenn es aber gar keinem Bedürfnis entspricht, ist es nicht das Richtige. Man kann ein neues Leben nicht erzwingen, indem man etwas Neues baut. Wichtiger als die Akzeptanz der Avantgarde ist allerdings der Umgang mit öffentlichen Gebäuden und wichtigen Bereichen wie Schulen. Die Frage, in welchen Räumen Kinder sich lernend bewegen können, wird offenbar nicht wichtig genug genommen. Das ist ein Fehler.

Wie demokratisch kann Architektur sein?

Es ist gut, wenn Nutzer zu Experten werden und mitreden. Wichtig ist nur, dass nicht immer die gleichen Gruppen mit ihren eigenen Interessen zu Wort kommen. Meistens bringen sich ja genau die ein, die sich besser artikulieren können und die kulturellen Ressourcen haben, sich in diese Dinge einzudenken. Das ist nicht genuin demokratisch. Man will ja nicht, dass eine dünne Schicht von Experten und eine etwas breitere, privilegierte Schicht entscheidet. Experten müssen daher in der Lage sein, die Konsequenzen von Entscheidungen einzuschätzen, und zu sehen, welchen Unterschied sie für die Leute machen, die in den neuen Gebäuden leben werden.

Welche Rolle spielt die Aneignung der öffentlichen Räume für die Stadtbewohner?

Die Architektur ist die Materialisierung von Lebenswirklichkeiten, die darin gebahnt werden. Aneignung kann aber auch auf eine Weise stattfinden, die vielleicht nicht so geplant war. Erschreckend ist, dass gerade die lebendige Aneignung des öffentlichen Raumes zur Vermarktung genutzt wird. Es wird damit geworben, dass in einem bestimmten Szenekiez unheimlich urban, multikulturell und künstlerisch gelebt wird. Und am Ende macht der Markt genau das kaputt. Die Aneignung ist also etwas Gutes, führt aber gleichzeitig dazu, dass diejenigen, die das angefangen haben, später nicht mehr dort leben können. Am Ende profitieren diejenigen davon, die selbst zu diesem Flair nichts beigetragen haben. Das ist eine Form von Ausbeutung, die den Glauben daran untergräbt, dass durch demokratische Teilhabe die Dinge besser werden können.

 

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