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[ Erfahrungsberichte ]

Selbstständig als junge Architektin: Familie, Baustelle und Architekturbüro

Kreative Prozesse an ungewöhnlichen Orten, bessere Kommunikation auf dem Bau, Familie und Beruf unter einen Hut bekommen: Junge Gründerinnen machen mit ihren Architekturbüros vor, wie es geht

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Die neuen Chefinnen“ im Deutschen Architektenblatt 02.2021 erschienen. Wie sie sich selbstständig machten, Familie und Beruf vereinen und auf der Baustelle kommunizieren, berichten die Architektinnen am Ende des Beitrags im Video-Gespräch, das die Grundlage für diesen Artikel war.

Von Kerstin Kuhnekath

Junge Frauen, die sich in der Architektur selbstständig machen, setzen neue Standards. Nicht nur, dass sie die traurige Statistik in Bezug auf weibliche Büroführung verbessern, sie verändern auch die Sicht auf die als normal geltende Arbeitsweise. Die sieht noch so aus, dass Anwesenheit im Büro von neun Uhr morgens bis zum späten Feierabend erwünscht ist, von der neuen Situation durch Corona einmal abgesehen. Verantwortung bekommt nur übertragen, wer diese Zeit im Büro verbringen kann. Junge Mütter, die aus der Elternzeit zurückkommen? Passen nicht ins Konzept.

Viermal mehr Teilzeit bei Architektinnen

So erzählen es die Inhaberinnen der drei Architekturbüros schultz sievers architektur aus Bremerhaven, ms plus Architekten aus Münster und LXSY Architekten aus Berlin. Sie kennen sowohl die Angestellten-Seite als auch die bevorzugte Selbstständigkeit. In den meisten Büros macht man sich Sorgen, dass die angestellte Frau Kind und Job nicht unter einen Hut bekommt. Jungen Vätern gegenüber hegt man diese Zweifel nicht. Anstatt etwas am System zu ändern, werden die Geschlechter in „ihre“ Rollen gedrängt. Das Ergebnis: Viermal mehr Architektinnen als Architekten arbeiten in Teilzeit.

Ausbruch aus Rollenbildern

Wer aus den stereotypen Rollenbildern ausbrechen will, muss sich doppelt anstrengen. Diese Hürde wird schon im Studium oft als unüberwindbar dargestellt. Die Professoren seien meist ältere Männer, die gerne suggerierten: „Architekt ist kein Beruf, sondern Berufung.“ So erzählt es Sielke Schwager von ms plus Architekten. Die Denkweise, dass Qualität an zeitliche Parameter geknüpft ist, werde einem im Studium mitgegeben. Ergo sei die Arbeit in Teilzeit nicht zu schaffen.

Die jungen Büroinhaberinnen haben sich aus diesem realitätsfremden Szenario verabschiedet. Sie zeigen, dass die Sorge um die Leistungsfähigkeit von Müttern oder jungen Frauen nicht gerechtfertigt ist. Sie haben sich früh in ihrer Karriere selbstständig gemacht, mit Leichtigkeit und Freude. Der einsame Vollzeit-Wolf muss sich mit dem Familienthema nicht auseinandersetzen und wird trotzdem belohnt. Unter diesem Rollenverständnis leiden auch Väter, die ihre Arbeitszeit ohne einen Karriereknick reduzieren wollen.

Selbstständig sein ohne 60-Stunden-Woche

Natürlich denken alle über Work-Life-Balance nach. Aber der Mythos des Arbeitshelden mit 50 bis 60 Arbeitsstunden wöchentlich ist schwer totzukriegen. Schreiben wir ihn um: Eine Heldin und ein Held ist, wer ein chancengleiches Modell fährt, in dem flexibel gearbeitet wird, sodass mehrere Lebensbereiche Raum bekommen. „Man hat die Fähigkeit, sich effektiv zu organisieren“, sagt Sielke Schwager. „Auch auf dem Spielplatz können kreative Prozesse im Kopf laufen. Das ist eine Frage der Einstellung und Organisation.“

Die Inhaberinnen der drei Architekturbüros sind jung, aber schon etabliert. Sie arbeiten nach eigenen Regeln. Sie begegnen anderen auf Augenhöhe und verzichten darauf, „den Macker raushängen zu lassen“. Statt Anpassungskampf an eine vermeintliche Männerwelt treten die Macherinnen selbstbewusst weiblich auf. Sie lieben ihre Arbeit, zweifeln nicht an ihrem Können und sie haben sich früh zusammengetan: ms plus haben sich als Angestellte in einem Büro kennengelernt, LXSY im Studium, Schultz und Sievers kennen sich seit der Schulzeit.

Wettbewerbsgewinn als Startschuss

Letztere haben nach dem Diplom einen gemeinsam im Studium gewonnenen Wettbewerb als Angestellte in einem Büro realisiert. 2009 machten sie sich mit drei Jahren Berufserfahrung in Bremerhaven selbstständig, wo es nicht viele Architekturbüros gibt. Der Marktvorteil ist so groß, dass sie nicht einmal eine Website benötigen, um an Aufträge zu kommen. 2014 wurde das Büro mit heute drei Angestellten für zwei seiner Projekte ausgezeichnet. Es erhielt den BDA-Preis Bremen für die Mensa des Schulzentrums CVO Bremerhaven und den Sanierungspreis für das Havenhostel Bremerhaven.

Kinder und Architekturbüro gleichzeitig aufgezogen

Ms plus Architekten aus Münster wurden 2011 von Sielke Schwager und Maike Holling gegründet. Sie waren vier Jahre lang im gleichen Büro angestellt. „Dann wollten wir selbstbestimmter arbeiten“, sagt Schwager. „Wir haben Kinder und Büro gleichzeitig aufgezogen“, so Holling. Im Jahr 2016 kam Stephanie Bücker mit ins Boot, seither machen sie mehr Wettbewerbe und „größere Sachen“. Das Büro beschäftigt heute drei Mitarbeiterinnen. Es erhielt 2020 die Auszeichnung vorbildlicher Bauten in NRW für das Wohnquartier FRML, das 33 Wohnungen in Reihen- und Doppelhäusern organisiert.

Das Berliner Büro LXSY existiert seit 2015. Das Team mit sechs Mitarbeiterinnen verbindet Architektur mit Objektdesign und entwickelt Coworking-Spaces. 2017 gewann das Büro für sein Projekt Impact Hub Berlin den German Design Award. LXSY entwirft und plant nicht nur, sondern veranstaltet auch die Workshop-Reihe „We don’t work“, in der Frauen und Männer zusammen über alternative Arbeitsmodelle und -welten debattieren. Damit widerlegen sie ein weiteres Vorurteil, das Frauen gegenüber gehegt wird: dass sie nicht netzwerken.

Erst Berufserfahrung sammeln, dann selbstständig machen

Der Sprung in die Selbstständigkeit resultierte bei LXSY aus der gemeinsamen Masterthesis der Büropartnerinnen Kim Le Roux und Margit Sichrovsky an der TU Berlin, einem Konzept für ein Upgrading eines Townships in der Nähe von Kapstadt. Nach der Uni leisteten sie in Deutschland die obligatorischen Jahre in Büros ab, um die Zulassung als Architektinnen zu bekommen und sich danach wieder nach Südafrika aufzumachen. Sie reichten ihr Upgrading-Konzept bei einem Wettbewerb vor Ort ein und wurden als Finalistinnen eingeladen, ihr Projekt vor- und auszustellen und mit den Bewohnern zusammen testweise eine Workshop-Session durchzuführen. Es gab einen Investor für das Projekt.

Die damals unerfahrenen Architektinnen entschieden sich aber, zunächst in Deutschland mehr Berufserfahrung zu sammeln und ein eigenes Büro zu gründen, bevor man am anderen Ende der Welt Sozialprojekte startet. Außerdem musste die Familie ernährt werden. Margit Sichrovsky war bereits zweifache Mutter. Sie berichtet, dass es „schon hart“ gewesen sei, im Studium Kinder zu kriegen, und dass die Jobsuche nachher auch eher schwierig gewesen sei, weil potenzielle Arbeitgeber den Vorteil einer Berufseinsteigerin mit Kindern nicht automatisch erkannten: Sie bringe Erfahrungen mit, die ein „normaler“ Studienabgänger nicht habe, und beweise damit, dass sie Familie und Studium beziehungsweise Job unter einen Hut bekomme. Davon abgesehen, sei das Thema Kinderkriegen einfach vom Tisch.

Mit Risiko und Unsicherheit umgehen

Die Architektinnen sind sich einig, dass es zur Gründung Unternehmergeist braucht und ein erstes Projekt. „Man muss mit Risiko und Unsicherheit umgehen können“, sagt Bücker und will daher jungen Frauen nicht pauschal empfehlen, ein Büro zu gründen. Die Flexibilität der Selbstständigkeit lässt sich mit Kindern gut vereinen, aber es kann auch mal kompliziert werden, wenn unverschiebbare Baustellentermine oder Ähnliches wahrgenommen werden müssen. Und „man muss sich darüber klar sein, dass das Frau-Sein auch Hindernisse mit sich bringt“. Ein Problem könne ihre Zurückhaltung sein. Statt autoritär daherzukommen, lieber in den Dialog zu gehen, ist noch nicht der normale Weg. Derzeit genieße das „Gehabe“, man wisse alles, ein größeres Vertrauen.

Auf Handwerker zugehen statt besserwissen

„Wir untergraben das Zeig-der-mal-wo-es-langgeht-Denken, indem wir selbst auf die Handwerker zugehen und sie nach ihrer Expertise fragen“, sagt Sievers. Holling ergänzt, dass ihnen die unterschiedliche Behandlung von Mann und Frau erst richtig aufgefallen sei, als Kinder mit im Spiel waren. „Da haben wir das Ungleichgewicht zu spüren bekommen. Auftraggeber haben unsere Leistungsfähigkeit infrage gestellt, weil wir Mütter sind.“ Doch im Nachhinein herrsche immer sehr große Zufriedenheit mit dem Ergebnis.

Unbeabsichtigt rein weibliche Büros

Auffallend ist, dass alle drei Büros fast nur aus weiblichen Mitarbeiterinnen bestehen, bis auf einen Mann, der bei ms plus arbeitet. Die Gründerinnen betonen, dass dies keine Absicht sei, es würde kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Aber, so vermutet Sichrovsky: „Wenn Männer auf der Website sehen, dass da zwei Chefinnen sind, haben sie vielleicht keine Lust mehr, sich zu bewerben.“ Auch Schultz sagt, dass sie das „Mann-Frau-Thema“ nicht beschäftige. Ihre Professoren in Oldenburg waren alle männlich, man habe sich an die jüngeren gehalten, die offener waren.

Frauen verschwinden aus der Architektur

Negativ überrascht sei sie aber gewesen, als auf ihrer zehnjährigen Diplomfeier kaum Frauen auftauchten. War noch die Hälfte der Studierenden weiblich, seien nun 95 Prozent der Frauen einfach aus dem Beruf verschwunden. Sichrovsky bringt das Drama auf den Punkt: „Die Gesellschaft und der Staat finanzieren das Studium und die Hälfte der Studierenden arbeitet nicht in dem Beruf. Das ist Verschwendung.“

Vielleicht wäre diese Entwicklung in Oldenburg anders verlaufen, wenn es weibliche Professorinnen gegeben hätte. Frauen müssen sichtbar sein, um als normal zu gelten: als Chefinnen im Büro, auf der Baustelle, an der Uni. Vorbilder sind enorm wichtig. In Münster gab es eine Mitte-30-jährige Professorin, die Schwager beeindruckt hat. In Berlin gab es sowohl weibliche als auch einen sehr sozialen männlichen Professor, die für Sichrovsky wichtig waren.

Frauen fordern nicht genug Gehalt

Der Punkt ist also auch: Es geht nicht um das Geschlecht, sondern darum, alternative Arbeitsmodelle zuzulassen und wertzuschätzen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass es eher die Männer sind, die sich als „superschlau“ verkaufen und dafür wirtschaftlich belohnt werden. Und die Zahlen zeigen, dass die Frauen am Arbeitsmarkt die schlechteren Karten haben. Und das liegt nicht am fehlenden Talent, sondern am Mangel an schlauen Entwürfen für eine vielseitige Arbeitswelt, wo Elternzeit zum Nachteil wird für Frauen, die schon Architektinnen waren, bevor sie Mütter wurden. Frauen müssen ihre weibliche Art besonders verteidigen, aber auch lernen, dass ewige Zurückhaltung zumindest in einem Bereich nicht funktioniert: bei der Gehaltsverhandlung. Sichrovsky sagt, Frauen forderten nicht genug Lohn. Das müssten sie erst lernen. „Sie müssen gecoacht werden, um zu begreifen, dass sie es wert sind.“

Groß und herausfordernd

Für die drei Büros geht es spannend weiter: LXSY knüpfen da an, wo sie sich besonders gut auskennen und starten demnächst wieder einen Co-Working-Space. Schultz sievers architektur realisieren derzeit eine Kindertagesstätte, in Planung sind zwei größere Bürohaus-Projekte sowie ein Haus für die freiwillige Feuerwehr in einem 500-Seelen-Dorf, auf das sie sich besonders freuen. Nach dem preisgekrönten Wohnungsbau wird es für ms plus mit einer neuen Gebäudekategorie spannend, einem Bürohaus: „Ein scheußliches Ding aus den 90er-Jahren. Groß und herausfordernd“, sagt Schwager und freut sich darauf, den dringenden Wunsch des Bauherrn zu erfüllen, etwas „Schönes“ daraus zu machen. Aus einer speziellen Ausgangssituation heraus etwas Gutes zu machen: Damit kennen die Architektinnen sich aus.


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Die Architektinnen im Video

Unsere Autorin Kerstin Kuhnekath (oben Mitte) traf sechs der Büroinhaberinnen zum Video-Gespräch (die siebte war gerade auf der Baustelle). Sie diskutierten eine ­Stunde angeregt über den Berufsstart, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Rolle von Frauen in der Architektur und ob man auf der Baustelle immer alles besser wissen muss.

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1 Gedanke zu „Selbstständig als junge Architektin: Familie, Baustelle und Architekturbüro

  1. Ich habe mich sehr über diesen gelungenen Beitrag gefreut.
    Endlich scheint sich etwas bei den Architektinnen zu bewegen. Es ist schön für mich zu sehen, dass es immer mehr Architektinnen gibt, die sich nicht aufhalten lassen.
    Als ich diesen Beruf ergriffen habe, war mir nicht klar, wie konservativ diese Branche ist.
    Ich hatte vorher nur bei der Studien-und Berufsberatung Kontakt zu einem Architekten, der mir empfohlen hat, an Stelle von Innenarchitektur lieber gleich Architektur zu studieren. Für diesen Rat war ich ihm immer sehr dankbar.
    Das Studium an der RWTH Aachen war dann sehr anstrengend, aber auch sehr schön und fast 50% meiner Kommilitonen waren weiblich.
    Die harte Realität hat mich dann in meinem zweiten Berufsjahr eingeholt, als ich in einem Architekturbüro in Düsseldorf angefangen habe. Dort waren ich und meine Kolleginnen (ebenfalls von der RWTH) als „bessere“ Bauzeichnerinnen angestellt, die nur im Büro waren, nie auf der Baustelle und die keine Verantwortung übernehmen durften.
    Wenn eine Architektin schwanger wurde, so wie auch ich 1995, dann hieß es vom Chef (selber Vater von drei Töchtern), man hat nach der Geburt des Kindes wieder 40 Std./Woche zu arbeiten oder man bleibt zuhause.
    Mich hat das für viele Jahre mein Berufsleben als Architektin gekostet, da ich zwei Kinder habe und praktisch allein erziehend (mit Wochenendvater) war.
    Erst im Jahr 2020 habe ich wieder eine Stelle als Architektin gefunden und ich bin glücklich über diese neue Chance mit jetzt 54 Jahren.
    Ich habe einen Arbeitsvertrag für alle Leistungsphasen der HOAI und ich mag es nicht nur im Büro, sondern auch auf der Baustelle zu sein.

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