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[ Wechseln in die Immobilienbranche ]

Weder träumen noch zocken

Die Immobilienbranche lockt junge Leute mit Entscheidungsfreiheit, Verantwortung und Geld. Doch das heißt: Rechnen statt Entwerfen, Excel statt CAD.

Der Rechner zieht das Traumpferd: Die Schlips-und-Kragen-Firmen entscheiden über Bauprojekte. Nur wo sie gefallen sind, lohnt der mehr oder minder kühne Entwurf.

Rosa Grewe

Zocker! Träumer! So kläffen und knurren Architekten und Ökonomen über den jeweils anderen. Geplatzte Immobilienblasen durch Spekulationen hier, teure und unpraktische Prestigebauten vom „Stararchitekten“ dort – so lauten die Vorurteile. Beide streiten um Baukultur und Geld, ob das eine zulasten des anderen geht und was, wer und wie viel am Ende übrig bleibt. Aber fast unbemerkt von der streitenden Meute entdecken immer mehr Grenzgänger die große Schnittmenge von Wirtschaft und Architektur und beleben neue Berufsfelder: die Architekten in der Ökonomie – oder sind es die Ökonomen aus der Architektur?

Trotz Krise ist die Immobilienwirtschaft ein Wachstumsmarkt; seit den 90er-Jahren ist sie vom Nischendasein innerhalb der Finanzwirtschaft zu einem eigenständigen ­Wirtschaftszweig gewachsen. Hauptgrund für den zunehmenden Bedarf an Immobilienspezialisten ist der demo­grafische und der ökonomische Strukturwandel: In Deutschland und in der Welt – die Globalisierung erfasste auch den Immobilienbesitz. Während Neubauprojekte aufgrund schrumpfender Bevölkerungszahlen weniger werden, braucht man gute Konzepte für die Sanierung und den Umbau von Regionen, Städten und Bestandsgebäuden sowie nachhaltige Ideen für Wachstumsregionen.

Die komplexen Aufgaben des Strukturwandels kann der Ökonom genauso wenig allein bewältigen wie der Planer; nur in der Überschneidung beider Disziplinen liegen starke Lösungen. Vier junge Architekten berichten, wie sie in der Immobilienwirtschaft arbeiten und warum es sich lohnt, scheinbar zwischen den Stühlen zu sitzen.

Arnaud Ahlborn: „Umsteiger müssen sich für Recht, Planung, Verwaltung und Kalkulation begeistern.“

Neue Schnittmenge, neue Berufe, neue Bilder

Der 32-jährige Arnaud Ahlborn erklärt sein Motiv für den Umstieg: „Nach dem Diplom stellte ich mir die Frage: Wer braucht überhaupt Architekten? Deren klassische Aufgaben übernehmen zunehmend andere. Die Immobilienbranche bietet die Möglichkeit, neue Kompetenzbereiche zu erobern, die genau zu unserem generalistischen Denken passen.“ Nach einigen Jahren als Architekt im Ingenieurbüro wechselte Ahlborn zu einem Wohnungsbauunternehmen. Welche Berufsbezeichnung heute auf ihn passt, weiß er nicht genau: „Irgendetwas zwischen Projektsteuerer und Bautechniker; viele Berufsfelder und die dazugehörigen Bezeichnungen entwickeln sich gerade erst.“ Seine Verantwortung reicht von der Verwaltung von rund zweitausend Wohn­gebäuden über den Immobilienankauf und die baulich-fachliche Immobilienbewertung bis hin zu Sanierungen. Er ist der einzige Architekt im Team und hat die komplette Budgetverant­wortung.Managementpositionen verlangen Organisationstalent, kommunikative Fähigkeiten und den Willen, querzudenken. Genau hier sieht Arnaud Ahlborn die Stärke von Architekten:

„Im Studium habe ich gelernt, Dinge zu hinterfragen und weitgefächert zu denken.“ Als Generalist wird er in der Immobilienbranche gebraucht. Dennoch fiel ihm die Entscheidung für das Wohnungsbauunternehmen nicht leicht: Das verstaubte, behäbige Image passt nicht zum Selbstverständnis eines Architekten. Vorurteile, wie er feststellen musste, die nicht zutreffen; die alten Bilder im Kopf werden den neuen Berufsfeldern nicht gerecht.

Anja Albrecht: „Wer bei Immobilien nur an Makler denkt, wird der vielfältigen Branche nicht gerecht.“

Universaltalente gefragt

Auch Anja Albrecht, heute 30, ging nach ihrem Diplom in die Immobilienbranche: „Wer darunter nur den Makler versteht, der wird der Branche nicht gerecht. Sie ist vielfältiger: vom eher technischen Facility-Management über die finanzgeprägte Immobilienbewertung und das Asset-Management (Vermögensverwaltung) bis hin zur Projektentwicklung.“ Schon im Studium hatte sie Praktika in Asset-Management und Vermögensverwaltung gemacht und wollte seitdem in die Wirtschaft. Nach dem Diplom startete sie als Trainee bei einer internationalen Immobilienberatung in Frankfurt. Erst im Facility-Management, dann wechselte sie innerhalb der Firma zur Immobilienbewertung. Heute arbeitet sie im Immobilienbereich einer großen Frankfurter Bank und organisiert dort die externe Bewertung von Immobilienfonds.

Zu ihren Aufgaben gehören die Akquisition von Projekten und die Aufbereitung von Projektin­formationen, die interne Immobilienbewertung und die Kommunikation mit unabhängigen Sachverständigen.Nicht nur die Tätigkeiten in der Branche, auch die Arbeitgeber sind sehr unterschiedlich: private und kommunale Wohnungsbau- und Bauunternehmen, die Managementabteilungen großer Architekturbüros, Investmentfirmen, Immobilienfirmen, Vermögensverwalter und Banken. Mit den Arbeitgebern verändern sich die Anforderungen: Bei einem Job ist hartes Wirtschaftswissen gefragt, beim nächsten sind es Managementqualitäten.

„Man muss sich für Wirtschaft interessieren und braucht eine Affinität zu Zahlen. Aber auch das Architekturstudium war hilfreich, um Immobilien nach technischen und baukonstruktiven Aspekten zu beurteilen“, sagt Anja Albrecht, und Arnaud Ahlborn fügt hinzu: „Umsteiger müssen sich für verschiedene Bereiche begeistern können: von Baurecht und Vertragsrecht über die Steuerung der Bauplanung, Verwaltung und Kalkulation.“

Jenny Kunk: „Zuerst dachte ich immer, gleich fliegst du auf. Aber man lernt das BWL-Grundwissen schnell.“

Auch Verhandeln ist kreativ

Wer tiefer in die Ökonomie eintauchen möchte, kommt um eine Weiterbildung nicht herum. So wie Jenny Kunk: Sie hatte schon während des Studiums in anderen Branchen gejobbt, etwa als Zeichnerin in einer Firma für Medizinplanung und später als Entwicklerin für Immobilienfonds in einer Unternehmensberatung. Nach dem Architekturdiplom studierte sie berufsbegleitend Immobilienökonomie an der European Business School. Heute arbeitet die 32-Jährige als Konzeptionärin von geschlossenen Fonds bei MPC Münchmeyer Petersen Real Estate Consulting GmbH, einem Hamburger Unternehmen, das Wertpapiere auf den Markt bringt.

Sie sucht geeignete Investitionsobjekte und bündelt sie in Anlagefonds. Das richtige Gespür, Verhandlungstalent und gutes Wirtschaftswissen sind Grundlagen für diesen Job. Die Anlagesummen sind hoch, die Verantwortung ebenso. Längst entwickelt sie nicht nur Immobilienfonds. Entgegen dem Klischee hat ihr Beruf viel mit Menschen zu tun: Sie muss verhandeln, kommunizieren und kreativ nach neuen Lösungen suchen.

Über ihr Studium an der European Business School sagt sie: „Das Wissen und die Kontakte aus dem Studium sind die Eintrittskarte in die Branche.“ Daher lohnt sich die Investition in eine Weiterbildung an einer der renommierten Hochschulen, auch wenn sie den Preis eines neuen Kleinwagens hat.

Aber der Aufstieg in eine andere Gehalts- und Verantwortungsklasse wird leichter mit dem guten Ruf der Hochschule, wirtschaftsorientierten Studieninhalten und Kontakten aus dem Studium. Wer selbst so viel Geld investiert, ist sich sicher, dass er in die Wirtschaft möchte. Stipendien sind begehrt, manch einem finanziert auch der eigene Arbeitgeber die Studienkosten. Viele der Studierenden sind bereits seit Jahren in der Bau- oder Immobilienwirtschaft tätig und streben jetzt einen weiteren Karriere­schritt an. Jungeinsteiger sind seltener und haben es im Studium wie im Beruf schwerer als jene, die die Wirtschaft aus der Praxis kennen. Jenny Kunk berichtet: „Viele der Kommilitonen hatten bereits die wirtschaftliche Denke und das Wissen.

Zuerst dachte ich immer, gleich fliegst du auf, aber man lernt das fehlende BWL-Grundwissen schnell. Nur das Fachvokabular musste ich lernen wie eine Fremdsprache.“ Konkret bedeutet das, abends und am Wochenende zu lernen, denn die meisten Studiengänge sind berufsbegleitend. Eine Doppelbelastung für die Studierenden, die in der Woche bei Unternehmen arbeiten und sich an den Wochenenden zu Seminaren und Studienprojekten treffen. Das braucht eine besondere Motivation.

Freunde rümpften die Nase

Für Jenny Kunk war die Architektur eigentlich immer ein rosaroter Traum, der platzte, als nach ihrem Studium klar wurde, dass der Einstieg in Büros nur über lange Praktika lief. „Ich wollte mich nicht perspektivlos verheizen lassen“, sagt sie und erklärt den Unterschied der Branchen: „Je renommierter ein Architekturbüro, desto geringer ist die Bezahlung der Mitarbeiter und die Entscheidungsfreiheit – aber desto höher ist der Arbeitsdruck. In der Immobilienbranche ist es umgekehrt: Je renommierter ein Unternehmen, desto besser sind die Arbeitsbedingungen, die Gehälter und die Fortbildungsmöglichkeiten und desto höher ist die Eigenverantwortung.“

Und was ist mit dem Traum vom kreativen Arbeiten? Architekten, die in die Wirtschaft wechseln, stoßen in ihrem Umfeld häufig auf Unverständnis. Die Klischees halten sich wacker. Jenny Kunk erzählt: „Schwierig war es emotional im Freundeskreis. Plötzlich trug ich einen Anzug, mein Berufsschwerpunkt verlagerte sich und mit ihm die Sichtweise auf Projekte und deren Wirtschaftlichkeit. Das beurteilten einige befreundete Architekten negativ.“ Viele der Umsteiger aber empfinden ihren Berufswechsel als logische Entwicklung und nicht als Bruch.

Die Fähigkeiten eines Architekten sind weiterhin Grundlage ihres Selbstverständnisses: komplexe Lösungen finden, kommunizieren und steuern. Einzig ihr Blick auf Kreativität hat sich gewandelt. Anja Albrecht sagt dazu: „In gewisser Weise habe ich sie gegen Rationalität eingetauscht, aber auch in der Immobilienbranche ist kreatives Denken gefordert. Außerdem hat das Bild des kreativen Architekten in der Öffentlichkeit stark gelitten, die Rollenklischees funktionieren nicht mehr so einfach.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Hat man das Richtige für sich gefunden, sind Klischees nicht wesentlich.“

Alice Omet: „Man gilt rasch als doppelt qualifiziert. Das ist gut für den Überblick und wird nachgefragt.“

Klischee und Karriere

Über Klischees ärgert sich auch Alice Omet, 31. Sie arbeitete nach dem Architekturdiplom bei Gatermann und Schossig Architekten in Köln und absolvierte berufsbegleitend den Master „Real Estate Management & Construction Project Management“ an der Universität Wuppertal. Heute berät sie in der Abteilung Nachhaltigkeit und Energieeffizienz des Building Technology Centers, dem internen Kompetenzzentrum von Bilfinger Berger Hochbau GmbH, interne und externe Kunden zum Thema Nachhaltigkeit und Gebäudezertifizierungen in Projektplanung, -ausschreibung und –entwicklung.

Seit Juni 2009 ist sie Spezialistin für das amerikanische LEED-Gebäudezertifikat. In ihrem Beruf sind wirtschaftliche, technische und architektonische Fachkenntnisse gefragt. Über ihren Start in der Branche berichtet sie: „Nach dem Studium musste ich gegen das Klischee ankämpfen, dass Architekten nicht das Gleiche leisten können wie Bauingenieure, dass sie sich als reine Künstler verstehen und nicht auf Baustellen gehen.“

Ein anderes Klischee hält sich hartnäckig: dass sich in der Immobilienwirtschaft leicht Geld verdiene. Richtiger ist wohl, dass man sicherlich mehr als im Architekturbüro verdient, die Erwartungen der Arbeitgeber sind aber hoch: Wer studiert hat und als hoch qualifiziert gilt, soll sein Wissen in der Praxis beweisen, direkt, ohne eine jahrelange Anlernposi­tion wie in der Architektur üblich. Das verhilft zwar zu einer schnelleren Karriere, einfacher ist es aber nicht. Gleich zum Einstieg in die Wirtschaft bekam Alice Omet viel Verantwortung, sie übernahm die komplette Entwicklung und Steuerung für große Projekte. „Für Jungeinsteiger ohne Projekt- oder Planungserfahrung ist die Projektentwicklung erst einmal schwierig. Mein erster Job in der Immobilienwirtschaft war ein Sprung ins kalte Wasser.“

Arnaud Ahlborn ist begeistert von seiner Eigenverantwortung: „Ich begleite den gesamten Immobilienzyklus vom Ankauf über die Akquise, die Zeit- und Budgetplanung bis zur Begleitung und Fertigstellung von Privatisierungen. Zudem habe ich in den Projekten die komplette Verantwortung für Kosten- und Termineinhaltung. In welchem Architekturbüro hat man das schon?“
Ewig ein Quereinsteiger?

Alice Omet stellt gleich klar: „Man gilt nicht lange als Quereinsteiger, sondern als doppelt qualifiziert. Das wird immer stärker nachgefragt, um Zusammenhänge zu verstehen und zusammenzuführen, den Überblick zu behalten. Mit einer Doppelqualifikation kann man die persönlichen Stärken ausschöpfen, potenzieren und schauen, in welche Nische man am besten hineinpasst.“ Grundsätzlich punkten Quereinsteiger dadurch, dass sie Dinge von mehreren Seiten sehen; das qualifiziert sie für die Schnittstellen. Sie haben durch die Doppelqualifikation ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie Nischen besetzen und „das ihren Einschätzungen mehr Gewicht verleiht“, erklärt Arnaud Ahlborn. So bleiben sie für Unternehmen interessant, auch wenn in einer Krise der Arbeitsmarkt eng wird.

Die Frage, ob sie sich denn noch als Architekten fühlen, beantworten die Grenzgänger eher nachdenklich; der Architektur fühlen sie sich verbunden, ganz praktisch der eine, eher im Geiste der andere. Viele von ihnen klettern früh auf der Karriereleiter nach oben. Auch deshalb werden Grenzgänger immer mehr. Die Hochschulen haben längst den lukrativen Markt der Weiterbildung entdeckt und bilden spezialisierter aus. Es scheint, als werde sich die Schnittmenge zum eigenen Fachgebiet entwickeln. Doch schön wäre es, wenn der Typ „Grenzgänger“ als Generalist mit offenem Blick, individuellen Stärken und Widerstandskraft gegen Vorurteile von beiden Seiten erhalten bleibt.

Rosa Grewe hat Architektur studiert und betreibt das Fachpressebüro quer-streifen in Darmstadt.

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