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[ Finnisches Projekt ]

Offenheit in Gruppen

Finnlands Schulen sind Weltspitze – immer öfter auch baulich. Ein Beispiel aus Tampere zeigt neue Raumformen.

Gemeinschaft und Gruppen: Plan und Grundriss zeigen die Funktions- und Lehrerräume im Süden, die keilförmige, lang gestreckte Halle im Zentrum sowie die Raumgruppen im Norden mit je vier Klassenzimmern. Deren Trennwände sind schiebbar. Zur großen Halle gehören der Essbereich und die Bibliothek. Im Klassenraum haben die Schüler abgerundete Einzeltische.

Clara Renner, Franz Hammererv

Zweimal erwies sich Finnland im weltweiten PISA-Vergleich als Land mit dem besten Schulsystem. Das liegt an Lehrkonzepten und der Personalausstattung, aber auch Gebäude zeigen teils besondere Qualität. Zwar gibt es noch ältere Schulen, sogar mit klassischen Lehrerpodesten im Klassenraum. Doch wo neu- oder grundlegend umgebaut wird, realisieren Finnlands Schulplaner auch neue Raumkonzepte – etwa in der Karosen-Schule in Tampere, der drittgrößten Stadt des Landes.

In der Karosen-Schule sind Klassenräume zwar noch vorhanden, aber auf neuartige Weise eingebettet in ein Kontinuum miteinander in Beziehung stehender Lern- und Erfahrungsräume. Sie sind Teile zweier Raumgruppen am Rand des Schulkomplexes, von dem sie im Erdgeschoss nur etwa ein Fünftel der Fläche beanspruchen. Etwa gleich viel Raum wie die Klassen nimmt die große Halle im Zentrum der Schule ein, die Bibliothek, Mensa und Freizeitbereich enthält. Auch Arbeits- und Aufenthaltsräume für Erwachsene spielen eine große Rolle – nicht nur für Lehrer, sondern auch für andere Beschäftigte an finnischen Schulen, von Gesundheitsfürsorgern über Sozialarbeiter bis zu Assistenten für Technik und Betreuung.

Die Grundschule für die erste bis sechste Klasse entwarf Timo Veijonsuo, Mitinhaber des Büros LSV in Tampere. Schon der Entwurfsprozess war besonders. Veijonsuo übermittelte den Lehrern laufend Pläne und ließ sie Änderungswünsche oder Kommentare einzeichnen und schreiben. Schulrektorin Leena Kostiainen: „Veijonsuo war offen für Wünsche und Anregungen von pädagogischer Seite und hat die Lehrer in den Entstehungsprozess eingebunden.“ Der schriftliche Diskurs gab den Aussagen, den Ideen und auch der Kritik jeweils ein hohes Gewicht. Und er führte zu unorthodoxen Lösungen. Etwa zum System der annähernd quadratischen Raumgruppen, die dem lang gestreckten Haupttrakt angegliedert sind. Eine solche Kammform haben auch viele Schulen in Mitteleuropa; das Besondere ist jedoch die innere Struktur der Raumgruppen. In ihnen sind jeweils vier Klassenzimmer mit ergänzenden Räumen zu einer Einheit für je 80 bis 100 Kinder zusammengefasst. Die Rektorin: „Dann haben die Kinder nicht das Gefühl, in einer unüberschaubar großen Schule zu sein.“ Alle Raumgruppen haben eigene Garderoben, Computerräume und Außeneingänge. Das vermeidet Gedränge am Morgen, in den Pausen und zum Schulschluss. Die Schiebewände zwischen den Klassenzimmern lassen sich öffnen. Das ermöglicht Lehrkonzepte wie das Unterrichten im Team und offene Situationen, etwa das Lernen an wechselnden Stationen.

Rektorin Kostiainen schätzt Raumvielfalt und Bewegung. „Lehrer lassen zum Beispiel Gruppen im Zentrum der Raumeinheit arbeiten, auf den Balkonen im Obergeschoss oder auch in unserer zentralen Bibliothek. Ich denke, es ist Aufgabe des aktiv lernenden Kindes, selbst in die Bibliothek zu gehen. Wenn man die ganze Zeit in der Klasse an einem Tisch sitzt, kann man nicht sehr aktiv sein. Daher ist es sehr wichtig, dass die Räume Bewegung und Platzwechsel erlauben.“ Die Raumgruppen ermöglichen Methoden, die dem klassischen Frontalunterricht häufig überlegen sind: selbstständiges, selbst gesteuertes Lernen, die handlungsorientierte, selbsttätige Aneignung von Kompetenzen, eine konsequente Individualisierung und Differenzierung im Unterricht. Die Räume machen es auch möglich, dass Einzelne und Gruppen parallel an unterschiedlichen Inhalten arbeiten und die Lehrer Unterrichtsteams bilden.

Offenheit des Raumes habe eine zivilisierende Wirkung – darauf wies der prominente deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig immer wieder hin. Wo das Auge vieler hinreiche, gehe es in der Regel humaner zu. Dass in den Raumgruppen der Karosen-Schule jeder jeden kennt, hat Auswirkungen auf das innere Klima. Der Schulbau hat auch die Funktion, den Umgang der Kinder untereinander und mit Erwachsenen zu fördern.

An der Karosen-Schule konnten Lehrer und andere Beschäftigte die Innenarchitektur stark beeinflussen. So gibt es in Klassenräumen für den Sprachunterricht vor allem kommunikationsfördernde Gruppentische, in Räumen für die individuelle Arbeit Einzeltische. Die Innengestaltung berücksichtigt, dass die Schule die landesübliche ganztägige Betreuung bietet. Sie ist der Hauptaufenthaltsort für Kinder und Lehrer, also muss sie Wohnlichkeit besitzen und ausstrahlen. Das fördert nicht zuletzt Lernerfolg und Sozialverhalten.

Der größte und zentrale Raum der Schule ist die Halle, von der die Raumgruppen abgehen. Die Halle ist dank ihrer Großzügigkeit vielfältig nutzbar; ihr angegliederte Räume sind sehr offen gehalten – auch die Küche und der Essbereich. Auch das hat pädagogischen Hintersinn. Die Kinder sehen immer wieder die Menschen, die ihr Essen zubereiten – morgens den Koch bei den Tagesvorbereitungen oder später Gehilfen, die Essenswagen verschieben. Man grüßt sich selbstverständlich.

Keine Türen und Tore trennen die Mensa von der Bibliothek. Allen Schülern ist klar, dass man nicht mit Essen zu den Büchern geht oder dass der Billard- und der Tischtennistisch im Freizeitbereich nur zu bestimmten Zeiten benutzt werden. Das Lesen hat in Finnland einen hohen Stellenwert und wird auch durch Raumgestaltung gefördert. In der Karosen-Schule liegt die Bibliothek nicht nur zentral, sondern steht den Schülern auch nach dem Unterricht noch offen. Die Bücher stehen in offenen Schränken; einzelne werden prominent platziert, sodass die Kinder zum Schmökern verlockt werden.

Für die Pausen und den Nachmittag gibt es Sportgeräte. In der Halle sieht man am Nachmittag Kinder, die gerne länger in der Schule bleiben, Hausaufgaben machen, lesen, im Internet surfen oder Sport treiben. Für die Lehrer ist es ohnehin selbstverständlich, den größten Teil ihrer Arbeitszeit in der Schule zu verbringen. Auch sie haben entsprechende Räume. Insgesamt ist die zentrale Halle von einer besonders freund­lichen Atmosphäre geprägt, dank der Kombination verschie­dener Materialien und Farben: Glas, Metall in natürlicher ­Färbung, helles Holz und ein Linoleumboden in warmem
Gelb. Auf ästhetische Gestaltung wurde bis in die kleinsten ­Details geachtet.
Bei aller Heimeligkeit ist die Schule nicht nach außen abgeschottet. Sie soll bei der Orientierung in einer komplexen Welt helfen. Hinausgehen und Hereinlassen sind daher Grundprinzipien; die Schule versteht sich als Teil einer größeren Gemeinschaft. Sie dient als Kulturzentrum und Treffpunkt für alle, die Kindern und Jugendlichen begegnen und sich selbst bilden wollen. Es gibt eine Kinderdisco, Spiel- und Videoräume. Und samstags ist in der großen Halle Erwachsenentanz.

Prof. Mag. Dr. Franz Hammerer lehrt Pädagogik und Clara Renner ist Lehrerin in Wien. Im Rahmen eines EU-Programms arbeitete sie an der Karosen-Schule.


Ausführlicher Bericht von Franz Hammerer und Clara Renner zur Karonen-Schule

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