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[ Rezension ]

Die offene Stadt

Stadtplanung ist ein schwieriges, vielleicht das komplexeste Metier überhaupt. Jedenfalls gibt es genug gescheiterte und missratene Planungen, um einmal mehr darüber nachzudenken, wie Städte ticken und wie sich ihre Veränderung steuern lässt. Das hat der US-amerikanisch-britische Soziologe Richard Sennett schon häufiger getan, etwa mit seinen Büchern Verfall und Ende des öffentlichen Lebens (1986), Civitas (1991) und Fleisch und Stein (1995). Nun schließt der 75-Jährige, der noch bei Hannah Arendt studiert hat, mit Die offene Stadt sein Homo Faber-Projekt ab, in dem er zuvor das Wesen des Handwerks (2008) und der menschlichen Zusammenarbeit (2012) ergründet hat.

Von Christoph Gunßer

Stadtplanung ist ein schwieriges, vielleicht das komplexeste Metier überhaupt. Jedenfalls gibt es genug gescheiterte und missratene Planungen, um einmal mehr darüber nachzudenken, wie Städte ticken und wie sich ihre Veränderung steuern lässt. Das hat der US-amerikanisch-britische Soziologe Richard Sennett schon häufiger getan, etwa mit seinen Büchern Verfall und Ende des öffentlichen Lebens (1986), Civitas (1991) und Fleisch und Stein (1995). Nun schließt der 75-Jährige, der noch bei Hannah Arendt studiert hat, mit Die offene Stadt sein Homo Faber-Projekt ab, in dem er zuvor das Wesen des Handwerks (2008) und der menschlichen Zusammenarbeit (2012) ergründet hat.

Wie gewohnt legt der geistreiche, weit gereiste Professor auch dieses Mal enormes episodisches Wissen dar und zitiert quer durch die Genres, um Reichtum und Tiefe seines Gegenstands zu verdeutlichen. Er untersucht aber auch konkret und kundig historische Stadtplanungen und zieht praktische Lehren daraus: Cerdás „egalitäres“ Barcelona kontrastiert er als zelluläres, additives Raster mit Haussmanns Paris, das mit seinen schnellen Schneisen vor allem Kontrolle und Mobilität gewährleisten sollte. Letztere führte zwar dazu, dass der einzelne Ort an Bedeutung verliert, doch ungewollt sei Paris „geselliger“ geraten, urteilt Sennett.

In New York versuchte Olmsted im Central Park durch Landschaftsplanung – erfolglos – eine Inklusion der sozialen Schichten zu erreichen. Sennett geht auch auf das traditionelle Hof-Gewebe in Städten des Orients ein, jene „geheimen Räume“, in denen die Subkultur gedieh, und erzählt dann aus erster Hand vom brachialen Umbau Shanghais, das er mit Le Corbusiers Plan Voisin für Paris verknüpft.

Der Gegensatz von gelebter und gebauter Stadt (bei Sennett cité und ville) zieht sich durch das Buch, ohne je ganz plausibel zu werden. Wären vielleicht space und place – die abstrakte Größe der Immobilienwelt und der konkrete belebte Ort – die besseren Gegensätze? Sennett geht es jedenfalls weniger um die Verwertungslogiken der Stadt als um gelingende Milieus, Quartiere. Ganz im Sinne seiner frühen Mentorin Jane Jacobs misstraut er hier den Masterplänen und glaubt an Planung „von unten“. Planer sollten Spielräume lassen („wie ein Bauer säen“), damit Orte selbst lebendig werden können.

Im indischen Delhi stellte die Stadtverwaltung zum Beispiel ein Parkdeck als offene Struktur bereit, auf dem sich ein großer informeller Markt entwickelt hat (shell nennt der Autor diese Art Struktur auf Englisch, was leider falsch als Schale übersetzt wurde – gemeint ist eine Hülle). Auch Grenzen und Säume von Siedlungen erörtert Sennett, die er wie Membranen gestaltet sehen will, damit unterschiedliche Milieus zueinander finden. Märkte empfiehlt er deshalb eher für diese Randzonen.

Kreuzungen als Semikolon, Hochhäuser als Ausrufezeichen

Querdenker Sennett bemüht neben biologischen auch sprachliche Bilder für die Stadt: Kreuzungen als Semikolon, Hochhäuser als Ausrufezeichen usw. zu lesen, hilft indes wenig weiter – seine Stärke liegt im Konkreten. Mehr als die Handvoll Illustrationen hätten im Buch dagegen seine Ideen besser verdeutlichen können. Immerhin sammelte er selbst Erfahrungen als Planer und Berater, was er durchaus selbstkritisch reflektiert.

Smart Cities sind erstmals Thema im Buch; Sennett selbst hat einige besichtigt, etwa Songdo in Südkorea und Masdar am Persischen Golf, und bleibt sehr skeptisch. Er unterscheidet jedoch zwischen kontrollierenden und (seltener) koordinierenden, also offenen Systemen, die Bewohner in Prozesse einbeziehen.

Sennetts wiederholte Botschaft, dass die Vitalität der Städte mit der Vielfalt der Menschen und ihrer Ideen wächst, ist wichtig in einer Zeit, da allenthalben ein identitärer Populismus laut wird. Der Autor, der sich in Berlin wacklig flanierend von einem Schlaganfall erholt hat, kennt Deutschland gut und geht im Buch auch auf die Pegida-Bewegung ein. Sein partnerschaftliches Planungsverständnis hat im traditionell obrigkeitsgeprägten Deutschland bislang eher wenige professionelle Freunde. Ob das Buch daran etwas ändert? Auf jeden Fall ist es eine für Fachleute zwar ungewohnt weitschweifige, doch lehrreiche Lektüre.

Richard Sennett: „Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“, Hanser Literaturverlage, München, 2018, 400 Seiteb, 32 Euro, ISBN 978-3-44625-8594.

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