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Dünner dämmen

Lange hielt sich die Innovationsfreudigkeit bei Wärmedämmverbundsystemen in Grenzen. Inzwischen ist Bewegung in den Markt gekommen

Sto erhielt als erster Hersteller für sechs ­seiner WDVS die bauaufsichtliche Zulassung für die Aufdopplung.

Marion Goldmann
Um die steigenden Anforderungen an den Wärmeschutz von Gebäuden zu erfüllen, wird die Fassadendämmung zwangsläufig immer dicker. Das bringt, vor allem beim Bauen im Bestand, Probleme mit sich. Dachüberstände müssen verlängert werden. Immer öfter gibt es baurechtliche Konflikte, weil die Einhaltung von Grenzabständen schwierig ist. Schlanke Lösungen sind also gefragt, besonders dann, wenn mit der Energieeinsparverordnung 2012 der Anspruch an das energetische Niveau noch weiter steigt. Dieser Herausforderung begegnen die Dämmstoffhersteller und Anbieter von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) mit geringeren Wärmeleitfähigkeiten ihrer Produkte.

Hartschaum-Platten im Fokus

Die Entwicklungen konzentrieren sich dabei hauptsächlich auf Hartschaum-Dämmplatten. War bei Polyurethan die niedrige Wärmeleitzahl von 0,028 W/mK schon immer ein überzeugendes Argument, stieß expandiertes Polystyrol (EPS) bei einer Wärmeleitzahl von ursprünglich 0,040 W/mK an technische Grenzen. Um EPS-Platten in der WLG 035 zu erhalten, hat man zunächst die Rohdichte erhöht. Parallel zu diesem weißen Dämmstoff ist seit einiger Zeit das sogenannte „graue EPS“ auf dem Markt. Das gibt es sowohl in der WLG 035 als auch in der WLG 032. Dem Polystyrol ist hier Grafit zugesetzt, das durch die Infrarotreflexion der Wärmestrahlung im Inneren des Dämmstoffs eine reduzierte Wärmedurchleitung bewirkt.

Das Patent für diese unter dem Markennamen Noepor geschützte Innovation erhielt die BASF bereits 1995. Außerdem existiert noch Lamdapor von Sunpor aus St. Pölten. Das Chemieunternehmen forschte ebenfalls an dieser Technologie. Statt mit Grafit experimentierte man allerdings mit feinen Aluminiumpartikeln. 2003 erwarb Sunpor von der BASF die Lizenz, das technische Prinzip der Infrarotreflexion mit Grafitpartikeln zu realisieren. Das graue EPS produziert der österreichische Hersteller heute neben der BASF exklusiv am Markt.

Um bis zu 20 Prozent lässt sich die Dämmdicke bei Verwendung von EPS-Platten der WLG 032 im Vergleich zu den herkömmlichen Produkten der WLG 040 vermindern. Gerade für Fachplaner und Architekten ist diese Dickenreduzierung ein entscheidendes Argument. So das Ergebnis einer Befragung, die das Institut für Absatzforschung und kundenorientiertes Marketing (IAM, www.wsm-marketing.de) im Rahmen seiner Studie „Quo vadis WDV-Systeme – der Markt und seine Chancen 2007 bis 2012“ durchführte.

Außerdem, so eine weitere Erkenntnis, wird das EPS 032 das weiße Polystyrol mehr und mehr verdrängen. Brillux zum Beispiel hat ein Wärmedämmverbundsystem mit diesem Dämmstoff seit 2006 im Programm. Andreas Krechting, Produktmanager WDVS: „Das Produkt wird gut angenommen. Tendenz steigend.“ Inzwischen habe man hier einen Anteil von etwa zehn Prozent erreicht.

Anfangsprobleme gelöst

Die graue Farbe des neuen Dämmstoffs wurde vor allem hinsichtlich der Montage mit mineralischen Klebern zunächst skeptisch gesehen. Bei direkter Sonneneinstrahlung heizen sich die Platten stärker auf als weiße. Bis der mineralische Kleber aber seine Endklebekraft entwickelt hat, vergehen mehrere Tage. Tritt beides zeitgleich auf, können die dadurch entstehenden Spannungen zum Ablösen der Dämmstoffplatten führen. Um dies zu verhindern, weisen die Hersteller in der Regel darauf hin, dass die Dämmplatten durch Abplanen der Fassaden vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen sind. Fraglich bleibt, wie praxisnah das Abplanen – auch angesichts der Mehrkosten – tatsächlich ist. Alternativ greifen inzwischen viele wegen der schnellen Trockenzeit zum Verkleben auf Polyurethan-Schaum zurück.

Wie aus der IAM-Studie weiter hervorgeht, hat die Anwendung der Klebeschaumsysteme in den letzten Jahren rapide zugenommen. Allein 2006 wurden 1,6 Millionen Quadratmeter WDVS mit PU-Schaum verklebt. Lösungen für das Recycling, die Wiederverwertung oder Entsorgung von WDVS scheinen dabei in weite Ferne gerückt.

Dr. Klaus Block, Leiter des Forschungsschwerpunktes „Befestigungstechnik und Wärmedämmverbundsysteme“ am Lehrstuhl Betonbau der TU Darmstadt: „Bei rein mineralischen Systemen ist das Recycling noch möglich. Aber bei Verbundsystemen, die schwieriger zu recyceln sind, bin ich in Bezug auf zukünftige Anforderungen skeptisch.“ Deshalb mahnt der Wissenschaftler, der seit 1988 auf dem Gebiet der Dämmstoffe tätig ist, daran zu denken, was später einmal damit passiert.

Weiter im Trend

Nach weiteren Neuentwicklungen und Trends im WDVS-Markt gefragt, führt Block unter anderem den Phenolharzschaum an. Wegen der deutlich besseren Wärmeleitfähigkeit von nur 0,022 W/mK werde dieser Dämmstoff an Bedeutung gewinnen. Saint Gobain Weber hat mit der Resol-Hartschaumplatte vor etwa einem Jahr ein solches System auf den Markt gebracht. Für den Holzbau biete Steico mit dem Holzfaser-Dämmstoff eine wegweisende Lösung. Wegen der äußerst geringen Aufbauhöhe haben Vakuumisolationspaneele (VIP) ebenfalls gute Chancen. Hier wurde vor wenigen Monaten mit „Qasamax“ das erste WDVS mit VIP vorgestellt. Im mineralischen Bereich hat Schlagmann zur Bau 2009 in München noch eine Innovation in petto: eine perlitegefüllte, massive Ziegeldämmfassade (Poroton WDF) zur wärmetechnischen Sanierung von Bestandsgebäuden.

Die Leistungsfähigkeit von Kunststoff-Schraubdübelen und Kunststoff-Schlagdübeln zur Befestigung von Wärmedämmverbundsystemen wurde in den letzten Jahren ebenfalls beachtlich weiterentwickelt. Technischer Standard sind heute sowohl bei Hartschaumplatten als auch bei Mineralfaser versenkbare Dübelteller. Auch der Nagel, zum Beispiel am oberen Ende mit einem Kunststoffpfropfen ausgestattet, hat sich durchgesetzt. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Befestigungsmittel heute im WDVS kaum noch als Wärmebrücken gelten. Der CHI-Wert geht fast gegen null und braucht deshalb bei der Berechnung des Wärmeschutzes in der Regel nicht mehr berücksichtigt zu werden.

Alt und Neu verbinden

Als Konsequenz der hohen Dämmstoffdicken werden bei bereits gedämmten Gebäuden aufgedoppelte Systeme immer attraktiver. Da Demontage und Entsorgung teuer sind, gilt diese Möglichkeit derzeit als einzig wirtschaftliche Alternative. Zwei der WDVS-Anbieter haben die bauaufsichtliche Zulassung für die Aufdopplung bereits erhalten, weitere werden folgen. Detlef Scholz, technischer Berater bei Sto: „Eine Aufdopplung bietet sich neben einer energetischen Verbesserung auch dann an, wenn der bauliche Zustand des alten Systems eine Renovierung erfordert.“

Da das alte System zum Bestandteil des neuen wird, sind im Vorfeld verschiedene Punkte zu prüfen. Zuerst, ob die Maßnahme bauphysikalisch tragbar ist. Das lässt sich relativ leicht ermitteln, da Altsystem und Wandbildner meist leicht zu identifizieren sind. Weiterhin ist die Feststellung der Brandschutzklasse des Altsystems wichtig. Ist hier keine eindeutige Zuordnung möglich, wird das System eine Brandschutzklasse zurückgesetzt. Zur Prüfung der Standsicherheit muss das bestehende WDVS durch mindestens zwei 50 mal 50 Zentimeter große Ausschnitte geöffnet werden. Anhand der freigelegten Bereiche ist Folgendes zu ermitteln: der Klebeflächenanteil (mindestens 40 Prozent gefordert) und die Dicke der vorhandenen Dämmung sowie des Altputzes. Letztere Daten entscheiden über die Dübellänge.

Eine Aufdopplung von auf Schienen befestigten Altsystemen ist laut bauaufsichtlicher Zulassung nicht erlaubt. Grenzen setzt auch das Gewicht, was den Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen mit keramischen Endbelägen zwangsläufig ausschließt.

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