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[ Kolumne ]

In Jahren wie diesen

Menschen und Häuser altern, sie haben jedoch unterschiedliche Lebenserwartungen, die leider oft gewaltsam enden. Wenn man sie unversehrt sieht, weiß man nicht, was sie noch vor sich haben.

Wolfgang Bachmann. (Foto: Myrzik Jarisch)

Text: Wolfgang Bachmann

In Juli Zehs jüngstem Roman „Unterleuten“ erinnert sich einer der Protagonisten, wie er mit einem Makler ein Haus besichtigt hat. Als er sich das erste Mal der Wohnzimmertür näherte, blieb er stehen, um die verschnörkelte, vielleicht hundert Jahre alte Messingtürklinke zu bewundern. „Als die Klinke an der Tür befestigt wurde“, überlegte er in dem Moment, „hatten die Leute, die das bezahlten, noch nichts von zwei bevorstehenden Weltkriegen gewusst. Sie hatten sich gefreut, ein frisch gebautes Haus mit allem Komfort zu beziehen. Der Türklinke hatten sie vermutlich keine besondere Beachtung geschenkt.“ Der Messingdrücker hat seine Besitzer spielend überlebt.

Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Lebenserwartungen kann man als tragisch bezeichnen. Oft werden die Menschen älter als ihre schlecht gebauten oder von wechselnden Verwertungsinteressen bestimmten Häuser, im Prinzip erreichen solide Gebäude jedoch das höhere Alter. Furchtbar, wenn sie doch durch Kriege zerstört werden. Von feindseligen Menschen, die selbst nicht unsterblich sind. Manche herausragenden Bauwerke wie zum Beispiel das Goethehaus in Frankfurt wurden danach wieder aufgebaut. Darüber entzündete sich der Disput der Denkmalpfleger. Aber das Problem reicht tiefer. Werner Durth erinnerte kürzlich an diese Nachkriegsdebatte und wies darauf hin, dass das berühmte Haus nicht durch einen Blitzschlag oder Bügeleisenbrand vernichtet wurde, sondern durch einen Weltkrieg, den Deutschland begonnen hat. Insofern kann man, wenn ein Bauwerk wie unversehrt aus den Trümmerbergen hervorgeht, das Spurenbeseitigen deuten, als werde damit eine Schuld versteckt.

Eine Überlegung, die sich weiterspinnen lässt. Es gibt Gebäude, an deren schmucken Fassaden sind die Baujahre eingemeißelt: 1940, 1942… Sie wurden als heimelige Wohnstätten errichtet, während Hitlers Reichswehr die Häuser in den Nachbarländern in Schutt und Asche legte. Es ist gut, dass man die Baujahre deutlich lesen kann. Was die Menschen damals wohl von ihren komfortablen Behausungen erwartet haben? Auch wir wohnen in einem alten Haus. Wer weiß, was noch vor ihm liegt. Zum Glück hat es keine verschnörkelten Messingklinken.

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