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[ Gesundheit ]

Bauen ohne Burnout

Architekten arbeiten in der Regel viel. Wie lässt sich der Stress verringern, wie ein Burnout-Syndrom vermeiden? Und woran erkenne ich, dass ich gefährdet bin? Ein Architekt, ein Coach und ein Psychotherapeut berichten.

Von Anke Nolte

„Irre, komplex, wild“ – so beschreibt Artur Hermanni seine Zeit als Architekt. Der heute 55-Jährige hat seinen Beruf geliebt, und er hat viele Facetten der Architektentätigkeit kennengelernt: Er arbeitete als Planer und Bauleiter, bewirtschaftete Immobilien und hat Industrieküchen verkauft. Immer in fester Anstellung bei verschiedenen großen Unternehmen, mal in Düsseldorf, mal in München, mal in Kiel. Er musste viel reisen, er hatte viel Verantwortung – und irgendwann konnte er nicht mehr: „Ich war wie taub, konnte mich an nichts mehr freuen“, berichtet Hermanni. „Als sei die Kette gerissen – ich lief nur noch im Leerlauf.“

Hermanni litt an einem Burnout-Syndrom. Das war 2007. Zwei Jahre hat er gebraucht, um aus der Krise herauszukommen. Burnout – ein Begriff, den der amerikanische Psychotherapeut Herbert Freudenberger in den 1970er-Jahren geprägt hat, nachdem er lange über seine Kräfte hinaus gearbeitet hat. Freudenberger bezog sich damit vor allem auf die Überlastungssymptome bei helfenden Berufen, also Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten, die sich für andere aufopfern und schließlich „ausbrennen“. Doch inzwischen ist klar, dass eine akute Erschöpfungsreaktion alle Menschen in allen Berufen betreffen kann.

51 Stunden pro Woche

Befragt man die Bevölkerung, geben etwa ein Drittel der Befragten an, dass sie sich überlastet, erschöpft, sogar ausgebrannt fühlen. So etwa in der repräsentativen Beschäftigtenbefragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK von 2018, bei der 2.030 Menschen zwischen 16 und 65 Jahren befragt wurden. Bei den arbeitsbedingten Gesundheitsbeschwerden rangierte Erschöpfung hinter Rücken- und Gelenkbeschwerden an zweiter Stelle, dahinter folgen Nervosität und Reizbarkeit, Lustlosigkeit und Ausgebranntsein. „Hetze und Zeitdruck haben vor allem durch die Digitalisierung zugenommen, denn der Arbeitstakt ist dadurch schneller geworden“, sagt Roland Raible, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in Wangen im Allgäu, und berichtet, dass in seine Praxis mehr erschöpfte Menschen kommen als früher. Wobei der Psychotherapeut betont: „Ein Burnout ist keine seelische Erkrankung und auch keine medizinische Diagnose, sondern eine berufsbedingte akute Überlastungsreaktion.“ Doch hinter einem Burnout kann eine Depression stecken. „Noch größer aber ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einem Burnout eine Depression entwickelt, wenn man nichts unternimmt“, so Raible.

Auch bei den Architekten hat die Arbeitsverdichtung zugenommen. „Die meisten arbeiten mehr als 40, oft mehr als 50 Stunden“, so der studierte Landschaftsarchitekt Claus Roth, der sich in Reutlingen darauf spezialisiert hat, Architekten zu coachen. Eine Befragung der Bundesarchitektenkammer in Büros selbstständig tätiger Mitglieder ergab, dass die Architekten 2017 durchschnittlich 51 Stunden in der Woche für ihren Job tätig sind. Auch zu Roth kommen immer mehr Menschen, die sich überlastet fühlen „allerdings weit weniger, als es der stressige Alltag von Architekten erwarten lässt“. Er führt das darauf zurück, dass Architekten in der Regel ihren Beruf mit Leidenschaft ausüben, mit ihm verwachsen sind. „In der Regel sind das auch Menschen, die ein gutes Selbstwertgefühl haben“, berichtet der Coach. „Wenn etwas nicht klappt, machen sie das nicht an ihrer Person fest.“ Alles Faktoren, die vor einem Burnout schützen können.

Auch Artur Hermanni hat gern als Architekt gearbeitet. Doch das Pendeln zwischen Job und Zuhause – er wohnt in Barmstedt, nördlich von Hamburg –, das ständige Reisen zu Baustellen, Kunden, Besprechungen zehrte zunehmend an seinen Kräften. Dazu kam ein hoher zeitlicher und ökonomischer Druck vor allem durch seine Vorgesetzten. Die verschiedenen Stressfaktoren haben sich im Laufe der Zeit zu einem Dauerstress addiert, aus dem er nicht mehr herauskam. Alarmzeichen hat er übersehen. „Vielen, die unter chronischem Stress stehen, fällt es schwer, Warnsymptome zu erkennen“, berichtet Psychotherapeut Raible. „Doch wenn man nicht mehr zur Ruhe kommt, den Spaß an der Arbeit verliert, wenig Appetit hat, schlecht schlafen kann, oft sehr gereizt ist oder depressiv verstimmt ist, dann sollte man aufhorchen.“ Auch körperliche Symptome wie Herzklopfen, häufige Kopfschmerzen, ständiges Schwächegefühl oder schnelle Ermüdbarkeit sind Alarmsignale.

Erholung wieder lernen

Wer diese Symptome bemerkt, sollte handeln. Und da hilft nur eins: auf die Bremse treten. Doch das ist oft leichter gesagt als getan. Schließlich liegt so viel Arbeit auf dem Tisch – die Auftragslage bei Architekten sieht in der Regel gut aus. „Doch meistens ist es eine Illusion, dass es nicht anders geht“, betont Raible. Man braucht den Mut, mit dem Chef darüber zu sprechen. Als selbstständige Architektin, als selbstständiger Architekt braucht es den Mut, Aufträge auch mal abzusagen und Kunden zu vertrösten. „Es ist einfach notwendig, das zu tun, was der Körper braucht“, so Raible. Und der braucht Pausen und Erholungsphasen. (s. Kasten)

Architekten-Coach Claus Roth hat die Erfahrung gemacht, dass vielen seiner Klienten abhandengekommen ist, was Erholung für sie persönlich bedeutet und was sie eigentlich brauchen. „Manchmal hilft ihnen schon die Frage auf die Sprünge: Wie oft sehen Sie Ihre Kinder?“ Um mehr Zeit für die Familie, Freunde, Freizeit zu gewinnen, gilt es gerade für Büroinhaber, im Büro umzustrukturieren. Häufig ist es eine Lösung, neue Mitarbeiter einzustellen. Und um in Zeiten von Fachkräftemangel neue Mitarbeiter zu gewinnen, ist es womöglich angesagt, das Büro attraktiver zu machen. Das heißt: für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen, Wertschätzung ausdrücken, die Arbeitsabläufe im Büro besser organisieren, sagt Roth. „Letztlich zeichnet sich ein gutes Büro dadurch aus, dass Arbeitsabläufe, Überstunden- und Urlaubsregelungen geklärt sind und Lösungen zusammen mit den Mitarbeitern gefunden werden, die alle als fair empfinden.“

Auch der Einzelne muss aktiv werden. Doch es ist nicht einfach, aus der Überlastungsspirale herauszukommen. Artur Hermanni hat zwei Jahre gebraucht, um die Krise zu überwinden. Ihm hat vor allem das Konzept der Achtsamkeit geholfen, das er während seiner Therapie in einer psychosomatischen Klinik und beim Psychotherapeuten kennengelernt hat. „Was sehe ich? Was rieche ich? Was schmecke ich? Diese sinnlichen Wahrnehmungen sind mir bei einer 50- bis 60-Stunden-Woche komplett verlorengegangen“, berichtet er. Jeden Morgen riecht er jetzt erst einmal ganz bewusst an der Kaffeedose, der Duft nach frischem Kaffee löst in ihm ein Glücksgefühl aus. „Jeder sinnliche, positive Reiz entspricht einer Einzahlung auf ein Konto, das überzogen wurde“, sagt er. Hermanni hat sich entschieden, seinen Beruf als Architekt aufzugeben. Er arbeitet nun als Autor und Pianist und gibt in Reha-Einrichtungen Seminare zum Umgang mit Stress. Sein Rat: „Jeder sollte sein eigenes Maß und Tempo kennenlernen. Wer immer mehr und schneller arbeitet, als er verkraftet, gerät in eine Überlastungssituation.“

Anke Nolte arbeitet als freiberufliche Medizinjournalistin im Journalistenbüro Berlin und hat sich auf seelische Gesundheit spezialisiert

 

Stress effektiv reduzieren

  • Pausen einbauen: Am besten Pausen in einen Tagesplan eintragen. Die Erholungsforschung zeigt: Lieber früher und öfters kurze Pausen als spät eine lange Pause.
  • Multitasking vermeiden: Um sich auf die gerade anstehende Aufgabe zu konzentrieren, andere Arbeiten vom Schreibtisch wegräumen und auch innerlich in Schubladen verschließen.
  • Entspannungstechnik lernen: Entspannungsverfahren, wie Yoga, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder achtsamkeitsbasierte Verfahren wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) können die Wahrnehmung von Körpersignalen und Empfindungen schulen und die Fähigkeit zu entspannen fördern. Kurse gibt es zum Beispiel an den Volkshochschulen oder bei Krankenkassen.
  • Erreichbarkeit reduzieren: Zeiten für sich reservieren, in denen man weder per E-Mail noch persönlich erreichbar ist, um in Ruhe arbeiten zu können.
  • eine Entscheidung treffen: Arbeitssituation akzeptieren, dort etwas verändern oder Arbeitsplatz wechseln? Inzwischen müssen sich Architekturbüros um die Bewerber bewerben und nicht umgekehrt! Alternativen mit Partner, Freunden, Berater oder Psychotherapeut durchspielen.

Weitere Informationen

  • Andreas Hillert, Stefan Koch, Dirk Lehr: Burnout und chronischer Stress. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Hogrefe: Göttingen, 2018.
  • Claus Roth, www.rothcoaching.de. Beratung wird von der Architektenkammer Baden-Württemberg gefördert.
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement für Architekten: PRO-Unternehmensgesundheit, Stefan Cords,
    www.architekten-bgm.de, www.pro-ug.de
  • Artur Hermanni: 7 Kämpfe 7 Leben. Burn-out und der lange Weg in ein anderes Leben. Teil 1-4, ISBN-13: 978-1499673838, Kindle Direct Publishing, 2014, als Print und E-Book erhältlich. Weitere Infos: www.artur-hermanni.jimdo.com

 

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