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Kugelturm und große Leere

In Berlins gähnend leerer Stadtmitte ist hohe Stadtbaukunst gefragt, doch Politik und Immobilienwirtschaft sind dazu nicht willens oder in der Lage

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Urbane Visionen: Die fast unbebaute Fläche zwischen Schloss und Fernsehturm ist dreimal so groß wie der Rote Platz in Moskau. Der Architekt Sergej Tchoban sieht in der einstigen Altstadt Raum für ein kleinteiliges Quartier.

Text: Falk Jaeger

Naturlehrpfad, Baumkronenpfad, Gärten der Sinne, Ritterkampfspiele vor dem Rathaus: Solche Vorschläge erntete der Senat von Berlin, als er die Bürger zu einem Online-Dialog über die künftige Gestaltung der Berliner Mitte aufrief – der im östlichen Bereich namenlosen, im westlichen Marx-Engels-Forum genannten, heute zum Großteil unbebauten Fläche zwischen Fernsehturm, Rotem Rathaus und künftigem Schloss. Bis in die 1960er-Jahre standen hier noch Rudimente des mittelalterlichen Marienviertels.

Auch wenn qualifiziertere Beiträge eingingen, liegen die Vorstellungen dennoch weit auseinander. Manche beklagen die Weite des Ortes, andere loben sie. Manche wollen urbane Geschäftigkeit, andere Ruhe und Parkbänke. Ein Viertel der Teilnehmer lehnt eine Bebauung grundsätzlich ab. Viele wollen Kultur, Gratiskonzerte, niemand will Kommerz. Doch wer soll 13 Hektar Kultur bezahlen? Man wird auf Investoren nicht ganz verzichten können. Doch bisher fehlt es auch an konkreten, anschaulichen Vorstellungen, wie die neue Mitte architektonisch formuliert werden könnte.

Im Augenblick, und das scheint ein breiter Konsens zu sein, wird die große Leere rings um die einsam auf dem Plateau stehende mittelalterliche Marienkirche als zu weitläufig, zu unwirtlich und zu charakterlos empfunden, als dass sie das Herz Berlins darstellen könnte.

Dass es da überhaupt eine Diskussion um die Neugestaltung gibt, wundert die Mitglieder der „Gesellschaft Historisches Berlin“, eine engagierte Truppe, die sich auch für den Wiederaufbau der Schloss-Chimäre eingesetzt hat. Für sie kommt nur die Rekonstruktion des bis 1965 bestehenden Stadtgrundrisses in „kleinteiliger Bebauung mit hohem Wohnanteil“ infrage – aber keine architektonische Rekon­struktion, sondern vielmehr „zeitgemäße Archi­tektur mit einem deutlichen gestalterischen Bezug zum gründerzeitlichen Vorbild“, und so hat der kampferprobte Verein Stellung bezogen.

Der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann hatte sich der Aufgabe schon zu seinen Amtszeiten angenommen. 2009 propagierte auch er gemeinsam mit dem Architekten Bernd Albers, der für den Senat schon das „Planwerk Innenstadt“ erarbeitet hatte, eine dichte Bebauung des Quartiers, die sich am Verlauf der Straßen und Gassen vor dem Krieg orientiert. Ein wenig breiter und gerader sollen die Gassen freilich werden. Historische Fassaden sind auch hier nicht vorgesehen. Allerdings sollen die Parzellen nicht größer sein als jene vor dem Krieg, dies ist wohl die wichtigste Vorgabe. Stimmanns ironische Spitze: Das 1986 aufgestellte Marx-Engels-Denkmal soll seinen Ort behalten, aber die alte Parzellen-Adresse bekommen: Heiligegeiststraße 16.

Bei der unvoreingenommenen Betrachtung stellen sich drei grundsätzliche Fragen, die vor Planungsbeginn überlegt und entschieden sein wollen: Welche städtebauliche Struktur, welche Nutzungsstruktur und welche Gestaltungsmerkmale muss das neue Quartier aufweisen, um die gewünschte Attraktivität und Urbanität zu erreichen?

Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass die amerikanische Journalistin Jane Jacobs in ihrer berühmten Streitschrift „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ diese Zusammenhänge glasklar analysierte. Dichte, Kleinteiligkeit und Nutzungsmischung sind ihre Kernforderungen. Sie betont zum Beispiel die Notwendigkeit, ältere Gebäude zu erhalten, weil in Stadtbereichen mit ausschließlich neuen Gebäuden und den damit verbundenen hohen Kosten sich nur potente Unternehmen ansiedeln, (international) markengebundene Kettenläden, Kettenrestaurants, Banken, Firmenrepräsentanzen. Die Folge sind Monotonie, Verlust an nachbarschaftlichen Nutzungen, Verlust an örtlicher Identität, an originärer Kultur.

Wie lebendige Innenstadtquartiere funktionieren, wie sie konzipiert und entworfen werden müssen, wissen Stadtplaner (und Bürger) eigentlich sehr genau. Ratlos sind sie jedoch bei der Frage, wie sich solche Quartiere unter den gegenwärtig herrschenden politischen und ökonomischen Bedingungen realisieren lassen.Wie ein solcher Versuch aus dem Ruder läuft, ist in der Berliner Friedrichstraße zu beobachten, wo der Versuch kläglich scheiterte, die extrem lebendige Urbanität der „goldenen Zwanzigerjahre“ durch straßenblockgroße Investorenprojekte wiederzu­gewinnen.

Deshalb haben nun in der historischen Mitte viele Interessengruppen, Bürgervereine und Foren eine gemeinsame Sorge. Planungsämter neigen dazu, sich die Arbeit leicht zu machen. Statt differenzierter Pläne, die eine Menge Detailarbeit erfordern, bevorzugt man den großen Wurf. Statt sich mit Dutzenden von Grundstückseignern mit individuellen Vorstellungen auseinanderzusetzen, einigt man sich lieber mit einigen wenigen, die professionell und effektiv handeln – und gerät in deren Abhängigkeit. Zwei Dutzend Baustellen pro Häuserblock bedeuten für die Verwaltung ungleich mehr Aufwand als eine große. Diesen Rationalisierungstendenzen entgegenzuwirken, ist politisch und administrativ äußerst mühsam. Am Ostende des Rathausforums, neben dem Bahnhof Alexanderplatz, ist das bereits missglückt. Dort, wo die kleinteilige neue Innenstadt eigentlich beginnen müsste, steht seit Kurzem das „Alea 101“. Ein Investor war schneller als die amtliche Stadtmittenplanung und hat einen breit gelagerten, sechsgeschossigen Block mit 22.500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche realisiert, entworfen vom Berliner Büro Sauerbruch Hutton. Der Beginn des Friedrichstraßensyndroms nun auch am Rathaus?

Architektur statt Festkörperphysik

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Drei Kilometer weiter westlich am Berliner Hauptbahnhof ist gerade in Echtzeit zu beobachten, wie dieser Mechanismus abläuft und zu unsäglicher Ödnis führt. Dort wurden nach einem Wettbewerb (!) am Bahnhofsvorplatz „Baufelder“ aufgereiht, jeweils ein drittel Hektar große Grundstücke, auf denen die üblichen Investorenblöcke emporwachsen. Gipfel der städtebaulichen Fantasie: Ein Kubus soll diagonal mitten auf den Platz gesetzt werden. In der historischen Mitte wird es kaum anders kommen, wenn man den Planern von vornherein ein schematisches Straßenraster vorgibt, und sei es das frühere, das irgendwie aufzufüllen ist. Stattdessen könnte ein Architektenwettbewerb, der nur Dichte und Nutzungen vorschreibt, Pläne für ein fantasievolles Zentrum mit einer Folge abwechslungsreicher Plätze und stadträumlicher Situationen erbringen, ein neues Stück Stadt mit eigenem Gesicht, das aber funktioniert wie eine historische Innenstadt. Dicht bebaute Quartiere vom Fernsehturm bis zum Spreeufer, mit den gewünschten Kultureinrichtungen und öffentlichen Nutzungen, aber auch mit erlebnisreichen Stadträumen, mit spannenden Perspektiven und Durchblicken.

Mit einer breiten Freitreppe am Spreeufer und für linke Nostalgiker anstelle der Heiligegeiststraßen-Parzelle einem „Marx-Engels-Platz“, wo die Doppelskulptur wieder Aufstellung fände. Wichtige Blickachsen und diagonale Wegebeziehungen, die es vor dem Krieg ja nicht gab, etwa in Richtung Berliner Dom, könnte man in Straßenräume fassen. Ein Rathausvorplatz für Bürgerversammlungen wäre zu planen, nicht zu weitläufig, nicht zu klein, sondern im Maßstab dem Rathaus angemessen. Vielleicht arkadenumsäumt, würde er ein charakteristisches, unverwechselbares Bild abgeben ähnlich der Place Vendôme in Paris oder der Piazza San Carlo in Turin.

Es geht also um „einprägsame Orte“, wie es Charles Moore formuliert hat, und es geht um Orte mit Verweilqualitäten, mit überschaubaren Plätzen von der „richtigen“ Größe. Wo man sich auch ohne Konsumzwang aufhalten kann. Um Orte mit Menschenmaß, denn „der Kampf um Qualität findet im Kleinen statt“. So formuliert es der dänische Stadtplaner Jan Gehl in seinem Buch „Städte für Menschen“. Es legt dar, wie Städte beschaffen sein müssen, damit sie lebenswert, lebendig und attraktiv sind, und gehört auf jeden Schreibtisch in allen Stadtplanungsämtern.

Hat man sich über eine kleinteilige Stadtstruktur verständigt, bleibt die Frage nach der architektonischen Ausgestaltung. Ein Stadtquartier als gesamtheitliches Kunstwerk zu schaffen, wäre ein schönes Ziel. Die Ausprägung der Baukörper und Fassaden, das wird oft übersehen, ist ebenso wichtig wie die Struktur des Quartiers, weil sie für zwei bedeutsame Aspekte der Rezeption verantwortlich sind, für Anmutung und Atmosphäre. Das ist am benachbarten Nikolaiviertel zu beobachten, das zu DDR-Zeiten aus Bestandsbauten, translozierten Altbauten und „altstadtgerecht“ konzipierten Plattenbauten collagiert wurde. Das Quartier besitzt viele urbane Grundqualitäten und ist auch ein etwas verkanntes, doch erfolgreiches und lebendiges Innenstadtquartier. Aber es vermag architektonisch nicht zu überzeugen.

Die neue Berliner Stadtmitte sollte ein Ausdruck unserer Zeit sein. Eine Versammlung von stadtverträglichen Einzelhausindividuen, deren Fassaden mit einem überdurchschnittlichen Maß an Qualität und Engagement von einer besonderen Verantwortung der Bauherren gegenüber dem Gemeinwesen künden sollen. Stadtverträglich heißt, einen gemeinsamen Gestaltungskodex anzustreben, damit aus einer Ansammlung von Individuen am Ende ein Gesamtbild entsteht, ähnlich einer Gründerzeitstraße.

Von Aldo Rossi („Die Architektur der Stadt“) war zu lernen, dass zu den Bestandteilen der Stadtarchitektur Häuser gehören, die in ihrer kollektiven Erscheinung den Hintergrund für die primären Elemente bilden. Von solchen Häusern werden keine architektonischen Pirouetten erwartet. Sie sind weder Blickfang noch Merkzeichen. Die „primären Elemente“ dagegen sind von herausragender Bedeutung und Gestaltung – in diesem Fall das Rote Rathaus, die Marienkirche und der Fernsehturm als Baudenkmale, aber auch neue Kulturbauten wie vielleicht eine zentrale Stadtbibliothek im Viertel der Berliner Aufklärung sowie Bauten, die städtebaulich bedeutsame Positionen einnehmen. Hier mögen sich „Stararchitekten“ verwirklichen und die notwendigen Akzente setzen, die dem Quartier ein besonderes, eigenes Gepräge geben. Etwa so, wie Frank Gehrys „Ginger and Fred“ in Prag an der Moldau den Anfang der Resslova-Straße pointiert.

Die vergessene Schönheit der Stadt

Die Stadtbaukunst als integrierte Entwurfsleistung verbindet Nutzungen, Struktur und Ästhetik. Sie hat unsere Städte von Renaissance bis Belle Époque und zum Teil bis in die Fünfzigerjahre geprägt. Doch in unseren Produktions- und Verwertungssystemen ist sie nicht mehr vorgesehen. Aber wo, wenn nicht an einem Ort wie der Stadtmitte Berlins, könnte und sollte man diese Disziplin wieder pflegen? Die viel beschworene und viel gepriesene „europäische Stadt“ könnte hier neuerlich aufleben. Und man müsste endlich auch wieder von Schönheit reden, von der schönen Stadt, einem Topos, der in der jüngeren Architekturdebatte wenn nicht verpönt, so doch weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Nehmen wir an, es gelänge, einen solchen städtebaulichen Entwurf zu realisieren. Die Mehrheit der Berliner wäre stolz und glücklich.Prof. Dr. Falk Jaeger ist Bauhistoriker, Architekturkritiker und Publizist. Er lebt und arbeitet in Berlin.

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