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Bauen als Konjunkturlokomotive

Wir brauchen keine baulichen Aktivitäten, die nur auf Masse und Tempo ausgerichtet sind

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer

Die Fahrt kann beginnen: Im Juni stellten wir gemeinsam mit der Bundesstiftung Baukultur und zahlreichen Verbänden unsere Forderungen zur konjunkturellen Belebung in einem 4-Punkte-Plan vor, der offenbar überzeugt hat. Die Bundesregierung hat in ihrem Konjunktur- und Innovationspaket viele Investitionsanreize gesetzt, die auch Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplanern zugutekommen.

Die Summe für zukunftsweisende Maßnahmen ist beachtlich. Das CO2-Gebäudesanierungsprogramm wird für 2020 und 2021 um eine Milliarde Euro auf 2,5 Milliarden Euro aufgestockt. Zu Förderprogrammen des Bundes zur energetischen Sanierung kommunaler Gebäude kommt ein Programm mit circa zwei Milliarden Euro zur Förderung der Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen. Das Programm „Smart City“ erhält 500 Millionen Euro für innovative Projekte in Städten und Gemeinden. Auch Kindergärten, Krippen und Sportstätten werden mit über einer Milliarde Euro gefördert, um notwendige Erweiterungen, Um- und Neubauten realisieren zu können.

Welch riesige Chance für diese Förderungen, wenn sie mit der Forderung nach Qualität verknüpft werden! Wir brauchen keine baulichen Aktivitäten, die nur auf Masse und Tempo ausgerichtet sind. Wir müssen, etwa durch Planungswettbewerbe und interdisziplinäre Ansätze, zukunftsfähige Lösungen entwickeln. Wenn wir nach guter Gestaltung, Dauerhaftigkeit und breiter Zustimmung für unser Bauen streben, geht es um Baukultur und Nachhaltigkeit: ökologisch, ökonomisch und sozial. Gerade Letzteres erfordert unsere besondere Expertise. Wir geben die baulichen Antworten auf die Frage: „Wie wollen wir leben?“ Während der letzten Wochen haben wir unsere Umgebung neu gesehen. Wohnräume müssen als Multifunktionswunder herhalten, der öffentliche Raum präsentiert sich ohne Verkehr und Konsum, Parks werden zu Oasen. Brauchen wir in Zukunft Büroflächen? Wie geht lebenswerte innerstädtische Verdichtung in Zeiten des Abstands?

Unser Gebäudebestand ist eine sehr wertvolle Ressource, ebenso wie Grundstücke und Freiräume. Innerstädtische Baugrundstücke sind knapp und damit teuer. Aber auch Bauen ohne Grundstück geht. Zahlreiche Studien zeigen, dass allein durch die Aufstockung vorhandener Bauten großes Flächenpotenzial aktiviert werden kann. Hier müssen wir verstärkt unsere Planungskompetenz einbringen, um neue und kreative Nutzungs- und daraus folgende Planungskonzepte zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Bundesbauministerium und Verbänden der Wertschöpfungskette Bau arbeiten wir derzeit an einem Pilotprojekt, um die damit verbundenen planerischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen zu untersuchen. Die Anreize des Innovations- und Konjunkturpakets müssen in diese neuen Projekte fließen, damit konkrete Impulse aus der geschärften Sensibilität für die Qualität unserer Umgebung wirksam werden können.

Das Zusammenleben vieler Menschen führt zwangsläufig zu Fragen von Inklusion, von Nähe und Distanz, Gemeinsamkeit und Abgrenzung. Verschiedene Lebensgewohnheiten und -bedürfnisse können sozial verträglich räumlich zusammenkommen. Als Architektinnen und Stadtplaner sind wir ausgebildet, in Varianten und Alternativen zu denken auf der Suche nach optimalen Lösungen. Diese Vielfalt der Ideen, besonders deutlich in Architekturwettbewerben, ermöglicht es oft erst, das volle Potenzial für die individuelle Planungsaufgabe zu heben. Die Pandemie hat Stärken und Schwächen unseres Lebens, unserer Gesellschaft und unseres Alltags überdeutlich gemacht. Wir Bauschaffenden müssen nun die richtigen planerischen Konsequenzen daraus ziehen.

Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer

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