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[ Mikrohofhaus ]

Von Orten und Unorten

Wohnen auf engstem Raum: Ein Mikrohofhaus auf einer Verkehrsinsel zeigt, wie kleine Behausungen attraktiver werden können.

Mikrohofhaus an der Kreuzung Schlossstraße / Stuttgarter Straße in Ludwigsburg.

Von Simone Kraft

Minimalismus ist Trend. Teils der urbanen Platznot geschuldet, teils bewusste Lebensstil-Entscheidung: Großstädter ziehen in kleine Wohnungen. Nachhaltige und günstigere Tiny Houses entstehen in London, Kopenhagen, Amsterdam – und in Ludwigsburg.

Seit März steht dort ein Mikrohofhaus mitten auf einer Straßenkreuzung, auf der einen Seite die barocke Schlossanlage, auf der anderen die Altstadt, ringsherum die vielbefahrene B37. Etwas mehr als sieben Quadratmeter Wohnbereich, dazu noch einmal etwa doppelt so viel Garten, mehr braucht das mit Kochnische, Essbereich, Nasszelle und Wohn-Schlafbereich voll ausgestattete Mini-Haus nicht.

„Es ist erstaunlich, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht“, sagt Hans-Christian Bäcker, der Teil des jungen Stuttgarter Architekturbüros Atelier Kaiser Shen ist, kurz vor seiner Masterarbeit steht und das Mikrohofhaus als Bauleiter realisiert hat. Er weiß es aus erster Hand, Bäcker hat als einer der ersten darin testgewohnt.

Entwickelt wurde das Wohnhaus en miniature im Rahmen eines Wettbewerbs des Ludwigsburg Museums zum 300-jährigen Geburtstag der barocken Planstadt. „Was ist eine zeitgemäße Stadtwohnung?“ So lautete die ambitionierte Fragestellung der Ausschreibung. Wie kann Lebensqualität und der Bedarf nach mehr Wohnraum gelöst werden, welche Rolle können öffentliche Räume hier spielen?

Der Standort auf der Verkehrsinsel wurde bewusst gewählt, man habe einen „Unort“, ein Gegenprogramm zum Gewohnten gesucht, berichtet Alke Hollwedel, Leiterin des Ludwigsburg Museums und Initiatorin des Mikrohaus-Wettbewerbes „Raumpioniere“. „Wir wollten einen zentralen Ort für ein Mikrohaus, der zur Diskussion anregt. Die Fußgängerinsel, an der täglich 70.000 Fahrzeuge vorbeirauschen, ist eine Herausforderung. Sie steht für die Idee, übersehene Potenziale in der Stadt auszuschöpfen. Daher hat die Jury auch der Entwurf des Mikrohofhauses von Kaiser Shen begeistert, der wie für diesen unwirtlichen Ort gemacht ist! Abgrenzt, nach innen bezogen und doch in sich offen.“

Die ebenso simple wie raffinierte Lösung von Kaiser Shen, die sich unter mehr als 70 Einreichungen durchgesetzt haben: Ihr Mikrohofhaus aus Holz und Wellblech ist von außen ein geschlossener schwarzer Kubus, der an einen Container erinnert. Über einen schmalen Zugang gelangt man ins holzverkleidete Innere, einmal nach links, einmal nach rechts – und plötzlich eine kleine grüne Oase mit rundem Springbrunnen, Liegestühlen und einem Baum. Die Natur fließt geradezu in die Wohnzeile, die sich dank durchgehender Schiebetüren in den Innenhof öffnet.

In ihr sind alle Elemente durchdacht und multifunktional: Das ausziehbare Bett ist Couch und Liegefläche in einem, die Rücklehne wird zur Matratze. Die gesamte Breite der Wohnzeile richtet sich nach der Länge des Bettes, zwei Meter, das Schiebefenster schließt zentimetergenau. Das Waschbecken ist auch Spüle, der Esstisch Arbeitsbereich, der Bettkasten Stauraum. Aber auch der Außenraum ist mehr als „nur“ Garten – der Brunnen dient als Akustikmaßnahme gegen den Straßenlärm und optischer Ruhepol.

Hutongs als Inspiration

Inspiriert wurden die jungen Architekten – 2017 haben sich Florian Kaiser und Guobin Shen selbständig gemacht – von chinesischen Hutongs und marokkanischen Riads. „Diese Hofhäuser, die wir auf Reisen kennenlernen durften, bieten eine atemberaubende Ruhe im Inneren und somit einen Kontrast zum hektischen Leben außerhalb der Hofmauern“, erzählt Shen. Für eine Lösung in der Stadt, wo es keine großzügigen Freiflächen gibt und wo die üblichen Mikrohäuser, die sich meist nach außen öffnen, nicht funktionieren würden, ein vielversprechend anderer Ansatz zur Nachverdichtung. „Mit dem Mikrohofhaus wollten wir eine Antithese zum klassischen Mikrohaus schaffen“, so Kaiser.

Bis September wird es auf der Sternkreuzung stehen, im Wechsel bewohnt von Interessierten, die sich bei der Stadt Ludwigsburg dafür bewerben konnten. Freiwillig wohnen auf sieben Quadratmetern? Mitten auf einer Verkehrsinsel? Wie ist die Luft da und der Lärm? Die Testwohner sagen: Ja, das geht.

Der Besuch vor Ort zeigt: Es ist erstaunlich ruhig im Garten, ab und an das Aufheulen eines Motorrads, sonst ist das Grundrauschen in einer Stadtwohnung an einer Verkehrsstraße kaum anders. Indes ist die Luft rein. Die Abgase werden vom Zaun nach oben geleitet. Aber nicht nur das bewusst begrenzte Raumerlebnis ist ein Experiment für die Testwohner, auch die soziale Komponente und das Erleben von Öffentlichkeit und Privatheit kann ungewohnt sein – so kann es durchaus vorkommen, dass eine architekturinteressierte Touristengruppe an die Duschtür klopft.

Simone Kraft ist Architekturjournalistin in Karlsruhe.


Mehr Informationen und Artikel zum Thema „Wohnen“ finden Sie in unserem DABthema wohnen.

2 Gedanken zu “Von Orten und Unorten

  1. Eine nette zeitgeistige Fingerübung. Offensichtlich gibt es inzwischen einen inoffiziellen Wettbewerb, der aber längst entschieden ist: Auf knapp 13 qm kommt das Cabanon (1952) von Corbusier als vollwertiges Haus. Also: cui bono? Natürlich kommt man mit erstaunlich wenig Eigentum aus, die Lebenswirklichkeit widerspricht dem aber. Der Hipster mag darin ja noch einige Zeit überleben, eine Antwort auf aktuellen Themen ist das nicht.

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