DABonline | Deutsches Architektenblatt
Menü schließen

Rubriken

Services

Menü schließen

Rubriken

Services

Zurück
[ Grüne Fassaden ]

Blätter am Bau

Pflanzen werden immer häufiger als integrale Bestandteile von Fassaden genutzt. Aber das funktioniert nicht in jedem Fall.

Vertical Gardens 1: Am Caixa Forum in Madrid (Architekten Herzog und de Meuron) pflanzte Patrick Blanc

Florian Heilmeyer
Das Verhältnis der Architektur zur Begrünung von Fassaden scheint sich grundlegend zu ändern. Der anhaltende Nachhaltigkeitsdiskurs ist nur einer von vielen Gründen dafür. Architekten, die sich mit dem Beranken beschäftigen, sind auch konzeptionell an der Integration des „Materials Pflanze“ interessiert. Dabei helfen ihnen ein genaues Verständnis der klimatischen Voraussetzungen und neue Technologien, die eine präzisere Kontrolle des Wachstums und eine Automatisierung der notwendigen Pflege ermöglichen. Jenseits von Geranienkübeln am Balkon und jenseits der Romantik vom efeuüberwucherter Steinmauern wird an Neubauten seit mehreren Jahren wieder eifrig gepflanzt – und tatsächlich harmoniert diese Kombination aus Pflanzen und Architektur. Lebendige Pflanzen erleben geradezu einen Boom in der Architektur.

Nicht jeder Architekt ist davon allerdings gleich so begeistert wie Bjarke Ingels, der vor seinem brandneuen, schwergewichtigen Apartmentblock „The Mountain Dwellings“ in Kopenhagen steht und schwärmt, die terrassierte Südseite werde in wenigen Jahren einer „Ruine im kambodschanischen Regenwald“ ähneln. Die privaten Gärten und Terrassen der 80 Apartments sind noch vor dem Einzug der ersten Mieter mit einer Kombination verschiedener Kletterpflanzen bestückt worden, die von einem automatischen Bewässerungssystem mit Regenwasser und Dünger versorgt werden. „So kann man einen wunderbaren Garten auf seiner Terrasse haben, ohne den Stress, ihn pflegen zu müssen“, so Ingels. Natürlich dürfen die Mieter auch private Pflanzen zusätzlich aufstellen – die Kletterpflanzen dürfen allerdings nur begrenzt verändert werden.

Auch die Mieter des von Muck Petzet Architekten aus München umgebauten und aufgestockten elfgeschossigen Plattenbaus in Hoyerswerda verpflichten sich vertraglich, die Grünfassade in der angestrebten Form nicht zum Anlass einer Mietsenkung zu nehmen. An den Fenstern des „Lausitz Towers“ wurden Blumenkästen installiert, aus denen verschiedene Kletterpflanzen wachsen.

Über die Fassade spannen sich Stahlseile in einem weitmaschigen und unregelmäßigen Netz – so soll sich aus dem gelenkten Wachstum ein mit den Jahreszeiten wechselndes Grünbild ergeben, das zwischen dem Minimum der immergrünen Pflanzensorten im Winter und einem grünen Höhepunkt im Sommer pendelt. Dann soll das Haus als „Versinnbildlichung einer sehr speziellen Stadtsituation“ verstanden werden, so Petzet. Dass aber auch dieses „wachsende Haus in einer schrumpfenden Stadt“ mit einer gewissen Ruinenromantik assoziiert werden kann, ist ihm bewusst: „Natürlich kann das Projekt auch zynisch gelesen werden.

Aber gerade eine Stadt wie Hoyerswerda sollte mit der Vermählung von Stadt und Landschaft offensiv arbeiten, besonders im Zentrum. Schrumpfung und Abriss sollen positiv umgedeutet werden: Stadt und Landschaft nähern sich wieder an.“ Das Signal funktioniert sogar besser als gedacht: An der Autobahn wurde ein touristisches Hinweisschild für Hoyerswerda montiert, das in einer grafischen Abstraktion den „Lausitz Tower“ zeigt.

Lausitz Tower: Kletterpflanzen wachsen an Stahlseilen, die in einem Netz über die Fassade gespannt sind. Das Grünbild wechselt mit der Jahreszeit.

Immer ein Experiment

Zur Planung in Hoyerswerda hat sich Muck Petzet auch einige Projekte der letzten Jahre angeschaut, die ebenfalls vom Bild eines üppig bewachsenen Gebäudes träumten. Die Probleme mit Pflanzenfassaden zeigen sich oft erst nach Jahren, denn trotz aller Fortschritte sind Pflanzen nicht so einfach einzubauen wie andere Materialien. „Das Bepflanzen bleibt immer ein Experiment, dessen Risiko der Bauherr mittragen muss“, sagt Petzet. „Das hängt ja letztlich auch von der Qualität der Pflege ab.“

Wie in Kopenhagen ist auch beim „Lausitz Tower“ ein automatisches Bewässerungssys­tem in die Fassade integriert: Tonkörper an den Wurzeln der Pflanzen öffnen sich bei Trockenheit und schließen sich durch Feuchte, sodass jede Pflanze individuell nach ihrem Bedarf versorgt werden kann. So soll verhindert werden, was anderswo Kummer macht – etwa beim Studentenwohnheim „Garching II“ in München, für das das Büro Fink + Jocher 2007 den Deutschen Architekturpreis erhielt.

Hier sollten Weinranken die beiden Wohngebäude so einhüllen, dass den großen Glasfenstern im Sommer Schatten und im Winter Licht gespendet wird. Bis Anfang 2007 sollte der pflegeleichte Wein die beiden Viergeschosser umhüllen. Doch das Studentenwerk hatte für eine sachgemäße Pflege kaum Mittel, und so ist Ende 2008 der Wein erst am zweiten von vier Stockwerken angelangt. Das hat auch unerwartete Gründe: Die Kinder der angrenzenden Siedlung haben zu wenig Freiflächen und schießen ihre Fußbälle gegen das Rankgerüst. Dessen Erschütterungen verhindern ein besseres Wachstum, erklären die Landschaftsarchitekten vom beteiligten Büro Rainer Schmidt. Nun sollen Pflanzen neu angesetzt und besser geschützt werden. Bis sie gewachsen sind, bleiben den Studenten nur die automatischen Gaze-Rollos, die aber eine Aufheizung der Innenräume kaum verhindern können.

Vertical Gardens 2: Grünes Bauen von Patrick Blanc am Pont Juvénal in Aix-en-Provence. Was so natürlich wirkt, funktioniert nur mit PVC-Folie und Spezialfilz aus Polyamiden.

Kunstrasenwege im Naturrasen

Deswegen sind in Hoyerswerda die Kletterstöcke dezentral übers ganze Gebäude verteilt worden. Die erwünschte grüne Haut soll so nicht nur schneller entstehen, sondern auch üppiger werden. „Wenn wir den Wein nur unten angesetzt hätten in der Hoffnung, dass er irgendwann einmal die elf Geschosse hochrankt, dann hätten wir schon verloren gehabt“, so Muck Petzet. Der Berliner Architekt Holger Kleine hat seine Weinranken an der neuen deutschen Botschaft in Warschau unten angesetzt.

Dennoch ist er optimistisch, dass sein Entwurf den gewünschten dichten grünen Mantel bekommen wird. Zentrales Thema des Gebäudes bildet der Gegensatz von Künstlichkeit und Natürlichkeit. Was ist denn überhaupt noch „natürlich“? Im Botschaftsgarten liegt ein See aus blauem Kunstharz des Künstlers Rainer Splitt. Der umgebende Naturrasen wird auf Wegen aus Kunstrasen durchquert und unter den Weinranken liegt eine Mauer aus grün durchfärbten Betonsteinen, die ein Muster aus stilisierten Weinblättern zeigen – bis zum vollständigen Bewuchs kann der Kampf des wilden Weins bis zu 18 Meter hinauf verfolgt werden.

Später, wenn der Wein im Winter die Blätter verliert, wird er die Sicht auf die darunter verborgene „versteinerte Hecke“ freigeben.

Deutsche Botschaft in Warschau: Noch haben die Weinranken an der Fassade nur eine bescheidene Höhe erreicht. Später sollen sie zusammen mit anderen Elementen den Gegensatz zwischen Künstlichem und Natürlichem dokumentieren.

Ungrüne Nachbargebäude wirken plötzlich nackt

Die „vertikalen Gärten“ des Pariser Botanikers Patrick Blanc sind dagegen relativ planungssicher: Erstens sind sie von Anfang an grün, zweitens ebenfalls an ein automatisches Versorgungssystem angeschlossen. Blanc entwickelte sein inzwischen patentiertes System aus der Beobachtung, dass viele Pflanzen in der Natur fast ganz ohne Humus wachsen können, meist an besonders steilen Abhängen oder Klippen.

Um das an Gebäuden nachzubauen, wird eine etwa einen Zentimeter starke PVC-Folie als Aussteifung und Wasserschutz in einen Stahlrahmen gespannt. Der Rahmen kann an bestehenden Wänden montiert werden oder allein stehen. Auf die Folie kommt ein spezieller Filz aus Polyamiden, der die Pflanzen trägt und mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Dieses System kann etwa 30 Pflanzen pro Quadratmeter tragen und bleibt mit etwa 30 Kilo pro Quadratmeter jedoch relativ leicht.

Zwei andere Beispiele zeigen, dass auch Topfpflanzen eine Fassade strukturieren können. Der Pariser Architekt Édouard François realisierte 2004 den spektakulären ­„Flower Tower“ in Paris: ein zehngeschossiger Apartmentblock aus Beton auf quadratischem Grundriss, dessen an drei Seiten umlaufende Betonbalustraden mit 400 Betonblumenkübeln – jeder 120 Zentimeter hoch – versehen sind, aus denen ein dichtes, grün sprießendes Bambusgebüsch wächst. Seitdem wirken die Apartmentgebäude der Umgebung seltsam nackt und unbehaart. Ein Konzept, das Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal 2006 für ihren Entwurf des Universitätszentrums in Bordeaux aufgegriffen, aber um eine Duftnote erweitert haben. Aus 600 Fassadenkübeln wachsen hier 20 verschiedene Rosensorten, die sowohl die Optik als auch den Geruch des Gebäudes prägen.

Das ist nicht nur die Hightech-Fortführung des alten Geranienkas­tens. Sondern es sind Beispiele einer Architektur, die aus der Pflanze als Fassadenmaterial ein tragendes Element des Entwurfs macht. Eine Architektur, die einen ökologischen Beitrag mit starker Ästhetik kombiniert und deswegen auch nicht Gefahr läuft, Natürlichkeit vorzutäuschen. Das Material „Pflanze“ wird über fantasievollen Gebrauch und Lust am Experiment neu und materialgerecht erschlossen.

Florian Heilmeyer ist Fachjournalist in Berlin.

Weitere Artikel zu:

Anzeige