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[ Erdgeschoss-Fassaden ]

Stadt auf Augenhöhe

Kein Teil der Fassade wird so stark wahrgenommen wie das Erdgeschoss. Manchmal sieht man dort mehr, als Passanten draußen und Nutzern drinnen recht ist

Text: Cornelia Dörries

Vorbild Tübingen: Im Loretto-Areal werden die Erdgeschosse entlang der Straße als Läden genutzt. Zum ruhigen Garten hin wird gewohnt.Vorbild Tübingen: Im Loretto-Areal werden die Erdgeschosse entlang der Straße als Läden genutzt. Zum ruhigen Garten hin wird gewohnt. Foto: artif orange GmbH & Co. KG

Vitalität und Offenheit eines städtischen Raums sind keine Frage von Höhenmetern oder ausgesuchter Fassadenmaterialien. Die urbanen Qualitäten der Bebauung entfalten sich stattdessen dort, wo die Trennung zwischen innen und außen, privat und öffentlich gestaltet und inszeniert wird: im Erdgeschoss. Es liegt auf Augenhöhe und prägt maßgeblich unsere Wahrnehmung von Stadt. Welche belebende Wirkung ein genutztes Erdgeschoss entfalten kann, hat sich wohl kaum sinnfälliger gezeigt als in den Innenstädten Ostdeutschlands: Nach der Wende kehrten in viele Ladengeschäfte, die jahrzehntelang verwaist waren, wieder Gewerbe, Handel und Gastronomie und damit auch städtisches Leben und Vielfalt zurück. Dass sich Urbanität über die Nutzung von Erdgeschossen entwickelt, war auch dem Tübinger Stadtplaner Andreas Feldtkeller bewusst: Er gab allen Bauherren in den neuen Quartieren Loretto und Französisches Viertel die Auflage, die Erdgeschosse ihrer Häuser für Läden, Werkstätten oder Büros zu öffnen und entsprechend zu planen.

Foto: artif orange GmbH & Co. KG

Doch neben diesen klassischen öffentlichen oder halböffentlichen Nutzungen gibt es immer wieder Versuche, Erdgeschosse auch anders zu bespielen. Dazu gehört der alternative Kinderladen der Siebzigerjahre ebenso wie das publikumswirksame Wohnprojekt hinter dem Schaufenster oder sogenannte Konzepträume, die mal Galerie, mal Party–Location und dann wieder temporärer Guerilla Store oder Projektbüro sind und sich vorzugsweise in ausgedienten Ladenlokalen ansiedeln. Mit ihrer manchmal politisch aufgeladenen demonstrativen Geste verbleiben manche dieser Nutzungen freilich im Bereich des Experimentellen, wo sie  in den städtischen Kontext mit seinen sozialen Routinen hervorragend integriert sind: Ihre Zielgruppe ist das städtische En-passant-Publikum, das vorbeiläuft, schaut und vielleicht Interesse zeigt.

Sieht man sich in ruhigeren Gegenden oder Nebenstraßen um, findet man in kleinen Ladenateliers oft Architekten, Illustratoren oder Steuerberater, die diese Räume auch ohne Aussicht auf Laufkundschaft gern nutzen. Erdgeschosswohnungen zur Straße hingegen haben einen eher schlechten Ruf, zumindest in den Innenstädten.

Das Erdgeschoss ist also ein heikler Bereich, der sich nicht ohne Einbeziehung des Außenraums planen lässt. Welches Maß an Öffnung erwünscht ist, bemisst sich wiederum an der architektonischen Gestaltung. Von der Straßenfront über die Art und Größe der Fenster bis hin zur Eingangssituation gibt es viele Möglichkeiten, die Beziehung zwischen dem Innen des Hauses und dem Außen der Stadt zu regulieren. Doch gerade bei Nutzungen, die sich der Bühne des Städtischen nur maßvoll oder gar nicht öffnen (wollen), zeigt schon ein kleiner Spaziergang durch Berlin, wie schwer sich gestalterischer Anspruch und alltägliche Praxis verknüpfen lassen.

Bühne des Lernens

Unter Beobachtung: Straßenpassanten haben freien Blick in Erdgeschoss-Lehrräume des Instituts für Sozialwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität. Studenten und Hochschullehrer sind nicht voll begeistert: ihre Konzentration leidet. Foto: w.vielain/avp architekten

Soziologieprofessoren sind daran gewöhnt, vor vielen Leuten zu reden und dabei in fragende Gesichter zu blicken. Manchmal gehören diese Gesichter jedoch nicht zu den Studenten, sondern zu Spaziergängern oder Touristen, die sich an den großen Fenstern des ebenerdigen Seminarraums im Gebäude des Instituts für Sozialwissenschaften in der Berliner Universitätsstraße die Nase platt drücken. Das gründerzeitliche Gebäude, ein ehemaliges Geschäftshaus, wurde von den Architekten Abelmann Vielain Pock aus Berlin zu einem Seminar-, Verwaltungs- und Bibliotheksstandort umgebaut und dabei mit einer für Hochschulen recht ungewöhnlichen Raumstruktur ausgestattet. Alles ist hell und großzügig; es gibt offene Kommunikationsbereiche, und von den Büros und Seminarräumen in den Obergeschossen bieten sich schöne Ausblicke in die umgebende Stadtlandschaft. Transparenz und Offenheit bestimmen aber nicht nur die oberen Etagen, sondern auch das neu gestaltete Erdgeschoss. Dort finden Vorlesungen und größere Seminare in voll verglasten Räumen statt: mit unverstellter Sicht auf einen der Hauptverkehrswege des Berlin-Tourismus. Direkt vor den Fenstern ziehen den ganzen Tag Stadtbesucher vorbei, die vom nahe gelegenen S-Bahnhof Friedrichstraße zur Museumsinsel pilgern oder durch die Bars und Geschäfte in den gegenüberliegenden Bahnbögen schlendern. Manche interessieren sich auch sehr für das, was in den leuchtend gelben Seminarräumen passiert.

Soviel Offenheit war durchaus beabsichtigt, bestätigt der Architekt Walter Vielain. „Die Universität ist schließlich ein öffentlicher Ort. Warum soll man nicht sehen dürfen, was dort passiert?“ Er räumt ein, dass in den Nutzer-Runden, in denen die Planer ihren Entwurf vorstellten, vor allem die Professoren Bedenken angemeldet hätten. Sie hätten befürchtet, dass dem Lernen so viel Öffentlichkeit nicht gut bekommen würde. Den Architekten war dieser Einwand zu diffus. „Sozialwissenschaften beschäftigen sich schließlich mit der Beobachtung von Menschen“, meint Vielain. „Und dafür ist Transparenz notwendig.“ Der Soziologieprofessor Jürgen Mackert hält diese Vorstellung für naiv. „In den Seminaren beobachten wir keine Menschen. Da konzentrieren wir uns auf Texte.“ Und das ist unter Beobachtung nicht immer einfach.

Arbeiten unter Beobachtung

Wohl kaum ein Gebäude auf der nordwestlichen Seite der Berliner Stresemannstraße hat sich je für einen Architekturpreis qualifiziert; es gibt hier weder eine hauptstädtische Sehenswürdigkeit noch besonders attraktive Geschäfte. Stattdessen die angenehm belebte, fast banale Großstadtnormalität einer Durchgangsstraße mit viel Laufpublikum – Touristen, Anwohner, Büromenschen.

Mit Ausnahme eines Verwaltungsgebäudes werden die Erdgeschossbereiche der geschlossenen Blockrandbebauung auf diesem Abschnitt für den Einzelhandel oder die Gastronomie genutzt, die mit einladender Geste um Kundschaft werben – mit Schaufensterauslagen, Reklameschildern und hell erleuchteten Fenstern. Es sind ein Bäcker, ein Andenken-Shop, das auf Russland, Sibirien und Fernost spezialisierte Reisebüro „Sputnik Travel“, ein Hotel und eine Versicherung, ferner ein Friseur sowie ein paar kleine Schnellrestaurants. Als Passant kann man vorbei eilen oder stehen bleiben, die Angebote mustern, vielleicht etwas kaufen oder doch weiter gehen. Diese beiläufige, wie selbstverständlich ablaufende städtische Interaktion zwischen innen und außen wird erst an der Ecke zum Askanischen Platz gestört. Auch dort öffnet sich eine geschosshoch verglaste, hell erleuchtete Front zur Straße, die sich als Schaufenster geriert – allerdings nur, um sofort zu signalisieren: Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Denn sie eröffnet den Blick auf ein weitläufiges, schmuckloses Großraumbüro, in dem mehrere Dutzend Menschen – jeder für sich – an Bildschirmarbeitsplätzen sitzen. Es ist die Online-Redaktion der Wochenzeitung „Die Zeit“, die sich vor ein paar Wochen in diesem repräsentativen Erdgeschoss eingerichtet hat. Offensichtlich wollte sie gewöhnliche Verhältnisse umkehren: Sie verlagerte Bereiche nach außen, die sonst normalerweise im öffentlich nicht einsehbaren Inneren verborgen liegen. Den Passanten ist dadurch nicht nur ein unverstellter Eindruck von den Diskussionen im Konferenzraum vergönnt; sie können auch zusehen, wie sich die Mitarbeiter in der Teeküche einen Kaffee brühen oder unter den Augen der Stadtöffentlichkeit auf einer lounge-artigen Sitzgarnitur zu entspannen versuchen.

Natürlich wollten wir wissen, wie es sich unter solch transparenten Verhältnissen arbeiten lässt und ob sich die Journalisten durch die neugierigen Blicke von außen in ihrer Konzentration gestört fühlen. Doch die Redaktion wollte darüber keine Auskunft geben. Muss sie dank ihres transparenten Büros auch nicht – an den Fenstern klebte erst ein selbstgebastelter Sichtschutz aus Kopierpapier, der mittlerweile durch eine blickdichte Folie ersetzt wurde, und  den Konferenzraum schützen nun bodenlange Vorhänge.

Wohnen in Vitrinen

Als die 68er das Private zum Politischen erklärten, war in vielen Wohngemeinschaften auch Schluss mit den bürgerlichen Wohnformen und der Unterscheidung zwischen intimem Rückzugsbereich und gemeinschaftlichen Räumen. Die Klotüren wurden ausgehängt, die Schlafzimmervorhänge abmontiert, alles war für alle da: Wohnen wurde zu einem öffentlichen Vorgang. Als besonders fortschrittlich galten jene, die sich publikumswirksam in leerstehenden Ladengeschäften einrichteten und ihren vormals privaten Alltagverrichtungen vor den Augen der Öffentlichkeit nachgingen. Als Wohnform hat sich diese demonstrative Entprivatisierung nicht durchgesetzt, auch wenn damals mangels besseren Wohnraums vor allem in großen Städten viele Ladenräume und Werkstätten als Wohnungen genutzt wurden. Doch das Zuhause im Parterre gilt nach wie vor als zweite Wahl oder Schicksal des Hausmeisters. Nicht von ungefähr kosten  Parterre-Wohnungen fast überall weniger Miete oder Kaufpreis als die in höheren Geschossen. Nicht einmal Barrierefreiheit zieht: Selbst mobilitätseingeschränkte Senioren wollen oft nicht in ebenerdigen Apartments wohnen, sondern gehen lieber mühsam eine Etage nach oben. Die Gründe für die Geringschätzung des Erdgeschosses liegen auf der Hand: Einschränkungen der Privatsphäre, das höhere Einbruchrisiko, das meist schwächere Tageslicht.

Zuhause hinterm Schaufenster: Die Balance von Privatheit und Öffentlichkeit regulieren Erdgeschossbewohner in der Berliner Zelterstraße (Architekten zanderroth) mit Sichtschutz. Foto: Simon Menges

Auch heute lassen sich Erdgeschosswohnungen nur dann gut vermieten, wenn sie sich zu ruhigen Innenhöfen öffnen und mit dem Privileg eines kleinen Gartens oder einer Terrasse daherkommen. Dass selbst preisgekrönte Architektur das Erdgeschoss auf der Straßenseite nicht ohne Einschränkungen für Wohnnutzungen rehabilitieren kann, lässt sich am Beispiel des mit dem Deutschen Architekturpreis 2011 ausgezeichneten Townhouse-Projekts der Berliner Architekten zanderroth im Bezirk Prenzlauer Berg besichtigen. Dort entstanden in der Zelterstraße 45 Eigentumswohnungen, verteilt auf 23 Townhouses, zehn Gartenhäuser und zwölf Penthouses. Auch die Erdgeschosse des knapp 100 Meter langen Abschnitts entlang der dicht bebauten Straße dienen dem Wohnen. Sie sind wie die oberen Stockwerke des nach Norden ausgerichteten Gebäudes großflächig verglast. Doch dass diese Transparenz tatsächlich ein Gewinn an Licht und Wohnqualität für die Nutzer ist, darf man bezweifeln. Denn oft ist das Innere entweder durch  einen Vorhang oder Folien vor Einblicken geschützt – oder die Bewohner trocknen in den Räumen ihre Wäsche, stellen Kinderwägen oder Fahrräder ab.  Was Passanten durch diese Wohn-Schaufenster präsentiert wird, ist die banale, wenig ansehnliche Kehrseite des Wohnalltags. So gelungen dieses Projekt in vieler Hinsicht zweifellos ist: Zur Bereicherung des Straßenraums in dem nutzungsgemischten Quartier trägt es nicht bei. Es bleibt dem städtischen Raum jenes Mindestmaß an Repräsentativität schuldig, das der Blick des Passanten von einem einladend offenen Erdgeschoss erwarten darf.

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