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Mitarbeiter gewinnen

Vielleicht fragen Sie einfach einmal Ihre Mitarbeiter ganz direkt, wer schon Anrufe, E-Mails oder Post von Headhuntern bekommen hat. Womöglich werden Sie erstaunt sein, wie sich die rauen Sitten des Arbeitsmarktes inzwischen auch bei uns Architekten etabliert haben.

Willkommen im Haifischbecken: Jahresgehälter von deutlich über 100.000 Euro werden in der Bauindustrie für anspruchsvolle Bauleitungsaufgaben ganz selbstverständlich angeboten. Summen, bei denen so manche freischaffende Architekten angesichts ihrer eigenen Einkommen das heulende Elend bekommen.

Es mag beruhigen: Das Gehalt allein kann es nicht sein, was junge Architektinnen und Architekten weiter in kleine und mittelständische Architekturbüros zieht. Nach wie vor machen die vielfältigen Aufgaben, die Möglichkeit, Projekte in allen Leistungsphasen zu begleiten und die direkte Teilhabe am kreativen Entwurfs- und Realisierungsprozess die Attraktivität unseres Berufs aus. Dass aber allein der Glaube an den angeblich schönsten Job der Welt ausreichen wird, um künftig Mitarbeiter zu halten oder neue zu gewinnen, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Die üblichen Rezepte für gelungene Personalpolitik sind bekannt. Dazu gehört eine offene, vertrauensvolle und respektvolle Bürokultur, die auf die individuellen Wünsche und Probleme der Mitarbeiter eingeht. Im Schwerpunkt dieser Ausgabe finden Sie einen ausführlichen Artikel über flexible Arbeitszeitmodelle – entsprechende Angebote sollten inzwischen im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten eines Büros selbstverständlich sein. Das Gleiche gilt für die individuelle Förderung von Fortbildungsmaßnahmen. Googelt man das Stichwort „Mitarbeiterbindung“, findet man zudem eine bunte Zusammenstellung von Ratschlägen bis hin zu „450 Maßnahmen zur Steigerung der Mitarbeiterbindung“. Da finden sich Selbstverständlichkeiten wie kostenloser Kaffee, aber auch Exotisches wie Massagen am Arbeitsplatz und die Gründung eines Betriebsorchesters. Investitionen ins Büroklima bewirken im Zweifelsfall jedenfalls mehr als eine vergleichbare Gehaltserhöhung und sprechen sich unter möglichen Bewerbern durchaus herum. Ganz davon abgesehen, dass ich als Büroinhaber auch lieber in einer positiven Atmosphäre meine Zeit verbringe. Bei großer Fluktuation im Büro sollte man hingegen an den wahren Spruch „Mitarbeiter kommen wegen des Jobs – und gehen wegen des Chefs“ denken und sich ernsthaft Gedanken über die eigene Mitarbeiterführung machen.

Wir müssen uns heute der Herausforderung stellen, dass das Architekturbüro ein weitgehend normaler Arbeitsplatz geworden ist, und unsere Büros entsprechend professionell ausrichten. Das Bekenntnis zu kreativem Chaos und romantischem Generalistentum hilft dabei nur sehr begrenzt – wenngleich unser Beruf ohne Visionen und eine Prise Irrationalität niemals auskommen wird. Aus dem Spagat zwischen Kreativität und Professionalität gilt es eine eigene Arbeits- und Bürokultur zu entwickeln, die für Mitarbeiter und Kunden zugleich erkennbar und unverwechselbar ist. In einer Zeit ohne prägende architektonische Stile müssen wir zukunftsfähige Haltungen entwickeln, die Identifikation mit dem eigenen Tun ermöglichen. Wenn wir nicht wissen, was unser Büro – sozusagen unsere „Marke“ – ausmacht, wird es nicht nur unmöglich, engagierte Mitarbeiter zu werben oder zu halten, sondern auch, Bauherren zu überzeugen. Ein erfolgreiches Büro mit erkennbarem Profil ist noch immer die beste Werbung nach innen und nach außen.

Stephan Weber, Vizepräsident Architektenkammer Baden-Württemberg.


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