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[ Neubau-Fassade ]

Stahlgeflecht in Franckes Welt

Potenziale und Probleme einer zeitgenössischen Fassade in historischer Umgebung zeigt der Neubau der Bundeskulturstiftung in Halle

Text: Günter Kowa

Großer Auftritt und protestantische Bescheidenheit: Der Neubau der ­Bundeskulturstiftung in Halle von Dann­heimer und Joos füllt eine Lücke im denkmalgeschützten ­Kontext der 1698 ­gegründeten Franckeschen Stiftungen. Foto: Kulturstiftung des Bundes/ Falk Wenzel

Politische Prominenz von der Bundeskanzlerin abwärts war reichlich vertreten, als am 30. Oktober 2012 der Neubau der Bundeskulturstiftung in Halle eingeweiht wurde. Aber nicht deshalb waren und sind in der Saalestadt alle Augen auf dieses Gebäude gerichtet. Vielmehr entzündet sich an seiner Erscheinung – und ganz besonders seiner Fassade – eine Diskussion über Wert und Unwert neuen Bauens in historischer Umgebung, mit der sich gerade die Architektenzunft immer wieder auseinandersetzen muss. Die Schärfe der Anwürfe („Zum Schreien hässlich“, „Gefängnisanlage“), die engagierte Laien in den Internetforen gegen ein visuell aufreizendes oder auch nur ausgefallenes Objekt schleudern, wird so manchen Profi kaum überraschen. Dabei schonen sich auch Fachleute untereinander nicht, wie man auf den Online-Seiten des DAB an der schier endlosen Folge der Kommentare zu einem kastenförmigen Wohnhaus mit Fensterband und Dachterrasse sehen kann, das in die nicht ganz heile Fachwerkwelt der Erfurter Altstadt gesetzt wurde (siehe dabonline.de/tag/Erfurt).

Neubau der Bundeskulturstiftung in Halle von Dannheimer und Joos. Foto: Dannheimer & Joos

Der Glaskasten der Bundeskulturstiftung hat diese Diskussion in ungleich luftigerer Fallhöhe zu bestehen. An der Platzkante zur Rechten des giebelgeschmückten Hauptgebäudes der Franckeschen Stiftungen in Halle glänzt er hinter einem weiß polierten Gittergeflecht auf. Die überwiegend in Fachwerk errichteten Bauten der Franckeschen Stiftung überstanden die Zeiten seit ihrer Gründung im Jahr 1698 und auch ihre Missachtung in der DDR. Der Bauplatz selbst war eine der wenigen kriegsbedingten Lücken in einer Häuserzeile, die von noch älteren Bürgerhäusern des Viertels zum Wohnhaus des Gründers August Hermann Francke aufschließt. Die Aufgabe, die Lücke zu füllen, war denkbar sensibel, da die Franckeschen Stiftungen die Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe anstreben.

Respektvoll aus der Reihe tanzen

Der Entwurf des Münchner Architektenpaares Veronika Dannheimer und Tilman Joos ist immerhin das Ergebnis eines europaweit ausgeschriebenen Wettbewerbs, bei dem die von Peter Kulka geleitete Jury namhaft besetzt war. Mit der Bundeskulturstiftung war ein politisch ebenso hoch angebundener wie im eigenen Selbstverständnis unkonventioneller Bauherr zufriedenzustellen. Zuvor war er bereits zehn Jahre lang Untermieter im Haupt- und in einem Nebengebäude der Franckeschen Stiftungen gewesen. Der Wettbewerb hat daher das Zeug zu einem Lehrstück. Die 25 Angebote in der Endauswahl lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Versuchten die einen, die Häuserzeile gemäß Vorbild nahtlos zu schließen, entschieden die anderen, den Neubau teilweise oder ganz freizustellen. Diese Letzteren hatten mehr Spielraum, ihm den gewünschten individualistischen Charakter zu verleihen, während Erstere gezwungen waren, einem traditionellen Reihenhaustyp Motive des Modernen und Außergewöhnlichen aufzupfropfen, etwa durch irreguläre Fensterformen (wie beim zweiten Preis von Oberst und Kohlmeyer, Stuttgart) oder zusätzlich durch laut orchestrierte Vor- und Rücksprünge im Dachgeschoss (so beim dritten Preis von Kister, Scheithauer, Gross, Leipzig). Stephan Braunfels versuchte, mit einem Turm an der freigestellten Seite seines Baus ein Hoheitszeichen zu setzen, andere, wie D. G. Baumewerd, Münster, oder Gernot Schulz, Köln, griffen umstandslos zu einem weißen Kubus mit Rasterfassade.

Kompromiss mit Schauwert

Am gebauten Ergebnis ist unschwer zu erkennen, warum die Wahl der Jury auf den Entwurf von Dannheimer und Joos fiel. Der Baukörper kappt zwar den Anschluss an seine Nachbarn, aber dieser durchaus gravierende Bruch in einer gewachsenen Szenografie wird durch die Angleichung von Kubatur, Trauf- und Firsthöhe aufgefangen. Im seitlichen Fernblick, besonders von der Straße, die die Franckeschen Stiftungen quert, scheint sich der Bau nahtlos einzufügen. Schaut man frontal auf das Gebäude, tritt der „individualistische“ Touch in den Vordergrund. Er ergibt sich zum einen daraus, dass die Hab-Acht-Pose des rechtwinkligen Dachausbaus in der Achse über dem Eingangsportal den Anpassungsgestus der Dachschräge konterkariert. Zum anderen wendet er dem Platz eine Fassade zu, die sich unverblümt als Design zu verstehen gibt. Denn der Bau ist im Prinzip ein rundum verglastes Betonskelett mit teilweise diagonal gestellten Stützen. Wo sie an den Flanken und zur Rückseite sichtbar sind, rufen sie eine, wenn auch sehr vergröberte, Assoziation mit Fachwerk wach, was die Jury als Reverenz ans historische Ensemble verstand. Dieses mächtige Tragwerk hinter den ausgedehnten Glasfenstern auch zur Schauseite offen zu lassen, hätte das Haus aber vollends aus seiner Umgebung herausgehoben und dem Franckeschen Hauptgebäude – im Ensemble das einzige mit Steinfassade – die Schau gestohlen.

Hauptsache Außenwirkung

Fraglos dämpft das vorgeblendete Edelstahlgeflecht diese Wirkung, während sich die weiße Färbung nochmals dem platzbeherrschenden Nachbarn anpasst. Das engmaschige Geflecht ist auch deshalb reizvoll, weil sein Muster in verschiedene Richtungen zu lesen ist: vertikal in seinem Gitterwerk und diagonal in seinen Öffnungen. Es bietet dem Tageslicht eine strukturierte Folie und streut bei Dunkelheit das von innen herausdringende Licht.

Dennoch kann es nicht gänzlich überraschen, dass sich die schroffe Abwehrreaktion der Volksmeinung gerade auch an dieser Fassade abarbeitet. Schon in der Jury hatte die Vertreterin des Denkmalschutzes Bedenken erhoben: Die Fehlstelle werde „nicht diskret geschlossen, sondern betont“, gab Landeskonservatorin Ulrike Wendland zu Protokoll. Das Unbehagen an diesem Gitternetz liegt aber vielmehr in seinen Anklängen an die Kaufhaus-Gitterfassaden der 1970er-Jahre und die jüngeren Schleier aus Maschendrahtpaneelen um Parkhäuser. Die Fassade in Halle mildert diese Ankläge an das Serielle und Technoide zwar durch deren Raffinessen: Das dreikantig profilierte Stabwerk ist in sich gedreht und geschlungen und bildet das erwähnte, mehrfach lesbare Muster. Aber natürlich ist und bleibt es ein Vorhang, der das an sich schlichte Gebäude inszeniert. Mit Schlichtheit pur wäre die Lücke gewiss schonender zu füllen gewesen, aber der Bauherr verlangte nun einmal den Auftritt. Gelungen ist er mit dem unbestreitbar originellsten Beitrag aus einem Wettbewerb, der die konventionellen Strategien in alle Richtungen durchspielte. Dannheimer und Joos‘ flirrender weißer Kubus mit Dachschrägen irritiert als gestalterisches Experiment, sprengt aber die bauliche und urbanistische Tradition nicht sehr weit. Schon bald dürfte er als ein Teil davon wahrgenommen werden.

Günter Kowa ist freier Journalist in Berlin

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