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[ Schwerpunkt: Neu ]

Wenn das Neue alt aussieht

Auch zeitgenössische Architekten lassen sich gern von Altem inspirieren – ob Kaiserzeit, Bauhaus, Art déco oder Nachkriegsmoderne

Text: Cornelia Dörries

Wer einem Außenstehenden erklären will, warum in der zeitgenössischen Baukunst nur das Neue etwas gilt, kommt manchmal selbst ins Grübeln. Wieso darf man als Architekt eine Villa von Schinkel großartig finden, aber um Himmels willen niemals selbst ein Gebäude mit Säulen und Portikus entwerfen? Allerdings musste sich noch niemand rechtfertigen, der einen weißen Bauhaus-Kubus à la Gropius baut – immerhin ein Vorbild, das auch schon auf die 100 ­zugeht. Während Klassizismus-­Anleihen unter dem Generalverdacht des Anachronistisch-Überkommenen stehen, wird der Bezug zur nicht weniger historischen ­klassischen Moderne eigentlich nie übel genommen oder als unzeitgemäß geschmäht.

Doch es geht speziell bei der Unterscheidung zwischen Erlaubtem und Unstatthaftem im gegenwärtigen Bauen ja selten um Fragen der architektonischen Qualität, sondern – wie bei allem, das sich einer nachvollziehbaren Argumentation entzieht – vielmehr um ideologische Glaubenssätze.
Jeder Versuch, zu verstehen, warum in der Architektur das eine erlaubt ist, das andere aber nicht, führt auf scholastisch verwinkeltes Terrain, auf dem sich die Gegner abgehobene Metatheorien um die Ohren hauen. Da wird um intellektuelle Lauterkeit ebenso gestritten wie über das richtige Geschichtsbewusstsein oder die Einzigartigkeit des Kunstwerks – aber nicht mehr um die ästhetischen und schon gar nicht um die praktischen Qualitäten des Bauwerks.
Doch im Windschatten dieser hart geführten Langzeitdebatte zwischen den „Konservativen“ einerseits und den „Avantgardisten“ andererseits sind in den vergangen Jahren viele Bauten entstanden, die sich gewissermaßen über die ideologischen Gräben hinwegsetzen. Sie stammen von Architekten, die erwiesenermaßen auch „modern“ können und bauen, und sie beweisen zugleich, dass viele Qualitäten von gestern auch heute Bestand haben und von Bauherren nachgefragt werden. Das ist Berechtigung genug.


Foto: Stefan Müller, Berlin

Villa in Berlin-Dahlem

– Stephan Höhne (2002)

War Kaiser Wilhelm hier noch zu Gast? Das darf man sich im Villenquartier Dahlem im Südwesten Berlins bei einigen ­Adressen fragen. Und auf den ersten Blick sieht auch das ­repräsentative Wohnhaus von Stephan Höhne so aus, als stünde es schon ein Jahrhundert dort. Auf den zweiten verrät es zumindest, dass es mit der leicht ins Protzige spielenden Gefälligkeit gründerzeitlicher Repräsentationsarchitektur nichts gemeinsam hat, sondern sich an die schöne Strenge des preußischen Klassizismus hält: wohlproportioniert, von einer vornehmen Gelassenheit und französisch heiter.

Das Haus gehört zu jener Handvoll Berliner Villenbauten, die vor gut zehn Jahren eine erbittert geführte Debatte auslösten, in der es um die Legitimation und Redlichkeit solcher Projekte ging. Von vergangenheits- und preußenseliger Herrschaftsarchitektur war die Rede; zugleich schimmerte auch das Erschrecken darüber durch, dass wir trotz aller entgegengesetzten Bemühungen der Architektur immer noch in einer Gesellschaft mit sehr ungleich verteiltem Wohlstand leben und die-ser Tatbestand – schlimm – auch noch sichtbar wird. Insofern ist dieses Haus eigentlich keine historisierende Kulisse, sondern Stein gewordene Desillusionierung.


Quartier am Hackescher Markt, Berlin

– Müller Reimann (2011)

Foto: Stefan Müller, Berlin
Foto: Stefan Müller, Berlin

Dem neuen Stadtquartier am Hackeschen Markt in Berlins Mitte ist nicht anzumerken, dass es eine En-bloc-Entwicklung war, für die das ortsansässige Büro Müller Reimann die Entwürfe vorgelegt hat. Man sieht dem vielgestaltigen Ensemble ja nicht mal an, dass seine Häuser allesamt Neubauten sind. So erinnert die Hauptverwaltung des Energie-Unternehmens Gasag, ein mächtiges, blockprägendes zweiteiliges Gebäude aus rotem Backstein, mit seinem Maßwerk und dem lang gezogenen, geschwungenen Baukörper an die ausdrucksstarke Industriearchitektur von Hans Heinrich Müller.

Er errichtete in den 1920er-Jahren eine Reihe markanter Umspann- und Elektrizitätswerke für die Berliner Energiewerke. Gleich gegenüber der ziegelroten Gasag-Zentrale befindet sich ein Neubau derselben Architekten; er dient als Sitz der Werbeagentur Scholz & Friends. Das Haus (rechts im Bild) scheint ein nicht ganz so entfernter Verwandter des berühmten Express-Buildings von Owen Williams aus dem Jahr 1939 in Manchester zu sein – spätes Art déco, auch als Streamline-Moderne bekannt. Die abgerundeten Gebäudekanten, die fließenden Horizontalen und die schwarzen Fassadenbänder: Berlin, Baujahr 2011.


Haus Emmzett, Diesdorf bei Magdeburg

– Ulrich Müller (2011)

Das Wohnhaus aus jüngerer Zeit lässt sich fast als Mahnung an die Adepten der klassischen Moderne verstehen, sich doch ab und zu an deren klassische Qualitäten zu erinnern. Flachdach und weiße Putzfassade allein ergeben nämlich noch keinen solitären Bau, der seine berückende Wirkung aus der Reduktion auf das materiell Wesentliche sowie aus der Verbindung von innen und außen bezieht. Genau das ist dem Architekten dieses Gebäudes gelungen.

Das Haus Emmzett des Berliner Architekten und Galeristen Ulrich Müller wirkt mit seinem Purismus, den wie Gemälde platzierten, unterschiedlich formatierten Fenstern und den klaren Raumzuschnitten wie die Abschlussarbeit eines Bauhaus-Meisterschülers. Und auch das Haus Reisch in Bad Saulgau von Lederer Ragnarsdóttir Oei (ohne Abbildung) mit seiner gemauerten Altziegelfassade und den großen Hartholzfenstern kommt einem irgendwie bekannt vor. Ja, genau: Mit ganz ähnlichen Vorzügen und verwandter Erscheinung besticht auch das 1933 errichtete Haus Lemke von Mies van der Rohe in Berlin-Hohenschönhausen.


Wohnanlage Tiergarten in Pforzheim

– Léon Wohlhage Wernik

Es geht der Architektur nicht anders als der Mode: Alles schon mal da gewesen. Auch die entstehende Wohnanlage auf einem ehemaligen Kasernenareal in Pforzheim ist sozusagen das Revival erfolgreicher 1970er-Jahre-Architektur, freilich angepasst an die Bedürfnisse und Lebenslagen von heute. Als Vorbild diente hier die sogenannte Metastadt in Wulfen, eine Neubausiedlung in Stahlbauweise nach den Entwürfen der Architekten Richard J. Dietrich und Bernd Steigerwald aus dem Jahre 1974. Anstelle von innovativen Konstruktionsprinzipien wartet das gegenwärtig ­entstehende Quartier mit einem zeitgenössisch angepassten Retro-Charme und ­behindertengerecht ausgestatteten Wohnungen auf. Mit ihren kubischen Loggien und den großen Fenstern wollen die neuen Häuser den Bewohnern jedoch die gleichen Qualitäten bieten wie seinerzeit die Metastadt: viel Licht und eine schöne Aussicht.


Stadthaus Kurfürstendamm

– Dan Lazar (1998)

Der Kurfürstendamm ist mit seiner Länge von gut 3,5 Kilometern bauhistorisch nur schwer zu fassen. Hier mischt sich Gründerzeit mit International Style und schmuckloser Siebzigerjahre-Architektur, mit Postmoderne und eindeutig identifizierbarer Zeitgenossenschaft. Das Haus Nummer 30 würde wohl jeder Passant für ein Gebäude des frühen 20. Jahrhunderts halten – nicht nur die jugendstilhaft stilisierte Hausnummer über dem bogenförmigen Eingang deutet darauf hin, auch die Holzfenster und die Stuckverzierungen an der hellen Putzfassade. Spätestens die fünf Geschosse verraten dem Kenner, dass man hier in den Genuss altbautypischer Raumhöhen kommt – für heutige Verhältnisse fast undenkbar in dieser Lage. Doch das Haus des Frankfurter Architekten Dan Lazar stammt aus dem Jahr 1998 und ist ein gelungener Wiedergänger großstädtischer Boulevardarchitektur.


Erweiterungsbau Kunstakademie Nürnberg

– Hascher Jehle (2014)

Eine Reverenz vor Sep Ruf, dem großen Meister des modernen Pavillons, erweist der Erweiterungsbau der Kunstakademie Nürnberg – und versucht gar nicht erst, diese Verbeugung als Auftritt des allzu selbstbewussten Nachkommen zu inszenieren. Doch der Reihe nach: Zur Ergänzung eines denkmalgeschützten Ensembles aus vier Patio-Bauten von Sep Ruf aus den Jahren 1952 bis 1954 entstand ein Gebäude, das vielleicht bald gar nicht mehr als Neuzugang wahrgenommen wird.

Es besteht aus drei Pavillons unter einem gemeinsamen Dach und fügt sich mit seiner leichten, luftigen Transparenz und dem respektvollen Bezug auf den Bestand fast natürlich in das Areal ein. Selbstverständlich finden sich mit den wuchtigen Sheddächern, dem Sichtbeton und den durchgehenden Fensterfronten auch dezente Hinweise auf die Zeitgenossenschaft des Hauses, doch die gesuchte – und gefundene – Nähe zum großen Vorbild ist unverkennbar. Nicht zuletzt beweist dieser Entwurf, wie inspirierend und zugleich anschlussfähig gute Architektur sein kann – ganz egal, wie alt sie ist.

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Ein Gedanke zu „Wenn das Neue alt aussieht

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