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[ Innenräume ]

Architekturpsychologie: bessere Krankenhäuser planen

Wie wirkt sich die gebaute Umwelt auf die Gesundheit und das Wohlbefinden aus? Bisher wird das wenig ­untersucht oder gar evaluiert. Die Psychologin Tanja Vollmer und die Architektin Gemma Koppen arbeiten gemeinsam daran, das zu ändern

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Bauen für die Seele“ im Deutschen Architektenblatt 10.2021 erschienen.

Von Eva Kafke

Ich fühle mich wie eingemauert.“ Oder: „Ich stehe vor einer Wand.“ Solche Beschreibungen hat die promovierte Biologin und Psychologin Tanja Vollmer in ihrer Zeit als klinische Psychologin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München häufig von Krebspatientinnen und -patienten gehört. Die Wiederholung von Metaphern aus der Raumwahrnehmung hat sie neugierig gemacht. So schlägt sie seit mehr als zehn Jahren gemeinsam mit der niederländischen Architektin Gemma Koppen ­erfolgreich die Brücke zwischen der Wissenschaft vom Menschen und den technisch-­gestalterischen Wissenschaften. Ihr Architekturbüro Kopvol architecture & psychology ­beschäftigt in Rotterdam und Berlin Mitarbeitende der Disziplinen Architektur und Psychologie. „Bei uns verwischen inzwischen die Grenzen zwischen den Disziplinen: Die Architektinnen und Architekten lernen, psychologische Studien richtig zu deuten und die Ergebnisse für Entwurfsentscheidungen zu nutzen. Die Psychologinnen und Psychologen lernen, Gefühle in räumlichen Skizzen auszudrücken“, beschreibt Vollmer das Miteinander.

Rotterdam-Studie geht in Krankenhäuser

Den Grundstein für alle ihre Projekte legten die beiden durch die vom niederländischen Wissenschaftsministerium geförderte sogenannte Rotterdam-Studie. Sie folgten rund 500 Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen in allen onkologischen Kliniken der Niederlande an einem Behandlungstag durchs Krankenhaus. Auf den verschiedenen Stationen führten sie immer wieder psychologische Befragungen und physiologische Messungen durch. Die Ergebnisse belegten: Kranke nahmen die Räume anders wahr als ihre Begleitpersonen, erlebten sie als enger, dunkler und angsteinflößender.

Prinses Máxima Centrum für Onkologie

Die Studie öffnete Kopvol die Tür zum ersten großen gemeinsamen Projekt. In Utrecht sollte mit dem Neubau des Prinses Máxima Centrums für pädiatrische Onkologie durch das niederländische Architekturbüro LIAG eine Umgebung geschaffen werden, die hohen medizinischen Standards in der Versorgung, Forschung und Ausbildung im Bereich der Krebsmedizin und -pflege entspricht und in der sich Patientinnen und Patienten wohlfühlen. Kopvol entwickelte dafür ein Gebäudekonzept. Tragende Säule darin ist die OKE (Ouder-Kind-Eenheid = Eltern-Kind-Einheit), eine neuartige Zimmer-Typologie: Eltern bekommen einen eigenen, durch eine Schiebewand abgetrennten Bereich des Raums, in den sie sich zurückziehen und wo sie sogar arbeiten können, jedoch in Sicht- und Hörweite des Kindes sind. Ziel dieser Aufteilung: die Zufriedenheit der Familien fördern, ihren Stress reduzieren.

Krankenhäuser mit Eltern-Kind-Zimmer

Die OKE-Einheiten sind sieben Quadratmeter größer als die bisherigen Patientenzimmer und entsprechend teurer. „Dort haben wir hautnah erfahren, wie wichtig es ist, evidenzbasierte Architekturkonzepte zu entwickeln, wenn man Innovation in der Architektur realisieren will: Nur so hatte unser Auftraggeber etwas Fundiertes in der Hand, womit er Unterstützer – in diesem Fall die niederländischen Krankenversicherer – überzeugen konnte“, berichtet Koppen.

Skizze Kinderklinik
Heimisch statt klinisch: Für die Kinder- und Jugendklinik Freiburg hat das Büro Kopvol ein Patientenzimmer für und Eltern konzipiert.

Kinder- und Jugendklinik Freiburg

Heute ist das Prinses Máxima Centrum ein Vorzeigeprojekt in den Niederlanden – und ein Vorbild für Gesundheitsbauten anderenorts. Zum Beispiel für den Neubau der Kinder- und Jugendklinik in Freiburg im Breisgau. Dort waren es die Nutzenden, die vor mehr als zehn Jahren den Anstoß für einen Neubau nach neuen Standards gaben. Die ärztliche Direktorin und ihr Team waren überzeugt: „Eine Kinderklinik ist mehr als eine Etage in einem Bettenhaus, in dem ein Zimmer zu einem Spielzimmer umgewidmet wurde.“ Auch müssen die Räume so angeordnet sein, dass sie die Arbeitsabläufe erleichtern und den Bedürfnissen von allen Nutzenden entsprechen.

Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende hatten die Vision von einem Neubau, der universitäre Medizin, sämtliche Fachdisziplinen der Kinder- und Jugendmedizin, klinische Regelversorgung und flächendeckende Notfallversorgung unter einem Dach zusammenführt. Sie gründeten einen Förderverein, schrieben ein qualitatives Raumbuch für die Entscheidungstragenden und beauftragten dann Kopvol mit der Entwicklung qualitativer Raumkonzepte. Die Kopvol-Konzepte knüpften an die Erkenntnisse aus der Rotterdam-Studie und die Erfahrungen mit dem Neubau in Utrecht an und wurden im anschließenden Auslobungs- und Planungswettbewerb den sich bewerbenden Büros und dem Preisgericht zur Verfügung gestellt.

Skizze Antiwarteraum
Kopvol erfand den „Anti-Warteraum“, einen circa 500 Quadratmeter großen Aufenthaltsbereich.

Letztlich konnte das österreichische Büro Health Team den Wettbewerb für sich entscheiden. Auf einem Grundstück von 31.800 Quadratmetern entsteht nun ein Bau mit einer offenen, lichtdurchfluteten Atmosphäre und rund 13.000 Quadratmetern Nutzfläche. 149 Betten sollen hier Platz finden, rund 80.000 Kinder und Jugendliche jährlich versorgt werden. Sie sollen ab dem ersten Moment eine Umgebung erleben, die ihre körperliche und seelische Gesundheit fördert.

Der erste Eindruck zählt

„Wir wissen aus der Psychologie, dass die Verarbeitung eines Reizes durch vorangegangene Reize beeinflusst werden kann. Diese Verknüpfung mit Vorerfahrungen geschieht in der Regel unbewusst“, so Vollmer. „Wenn die jungen Patientinnen und Patienten aus dem Fahrstuhl treten, sehen sie nicht als Erstes uniformierte Schwestern hinter einer Glasscheibe und einen langen Flur mit vielleicht noch einem herumliegenden Dreirad. Sie sehen vielmehr durch ein als großes Haus geformtes Fenster spielende Kinder, chillende Jugendliche und Familien beim gemeinsamen Essen. Wie zu Hause, alles ganz normal. Die Kinder, die ins Krankenhaus aufgenommen werden und viele schwierige Behandlungen vor sich haben, werden diesen ersten Eindruck nicht vergessen“, so Vollmer. „Im Gegenteil, sie wissen: Nach der Behandlung kann ich auch wieder dort spielen.“

Skizze Antiwarteraum
Leben statt Leerlauf, denn reines Warten kostet Nerven.

Krankenhäuser, die Stress reduzieren

In einer eigenständigen, stationsübergreifenden Versorgungseinheit – dem REN-Cluster (Raum für Entwicklung und Normalität) – werden die jungen Patientinnen und Patienten über die medizinisch notwendigen Eingriffe hinaus gefördert und die Elterngesundheit erhalten. Schlafen im eigenen Zimmer, Essen im Gemeinschaftsraum, Spielen im Erlebnisbereich, Lernen in Klassenräumen und Bewegung in Therapie- und Sportbereichen: All das ist hier möglich. Auch das Konzept des sogenannten Anti-Warteraumes ist architektonisches Neuland. „Unsere Studien zum Eltern-Kind-Patient belegen: Wenn Patienten und ihre Angehörigen einfach nur rumsitzen, erhöhen sich Ängste und Stress“, erklärt Vollmer.

In einem knapp 500 Quadratmeter großen Aufenthaltsbereich zwischen den Ambulanzzentren finden Patientinnen und Patienten und Angehörige nun Raum für Bewegung, Unterhaltung und Spiel, aber auch Rückzugsmöglichkeiten zum Lesen, Arbeiten oder kurz Schlafen. „Die Kinder können durch Aktivität von ihren Ängsten abgelenkt werden. Und die Eltern sind weniger gestresst, wenn sie einen gesunden ‚seelischen Sicherheitsabstand‘ zu ihren Kindern haben“, erläutert Vollmer.

Grundriss Jugendklinik Freiburg
Die Kinder- und Jugendklinik Freiburg wird in einer stationsübergreifenden Einheit einen vielfältig nutzbaren „Raum für Entwicklung und Normalität“ bieten.

Bewegung oder Entspannung im Anti-Warteraum

Das Büro Kopvol hat den Auftrag für die Gestaltung des Anti-Warteraumes und des REN-Clusters erhalten und wird außerdem mit finanzieller Unterstützung des Bundesbauministeriums das REN-Cluster evaluieren. Aus Sicht der Psychologin ist das der unverzichtbare letzte Schritt. „Seriös kann man erst dann von einem evidenzbasierten Design sprechen, wenn man im Gebrauch des Gebäudes die geplanten wirkungsgerichteten Entwurfsentscheidungen wissenschaftlich prüft. Und damit meine ich nicht, die Nutzer schlicht nach ihrem Wohlbefinden im Neubau zu fragen, das ist keine Wissenschaft.“ Die Evaluation kann dann die Grundlage liefern, um Standards für künftige Neubauten daraus abzuleiten.

Architekturpsychologie als Ausbildung

Doch das ist nur eines der ambitionierten Fernziele Vollmers: „Für die nächste Generation von Architektinnen und Architekten wünsche ich mir, dass das wissenschaftsfundierte empathische Verstehen des Gegenübers und dessen Übersetzung in Architektur schon in der Ausbildung stärkeres Gewicht bekommt.“ Daran arbeitet sie selbst als Gast-Professorin für Architekturpsychologie und Gesundheitsbau (zunächst an der TU Berlin und seit 2019 in München) und in der neu gegründeten interdisziplinären Fachgesellschaft für Architekturpsychologie. „Meine Vision ist eine zugelassene, anerkannte architekturpsychologische Fachausbildung für Architekten und Psychologen.“

Weitere Beiträge finden Sie in unserem Schwerpunkt Gesund.

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