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[ Heimatmuseen ]

Heimat im Museum

Vom Dorf bis zur Kleinstadt: Kein Museumstyp ist in Deutschland so verbreitet wie das Heimatmuseum. Doch schwindende Besucherzahlen zwingen die Traditionshäuser dazu, sich neu zu erfinden – mit erfreulichen architektonischen Folgen

Passt: Altes Heimatmuseum und prägnanter Neubau ergänzen sich in Vreden zum neuen Museum „kult“.

Von Frank Maier-Solgk

Vreden, eine Kleinstadt mit 22.000 Einwohnern, liegt an der Peripherie; weitab der Metropolen an Rhein und Ruhr; auch die Stadt Münster ist ein ganzes Stück entfernt. Der Westen des Münsterlandes ist Grenzland, tiefste Provinz also, aber was heißt das schon? Auch das Rheinland hieß früher einmal preußische Rheinprovinz, als im fernen Berlin die Staatsgeschäfte geführt und ein Mann namens Friedrich Schinkel von Aachen bis Koblenz jedes größere staatliche Bauvorhaben begutachten und nach Gusto korrigieren durfte. Die Zeiten ändern sich. Die Grenze zu Holland jedenfalls war und ist meist durchlässig. Die Landschaft ist flach und feucht auf beiden Seiten, der Handel verband die Ortschaften, auch wenn in Vreden selbst die Kaufleute das Verkehrsmittel wechseln mussten: Von Osten fuhr man auf dem Flüsschen Berkel, in Vreden sattelte man die Pferde. Genau dort, wo man an Land ging, wurde 2017 ein Museum errichtet: „kult“ nennt es sich, „Kultur und lebendige Tradition“. Die Abkürzung wirkt ein wenig bemüht, das aber ist das Einzige, was vielleicht ein ganz klein wenig provinziell erscheinen könnte. Das Museum ersetzt beziehungsweise erweitert das frühere Hamalandmuseum. Dieses war ein klassisches Heimatmuseum, das die Tracht der Region zeigte, Kunsthandwerkliches, wertvolle Gewänder des ehemaligen Damenstifts sowie Spolien und Kapitelle der romanischen Stiftskirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert, die gleich nebenan steht und noch heute trotz Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg ein echtes Schmuckstück darstellt.

Wirkt: Im Innern des Vredener Neubaus entfalten die Ausstellungsstücke vor rauem Sichtbeton eine neue Faszination.

Der Neubau ist ein stattlicher, von Giebeldächern gekrönter Kopfbau. Er schließt ein Ensemble heterogener Bauteile ab: einen Pulverturm aus dem 14. und ein ehemaliges Armenhaus aus dem 16. Jahrhundert sowie die bisherigen Museumsräume aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Architekten für das Sanierungs- und Neubauprojekt, Pool Leber Arch (in Arbeitsgemeinschaft mit Bleckmann & Krys Architekten, Münster / Ausstellungsgestaltung: Thöner von Wolffersdorff, Augsburg) haben ihr Büro in München, und sie haben offensichtlich Erfahrung mit der Provinz. Ihre Vorgabe bestand im Grunde nur darin, die vorhandenen Gebäudeteile zu erhalten und mit dem Neubau zu einer integralen Einheit zusammenzubinden, in der nun das Landeskundliche Institut, Teile des Stadt- und des Kreisarchivs, Bildungsangebote, ein Veranstaltungssaal und Büros des Stadtmarketings vereint sind. In dieser Ausweitung der Funktionen und ihrer räumlichen Verknüpfung liegt – neben der anspruchsvollen architektonischen Geste – die Modellfunktion dieser kulturellen Neuaufstellung. Man will zeigen, wie Kulturarbeit im ländlichen Raum künftig funktionieren kann, und vor allem will man mehr Menschen ansprechen, insbesondere Familien, auch über Vreden hinaus.

Das Image entstauben

Die sogenannten Heimatmuseen haben eine lange Tradition in Deutschland, aber eben auch ein reichlich verstaubtes Image. Noch heute bilden sie allerdings, vor den kulturgeschichtlichen Spezialmuseen und den technischen Museen, mit mehr als 40 Prozent der insgesamt rund 6.700 Museen in Deutschland die größte Gruppe (Institut für Museumsforschung, 2016). Der Verbreitung entsprechen indes in der Regel nicht die Besucherzahlen, die – weniger überraschend – mit 13 Prozent deutlich geringer ausfallen. Die Direktorin des „kult“, Corinna Endlich, betont denn auch, dass man mit den im alten Hamalandmuseum präsentierten historischen Objekten zum Beispiel Familien nicht mehr wirklich zu einem Besuch animieren konnte. Darüber, was genau ausgestellt werden solle, habe es eine lange Debatte gegeben. Schließlich war es notwendig, das Konzept zu ändern, das für die nächsten Jahre unter dem Motto „Grenze“ steht. Damit ist das „kult“ nun weniger ein Heimatmuseum als ein breiter aufgestelltes Regionalmuseum. Als solches thematisiert es die naturräumliche Entwicklung der Region (auch jenseits der Grenze), es behandelt Sitten und Moden oder Grenzerfahrungen einschließlich der Kriege bis hin zu Glaubensgrenzen. Entsprechend sind alle Beschriftungen zweisprachig deutsch-niederländisch. Zwei geschickt angeordnete großformatige Fenster öffnen die Ausstellungsräume zum Kirchplatz und zum Bachlauf und binden so die wesentlichen historischen örtlichen Bezugspunkte ein.

Ins rechte Licht gerückt: Die Heiligenfiguren aus dem 18. Jahrhundert waren zuvor in der benachbarten Stiftskirche untergebracht.

Der wichtigste Neubau für die Region

Wie war das Arbeiten für die Architekten hier auf dem Land? Martin Pool ist des Lobes voll. Anders als vielleicht manches Mal in den Metropolen hätten hier alle tatsächlich an einem Strang gezogen: von der Stadt und den Verantwortlichen im Kreis über den Landschaftsverband und das Land Nordrhein-Westfalen bis hin zu den örtlichen Firmen, die – Vorteil Land – den Beteiligten schon lange bekannt sind und sich natürlich keine Blöße geben wollten. „Man spürte, dies ist der wichtigste Neubau für den Ort wie die Region für längere Zeit“, so Pool. Finanzierungsquellen für den kulturelle Aufbruch war eine NRW-spezifische Infrastruktur-Förderung, die sogenannten „Regionalen“, die seit den 1990er-Jahren zweijährlich der Identitätsbildung der Regionen wie auch der Wirtschaftsförderung dienen sollen. Davon konnte auch das Vredener Projekt profitieren. Von den Kosten von 13,5 Millionen Euro übernahmen Land und Landschaftsverband 7,7 Millionen Euro, Kreis und Stadt den Rest. Der Kreis übernimmt – entsprechend der Neukonzeption – auch zum überwiegenden Teil die Betriebskosten.

Der Gesamtkomplex des neuen Kulturzentrums (Nutzfläche: circa 4.000 Quadratmeter) erstreckt sich nun über fast 100 Meter entlang dem historischen Stadtgraben und dem Flüsschen Berkel. Dennoch wirkt das Museum nicht übermächtig. In der Höhe überragt es die Umgebung nur geringfügig, auch die unterschiedlich geneigte Satteldachsilhouette orientiert sich am örtlichen Kontext, während die Fassade aus grau-braunen Kohlebrand-Ziegeln eines lokalen Ziegelwerks eine regionale Note unterstreicht. Zwei Eingänge, zum Wasser und zum neu gefassten Kirchplatz, integrieren den Neubau in einen neuen, durch die Altstadt verlaufenden Kulturpfad. Die beiden verglasten Eingänge führen in ein helles Atrium, das als dreistöckiger Raum im Kontrast zur Kleinteiligkeit des Bestands die Vertikale betont und Durchblicke auf die beiden oberen Ausstellungsebenen erlaubt. Eine seitliche Treppe erschließt sie, die wie die Wände in einem sägerauen Sichtbeton ausgeführt ist.  In funktionaler Sicht haben die Architekten das komplizierte Raumprogramm übersichtlich geordnet und gestalterisch mit ihrem im minimalistischen Stil gehaltenen Atrium eine zeitgemäße Note hinzugefügt. Es ist eine moderne Architektur, die dem Ort sichtlich guttut, ein Hingucker allemal und als Museum, soweit absehbar, auch ein Erfolg. „Nach den ersten Monaten“, meint die Leiterin, „können wir 20.000 Besucher im Jahr anpeilen.“ Nicht schlecht für die Provinz.


Weitergebaut in Arnsberg

Ähnlich wie in Vreden verbindet sich auch in der 70.000-Einwohner-Stadt Arnsberg im Sauerland ein Neubau mit einer inhaltlichen Ausweitung des vorhandenen Museums. Das 1925 gegründete Sauerland-Museum wird zum „Museums- und Kulturforum Südwestfalen“, wobei auch hier der Be­stand – ein Stadt und Umland überblicken­des Palais aus dem 17. Jahrhundert – saniert wurde und bis 2019 eine Erweiterung mit 1.000 Quadratmetern Nutzfläche erhält. Diese fügt sich unterhalb des Altbaus treppen­förmig in die Topografie ein (Bez + Kock Architekten und Generalplaner). Auf der höchsten Ebene wird sie mit dem Altbau durch eine zwölf Meter lange Brücke verbunden (Kosten: 13 Millionen Euro). Die Hauptbaumasse befindet sich auf der untersten Ebene, wo ein großer Ausstellungssaal für Wechselausstellungen vorgesehen ist. Von dort aus reduziert sich das Volumen geschossweise. Die deutlich sichtbare Trennung von Alt und Neu lag auf der Hand, um das Palais seiner Fernwirkung nicht zu berauben. Der Neubau gewinnt seine eigene visuelle Stärke durch die kubischen Raumkörper, die sich durch die bräunlich kolorierten, mit Travertin verkleideten Fassaden auszeichnen. Lange diskutiert, ist auch dieses Haus ein Beispiel für eine Konzentration der kulturellen Kräfte, die vom Lokalen ins Regionale überführt werden.


Weitergebaut in Lahr

Im Fall des neuen Stadtmuseums im historischen Kern der Schwarzwaldstadt Lahr (46.000 Einwohner), das Anfang dieses Jahres eröffnete, haben die Architekten (Hene-ghan Peng Architects, Berlin) eine kurz vor dem Verfall stehende ehemalige Tonofenfabrik mit überschaubaren Mitteln in ein modernes Museum verwandelt. Die Finanzierung von circa 5 Millionen Euro (einschließlich Ausstellungsdesign) erfolgte durch Städtebauförderung sowie Denkmalförderung. Auffallendstes Element ist der Treppenturm aus rot pigmentierten Betonfertigteilen, der das L-förmige Bestandsgebäude auf einer rückseitigen Straßenecke zu einem Quadrat schließt und durch die den Treppenverlauf anzeigenden Schlitze in der Fassade eine ungewöhnliche Spannung gewinnt. In der Höhe überragt er leicht den Bestand, farblich bleibt er dem Sandstein des historischen Ziegelbaus angenähert – ein moderater, aber selbstbewusster Weiterbau. Auf der gegenüberliegenden Seite öffneten die Architekten den Bau, indem sie das ehemalige Warentor zum Eingang erweiterten. Die Ausstellungsräume – inklusive Untergeschoss sind es vier – wurden durch den Einsatz erhaltener alter Holzdielen und sanierter Fenster, teils mit Originalverglasung, in ihrem historischen Ambiente erhalten. Der markante Ort bereichert die Stadt architektonisch wie als museale Institution.


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