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[ Glosse ]

Echt gemein

Da sind wir uns einig: Gemeinwohl ist für jeden das, was ihm selbst guttut.

67_Glosse_Artikel

Text: Roland Stimpel

Der Gemeinplatz der Saison ist die „Gemeinwohl-orientierte Stadtentwicklung“. Alle wollen sie: zum Beispiel in Bayern die Genossenschaft Raumfair in Würzburg und die Initiative „Landshuter Nachbarn“, in Sachsen der Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. In Berlin treibt Stadtentwicklungs-Senator Andreas Geisel ein Bauprojekt am Mauerpark voran: „Hier betrifft es das Gemeinwohl und liegt im Interesse der ganzen Stadt.“ Und die Gegner des Projekts in der „Mauerpark-Allianz“ antworten: „Auf der Strecke bleibt das Gemeinwohl.“

Nur in einem gleichen sich alle: Für jeden deckt sich ganz zufällig das Gemeinwohl mit den eigenen Interessen und Ideen. Wenn die Mietergemeinschaft Berlin „gegen das dominierende Renditestreben Einzelner und für eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung“ ist, dann will sie billiges Wohnen für ihre Mitglieder. Wenn der Eigentümerverband Haus & Grund niedrige Erbschaftsteuern verlangt, geht es „um den Beitrag zum Gemeinwohl“, den Vermieter leisten.

Ums gemeine Geld geht es jedenfalls am häufigsten – oder darum, seinen Zwängen zu entfliehen. „Gemeinwohl steht vor Gewinnmaximierung“, propagieren nicht nur die sächsischen Wohnungsgenossenschaften. Gern bringt man derzeit Immobilien in Genossenschaften, Stiftungen oder Vereine wie das „Mietshäuser-Syn­dikat“ ein, um sie vor Spekulation und Mietwucher zu bewahren. Das freut die heutigen und künftigen Nutzer der Flächen – die in diesen Modellen eher Mittelschicht-Angehörige sind und weniger besonders Bedürftige. Soziale Segregation ist dann eingebaut.

In diesen Häusern bleibt es billig, auch wenn ringsum Preise und Mieten steigen. Wer dieser Entwicklung ausgesetzt ist, sucht sich eher kleinere Wohnungen, Büros und Ateliers. Die Menschen rücken zusammen. Das nimmt ökonomischen und sozialen Druck vom engen Markt; auch ökologisch und urban ist das segensreich. Aber einige können sich dem entziehen: jene Glücklichen, deren Flächen dem Markt und den Preissteigerungen entzogen sind. Sie können sich dort ohne Sorge um die aktuellen Preise ausbreiten – ganz mit gutem Gewissen. Schließlich dient ihre Immobilie dem Gemeinwohl.

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